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PLASTIKundMEDIZIN
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American Foundation
ForTHEBLIND INC.
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Plastik und Medizin
In gleichem Verlcige sind von demselben Herrn Verfasser
in den letzten jähren erschienen:
Die Karikatur und Satire in der Medizin. Mediko-kumthistonsche
Studie. Mit lO farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text. Hoch 4".
Kart. 24 Mark. Elegant gebunden 27 Mark
Die Medizin in der klassischen Malerei. Mit 165 in den Text ge-
druckten Abbildungen. Hoch 4 ".
Geh. in Mappe 16 Mark. Elegant gebunden 18 Mark
Digitized by the Internet Archive
in 2010 with funding from
Lyrasis Members and Sloan Foundation
http://www.archive.org/details/plastikundmediziOOeuge
Plastik und Medizin
VON
EUGEN HOLLÄNDER
PROF. DR. MED., BERLIN
MIT 1 TITELBILD UND 433 TEXTABBILDUNGEN
VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART
1912 ^^^
Das Übersetzungsrecht für alle Sprachen und Länder vorbehalten.
Copyright l'Jll by Ferdinand Enke, Publisher, Stuttgart.
Druck der Union Deutsche VcrlagsgeseUschaft in Stuttgart.
Gefördert wurden diese Studien in dankenswerterweise durch die
Untersti'itzung des Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und
Medizinalangelegenheiten. Seinem Beistande verdanke ich das be-
sondere Entgegenkommen der Museumsverwaltungen im Auslande.
Folgende Institute und Museen haben mein Unternehmen ge-
fördert :
Generalvcrwaltung der Kgl. iMuseen
(Exzellenz Bode).
Kaiserl. Deutsches Archaol. Institut tur ägypt.
Altertumskunde (Prof. Borchardt).
Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Rom.
Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Athen
(Prof. Caro).
Die Antikensammlung, Berlin (Prof. \V i n n e-
feld, Prof. Zahn).
Das MĂĽnzkabinett (Dr. Regling).
Ägypt. Abteilung (Prof. Schäfer).
Museum für Völkerkunde, Amerikan. Abtg.
(Prof. Seeler, Dr. PreuĂź).
Museum für Völkerkunde, Indische Abtg.
(Prof. GrĂĽnwedel).
Museum für Völkerkunde, Japanische Abtg.
(Prof. KĂĽmmel).
Königl. Sammlung für Deutsche Volkskunde
(Dr. K. Brunn er).
Das Medico- Historische Institut, Leipzig
(Geh. Rat Prof. Karl Sudhoff).
Das Medico-Historische Institut, Jena
(Prof. Meyer- St eineg).
Das Kunsthistorische Institut, Florenz
(Prof. Brock haus).
Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin
(Prof. R. Kutner).
The Free Public Museums, Liverpool
(Dr. Clubb).
The British Museum.
.Vlusei e Gallerie Pontificie, Rom.
Museo Arqueologico Nacional, Madrid
(Francisco A 1 v a r e z - O s s o r i o).
.\Iuseo e Biblioteca Guarnacci in Volterra.
ThorwaldsenMuseen,Kopenhag. (Hauberg).
Metropolitan Museum of Art, New York.
Archäolog. Museum, Florenz (Dir. Milani).
Victoria and Albert Museum, London
(Eric Maclagan).
SchloĂźverwaltung der Barberini in Palestrina.
Evangelische Schule und Bibliothek, Smyrna.
Musees Imp^riaux Ottomans , Konstanti-
nopel.
Kaiser- Wilhelms- Akademie für militär-
ärztliches Bildungswesen (Exzellenz von
S c h j e r n i n g) .
K. K. Blinden-Erziehungs-Institut, Wien.
Ägyptolog. Institut der Universität Leipzig
(Prof. Steindorff).
K. Skulpturensammlung Albertinum, Dresden.
Altcrtumssammlung der Stadt Mainz.
Musees Royaux du Cinquantenaire, BrĂĽssel.
National Museum, Athen (V. Staisl.
Athen. MĂĽnzkabinett (J. N. Svoronos).
Es unterstĂĽtzten mich in derselben Richtun" die Herren:
Dr. Gustav Alexander, Wien.
Prof. Rieh. Andrea, MĂĽnchen.
Dr. Kronfeld, Wien.
Geh. Rat Prof. Hirschberp;, Berlin.
Prof. W. A. Freund, StraĂźhurg-Berlin.
Dr. C. E. Daniels, Amsterdam.
Prof. N eeb, Mainz
Jean Capart, BrĂĽssel.
Prof. Kastriotes, Athen.
Prof. Po litis, Athen.
W. Vogelsang, Utrecht.
Prof. Alexander Meli, Wien.
Prof. Schiff, Wien.
Prof. Kubitschek, Wien,
Prof. Dr. Th. Wiegand, Konstantinopel-
Berlin.
Dr. Felix Regnault, Paris.
Dr. M. Meyerhoff, Kairo.
Dr. Hoffa, Rom.
Dr. Arguropulos, Smyrna.
Dr. LaĂźwitz, Konstantinopel.
HerrE. Froeschle, Karlsruhe, als Korrektor.
Berlin, Dezember 191 1.
INHALT.
Seite
Allgemeine Einleitung i
Die medizinische Kunsthistorie, ihre Bedeutung, Aufgabe und Ent-
wicklung.
Spezielle Einleitung 8
Die Heilgötter in der Mythenbildung der verschiedenen Völker.
Griechisch-römische Heilgötter 8
Asklepios, sein Geschlecht und seine Mythen H
Die Asklepieien II
Das Bildnis des Heilgottes 40
Die Rundstatuen 4°
Der Typus seines Kopfes 73
Der thronende Gott 66
Seine Attribute und Embleme 81
Der Nabel 83
Der Stab 86
Die Schlange 87
Der Hund 95
Die Ziege 99
Der Hahn 99
Die Votivreliefs und andere anaglyphe Darstellungen der Asklepieien 103
Votivsteine mit der Darstellung der Opferszene 104
Der sogenannte Krankenbesuch des Asklepios 119
Das sogenannte Totenmahl 123
Andere Heilgötter und Heildämonen 125
Telesphorus i-5
Hygieia Mo
Epione '49
Janiscos ^50
Isis, Sarapis und andere Heilgottheiten ijS
Hera — Artemis — Eileithyia '59
Jesus Soter '65
Exvotos ^75
Antike Körper- und Organdarstellungen 175
Skelett ''^^
Eingeweide '^o
VIII INHALT.
Seite
Eingeweidesitus und -traktus 200
Die ältesten Darstellungen der Leber 214
Körperexvoto aus Griechenland 215
Die \'otivopftr gesunder und kranker GliedmaĂźen aus neuerer Zeit 220
Allgemeine Körperdarstellungen 236
Mode und KĂĽnstlerstil 2^6
Hermaphroditen 247
Adam und Eva 255
Schwangerschaft 259
Die Geburtsdarstellung 267
Krankheitsdarstellungen 28 1
Antike Exvotos mit Krankheitsdarstellungen 286
Brüste ■• • ■• 299
Gesichter 302
Extremitäten 5'^5
/^Augen 308
Ohren 309
Genitalien 3^2
Porträtstatuen 3 ' 6
Böser Blick und Buckel 32J
Groteskköpfe 33'
Masken und Verwandtes 333
Zwergenwuchs 33"
Bes— Pataikos— Ptah 345
Satyrspiel und Komödie 55^
Dämonische Krankheiten, Alkohol, Wahnsinn 354
Die Skulptur der Blindheit 3^7
Die anthropomorphen altperuanischen Terrakotten 391
Verletzungen und Verwundungen 44"
Instrumentenkasten und Schröpfkopf, die antiken Wahr-
zeichen ärztlicher Kunst 448
Heilhandlung, Hygiene, Bad 4^8
Die Inkubationsheiligen und Patrone der Ärzte 500
Monumente, Embleme und Krankenhausschmuck .... 527
Literaturverzeichnis 57-
EINLEITUNG.
|g5S3^eistungen irgendeiner kĂĽnstlerischen Art, sei es, daĂź es sich
t ^^^' "■"" '■^''"' Schöpfung eines Dichters handek oder um eine
P ^^^^t bildnerische Gestaltung, sollten von dem Gebildeten, auf
den sie einwirken, ohne Erklärung empfunden und verstanden werden.
Das erklärende Plakat ist von Wert tür denjenigen, der ein Neuling
ist und in die W'erkstätte eines Künstlers noch nicht hineingesehen
hat; der Kenner aber genieĂźt und wĂĽrdigt auch ohne UnterstĂĽtzung
des Katalogs und die FĂĽhrung durch die Sterne des Baedekers. So
ist es auch innner ein Zeichen der Schwäche, einleitend den Sinn
und den Zweck eines Buches angeben zu mĂĽssen. Es ist das so
eine Art von Selbstanpreisung, und allzu leicht kommt der Autor
in den W'rdacht, daĂź er das unbequeme GefĂĽhl hat, sich entschul-
digen zu mĂĽssen. Ein in sich abgerundetes und einheitliches Werk
mag eines Prologes entbehren, aber ich selbst muĂź diese KrĂĽcke
benutzen, weil ich hier in einem Bande Dinge vereinige, die zeitlich
und räumlich wenig miteinander zu tun haben, welche, heraus-
gerissen aus verschiedenartigen Disziplinen und Epochen, nur etwas
gemeinsam haben: Innerlich den festeren oder loseren Zusanmien-
hang mit der Medizin, äußerlich die plastische Form und das körper-
liche GefĂĽge. Es kommt hinzu, daĂź dieses verschiedenartige
Rohmaterial nicht dadurch innerlichen Halt erfährt, daß es das
Forschungsergebnis einer Fland ist. \'ielmehr stĂĽtzt sich diese
mediko-historische Studie aut verstreute Vorarbeiten. Was jedoch
vielleicht diese Studien und Referate aus den verschiedensten Kultur-
zentren, aus heterogenster Lebensauffassung und Kunstwerkstätten
auĂźerdem noch zu einem Ganzen verkittet, ist vornehmlich der Zweck
dieses Buches. Ihm ordnet sich harmonisch alles unter. Dies Buch
Holländer, Plastik und Medizin. ^
EINLEITUNG.
gehört in erster Linie dem deutschen Arzt, ihm, der im täghchen
Schaffen seiner menschentreundHchen Arbeit und wissenschaftlichen
Forschung nicht die Ruhe und MuĂźe findet zum Studium der Ge-
schichte seines Standes; ihn will es bekannt zu machen versuchen
mit den Ergebnissen medizin-historischer Einzelforschungen. Dies
Buch setzt die Bestrebungen fort, die kĂĽnstlerischen Dokumente zu
sammeln, um unter ihrer bildlichen \'orfĂĽhrung gewisser-
m a Ăź e n A n s c h a u u n g s u n t e r r i c h t in der Geschichte de r
Medizin zu geben. Entrollte »die Medizin in der klassischen
Malerei« mit Bevorzugung Szenen aus dem i6., 17. und 18. Jahr-
hundert, ließ »die Satire und Karikatur« zum Teil etwas frühere
medizinische Zeitgeschichte erstehen und gab Ausschnitte aus dem
18. und 19. Jahrhundert, so tĂĽhren wir mit diesen Untersuchungen
den Arzt in die Zeiten der Antike. Aucli hier lag wieder der be-
sondere Reiz in der Sammlertätigkeit an Ort und Stelle und der
wissenschaftlichen Bearbeitung der meist ja archäologisch schon
beschriebenen Objekte der Weltmuseen im medizin- historischen
Sinn. Die kritische Beurteilung der Fachleute bestätio;te mir den
Wert solcher Studien. Nur wenigen \'oreingenommenen galten
diese medizinischen kunsthistorischen Studien nichts; sie waren im
Wahne, daĂź man aus ihnen nĂĽchterne, praktisch verwertbare Er-
kenntnisse extrahieren könne, für die es Kassenbons gibt. Sie
verlangten bei der Betrachtung der Rembrandtschen Anatomie eine
Erweiterung ihrer Kenntnisse in der Armmuskulatur, und aus der
gelegentlichen Krankheitsporträtierung eine Bereicherung ihrer medi-
zinischen Diagnostik.
Die Bewegung der mediko- artistischen Studien, die durch
Charcot und seine Schule ihre Wiedergeburt feierte, geht in ihren
Anfängen weit zurück. Die größere klassische Bildung, die Zu-
gehörigkeit zu mehreren Fakultäten brachte es von selbst schon
mit sich, daĂź die medizinischen Professoren des 16. und 17. Jahr-
hunderts und auch gelehrte Ärzte, namentlich der süddeutschen
EINLEITUNG.
freien Städte, ein größeres Interesse an den Kitnsterzeugnissen hatten,
und diese gelegentlich zu ihrem engeren medizinischen Fache in
Beziehung brachten. So hat schon der alte XĂĽrnhcrgtr Stadtarzt
Michael F. Lochner von Hummelstein, zu FĂĽrth 1662 geboren,
sich aus den Darstellungen der Antike Anregungen tĂĽr seine pharma-
kologischen Studien geholt. Dies kommt zum Ausdruck in seinem
Werke »Papaver ex omni antiquitate erutum, gemmis, nummis,
statuis et marmoribus aere incisis illustratum, Xürnberg 17 13«. Für
die damalige Zeit stellt dieses Buch mit seiner reichen bildnerischen
Ausstattung fĂĽr das spezielle Gebiet bereits ein trefl liebes Beispiel
ähnlicher Bestrebungen vor. Unter der Zahl der kunstgelehrten
Ärzte, welche sich vornehmlich mit Numismatik beschäftigten, er-
wähnen wir den Helmstedter Professor Heinrich Meibom be-
sonders deshalb an dieser Stelle, weil er sich eingehend dem Studium
der o-riechischen und römischen Heilgötter auf Münzen und Medaillen
hingab und damit wohl als erster die Spezialität »Medicina in
nummis« pflegte. Auch erwähnen wir die Beschreibung einer ber-
linischen Medaillensammlung der Gedäcbtnismünzen berühmter
Ärzte, in welcher verschiedene Abhandlungen zur Erklärung der
alten und neuen Münzwissenschaft, »im gleichen zur Geschichte der
Arzneigelahrtheit und der Literatur eingerückt sind«. I.C.W.Moehsen,
des Joachimsthalschen Gymnasii bestellter Medikus, hat diese fleiĂźige
Arbeit mit dem langen Titel, in der eine auĂźerordentliche Arbeit
steckt, verfaßt, und durch ihn erfahren wir, daß schon der erwähnte
Loch n er, offenbar angeregt durch seine Spezialstudien ĂĽber den
Mohn, auch den erweiterten Plan zu einem Werke dieser Art unter
den Händen hatte, «Die Historia medica nummaria, seu de Honore
Medicis olim et nuper habito, Xummisque et Statuis iisdem cusis
et erectis«. Das ALmuskript hierzu scheint aber verloren gegangen
zu sein. Die Beziehungen zwischen der Medizin und der dar-
stellenden Kunst hat der Göttinger Professor Karl Friedrich
Heinrich Marx im Jahre 186 1 in einer Akademiearbeit im
EINLEITUNG.
lo. Bande der Abhandlungen der Göttinger Königl. Gesellschaft der
Wissenschaften verfolgt. Doch die medizinischen Aphorismen zur
Kunst- und Kulturgeschichte, die Marx mit genialer Begabung
hinwarf, landen wenig Anerkennung. Es lag dies offenbar daran,
daß den Zuhörern dieses ganze Gebiet fernlag, und die damalige
Technik der Reproduktion es noch nicht in dem Maße ermöglichte,
durch eine beigegebene Abbildung Interesse zu erwecken. Es war
der französischen Schule unter Charcot vorbehalten, in dem tür
Kunst an und tür sich emptänglicheren Eande die Autmerksamkeit
und die Mitarbeit der Mediziner tĂĽr diese kĂĽnstlerische Seite der
Medizinhistorie zu erwecken und anzuregen. Dieser Schule ver-
danken wir in der »Iconographie de la Salpetriere« eine ununter-
brochene Reihentolge von Publikationen, und RichersW'erk »E'Art
et la Medecine«, das sich auch aut Skulpturen stützt, ist gewiß der
wertvolle Extrakt dieser Artikeltolge.
Nachdem ich in Deutschland zuerst mit der »Medizin in der
klassischen Malerei« den Reigen dieser mediko-artistischen Studien
eröffnete, sind mir viele aut dieses blumige Grenzgebiet gefolgt und
haben auf ihm schöne und wertvolle Erüchte gepflückt. Sie ver-
folgten dabei den Gedanken, den aut anderen Gebieten schon ge-
lehrte Eorscher erfüllt hatten, Botaniker, welche auf alten (jemälden
Pflanzenkunde studierten, und Zoologen, die den Tierschilderungen
vergani^ener Kunstepochen nachgingen. Während nun namentlich
die medizinischen Spezialarbeiten auf graphischer Arbeit basieren
und vor allem Malerei und Karikatur berĂĽcksichtigten, ergibt sich
aus dem von uns in diesem Werke bearbeiteten ALiterial eine un-
vergleichlich größere historische Breite, welche uns sogar den Zeiten
zufĂĽhrt, vor denen die (jeschichtskunde halt machen muĂź. Ar-
chäologische Eunde führen uns in die Kinderstube der Heilkunst,
in der ein heiliger Mann, meist mit der Rute in der Hand, schaltete.
Diese Priestermedizin schuf sich allmählich in den Asklepieien eine
W^irkungsstätte mit dem monumentalsten Hintergrund; die Marmor-
EINLEITUNG.
trümmer dieser Kultstätten werden wir sammeln und studieren.
Diese Aufgabe ist deshalb so ĂĽberaus reizvoll, weil sie der Hinter-
lassenschatt des Volkes entstammt, welches der W'elt das Schön-
heitsideal schenkte. Mit dem Studium der eingeborenen Attribute
des hellenischen Heilgottes bereichern wir unsere Kenntnisse der
medizinischen Symbolik und Emblemkunst. In der weiteren \"er-
folgung des Ausganges des gräkolateinischen Gottesdienstes, der
zuletzt pantheistische Form annahm, begeben wir uns zu einer
lii-ichtigen Betrachtung des Ăśbergangs heidnischer Darstellungen und
Gebräuche aut den christlichen Kult und damit zu den Inkubations-
heiligen und zu den Patronen der Medizin. Ein intimes Studium
der Weihgeschenke in Körpertorm sowohl heidnischer wie christ-
licher Religionskulte fĂĽhrt uns hinĂĽber zu dem bisher zerstreuten
Material der plastischen Schilderung antiker krankhafter Körpertorm.
Wir suchten namentlich der ursächlichen Bedeutung dieser auf den
Grund zu kommen und streiften damit abergläubische \'orstellungen
der antiken Welt, deren Reste und Spuren noch heute massenhatt
an die Oberfläche kommen. Eine \'orbedingung aber für diese
»plastische Pathologie« ist die Kenntnis der allgemeinen Körper-
darstellung in ihrer durch Mode, KĂĽnstlerstil und Technik ewig
abwechselnden Ausdrucksweise. Die Skulptur des »Hermaphrodi-
tismus«, der »Schwangerschaft«, des »ersten Menschenpaares« und
der »Blindheit« landen eine eingehende Betrachtung. Eine Exkursion
zu den Töpferwaren der Altperuaner zeigt uns die Krankheitsbildner
par excellence aus vorkolumbischer Zeit. An der FĂĽlle dieser eigen-
artigen Krankheitsdarstellungen studieren wir nicht nur die Spezial-
diagnostik mit RĂĽcksicht auf den eventuellen amerikanischen Ur-
sprung der Svphilis, sondern wir lernen an diesen vollkommen
anonvmen Kunstwerken auch die Schwierigkeit und die Grenzen
der Krankheitsbestimmung aus der reinen Form ĂĽberhaupt kennen.
Es folgt sodann das Kapitel der Heilhandlung, sowohl der ärztlich-
operativen wie der kirchlich-symbolischen. Das antike Wahrzeichen
EINLEITUNG.
der ausübenden Heilkunde, der Schröptkopt und Instrumentenkasten,
interessiert in demselben Grade wie der kurze Blick in die Pro-
phylaxe der alten Welt: das Bad und seine Einrichtungen. Zum
SchluĂź dieser medizin-historischen Betrachtungen plastischer Kunst-
gegenstände bieten die über die ganze Welt zerstreuten Denkmäler
von Ärzten und Xaturtorschern die leider noch sehr lückenhafte
Unterlage einer monumentalen Ikonographie der Medizinheroen.
Der x'Vnblick einiger alter Krankenhäuser mit ihrem architektonischen
Schmuck und sinngemäßen Supraporten berechtigt zu dem Bedauern,
daß die modernen Krankenhauspaläste in ihrer übermäßiger Nüchtern-
heit tĂĽr die Entwicklung dieser Schmuckart nichts getan haben.
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
ic Medizin ist ein Attribut der Gottheit, der Mediziner,
göttergleich oder wenigstens ein Diener des Gottes selbst.
Der Arzt, seine männliche und weibliche Dienerschaft,
die Statte seiner Tat, Teil und Bezirk der Klerisei. Das ist ein
beinahe bei allen Kulturvölkern anerkanntes Frühstadiuni ärztlicher
Standesentwicklung. »Der theurgisch- mystische Charakter be-
herrschte die Medizin aller Völker während der Periode ihrer frühe-
sten Kulturentwicklungcc (Pu seh mann). Je nach der geistigen
Veranlagung und dem Charakter des Wilkes variierte der Inhalt des
medizinischen Religionsdienstes. Offenbar spielte hierbei die größere
Rolle nicht die Demut und die Hingabe des Volkes, sondern der
Fanatismus, die Begehrlichkeit und die Kenntnisse der Priesterärzte.
An ihnen lag es, wenn bei dem einen Volke der erzĂĽrnte Gott fĂĽr
den NachlaĂź einer Seuche und Plage blutige Menschenopfer ver-
langte, oder wenn der Krankheitsdämon nur durch Schläge, üble
Räucherungen und andere Schrecknisse davon abzubringen war,
seine Opfer loszulassen. Ging solchen wilden Gang die Phantasie
des einen Volkes, das in den Göttern nur die strafende und deshalb
manchmal auch listig und sogar betrüglich abzulösende Macht sah, so
bereicherte sich die medizinische Priesterklasse anderer Volksstämme
dadurch, daĂź sie sich fĂĽr die Vollstrecker einer heilenden Macht,
als die Abwehrer des MiĂźgeschicks ausgab, an Gold und ^^'issen.
Es ist von vornherein ersichtlich, daĂź diese letztere Klasse als Ver-
treter eines Helfers notwendigerweise ärztliche Funktionen ausüben
und Kenntnisse erwerben muĂźte, und daĂź sie in ihrem Entwicklungs-
gange von den mystischen Beschwörungsorgien aut die Bahn der em-
pirischen \'olksmedizin gedrängt wurde. Auf dem \\' ege eines theur-
gisch-empirischen Heildienstes wurden wohl auch gelegentlich Priester
8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
der Heilkunst, die sich durch besonders glĂĽckliche Heilhandlungen be-
währt hatten, nach ihrem Tode heroisiert und selbst wieder verehrt.
Für die spätere Entwicklung der verschiedenen Völkerstämme
ist es auch in religiös-dynastischer Beziehung eine interessante Stich-
probe, wie die Legendenbildung sich die lokale Urgeschichte ihrer
nationalen Heilkunde formte. Asklepios z. B., der BegrĂĽnder
griechischer \'olksmedizin, wurde später von den Hellenen unter
die Götter versetzt. Sie wußten seine Gestalt mit so viel männlicher
Heroenschönheit und Innerlichkeit zu bilden, daß seine Idealgestalt,
umgeben von Familiengliedern, geschmĂĽckt mit den x^ttributen
seiner Kratt, noch heutzutage der kĂĽnstlerische Ausdruck fĂĽr den
göttlichen Gedanken in der Medizin aller europäischen Kulturvölker
geblieben ist. In dieser Beziehung kann man von einem Siege der
Antike ĂĽber den christlichen Gedanken sprechen.
Die Chinesen, leidende Sklaven einer ultraimperialistischen
Idee, erkennen als BegrĂĽnder ihrer eigenartigen Heilkunde den halb-
mvthischen Kaiser Shinnong an, der ungefähr um das Jahr 3216
V. Chr. regiert haben soll. Wm ihm berichtet die Ăśberlieferung,
daß er persönlich alle Pflanzen durchkostete und sie nach Heilkraft
und Giftwirkung schied. Die Akupunktur wird als kaiserliche Er-
findung dieses Mannes ausgegeben.
Es darf nicht wundern, daß der Ärztegott der Ägypter in
einem Lande, in dem die Astronomie die hohe Entwicklung erreicht
hatte, in der ältesten Zeit gleichzeitig Mondgott war. Von Ütele
berichtet, daß nach der altägyptischen Mythe der Ärztegott Thout
(Thot) alle \\^rlagen für die späteren .Medizinbücher eigenhändig
geschrieben und verfaĂźt habe. Zwischen Mvthe und Historie stehen
die drei ersten Dvnastien Ägyptens. Angeblich haben diese Be-
gründer der ägyptischen Königsdynastie große ärztliche Kenntnisse
besessen und waren Verfasser anatomischer und physiologischer
BĂĽcher. Zosersa (dritte Dynastie), der in .Memphis residierte, erhielt
den Namen Imhotep als ägyptischer Asklepios.') (Fig. i.)
') S. auch Kurt Sethe, Imhotep der .\sklepios der Ägypter, ein vergötterter .Mensch
aus der Zeit des Königs Doser. Leipzig 1902, Untersuchungen zur Geschichte und .\ltertums-
kunde .Ägyptens, Bd. II.
PERSER. JUDEN. INDER.
9
Bei den Persern und Medern geht eine Art von Phar-
makotherapie aut den Namen des Zarathustra (Zoroaster) zurĂĽck.
Auch bei ihnen stand die Medizin ganz im Banne einer religiösen
Bevormundung. Ihr Grundgedanke war die Anschauune; des Un-
reinen jegUcher menschhchen Aus-
scheidung. Die angebHche Ohn-
macht der ahpersischen Heilkunde
erkennt von Ă–fele') an dem Tode
der Schwester des Cambvses durch
einen traumatischen Abort, an dem
Tode des Cambvses selbst infolge
einer infizierten Fleisch wunde, an
der Hiltlosigkeit bei der Sprung-
gelenksluxation des Königs Darius
und dem Ahmmiaabszeß der Kö-
nigin Atossa. Ähnlich wie bei den
Persern liegt auch bei den j u d e n
die erste Medizingeschichte in ihrer
Religion begraben. Alles geht aut
den Pentateuch zurĂĽck und die
Offenbarungen, die Mose auf dem
Sinai ertuhr. Bei ihnen waren die
Priester und Propheten die Heiler.
Über die Originalität der i n-
d i s c h e n H e i 1 k u n d e") bestehen
groĂźe Meinungsverschiedenheiten.
Ihr Antang ist jedenfalls auch ein
rein theurgischer. Gebete und iMa-
gie beherrschen die vedische Kunde.
Als Vermittler treten bei den alten Vedas die Asvins, die roĂź-
gestalteten Himmelsärzte, auf. Auf ihren dreirädrigen goldenen
Wagen fliegen sie zur Erde, um kranke Menschen zu heilen, die
') V. Ofele im Handbuch von Th. Puschmann. Jena 1902.
-) Iwan Bloch, Indische Medizin in Th. Puschmanns Handbuch der Geschichte
der Medizin (s. dort die Gesamtliteratur).
Fig. I.
Imhotcp, ägyptische Bronze.
1 o DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
Fruchtharkeit der Frauen zu hetördern und das Leben durch Arzneien
zu verlängern. Auch als Chirurgen genießen sie einen großen Rut.
Sie verstehen es, abgeschlagene Köpfe mit Erfolg wieder anzusetzen,
heilen die Armlähmung des Indra und sind auch die Arzte der
übrigen Götter. Von ihnen ging die Kenntnis des heiligen Opter-
trankes, des Sona, aus, der den GenieĂźer unsterblich macht.
Auch bei den alten Germanen schwankte jegliche Heilkunst
zwischen Kräuterkunst, Stein- und Runenzauber, und bei ihnen
und auch den indischen Ariern genoĂź der durch bloĂźe Zauber-
und Bannworte heilende Arzt weit größeres Ansehen als der mit
dem Steinmesser heilende Schnittarzt; und später noch, als die
Germanen die griechisch-lateinischen MedizinbĂĽcher bereits in ihre
Muttersprache übersetzt hatten, zogen sie einheimische Kräuter den
indischen Drogen und römischen Instrumenten vor. Der Stein-
zauber, die Heilkraft des schneidenden Steins svmbolisierend, ver-
wandelt sich in das mit Runenzeichen geschmĂĽckte Amulett, das
sich schon in den prähistorischen Gräbern findet. Allvater \Witan
war der Heilgott, der die Nachtelten und die Krankheiten abwehrte.
Er vertrieb mit seinem einen Auge, der Sonne, die Xachtschaden
und Krankheitsdämone. Die erste Aufgabe des altgermanischen
Medizinmannes war das Austreiben der bösen Geister und das
Verjagen der Krankheitsdämonen in den Wald oder in sein Zauber-
gerät, in die Fetischkröte. Um die Götter zu versöhnen, gab es
nur BuĂźgaben und blutige Opfer. Der zauberkundige nordgermanische
Medizinmann trug sein Zaubergewand und den Zauberstab; Pferde-
zähne, Luchskrallen, Luttröhren der \"ögel, ^^"irbelknochen der
Schlangen, Knochen der Toten, Kieler der Eichhörnchen, Bernstein
und Feuerstein beherbergte seine Ledertasche. Sein Name sei
»Laecknari«, Lachner, gewesen. Mit seinem Heiltinger machte er
ein Mennigmal auf die schadhatte Stelle und unter Beschwörungs-
formeln markierte er den Sitz des die Krankheit verursachenden
Dämon. Ein Zauberspruch begleitete die Berührung. »Astrunen
sollst du kennen, ehe du willst Lachner werden«, lehrte Siegtraut
den Siegfried. Neben dem feierlichen Krankheitssegen verscheuchte
GERMANEN. i i
der Lachner durch hiutes Geschrei, durch gellen Laut als Galler
oder Galsterer die Dämone, wie man umgekehrt auch durch Be-
schreien und Berufen imstande war, Krankheiten hervorzurufen. Ale-
mannische Gefi^ngene rühmten sich, durch Zauherwort den römischen
Kaiser Caracalla wahnsinnig gemacht zu haben. Laute Lieder und
Rufe begleiteten die Geburt; das xMitweib singt gewaltige Weisen
den Gebärenden zum Beistand. Nutzten die Schrei- und Droh-
worte nicht, so ging man dem krankmachenden Dämon unter Um-
ständen mechanisch zu Leibe, d. h. man verprügelte den Kranken.
M. Hötler'), dem wir diese Mitteilungen entnehmen, meint, daß
sich aus diesen Prügeln allmählich die AL^ssage entwickelt habe.
Jedenfalls war der Aber- und Wunderglaube bei diesem \\ilke so
ins Blut übergegangen, daß auch eine zweitausendjährige Erziehung
diese Neigung nicht bannen konnte. Auch heute noch liebt es
zuweilen der Deutsche, bevor er sich einem JĂĽnger des Hippokrates
anvertraut, vorher einen Versuch zu machen mit dem Runengesang
einer Gesundbeterin und dem heilenden kinger und dem Kräutersud
eines naturheilkundigen Schusters.
Die größte Bedeutung für die Entwicklung der modernen Medizin
liegt nun in der griechischen Heilkunst, nachdem im frĂĽhen Mittel-
alter die zu einer Wunderblume erblĂĽhte a rabisch- j ĂĽ di sehe
Medizin ihren Duft zwar ĂĽber das ganze Abendland verbreitet hatte, aber
nicht imstande war, reife FrĂĽchte hervorzubringen. Die Renaissance
grub griechische Weisheit und vor allem auch griechische Schön-
heit aus. Und die plastischen Denkmale, die die Hellenen ihren
Heilgöttern setzten, halten noch heute die Erinnerung lebendig an
ihren Heilgott und seine Heilstätten.
ASKLEPIOS UND SEINE HEILSTÄTTEN.
Bevor wir uns dem Genuß einer Betrachtung der hehren Männer-
gestalt des bartlosen Vaters bärtigen Sohnes, des Asklepios, hin-
geben, und den vollendeten Typus betrachten, den der MeiĂźel der
') M. Höfler-Tülz, Altgermanische Heilkunde.
1 2 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
besten hellenischen Kunstepoche schui, bevor wir uns ein Bild zu
machen versuchen von den Heilstätten und Tempeln, in denen
seine Säule verehrt wurde, müssen wir es unternehmen, uns von
der Lebenso-eschichte dieses Mannes einen UmriĂź zu zeichnen.
Die Wie2:e dieses Gottes stand im Mvthenlande. \"on den vielen
Ăśberlieferungen der Herkunft seiner \'erehrung weisen drei allein
nach Thessalien. Die eine Sage nennt ihn den Sohn des Lapithen-
königs Ischvs. Auch seine Söhne Machaon und Podaleirios stammen
aus Trikka, wo übrigens nach Strabo auch die älteste Kultstätte des
Asklepios gewesen sein soll. Erst später wird Apollo, der Sonnen-
gott und gleichzeitig der Götterarzt, zum Vater des ganzen Ge-
schlechts gemacht (s. Pausanias VII. 23)'). Mit Aigla, der sonst
Unbekannten, erzeugte er den berĂĽhmten Sohn. Diese \'ersetzung
des Asklepios unter die Götter datiert zurück über das fünfte Jahr-
hundert hinaus. Seine erste Gemahlin ist Epione, die Schmerz-
linderin; aus der Ilias als Wunderheiler besonders bekannt und
rühmend erwähnt, sein Sohn Machaon, gewissermaßen der erste
Spezialist für Chirurgie, während der andere, Podaleirios, auf dem
Gebiete der inneren Diagnostik Hervorragendes leistete.
Am deutlichsten tritt diese Mythenbildung, die sich um die
Familiengeschichte des Arztes rankte, aus der Benennung seiner
Töchter hervor. Neben der jungfräulichen Hvgieia, deren ^'er-
ehrung von der peleponnesischen Stadt Titane aus ihren Ausgang
nahm, ist am meisten bekannt Panakeia, »das Allheilmittel«, Jaso,
»die Heilung«, Ak'eso, »die Rettung«. Auch Machaons Söhnen
werden besondere Heillunktionen (z. B. Errettung vom Ertrinken)
zugeschrieben. So sehen wir, daĂź in der Spezialisierung dieser
Götterfamilie für einzelne Krankheitsgruppen schon das antike Vor-
bild gegeben ist, fĂĽr die abenteuerliche Entwicklung der Krankheits-
patrone und heiligen Krankenheiler der katholischen Kirche.
Anders die epidaurische Überlieferung. Sie läßt Asklepios nicht
als Fremden ins Fand kommen, sondern erblickt in ihm einen ein-
heimischen Gott, dessen Geschlecht der Fandschaft entsproĂź. Die
') Pausanias Beschreibung von Griechenland. Ăśbersetzt von J. 11. Schubart.
ASKLEPIOS.
13
besondere Genealogie unseres Gottes erfahren wir aus einem in-
schrittlichen Funde des Hiercm zu Epidauros. Der Dichter Isyllos
von Epidauros') erzählt der Überlieferung seiner Vorl^ahren folgend,
daĂź Zeus die Muse Erato dem Malos zur Gattin gegeben. Aus
diesem Geschlecht entstammt Aigla, die aber ihrer Schönheit wegen
Koronis zubenannt wurde. Im Hause des Malos nahte ihr in Liebe
Phöbus, und der Sohn des Apollo erhielt den Xamen Asklepios.
Malos selbst erscheint in einer anderen Inschrift als BegrĂĽnder des
Kults des Apollo Maleatas, dessen Heiligtum 1896 wieder aufgedeckt
wurde. Pausanias, unser Hauptgewährsmann in diesen Dingen,
erzählt eine Überlieferung, die zu seiner Zeit bei den Epidauren
noch in Umlaut war (Paus. II. 26). Koronis, von Apollo schwanger,
konunt mit ihrem \'ater Phlegyas aus der Fremde in die Peloponnes.
Sie setzt ihr Kind aus aut dem Berge Titthion (Zitze). Hier wird es
von den aut dem Berge weidenden Ziegen gesäugt und von dem
Schäferhunde bewacht (die späteren Attribute des Gottes). Als der
Hirt Aresthanas das Kind hndet, erstrahlt vom Knäblein aus heller,
göttlicher Glanz (d. i. Aigla) und schreckt ihn zunächst zurück.
Sofort verbreitet sich ĂĽber Land und Meer die Kunde, daĂź dies
Kind Kranke heilen und Tote erwecken werde.
Man beachte die anklingenden ĂĽberirdischen
Phänomene bei der Geburt anderer Gottessöhne.
Eine MĂĽnze mit der Darstellung der Auf- f f
findung des an der Ziege trinkenden Gottes ist ' r--.- '' '
abgebildet bei Panofka-) (siehe nebenstehende - ^"T^^
Fig. 2). Dieser erwähnt in seiner Arbeit »Askle- ^. ,, ""
*â– -^ l-ig.2. ,\lui; , :iiymen.
pios und Asklepiaden« eine andere Legende. Da- Auffindungdesjungenanderziege
*" trinkenden Gottes durch den Hir-
nach hatte der Gott zunächst den Namen Epios, '" -'^'«"^''"='=-
der Sanfte, der Milde. Erst nach glĂĽcklicher Behandlung des Herr-
schers von Epidauros, Askles, erhielt er seinen späteren Namen.
Robert Fuchs, der beste Kenner dieser Dinge, hält die Deu-
') V. W il am owi t z-M ĂĽl lendo I ff, Heft 9 der Philol. Untersuchungen Isyllos von
Epidauros.
-) Panofka, Abh. der kĂĽnigl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1S45, Taf. I, i u. 2
14
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
tungsversuche des Namens fĂĽr unbefriedigend. Aisclapius lautet
der Name auf einer etruskischen Schale, woraus durch Vokalein-
schaltung der Äskulapius der Römer wurde. Ionisch -attisch ist
Asklepios mit der Betonung auf der letzten Silbe. Unter dem
Protest der /Athener soll Demosthenes die Akzentuation aut das e
gelegt haben (Plutarch). Die Alten dachten sich den Namen durch
Zusammensetzung von y.'iy.-.'i.zz und â– f^-'-oz entstanden, die neueren
Etymologen bezogen ihn auf askalabos, die Eidechse (Welcker
nach Schwenck). S ick 1er') vertritt durchaus die semitische Ab-
stammung des Wortes, der Svmbole und der Person. Nach ihm
hat die auch von uns später noch angeführte Stelle des Pausanias,
wonach die Phönizier in göttlichen Dingen bessere Einsicht hätten,
prinzipielle Bedeutung (Paus. \'II. 443). Die historische Tatsache,
daß sie den Heilgott (Esmun) gekannt hätten, ferner die Über-
legung, daß die Hebräer die Heilschlange am Stabe bis zur Re-
gierung des Königs Hiskia verehrt haben, legen nach Sickler die
Vermutung nahe, daß auch die semitisch- hebräische Sprache die
Auflösung des Rätselwortes geben müsse. Er besorgt dies in der
ausfĂĽhrlichen Weise, daĂź er in den die Gottesstatue umgebenden
Symbolen den Namen des heilenden Apollosohnes siebenfach und
sein Wesen fĂĽnft'ach in der uralten Bilderschrift ausgedrĂĽckt wieder-
findet. Der Stab (Äschkol), die Schlange (Epeh) = der Schlangen-
stab (Askolepe); die Ziege (Äs), Milch (Chaleb) = Ascalab (Ziegen-
milch). Der Hund (Keleb) vereinigt mit dem Worte Eeuer (Asch)
gibt Aschkeleb = Feuerhund. Der Stab mit Schlangen, vollkommene
Hieroglyphe des heilbringenden Anubis-Asklepios (Äskoloph) »ge-
flügelter Stab«. Die wahrsagenden Vögel der Vorwelt Eule, Hahn
und Rabe, die gelegentlich in des Gottes Nähe vorkommen, sind
alle »Askalaphoi« Nachtvögel.
Aus diesen interessanten Untersuchungen, die zu einer Zeit ge-
macht waren, bevor der englische Arzt Thom. Young den SchlĂĽssel
für die ägyptische Hieroglyphenschritt 1814 tand, entnehmen wir
') F. C. L. Sickler, Die Hieroglyplien in dem Mythus des Asklepios. Meiningen 1819.
ASKLEPIOS.
15
noch die semitische Wortauslegung von Epidauros. Epheidur grä-
zisiert Epiduros — Schhtngenwohnung, Schlangentempel. Wir müssen
die Prütung dieser Prägen Sachverständigen überlassen und be-
gnĂĽgen uns mit diesem Hinweis.
Nach anderer Sage (Pindar) gab sich die bereits von Apollo ge-
schwängerte Koronis dem Ischys hin, und der eifersüchtig zürnende
Gott vom Raben über diese Untreue belehrt, tötete sie durch die
Fig. 3. Geburt des Asklepios.
Majolikaschale (Gubbio) 1534.
Pfeile der Artemis. Schon sollte ihr Leib auf dem Scheiterhaufen
verbrannt werden, da rettete Apollo durch Hermes den Sohn und
brachte ihn aus den Elammen nach dem Berge Pelion zum Ken-
tauren Chiron, damit dieser ihn in Jagd- und Heilkunde unter-
richte. Die Größe der zukünftigen Persönlichkeit spiegelt sich bei
unserem Gotte wider sowohl in den Gefahren, denen er bei der
Geburt ausgesetzt war, nicht minder auch in den ĂĽbernatĂĽrlichen
I 6 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Kräften, die seinem Leben ein Ende setzten. Die Szene, wie Koronis
auf dem Scheiterhauten liegend, von dem jungen Asklepios ent-
bunden wird, ist mehrfach Gegenstand einer halb realistischen,
halb phantastischen Darstellung geworden.
Unsere Illustration (Fig. 3) entstammt einer keramischen Arbeit^)
des Maestro Giorgio (Gubbio) 1534. ImWudergrunde auf einem reich
mit Renaissanceornamenten geschmĂĽckten Sarkophag liegt der grĂĽn-
lich-blasse Leib der toten Königstochter. Apollo entnimmt diesem
durch Kaiserschnitt den jungen Asklepios. Die Leibwunde blutet.
Pteil und Bogen hat der Gott zur Seite gestellt. Amor sieht weinend
dem Geschehnis zu. Im Hintergrund Palastarchitektur; aut dem
Baume sitzt der Rabe des Apollo und eine Krähe (Koronis).
Dankt so die antike Welt Leben und Wirken des göttlichen
Arztes einem von jeher als höchste Betätigung ärztlicher Kunst
anerkannten Eingriff: dem sogenannten Kaiserschnitt, so starb der
Arztgott gerade den Tod, den von altersher die Menschheit als das
feierlichste Symbol überirdischer Macht angestaunt. Auf dem Höhe-
punkt seiner Kunst angelangt, entvölkerte der Arztgott durch beispiel-
lose Heilerfolge das Schattenreich, und er entfachte auĂźerdem noch
den besonderen Zorn Plutos dadurch, daĂź er Tote erweckte.
Solchen Argumenten des Schattenkönigs konnte Zeus aut die Dauer
nicht widerstehen, und er sandte dem geliebten Enkel den tötenden
Blitzstrahl.
DaĂź meist erst nach dem Tode eines groĂźen Mannes seine
Verehrung eine allgemeine wird, daß Leben, Wirken und Persönlichkeit
erst die gĂĽldene Patina der Legende bekommen muĂź, die ĂĽber die
reine Menschlichkeit erhebt, das bewahrheitet sich auch bei
dem griechischen lieilgotte. Homer kennt eine Tempelverehrung
des Asklepios noch nicht. Hesiod und Homer sprechen mit Worten
großer Anerkennung von den Söhnen des göttlichen Arztes, die
aber nicht nur Ärzte, sondern auch wackere Streiter im Kampte
') Meine Hoffnung, diese in ockergelben und Icarminroten LĂĽstern gehaltene Majolikavase
für die mediko-historisclie Sammlung des Kaiserin-Friedrich-Hauses erwerben zu können,
scheiterte leider am Auktionspreise von 16000 (!i Älark.
ASKLEPIOS. 1 7
waren. Sie nahmen an der Spitze ihrer thessaUschen Mannen mit
30 Schiften am Trojanischen Kriege teil (Hom. Jl. 11. 729) und
in ihm hatte namentlich Machaon, der Feldscher des Krieges,
Gelegenheit, sich als Chirurg zu hewähren. Als Menelaos vom
Pfeil des Paris am Schenkel getrofi'en war, wurde schnell Machaon
herbeigeholt, der den Pfeil aus der Wunde zog und
»als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang,
sog er das quellende Blut und legt ihm lindernde Salb aut,
die einst dem Vater verliehen, der gewogene Chiron.«
Diese Szene bildet Panofka ab. (Tafel VII, Nr. 9; Furtwängler,
Gemmen, siehe Tafel XXIII, Nr. 6, Machaon härtig, in kurzem
Chiton, verbindet den rechten Oberschenkel des mit Helm und
Schild bewaffneten Menelaos.)
Auf dem flachen Relief eines etruskischen Spiegels ist (Panotka,
Tafel VII, Xr. 3 und Gerhard, etruskische Spiegel IV, 394 11) Ma-
chaon dargestellt, in den Mantel gehĂĽllt, wie er mit der rechten
Hand den verwundeten linken FuĂź des auf seine Lanze gestĂĽtzten
Philoktet verbindet. Zwischen beiden steht auf einem Schemel ein
Fläschchen und ein Schwamm, oftenbar zu wundärztlicher Be-
nutzuntr. Als Attribut seiner heilenden Kraft blickt eine Schlange
Machaon an.
Derartige Darstellungen gab es viele und auch Machaons Bild-
nis wurde verehrt. Nachdem der Held, der zu den Auserlesenen
gehört hatte, die im Trojanischen Pferd verborgen waren, gefallen
war, soll Nestor des Machaon Gebeine gerettet haben und ihm
in Gerenia ein Grabdenkmal gesetzt haben. Der heilige Ort, wo
das Hieron stand, hieĂź Rhodon, das Standbild selbst war aus Erz,
und um den Kopf trug Machaon einen Rosenkranz. Auch bei dim
fanden HilfsbedĂĽrftige und Kranke Heilung. Des Machaon Kinder,
die Asklepiaden Gorgasos und Nikomachos, wurden nach ihrem
Tode als Heroen verehrt und standen noch zu des Pausanias Zeit
in dem Ruf, Krankheiten und VerstĂĽmmelungen zu heilen. Der
Name des Asklepios Enkel »Gorgasos« erinnert an die Sage, daß
Asklepios von Athene das Blut der enthaupteten Gorgo ^erhielt;
ö
H oll. Inder, Plastik und Medizin.
l8 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
und er gebrauchte das von der linken Ader zum Verderben der
Menschen, das von der rechten zu ihrer Rettung. Ein weiterer
Sohn des Machaon »Alexanor« errichtete in l'itane das berühmte
Heihgtum des Asklepios, von dem wir bereits gesprochen haben.
Doch auch des Alexanors Bildsäule stand daselbst und ihm »dem
Helfer« wurden auch Opter gebracht. Auch die anderen Brüder
ererbten vom GroĂźvater die lindernde, heilende Kraft und ihnen
waren HeiligtĂĽmer geweiht. Podaleirios, der weiĂźfĂĽĂźige, schnelle,
der viel und schnell herumlaufen muĂź, um Kranke aufzusuchen und
zu behandeln, hatte nach dem Trojanischen Krieg ein abenteuerliches
Schicksal. Nach Karlen verschlagen, rettete ihn ein Ziegenhirt.
Dieser brachte ihn zum König, dessen Tochter durch einen Sturz
vom Dach schwer erkrankt war. Podaleirios heilte das Mädchen
durch einen Aderlaß und bekam sie vom König zur Gemahlin.
Abweichend von dieser Sage berichtet Strabo von dem Heroen,
daĂź er in Italien gestorben sei; in Kalabrien stand sein Grabmal,
am Fuße des Hügels Drion, »wo sie sich auf Schaffellen nieder-
legten, um Traumorakel von ihm zu bekommen«. Zwei weitere
Söhne des Asklepios waren Telesphorus und Janiscus; von ihnen,
die bereits beinahe vergessen waren, werden wir noch besonders
sprechen mĂĽssen.
Doch nicht allein die männliche Nachkommenschaft des Askle-
pios hĂĽtete des Vaters heilige Kraft, auch seine Frau Epione und
die Töchter gelten der antiken Welt als Trägerinnen des göttlichen,
heilenden Gedankens. HvQieia vor allen, die häufigste Gefährtin
des \'aters. Dann auch Jaso, Panakeia und Aigle; sie alle genossen
die Ehren von Heilgöttinnen.
So trug erst der Same des Asklepios seinen Ruf in alle ^^'inde
Griechenlands, und es scheint, daĂź erst die Enkel seinen Heildienst
von Thessalien aus ĂĽber ganz Griechenland verbreiteten. Die Urenkel
aber, »die Asklepiaden«, schlössen eine Gemeinschaft. Zuerst war
wohl Blutsverwandtschaft, später auch die durch Wahl \'eranlassung
zum ZusammenschluĂź und der Zweck Lernen und Lehren der Medizin.
Der Eid der Asklepiaden bietet auch dem modernen JĂĽnger des
ASKLEPIOS.
19
Asklepios ein ethisches Evangelium fĂĽr die AusĂĽbung seines Be-
rufes. Alhnähhch ging die besondere beschränkende Bedeutung dieses
Asklepiadentitels verloren. Nicht nur die »Logenmitglieder« besaßen
diesen Beinamen, den sich später jeder Jünger der Kunst anmaßte.
Von den Kultstätten galt als älteste überhaupt Trikka, welches
Kastriotis ausgrub. Aber das weitaus berĂĽhmteste Heiligtum, welches
seinen Glanz und Ruhm noch in die ersten nachchristlichen Jahr-
hunderte hinĂĽberrettete, war Epidauros (Fig. 4); von hier gingen
weitere Pflanzstätten aus, so nach Athen, Sikyon, Pergamon, Rom.
Aus der groĂźen Zahl von ĂĽber 80 uns bekannt gewordenen Kult-
stätten erwähnen wir noch Titane, Tithorea, Eleusis, Messene,
Rhodos, Melos, Samos, Kos (Fig. j) usw.
Bevor wir uns nun selbst, Bewunderer und Diener des Gottes,
zu den FĂĽĂźen seines Standbildes niedertun, betreten wir das Heilig-
tum und versuchen es, einen Einblick zu gewinnen in das seltsame
Wechselspiel von kirchlicher Andacht und therapeutischer Betätigung,
religiöser Selbstbetörung und frommer Heilkunst. Auch dem Zeit-
genossen der Flugmaschine und der citerlosen und schmerzlosen
operativen Behandlung wird es nicht schwer, sich in den Geist jener
klassischen Naivität zu versenken und auf Traumorakel des Gottes
an einem Tage zu sinnen, an dem er durch die Operation eine
Geschwulst entfernte, die bisher — allerdings erfolglos — der heil-
samen Betastung und Gesundbeterei unterworfen war. Treten wir
ein, der Geist jener Zeit soll uns milde umrauschen wie die Zypressen
des Tempelhofs. Der fromme Schauder, der uns seit der Knaben-
zeit beim Betreten des Fichtenhains des Poseidon ergreift, den ĂĽber-
trasfen wir in unserer Phantasie allzuleicht auch aut die ĂĽbrigen
Bezirke der Göttertempel. Offenbar war aber bei der Anlage der
Asklepios-Kultstätten in erster Linie auf die natürliche Hygiene
des Ortes RĂĽcksicht zu nehmen. Gesunde frische freie Luft mit
reichlich flieĂźendem Wasser zum Baden und Trinken, kein dĂĽsterer
Ort. Selbst in dem Tempel des Asklepios in Athen war eine
Quelle. Manchmal sind Mineralquellen erwähnt (»salziges Wasser:
dem ähnlich, welches zu kochen anfängt«), oft auch Zellen für
20
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
ASKLEPIOS.
21
22 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Bäder und Räume für gymnastische Übungen. Also der Ein-
druck muĂź gewesen sein weniger ein frommer Schauder als das
tiefe Aufatmen in wĂĽrziger, frischer Bergluft. Man orientiere sich
ĂĽber die Landschaft an den Ansichten vom heiligen Epidauros
und von Kos. Der Tempelbezirk war heilig und rein; ganz im
Sinne des Pentateuch. Im ganzen Weichbild tand kein Toter
seine Ruhestätte, weder verbrannt noch begraben durfte er werden,
ebensowenig wie eine Frau in der Nähe des Tempels gebären
durfte. Antoninus Pias errichtete deshalb zu Epidauros ein be-
sonderes Gebär- und Sterbehaus. Der Andrang der Hilfesuchenden
aus der Umgehung und von weit her war nun bei manchen Heil-
stätten ein derartig großer, daß in der Nähe Quartiere entstanden,
schon tĂĽr die Begleitung der Hiltesuchenden. Die Art und Weise,
mit der nun der Geist und das GemĂĽt des Pilgers in den heiligen
Bann der Gottheit getan wurde, die entspricht ganz dem kirch-
lichen Raffinement des römischen Kultus; was hier die großartige
Architektur der Kirche und der Farbenglanz der Fenster, Wand-
gemälde und Priestergewänder tat, was hier den frommen Büßer
durch Orgelklang und Choräle, bußfertige Stellung und Weihrauch
in den frommen Rausch versetzte, das muĂźte in der klassischen
Zeit die Kunst der Priester und der Priesterinnen auf andere Weise
erreichen. Die Kranken oder deren Stellvertreter muĂźten fasten
und dursten, Waschungen vornehmen. Räucherungen erdulden und
kamen so mĂĽde und abgespannt zum Heiligtum. Ihre Einbildungs-
kraft und Phantasie wurde dann noch gestärkt durch die Erklärung
und Betrachtung der von Geheilten gestifteten Weihtafeln. Danach
wurden Bäder genommen in warmen t)der kalten Quellen mit folgen-
dem Salben und Abreiben des Körpers. Dann versetzte das Tier-
opter vor des Gottes Bildnis in eine weihevolle Stimmung. Jetzt
erst sank der Kranke erschöpft nieder, möglichst nahe zu den Füßen
des Gottes, oder wenigstens in der Xähe des Tempels und suchte
Schlat und Traum bisweilen auf dem Fell des geopferten \\'idders.
Zwischen den Träumenden, Schlafenden oder sich schlafend Stellenden
schritt der Priester mit seinen Töchtern, selbst der irdische \'ertreter
ASKLEPIOS.
23
des Asklepios, die Jungfrauen in der Tracht der Göttinnen, einlier
und waltete des heiligen Dienstes. Dabei spielte (offenbar, wenn
auch ungesprochen, die Hypnose und Suggestion und der heilende
Zauber iMesmers, oder wie man es sonst historisch nennen soll,
seine therapeutische Rolle. Der Wille zum Heil schläferte den
Kranken ein; seine Phantasie umgaukelte ihn mit Traumgesichten,
deren Auslegung das Geschält des Priesters war.
Es ist begreiflich, daĂź diese mystischen Verzierungen eines
Heilkultus aut Gebildete und geistig Hochstehende geringeren Hin-
druck machen muĂźten, und aus allem geht auch hervor, daĂź schon
sehr frühzeitig diese Kultstätten im wesentlichen von den kleineren
Leuten aus der ungebildeten Klasse oder auch von schwärmerisch \'er-
anlagten autgesucht wurden. Die Asklepiospriester waren oftenhar
mehr die Xaturärzte unserer Tage und standen schon frühzeitig
in geringerem Ansehen. Aristophanes machte sich in recht derber
Weise in seinem Plutos ĂĽber den Heildienst lustig und sein mut-
williger Spott wirkt ausfallender wie Bernhard Shaws Hyperbeln.
Sehr bezeichnend sind des Dichters vielfach falsch zitierte Worte,
als es sich darum handelt, den blind gewordenen Reichtumsgott
Plutos wieder sehend zu machen. Plutos 406:
B/t/^sidoiios.
Ich dächte, wir holten schleunigst einen Medikus.
Clnctiivlos.
Wo gab's noch einen Medikus im Bereich Athens?
Denn wo die Kunst nach Brote geht, da sinkt die Kunst.
Was mir dagegen langst hei Zeus im Sinne schwebt,
Im Asklepiostempel ihn zu betten, dieses ist das beste.
Der dritte Akt fĂĽhrt uns nun die so interessante Szene vor, in
welcher der Knecht Karion seine Erlebnisse berichtet, die er im
Tempel des x^sklepios gehabt hat; dorthin hatte er den blinden
Gott Plutos geführt. Die Erzählung des Knechtes und die Schilde-
rung von der Blindenheilung durch des Asklepios gnadenreiche
Meisterhand ist charakteristisch genug fĂĽr des Aristophanes Stil und
bedeutsam in medizinischer Hinsicht fĂĽr die Heilhandlung selbst,
so daĂź wir die ganze Szene unverkĂĽrzt hier wiedergeben wollen.
24
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Karion.
Gebt acht ! Wir waren kaum zum Tempel gelangt mit ihm,
Dem Alten, der noch eben so schlimm beschlagen war,
Und jetzt so selig und hochbeglĂĽckt wie einer ist,
Da führten wir ihn zuvörderst nach dem Meer hinab,
Um ihn zu baden.
Frau.
Wahrlich, bei Zeus, ein hohes GlĂĽck
FĂĽr einen Greis, gebadet zu werden in kalter See!
Karion.
Als dies geschehen war, kehrten wir zum Gott zurĂĽck.
Sobald den Altar aber Gebäck und Räucherwerk
Zur Weihe schmückte, »Speise für Hephästos Glut«,
So betteten wir den Plutos, wie der Brauch gebot;
Dann flickten wir jeder unsere Streu daneben an.
Fraii.
Gab's auch im Tempel noch andere Hilfesuchende?
Karion.
Jawohl ! Neokleides ersichtlich, zwar ein blinder Wicht,
Der aber im Stehlen ĂĽbermeistert die Sehenden;
Und auĂźerdem noch vielerlei Gebrechliche.
Der Tempeldiener löschte nun die Lampen aus,
Und hieß zum Schlaf uns legen, und wofern Geräusch
Sich hören ließe, befahl er jedem Schweigen an ;
So lagen wir denn allsämtlich in Ordnung hingestreckt.
Allein ich vermochte nicht zu schlafen ! Es brachte mich
Fortwährend aus dem Häuschen ein Topf mit Hirsebrei,
Der einem alten Mütterchen nah' zu Häupten stand:
Allmächtig zog mich's, hinzukriechen zu dem Topf!
Inzwischen das Aug' aufschlagend, was erblick' ich da?
Die Stollen und die Feigen reiĂźt der Priester rasch
Von der heiligen Tempeltafel herab ! Die Runde dann
Um all Altäre macht' er, rings herum und späht,
Ob irgendwo nocli ein Fladen darauf zu finden sei :
Und was er gefunden, weiht er schnell in seinen Sack.
Ein hehres Beispiel, wie mich dĂĽnkt! Ich fĂĽhle Mut
Und erhebe mich tapfer nach dem Topf mit dem Hirsebrei.
Frau.
Elendester Schlucker, bangte dir nicht vor dem Tempelgott?
Kario)i.
Bei den Göttern, freilich hatt' ich Furcht! Doch nur die Furcht,
Daß er im Kranzschmuck eher des Topfs sich bemächtige!
Sein eigener Diener hatte mir ein Licht gesteckt.
(In der Erzählunw furtfahrendi
ASKLEPIOS. 25
Wie sie indes mich rauschen hörte, das Mütterlein,
So schob sie die Hand vor: zischend biĂź ich ihr hinein,
Als war' ich eine der heiligen Schlangen Äskulaps.
Da zog sie jach die Hand zurück, und mäuschenstill
In ihre Decke gewickelt, lag sie wieder da.
Nur jug der Schreck ihr — schlimmem Gestank als dem Iltis ab.
Ich machte flugs ein tiefes Loch in den Hirsebrei,
Und als ich den Leib mir vollgestopft, so walzt' ich mich.
Frau.
Der Gott indessen, kam er nicht?
Karion.
Noch inmier nicht !
Ein neckischer Streich passierte mir vielmehr zuletzt.
Als nämlich der Gott sich wirklich nahte, da entfuhr
Mir just ein Donnerwetter; denn mir schwoll der Bauch.
Fron.
Da kehrt' er gewiĂź mit Ekel stracks von dir sich ab.
Kanon.
O keineswegs ! Nur Jaso, seine Begleiterin,
Errötete leicht, und Panakeia wandte sich,
Die Nase klemmend; freilich, Weihrauch blas ich nicht.
Fraii.
Und er, der Heilgott?
Karion.
SpĂĽrte 's nicht einmal, bei Zeus!
Frau.
Zum wahren Bauer machst du den Gott ja !
Karion.
Keineswegs !
Ein Exkrementenfresser nur ist er!
Fran.
Flegel du!
Karion.
Nach diesem Intermezzo mummt ich mich geschwind
Aus Furcht ins Lager: er, der Gott, visitierte nun.
Die Runde machend, alle Kranken der Reihe nach.
Ein Bursch erschien dann, einen steinernen Mörser ihm
Hinsetzend, einen Stampfer und ein Schächtelchen.
Frau.
Auch steinern?
Karion
Nicht doch, jenes Schächtelchen nicht, bei Zeus!
26 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Frau.
Wie konntest du das denn sehen, Erzhalunke du ?
Du warst ja vermummt ins Lager!
Karion.
Durch mein Kittelchen !
(Indem er den zerrissenen Mantel emporhebt)
Denn an Löchern fehlt es diesem nicht, beim hohen Zeus:
iln der Erzählung fortfahrend)
Für Neokleides huh der Gott nunmehr zunächst
Ein Salbmittel an zu reiben, indem er drei
Der schönsten Tenischen Zwiebelköpf in den Mörser warf,
Sie zerstampfte, Mastix mischte dazu, nebst Feigensait,
Und Sphettischen Essig endlich unter die BrĂĽhe goĂź :
Drauf salbt' er die Augenlider ihm, umstĂĽlpend sie.
Den Schmerz des Burschen zu steigern. Dieser heult' und schrie
Und entsprang im Sturmschritt; lachend rief der Gott ihm nach:
»Da sitze still, gesalbt wie du bist! Du brauchst hinfort,
Trotz Schwur imd Eid, die Ekklesie nicht zu besuchen mehr.«
Frau.
Wie bĂĽrgerfreundlich und wie klug ist doch der Gott!
Karion.
Nach diesem Vorgang setzt' er sich zum Plutos hin,
Und zwar zuerst betastet er ihm das Haupt und nahm
Alsdann ein sauberes Leinentuch und wusch damit
Dem Gott die AugenHder, worauf Panakeia kam
Und Kopf wie Antlitz ihm verhĂĽllte rundherum
Mit purpurner Decke: schnalzend pfiff nun Äskulap.
Da schössen aus dem Tempel jach hervor ein paar
Gewaltige Schlangenbestien.
Fraic.
Gute Götter ihr!
Karion.
Sacht unter die Purpurdecke schlĂĽpften die Bestien
Und leckten ihm die Augenlider, so viel mir schien;
Und ehe du schlürfen könntest ein Dutzend Schälchen Wein,
Stand unser Plutos, staune Herrin, sehend auf!
Ich schlug entzückt die Hände zusammen meinerseits.
Und weckte meinen Gebieter. Äskulap indes
Verschwand sofort samt seinen Drachen im Tempelraum.
Die andern, die bei Plutos schliefen, du glaubst es kaum,
Wie sie den Gott nun herzten und die ganze Nacht
Wach blieben und munter, bis der helle Tag erschien.
Ich lobt" und pries aus vollster Kehle den Äskulap,
Daf) sehend gemacht er den Plutos mit so schnellem Ruck,
Den Wicht Neokleides aber blinder gemacht, als erst.
ASKLEPIOS. 27
Dieser Spott des Aristophanes klingt wie Hohngelächter; der
Satiriker kannte sein Publikum. Er schlug diese Saite der Dis-
kreditierung pfäffischer Habgier und frommen Betruges nicht ohne
die Sicherheit an, ein lautes Echo zu finden in der Brust seiner
Zuhörer auf den oberen Reihen. Denn der Wunderglaube war
damals schon viel zu vielen abhanden gekommen, und die Schar
derer, die vergebens dem Gotte geopfert hatten, die Reihe der
Schicksalsgenossen des Xeokleides, war eine bedenklich lange ge-
worden.
Ein anderer klassischer Zeuge — Pausanias — ging für uns zu
einer Zeit in Griechenland herum, alles was er in Erfahrung brachte,
notierend, als noch ein großer Teil der Kultstätten in Blüte stand,
als die erste Patina die Kunstwerke einer Meisterepoche zu ĂĽber-
ziehen begann.
Wir wollen nun aus des Pausanias Reisebeschreibungen der
schon erwähnten Periegesis (zur Zeit der antoninischen Kaiser,
zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. geschrieben) einige
der Stellen von größerer Wichtigkeit für die Handhabung des
religiös -medizinischen Gottesdienstes in den Heiligtümern wört-
lich zitieren. So beschreibt er den Tempeldienst von Epidauros
fokendermaĂźen (2. Buch, Korinthiaka, 27. Kapitel, Ăśbersetzung
von J. H. Schubart):
»Den heiligen Hain des Asklepios umgeben ringsum Grenzsteine;
weder sterben sie, noch gebären ihre Weiber innerhalb des heiligen
Raumes, gerade wie dieses auch auf der Insel Delos nicht erlaubt
ist. Das Geopferte, mag nun ein Epidaurier oder ein Fremder der
Opfernde sein, verzehren sie innerhalb der Grenzsteine. Denselben
Gebrauch kenne ich auch von Titane.
Jenseits des Tempels ist der Ort, wo die bei dem Gotte Hilte-
suchenden schlaten.
Ein sehenswertes rundes Gebäude, von weißem Marmor, Tholos
(Kuppel) genannt, ist in der Nähe errichtet. In demselben ist ein
Gemälde des Pausias, Eros, der Bogen und Pfeile weggeworfen
und an ihrer Statt eine Leier genommen hat und sie trägt. Daselbst
28 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
ist auch die Methe (Trunkenheit) gemah, wie sie aus einer Schale
trinkt, ebenfalls ein Werk des Pausias. Man erkennt selbst auf dem
Gemälde, daß die Schale von Glas ist und durch dieselbe das Ge-
sicht der Frau. Innerhalb des heiligen Raumes stehen Denksäulen,
vor alters mehrere, zu meiner Zeit aber waren nur noch 6 ĂĽbrig.
Auf diesen sind die Namen der Männer und Frauen geschrieben,
welche durch Asklepios geheilt worden sind, auĂźerdem noch die
Krankheit, an welcher ein jeder gelitten, und wie er geheilt worden ;
alles ist in dorischem Dialekt geschrieben.
Abgesondert von den übrigen ist eine alte Denksäule; sie sagt
aus, Hippolvtos habe dem Gott zwanzig Pferde geweiht. Ăśber-
einstimmend mit der Inschrift') dieser Säule, erzählen die Aricier,
daĂź Asklepios den Hippolvtos, der durch den Fluch des Theseus
gestorben war, wieder auferweckt habe; er aber, als er wieder zum
Leben gekommen, wollte seinem \'ater nicht verzeihen, sondern
ging, aut sein Bitten nicht achtend, nach Italien zu den Ariciern
und wurde dort König und weihte der Artemis einen heiligen
Raum, wo bis auf diesen Tag das Priestertum der Kamptpreis tĂĽr
den Sieg im Zweikampfe ist. Dieser Kampf ist nicht fĂĽr Freie
angesetzt, sondern fĂĽr Sklaven, die ihren Herren entlauten sind.
Die Epidaurier haben in dem heiligen Bezirke ein, nach meiner
Meinung, höchst sehenswertes 'Fheater, denn an Pracht übertreffen
die römischen weit alle anderen in der Welt, an Größe das zu
Megalopolis in Arkadien; welcher Baumeister aber könnte es wagen,
sich in bezug auf Ebenmaß und Schönheit mit Polykleitos zu
messen? Denn Polvkleitos ist der Baumeister dieses Theaters und
des runden (jebäudes. Innerhalb des Haines ist ein Tempel der
Artemis und eine Bildsäule der Epione, ein Heiligtum der Aphrodite
und der Themis, ein Stadium, wie bei den Griechen gewöhnlich,
ein Erdwall und ein Brunnen, wegen der Decke und der ĂĽbrigen
Auszierung sehenswert.
Was zu meiner Zeit der Senator Antoninus angelegt hat, ist
>) Die sehr bedenkliche Stelle ist nach der herkömmlichen Lesart übersetzt; von den
verschiedenen Änderungsvorschlägen scheint keiner überzeugend.
ASKLEPIOS. 29
ein Bad des Asklepios und ein Heiligtum der Götter, welclie sie
Epidotai (spendende) nennen; auch hat er einen Tempel gebaut
für die Hygieia, den Asklepios und den Apollo, sämtlich mit dem
Beinamen die Ägyptischen. Es gab auch eine nach der Kotys
o-enannte Stoa ; da das Dach derselben eingestürzt und sie — denn
sie war von ungebrannten Ziegeln errichtet — schon beinahe völlig
zuo-runde gegangen war, so baute er auch diese wieder auf. Die
Epidaurier, welche mit dem Tempeldienst beschäftigt waren, be-
fanden sich in der traurigsten Lage, weil ihre Erauen nicht unter
dem Schutze eines Obdachs niederkommen konnten und die Kranken
unter freiem Himmel starben. Er nun brachte auch dies m Ord-
nuno- und errichtete ein Gebäude, wo das Sterben für die Menschen
und das Niederkommen fĂĽr die Erauen ohne Verletzung des heiligen
Ortes gestattet war.
Berse erheben sich ĂĽber den Hain, der Titthion und ein anderer
namens Kynortion ; auf ihm ist ein Heiligtum des Apollo Maleatas
(vom Vorgebirge Malea); dieses gehört zu den alten; was aber
sonst um den Tempel des Maleatas ist, und eine Zisterne, in welcher
sich das Regenwasser sammelt, hat ebenlalls Antoninus den Epi-
dauriern angelegt.
28. Kapitel. Die ĂĽbrigen') Drachen und eine andere Art, deren
Earbe mehr ins Rötlichgelbe spielt, gelten für den Asklepios ge-
heiligt und sind zahm gegen die Menschen; sie kommen nur im
epidaurischen Lande vor. Ähnliche Erscheinungen finden sich auch
in anderen Gegenden; so bringt Libyen allein Landkrokrodile hervor,
die nicht kleiner sind als zwei Ellen; allein von den Indern bringt
man unter anderen die Papageien; die groĂźen Schlangen aber, die
ĂĽber dreiĂźig Ellen lang werden, wie sie bei den Indern und in
Libyen vorkommen, erklären die Epidaurier für eine andere Gattung
und nicht für , Drachen'.«
Recht anschaulich beschreibt Tansanias (Korinthiaka II, 1 1. 3)
das Heiligtum von Titane: »Späterhin gründete Alexanor, des
>) Das Wort, welches hier durch „ülirige-, und das einige Zeilen weiter unten, welches
durch „große" Schlangen übersetzt ist, ist auch wahrscheinlich verdorben.
30
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Machaon Sohn, des Asklepios Enkel, hei seiner Ankunft in Sikyonien
das Asklepieion in Titane. Um dasselbe herum wohnen unter an-
deren auch hauptsächlich die, welche bei dem Gotte Hilfe suchen ;
innerhalb des heiligen Raumes stehen alte Zvpressenbäume. Von
was fĂĽr einem Holze oder Metalle das Bild ist, kann man nicht er-
fahren, auch kennen sie den Meister nicht, wenn man es nicht etwa
bis auf den Alexanor selbst zurĂĽckfĂĽhren will. Von dem Bilde sind
nur das Angesicht und die Spitzen der Hände und Füße sichtbar;
denn es ist ihm ein weiĂźes Chiton und ein Himation (Unter- und
Oberkleid) übergeworfen. Ebenso ist es mit der Bildsäule der
Hygieia. Auch diese kann man nicht leicht sehen, so sehr ist sie
eingehĂĽllt von Haaren der Frauen, die sich ihr zu Ehren scheren,
und von Bändern babvlonischen Zeuges. Auch Bildsäulen des
Alexanor und des Euamerion sind da. Jenem bringen sie wie
einem Heros Totenopfer nach Sonnenuntergang. Dem Euamerion
aber opfern sie wie einem Gotte. Vermute ich recht, so nennen
die Pergamener nach einem Orakelspruche diesen Euamerion Tele-
sphoros, die Epidaurier x\kasis. Auch ein Schnitzbild der Koronis
ist da, jedoch nirgends im Tempel aufgestellt, sondern nachdem
ein Stier, ein Lamm und ein Schwein dem Gotte geopfert
sind, trägt man die Koronis in den 'Fempel der Athene und ver-
ehrt sie dort. Alles was zum Geopferten gehört, verbrennen sie
und es genĂĽgt ihnen nicht, die Schenkel auszuschneiden ; sie ver-
brennen es aber auf der Erde mit Ausnahme der Vögel, diese nur
auf dem Altare.
In der Halle sind Bildsäulen aufgestellt des Dionysos, der Hekate,
Aphrodite etc., alle diese von Holz; von Marmor Asklepios, mit
dem Beinamen der Gortynische. Zu den heiligen Drachen wollen
sie aus Scheu nicht hineingehen, sondern sie legen ihnen das Futter
vor den Eingang und kümmern sich nicht weiter darum.«
Verschiedene Male ist Pausanias ĂĽber die Person der dargestellten
Gottheit im unklaren. Manchmal besteht ein Zweifel, ob Herakles
oder Asklepios dargestellt sein soll. In einem Gebäude der Phokier-
stadt Panopeus (X. Buch, 4) beschreibt unser ReisefĂĽhrer ein Bild
ASKLEPIOS.
31
aus pentelischem Marmor, von dem einige sagen, es sei Asklepios,
andere aber Prometheus. FĂĽr das letztere geben sie als Beweis,
daĂź in der Nahe der Schlucht zwei groĂźe lehmartige Sandsteine
liegen mit dem typischen GerĂĽche der menschlichen Haut. Diese
Steine sollen die Ăśberbleibsel des Lehms sein, aus welchem Pro-
metheus das ganze Menschengeschlecht gebildet haben soll.
(X. Buch, 32) »Die Phokier besitzen noch einen zweiten Tempel
des Asklepios mit dem Xamen Archagetas, 70 Stadien von Tithorea
entfernt. Innerhalb des heiligen Bezirkes haben die Hilfesuchenden
und die Sklaven des Gottes ihre Wohnungen; in der Mitte steht
der Tempel und das Bild von Marmor mit einem wohl ĂĽber zwei
FuĂź langen Barte. Zur Rechten des Bildes ist ein Ruhebett. Der
Gebrauch gestattet ihm alles zu opfern mit Ausnahme der Ziegen.«
Aus diesen Berichten des Pausanias entnehmen wir schon
die Tatsache, daĂź neben dem allgemeinen Tvpus jedes Heiligtum
beinahe seine Sonderheiten zeigte im Kultus, in der Art der Opter-
gaben, wohl auch in der Art der Behandlung, und daĂź oft neben
der Bildsaule des Asklepios noch andere Heildämonen und andere
Gottheiten verehrt wurden. Ja, was uns sogar durch Inschriften ĂĽber-
liefert wird, die einzelnen Heilbezirke konkurrieren miteinander,
und wie das der Konkurrenzkampfund Neid mit sich bringt: die
Priester machten sich gegenseitig schlecht, um die groĂźe Masse
der Pilger dem eigenen Heiligtum zuzuwenden. Es scheint, als
ob in den kleineren HeiligtĂĽmern der Priester auch gleichzeitig
ärztliche Funktionen ausgeübt hatte, und daß er so vielleicht sich
ärztlich besser bilden konnte. Wilamowitz-Möllendorf spricht
sogar die Vermutung aus, daĂź Kos und Knidos vielleicht der Ent-
wicklung der wissenschaftlichen Medizin Hilfe geleistet haben, nicht
aber Epidauros, wo noch im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Träume,
Wunder, Schlangen und Hunde geheilt wurde. Der traumdeutende
Oberpriester ging in der Kleidung des Gottes und unterstĂĽtzt von
Jungfrauen, die die Töchter des Asklepios in der Tracht vorstellten,
wie wir ja schon aus des x\ristophanes Beschreibung wissen, im
Tempel umher und waltete des heiligen Dienstes.
32
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Inzwischen hatte sich der Kranke (oder auch dessen Angehörige
oder stellvertretende Diener) aut dem Fell des geopferten Widders
oder auch auf einem Bette, möglichst in der Xähe des Standbildes
des Gottes, zum Schlafen niedergetan. Dem Inkubierten offenbarte
sich der Gott durch Traumgesichte, aus denen wiederum die
Priester den Weg zur Heilung bestimmten. Waren es auch am
häufigsten der Genuß oder die äußere Anwendung des Opferblutes,
ferner diätetische Mittel, so berichten doch schon Galen, Aristides
und andere die Verordnung außergewöhnlicher xMittel, teils solcher,
welche mit der Medizin zunächst überhaupt ohne Zusammenhang
erscheinen, z. B. Reiten, Besuch eines Theaters, Anhörung eines
Gedichtes (der trüber gelähmte Hermodikos mußte einen großen
Stein in das Hieron tragen), teils aber auch in der ^'ornahme von
medizinischen Handlungen, die heute unser ausgesprochenes Interesse
verdienen. Es wäre aber ganz falsch, aus diesen Verordnungen
irgendwelche SchlĂĽsse zu ziehen auf den Stand der wissenschaft-
lichen Medizinkunst jener Zeit.
Denn es muĂź betont werden, daĂź wir ziemlich im dunkeln
sind darüber, wer nun eis'entlich die rein ärztlichen Funktionen
ausĂĽbte. Es ist zwar eine Tatsache, daĂź einzelne Inschriften darauf
deuten, daĂź unter den Tempelpriestern auch gelegentlich Arzte
waren. So wird nach einem Funde auf der Akropolis ein gewisser
Onetor als Arzt, später als Asklepiospriester erwähnt (Bull, de corr.
hell. II, p. 422, 423, 426). Aber sicher war das eine Ausnahme.
Schon die Art der Priesterwahl deutet darauf hin; denn nicht durch
die »Cheirotonia« wurde der Priester gewählt, sondern durch das
Los; also der Zufall macht ihn zum Priester, nicht un choix re-
flechi, wie Paul Girard') dies ausfĂĽhrt. Und es kommt noch
hinzu, daĂź die Amtszeit eine begrenzte war. Im Prinzip also, und
auch meist in der AusfĂĽhrung, waren die Priester nur die obersten
Vorsteher des Tempels, hatten gewissermaĂźen die Aufsicht, sorgten
für die Reinhaltung der Kultstätte, hatten die \'erantwortung über
den Tempelschatz und natĂĽrlich auch den ^^Tmsch, daĂź unter ihrer
') Paul Girard, L'AsclOpieion d'Athcnes d'aprcs de rccentes dccouvertes. Paris iSSi.
ASKLEPIOS.
33
Priesterzeit möglichst viele glückliche Kuren vollbracht wurden.
Ausübende Faktoren scheinen mehr die »Zakoren« gewesen zu
sein, Tempeldiener oder Assistenten des Priesters, die offenbar
nicht so oft wechselten und im Laute der Zeit sich wohl aus-
gedehntere ärztliche Kenntnisse aneigneten. Früher wohl unter-
geordnete Domestiken des Tempels, wurden sie in der römischen
Zeit gewichtigere Persönlichkeiten , die längst nicht mehr den
niedrigen Dienst des Lampenlöschens usw. tun, wie noch zu
Aristophanes' Zeit. Nach Aristides scheint ihnen die direkte Sorge
um die Kranken obzuliegen, und sie sind es wohl auch, die Ader-
lässe ausführen oder doch wenigstens dabei sind. Wir müssen
uns damit begnĂĽgen, hier Vermutungen Raum zu geben. Nach
Hippys aus Rhegion waren es die Zakoren, welche der armen
»Tänienbehalteten« Frau in Fpidauros den Kopf abschnitten und
ihn nicht wieder autsetzen konnten. Eine Illustration dieser Auf-
fassung finde ich in dem Fragment, Svbel 3010, Nationalmuseum
Athen, wo wir die erhaltene Figur eines »Zakoren« sehen, wie
er den Kopf eines auf der Kline liegenden Patienten befĂĽhlt ; da-
neben steht der Priestergott (s. S. 121). Das Personal der groĂźen
Tempel wie in Fpidauros oder Athen war offenbar ein aus-
gedehntes. Da werden auLk'r Priestern und Zakoren erwähnt die
Schlüsselträger, die Feueranzünder, die Männer, die auf den Altären
das Feuer entfachten, dann Frauen »Kanephoren und Arrhephoren«.
Alle diese zunächst niederen Dienstleistungen verloren allmählich
ihren Charakter und wurden zu Ehrenämtern, um die man sich
bewarb und beneidete.
Die erwähnten Heilberichte sind nun natürlich gefälscht und
lĂĽgen mehr wie die Marktschreizettel der mittelalterlichen reisenden
Scharlatane. Wie auch heute noch an Wallfalirtsstätten es Sitte
und Gebrauch ist, den Vorgang der Erkrankung und Heilung ge-
malt zu opfern oder die KrĂĽcken nach Wunderheilungen am heiligen
Orte zu hinterlassen, so schenkten schon in frĂĽher Zeit die Pilger
dem Gotte Votivglieder. Solche Anatheme geheilter Finger, Arme,
Beine wurden vielfach in edlen Metallen, Silber, Gold und Elfen-
Holländer, Plastik und Medizin. J
34 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
bein dargebracht (nicht in Epidauros). Andere wieder berichteten
gelegentlich auf Silbertafehi Krankheit und Ilcilungsart. Auf Grund
dieser Krankengeschichten, die zum Teil noch als BeweisstĂĽcke in
den Tempeln hingen, zum Teil wohl aber auch denselben Weg ge-
gangen sind, wie die Stollen und beigen beim Aristophanes, d. h.
in den Sack des Priesters, den groĂźen Magen der Kirche, wurden
von der Priesterschaft Heilungsberichte auf Marmortateln zusammen-
gestellt, von denen z. B. in Epidauros Pausanias noch sechs Stelen
im Hieron betrachten konnte. Ohne Zweifel sind das dieselben In-
schriften, von denen iS^^ und 1884 zwei intakte und zwei trag-
mentierte Stelen ausgegraben wurden. Die Inschritten werden in
den Anfang des dritten vorchristHchen Jahrhunderts verlegt, und
wurden damals wahrscheinlich umbearbeitet oder nach älteren Ur-
kunden abgeschrieben. Doch um diese Urkunden webte die Tradition
ein dichtes Maschennetz von Legenden. Lehrreich ist in dieser Be-
Ziehung der Fall der Kleo, den S. Herrlich') in seiner Arbeit
»Epidauros, eine antike Heilstätte« berichtet'). Die Kleo hatte als
Weihgeschenl{ einen Pinax gestiftet, aus dessen Versen hervorging,
daĂź sie fĂĽnf Jahre schwanger war, der Gott aber habe sie im Schlafe
gesund gemacht. Die Stele aber, welche diesen Fall ausschlachtet,
läßt die Kleo sofort einen Knaben zur Welt bringen, der sich so-
gleich nach der Geburt im heiligen Quell waschen und mit der
Mutter zusammen fortgehen konnte. Solche Pinakes werden nicht
nur in Epidauros, sondern auch in Trikka und Kos erwähnt. Bei
Strabo steht die berĂĽhmte Stelle, nach der in Kos Hippokrates sich
an ihnen gebildet habe. »Aus den in diesem Tempel aufgehängten
Heilungstafeln, soll Hippokrates größtenteils die Diätetik erlernt
haben.« Diese lamatainschriften berichten nun über eine große Reihe
der verschiedensten Krankheiten, unter denen sowohl ausgetallene und
durch ihre Seltsamkeit schon imponierende Ciebresten vorkommen,
wie auch die kleinen und groĂźen Leiden, die das Menschengeschlecht
seit Jahrtausenden an allen Punkten der Erde gequält haben.
1) S. Herrlich, Epidauros eine antike Heilstätte. Jahresber. d. Ilumbuldtsgymnas. 1S9S.
^) Vgl. auch: To Upiv t&ü 'A3x).v]7f.oü iv 'EniSaupui, üüi ü. Ka°ßa5i'ot. 'Aö-f,vrj':cv 1900.
ASKLEPIOS.
35
Der gelehrte Augenarzt Julius Hirsch berg, der auf seinen
Weltwanderungen mit klugen und klassisch geschulten Augen,
namentlich alles vereinigte, was sein Spezialfach, die Augenheil-
kunde, vom historischen Standpunkt interessierte, hat die Weihe-
tafeln in Epidauros studiert mit Bezug aut die Augenleiden und sie
auch in seiner »Geschichte der Augenheilkunde« und in seinen
»Hellasfahrten« übersetzt. Gerade diese Geschichten von Erblindeten
und wieder durch die Gnade Gottes Sehendgewordenen charakteri-
sieren das Getriebe dieser Heilstätte. Nur zwei von ihnen wollen
wir hier wiedergeben:
1. Ambrosia, bisher einseitig blind, erhält das volle Gesicht
von dem Gott. Ambrosia aus Athen, auf einem Auge blind. Diese
kam hilfesuchend zu dem Gott, umherspazierend in dem Heiligtum,
verspottete sie einige von den Heilungsgeschichten als unglaublich
und unmöglich, daß Lahme und Blinde einfach nach einem Traum-
gesicht gesund geworden seien. Aber im Tempelschlaf sah sie ein
Gesicht: es schien ihr, als ob der Gott zu ihr trete und ihr sage,
daĂź er sie zwar gesund machen werde, daĂź sie aber als Honorar
im Tempel ein silbernes Schwein aufstellen (weihen) mĂĽsse, zur
Erinnerung an ihre Torheit. Nach diesen Worten habe er ihr mit
einem Messer das kranke Auge geritzt und ein Heilmittel ein-
geträufelt. Als es Tag wurde, ging sie gesund von dannen.
2. Hernion aus Thasos. Diesen heilte der Gott von seiner
Blindheit; und als er das Honorar nicht an das Heiligtum zahlte,
machte er ihn wieder blind. Als er aber kam und wieder im Tempel
schlief, machte er ihn gesund.
Die fahrenden HeilkĂĽnstler unserer Zone waren dagegen ge-
legentlich humaner; sie heilten Arme um Gotteslohn, und »der
es vermag, um ein bescheiden Geld«. Hier noch andere Heil-
geschichten und Heilmärchen.
Ein Mann aus Thorone hat eine Menge Blutegel verschluckt,
die ihm die böse Stiefmutter in den Trank geschüttet hatte. Ithmonika
befindet sich seit drei Jahren in anderen Umständen. Erwähnt wird
namentlich einseitige oder doppelseitige Blindheit, Lähmungen,
36 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
GeschwĂĽre, Bandwurm, Steinleiden, Verwundungen, alle diese
mehrfach, auch Wassersucht, Magenleiden, Koptweh, Schwindsucht,
Stigmata, Sprachlosigkeit.
FĂĽnfmal bitten Frauen um Nachkommenschaft. Als Kuriosa
unter den 42 Fällen erwähnt Herrlich einen Kahlkopf und einen
von Läusen geplagten Thebaner. Die Heilung ertolgt meist wäh-
rend der Inkubation. Der Gott erscheint allein oder von seinen
Gehilfen und Töchtern begleitet und vollzieht die Heilung. Die
Kranken erhalten auch Traumorakel, durch die Weisungen erteilt
werden, die sie zu ihrer Heilung zunächst ertüllen müssen. Daß
der Gott auch operativ vorgeht, das verbĂĽrgen die Inschriften zu
Epidauros ausdrĂĽcklich. DaĂź es sich dabei nicht nur um etwas Er-
träumtes handeln kann, beweisen die Tatsachen, daß die \'erwun-
deten am Morgen Lanzen und Pfeilspitzen, die vordem in ihrem
Körper gesessen, in den Händen haben, genau so wie 1000 Jahre
später der heilige Benediktus den steinkranken Kaiser Heinrich durch
Mirakel heilt und ihm seinen Blasenstein in die Hand gibt. Doch
noch etwas berichtet die Säule: Xach einer Operation, die der Gott
vollzogen, war noch am anderen Morgen der ganze FuĂźboden des
Abaton voller Blut. Die fĂĽnfte Geschichte der zweiten Inschrift,
wo diese blutige Operation geschildert wird, könnte man beinahe
geneigt sein, an die Schilderung eines wahrhaltigen Vorganges zu
denken, so modern klingt die Erzählung. Der Kranke, welcher an
einem Magengeschwür leidet, wird während der Inkubation von den
Dienern des Gottes festgebunden. Asklepios öffnet die Bauchhöhle,
schneidet das Geschwür heraus und näht den Bauch wieder zu.
Der Patient selbst verläßt geheilt das noch blutige Abaton. Den
Wert dieser an sich interessanten Darstellung verzerrt in das Grotesk-
Komische die Geschichte der WassersĂĽchtigen und der an einem
Bandwurm leidenden Aristagora. Der Gott schneidet nämlich einer
an W'assersucht leidenden Patientin den Kopt ab, hängt dann den
Körper an den Füßen auf und setzt, nachdem eine Menge Wasser
abgelaufen ist, der geheilten Patientin den Kopt wieder aut. Man
wäre ja geneigt, hier an eine starke Übertreibung zu denken und
ASKLEPIOS. 3 7
wissenschaftlich die Heilung der Ă–deme durch Einschnitte zu er-
klären, wenn nicht der folgende analoge Fall eine solche Auslegung
unmöglich machte. Aristagora litt an einem Bandwurm, die Söhne
des Asklepios schnitten ihr, es ist nicht gesagt zu welchem Zweck,
in Trözen, vielleicht aus irgendeiner falschen Diagnose, den Kopt
ab, konnten aber, wie das bei Assistenten schon einmal vorkommen
soll, die Operation nicht zu Ende führen. Die Ärmste mußte in-
fokedessen einen Tag ohne Kopf bleiben. In ihrer Ohnmacht und
Ano-st holen die Mitarbeiter den Herrn Chef selbst aus Epidauros,
und der geht radikal vor. Er befestigt zunächst der Patientin
wieder den Kopf, sodann schneidet er ihr den Bauch aut, holt den
Wurm heraus und näht den Leih wieder zu; geheilt und er-
hobenen Hauptes verlieĂź sie das Lokal. Zwei Dinge lieĂźen sich
aus dieser letzten Geschichte leicht vom zeitgenössischen Leser
eruieren. Die eine deutlich genug unterstrichene Tatsache, daĂź der
Gott von Trözen ein Stümper war gegen den epidaurischen Asklepios.
Diese Empfehlung paßte sehr wohl in die Preisliste pfäffischer Be-
gehrlichkeit. Aber die blutigen Geschichten, die da erzählt wurden,
sollten doch auf das eine oder andere Bäuerlein nicht gerade an-
lockend gewirkt haben. Aber schlieĂźlich muĂź doch die Psyche der
antiken Welt anders gestaltet gewesen sein. Denn die Aussicht,
die kranken Teile von Schlangen geleckt zu bekommen, sowohl
Augen wie FuĂźgeschwĂĽre, wie das berichtet wird, und wie wu' das
ja auch schon aus dem Plutos kennen, oder sich, wie der letzte
Fall der zweiten Inschrift zeigt, die Gicht durch Bisse einer Gans
kurieren zu lassen, war doch eigentlich wenig verlockend; es sind
das Kuren, welche die Wundertaten eines Doktor Eisenbart in den
Schatten stellen. »Man sieht in ein Getriebe von Trug und Heuchelei
hinein, dem das entschuldigende Prädikat der Frömmigkeit nicht
mehr zukommt ,« sagt \\' i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d ort, aber wir
müssen auch bei der Verdammnis solchen pfätlischen Gaukelspiels
an das Publikum denken, welches sich zu den Tempeln drängte.
Es waren die MĂĽhseligen und Beladenen, die sich zum philan-
thropischen Gotte drängten. Vielleicht hat Di eis recht, wenn er
38 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
von diesen Vorgängen folgendes sagt: »Diese Berichte spiegeln die
Tugenden und Fehler des hellenischen Volkes in seinen niederen
Schichten wieder; sie zeigen neben Toleranz und Menschenfreund-
lichkeit auch zugleich die schamlose BetrĂĽgerei, Aufschneiderei und
Geldschneiderei der Priester.« Bedenken müssen wir übrigens bei
der Betrachtung dieser Heilberichte aus Hpidauros, daĂź die Stelen
zwar aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert stammen, daĂź der
Text aber in Wirklichkeit aus einer bei weitem älteren Zeit herrührt;
diese Neuschritt und Umarbeitung war nötig tür die Masse der
Pilger, welche die altertĂĽmlichen Buchstaben nicht mehr entziffern
konnten. Die Quellen über Heilvorgänge und Kurarten der späten
Zeit, namentlich auch aus der römischen Kaiserzeit, fließen äußerst
spärlich. Sie zeigen aber, daß der Gott in seinen Verordnungen
sich mehr auf hygienische Winke und Ratschläge beschränkt hat.
Diät, Kleidung, Bewegung und Abhärtung waren die Heilmittel, die
der zeitgemäß fortgeschrittene Gott jetzt offenbarte. Die Kon-
kurrenz mit der wissenschaftlichen Medizin hatte diese Priesterkunst
auf den Weg des sogenannten Naturheilverfahrens gedrängt. Der
Vergleich mit modernen Zuständen läßt mit Sicherheit vermuten,
daß jene klassischen Polikliniken des Asklepios auch später noch
zur Zeit des höchsten Glanzes der griechischen Avissenschaltlichen
Medizin nicht leer standen.
Ein tadellos erhaltener Stein, der sich in Epidauros fand, be-
stätigt, daß spätere Behandlung sich abenteuerlicher Scharlatanerie
enthielt und mehr in die breite LandstraĂźe, sagen wir, einer Natur-
heilbehandlung eingelenkt war. Die Kur des M. Julius Apellas ist
zuerst von Kabbadias 1883 veröffentlicht und von Ulrich
V. W i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d o r f f kommentiert worden '). Seine
Ăśbersetzung lautet:
»Ich M. Julius Apellas aus Idrias und Mylasa ward \on dem
Gotte herbeschieden, als ich eine Krankheit ĂĽber die andere bekam
und an Indigestionen litt. Auf der Reise, in Aigina, gebot er mir,
ich sollte mich nicht so viel ärgern. Als ich im Hicron angelconunen
') Isyllos von Epidauros: Philolog. LTnters. i8S6. Heft 9.
ASKLEPIOS. 39
war, gebot er mir, ich sollte zwei Tage den Mantel ĂĽber den Kopf
gezogen tragen; die beiden Tage regnete es; Käse und Brot essen,
Selleriesalat mit Lattiiga, mich im Bade selbst bedienen, Dauerlaut
ĂĽben, Limonade trinken, neben den aquae im Bade mich an der
Wand reiben, auf der Loggia spazieren gehen, schaukeln, mich mit
Staubsand einreiben, barfuĂź gehen, in der Badeanstalt in das heiĂźe
Wasser, ehe ich hineinstiege, Wein zugieĂźen, allein baden und dem
Bademeister eine Drachme attisch geben; dem Asklepios, der Lpione
und den Eleusinischen Göttinnen gemeinsam opfern, Milch mit
Honio- o-enieĂźen; und als ich eines Tages bloĂźe Milch trank, sagte
er mir ,tu Honig in die Milch, damit es abfĂĽhren Icann'. Als ich
den Gott bat, er möchte mich schneller abfertigen, da war mir, als
o-ino-e ich mit Senf und Salz am ganzen Körper eingerieben an den
aquae zum Kurhaus hinaus, voran einen Jungen mit dampfendem
RauchfaĂź, und der Priester sagte ,kuriert bist du, nun muĂźt du das
Honorar bezahlen'. Und ich tat nach dem Gesichte, und wie ich
mich mit dem Salz und dem Senfteig feucht einrieb, tat es weh.
Beim Waschen aber tat es nicht weh. Das geschah in den ersten
neun Tagen nach meiner Ankunft. Er faĂźte mich auch an die
rechte Hand und die Brust; und tags darauf schlug die Flamme, als
ich das Räucherwerk hineinwarf, in die Höhe und verbrannte mir
die Hand, so daĂź es Blasen gab. Aber die Hand ward bald wieder
heil; ich blieb noch länger da, und er gebot mir Anis mit Ol
gegen die Kopfschmerzen anzuwenden. Nun hatte ich aber gar
keine Kopfschmerzen; da begab es sich, daĂź ich vom Studieren
Blutandrang nach dem Kopf bekam. Ich wandte das Ă–l an und
wurde die Kopfschmerzen los. Gegen Geschwulst des Zäpfchens
kaltes Wasser, Gurgeln (danach hatte ich auch beim Gotte Hilte
(besucht), seeen geschwollene Mandeln dasselbe. Er gebot mir auch
dieses aufzuschreiben. Dankbar und geheilt bin ich abgereist.«
Ich muĂź sagen, wenn ich so den fetten, durch Studieren und
GenieĂźen vor der Zeit gealterten Mann vor mir sehe, mit schlapper
Muskulatur und schlechter Zirkulation, so verraten die angeordneten
Mittel den Kennerblick eines guten Praktikers. Denn alle Verord-
40
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
nungen laufen schließlich auf die modernste Diät und physikalische
Therapie hinaus. FaĂźt man so das Limonadetrinken auf als Ver-
J.'us. Xatwtt.
Fig. 6. AsklepiĂĽs, antike Marmorstatue. Neapel.
bot des Weintrinkens und das Alleinbaden als die W-rmeiduno; von
Erresuns:,
so
können wir alle diese Maßre2:eln "e^en den alten
Hypochonder und Fettbauch mit Kopfschmerz und Kongestionen
ASKLEPIOS. 41
nur bewundern. Das Hokuspokus dran und darum scheint gewissen
hiatrischen MaĂźnahmen up to dav auch nicht ĂĽberlegen gewesen
zu sein. Im Gegenteil, der moderne Xaturarzt und Spezialist tĂĽr
physikalische Therapie kann noch allerlei aus dieser Kur lernen :
Die Schaukelkunst und die Massage im Wasser. Was der Priester
sagte, »Kuriert bist du, nun mußt du das Honorar bezahlen«, sollte
sogar als geflĂĽgeltes Wort der Verabschiedung wieder modern
werden.
Zu den wenigen authentischen Berichterstattern, welche uns das
Intime des Asklepioskultes als Selbstbeobachter schilderten, kommt
hinzu als Hauptgewährsmann Aristides, der Rhetor, der 129 nach
Christus in Mvsien geboren, um 189 gestorben war. Eine 17 Jahre
dauernde Krankheit trieb diesen Mann mit dem komplizierten ^^^ese^
eines dekadenten, ĂĽberaus begabten, universell gebildeten und doch
pietistisch hohlen Mannes, durch alle HeiligtĂĽmer des Heilgottes in
Asien, Ägypten, Griechenland und Italien. In den fünf berühmten
»heiligen Reden« hat er nun seine Erlebnisse in einer ziemlich
ĂĽberschwenglichen Eorm geschildert. Ich muĂź gestehen, daĂź ich
nur auszugsweise diese genossen habe, und daĂź ein starker Appetit
dazu gehört, aus diesen, im übrigen vom Standpunkt der rhetori-
schen Technik und äußerer Formgewandtheit geschätzten Reden, die
uns besonders interessierenden Stellen herauszusuchen. Das hat nun
in gewissem Sinne F. G. Welcker') in seinen kleinen Schritten tĂĽr
uns schon besorgt, und verweisen wir diejenigen, welche Interesse
für das Nebelland der Träume haben und welche sich aus der zu-
fälligen Kongruenz von Gedachtem und wirklich Erlebtem, aus
Selbsttäuschung und betrüglicher Ideenverbindung ein System be-
reiten wollen, auf diese Fundgrube von unkontrollierbarem Zu-
sammenwirken von Phantasie und W^ihrheit. Ăśberlegen wir noch,
daß die Träume des Rhetors und die daraus sofort meist von ihm
selbst gefolgerten Weisungen des Gottes jahrelang nach der wirk-
lichen Inkubation in dem Tempel rhetorisch von ihm verarbeitet
') F. G. Welcker, Kleine Schriften, Bd. III, Zu den AlterthĂĽmern der Heilkunde bei den
Griechen. Bonn 1S50.
42
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
sind, so ist die Bewertung dieses Stoffes gegeben. Was sollen
wir dazu sagen, wenn er z. B. aus der Erscheinung der Athena,
die ihm tröstlich zuspricht, sogleich aut ein Klistier aus attischem
Honig schlieĂźt, welches ih.n dann von der Galle betreit und den
Anfang einer langsamen Genesung begründet? Ein Traum läßt
ihn einmal ungewiĂź, ob Easten oder Vomitiv gemeint sei. Er bittet
den Gott, es doch deutlich anzuzeigen, welches von beiden er ver-
hinge, schläft wieder ein und es wird ihm ein delphischer Vers als
Orakel, den er dann aut ein Bad im heiligen Brunnen deutet. So
sieht er im Traum ein anderes Mal den Arzt Asklepiakos zu sich
hereinkommen und ihm ein gewisses Kataplasma fĂĽr 30 Tage vor-
schreiben. Alle Mittel, die der Gott ihm betiehlt, werden dem
Enthusiasten leicht, die Philonische Mixtur, die er sonst nicht
riechen konnte, schmeckt ihm wohl und hilft sogleich (eine Er-
innerung aus der Kinderstube). Ein anderes Mal schickt ihn der
Gott mit einem Umschlag von gestoĂźenem Zimt um den Hals
240 Stadien weit, aber er trägt den Durst hin und zurück leichter,
als »wer ein gewöhnliches Stadtbad besucht«. Überaus über-
schwenglich sind Worte und \'ergleiche, die er zu Ehren des Heil-
gottes verwendet. Sie erinnern stark durch das Gesuchte ihrer
Devotion an die kirchlich poetischen Erzeugnisse des Mittelalters.
»Habe ich doch selbst unter dem Gott nicht zweimal, sondern viele
und mannigfache Eeben gelebt und erachte die Krankheit demnach
vorteilhaft, fĂĽr die ich wenigstens nicht die gesamte, unter den
Menschen sogenannte (jlückseligkeit annehmen möchte. Und daher
soll man nicht auch diesen Ort hatenlos nennen (er spricht von
Pergamos, dem ersten Sitze des Gottes in Asien), sondern er ist
von allen Häfen der festeste und sicherste, in welchem von Asklepios
allen die Taue der Rettung befestigt werden.« In diesem gottseligen
Tone gerät er gelegentlich in direkte Verzückung, so nennt er den
Gott in Smvrna selbst mit dem 'f itel Zeus. Er ist ihm der Retter
von allem, der Steuermann, der das, was ist und was entsteht,
erhält. »Wenn man ihn für Apollons Sohn und den Dritten von
Zeus hält, so fasse man ihn auch wieder in den Xamen zusammen
ASKLEPIOS.
43
und sage, daĂź er selbst der Zeus sei und stelle ihn dar als Vater
und Schöpfer aller Dinge. Indem er alle Gewalten habe durch das
All, ziehe er vor, den Menschen wohlzutun und jedem das ihm
KollUpkot. Alinari. Kot/
Fig. 7. Asklepios, antiker Marmor.
Zukommende zu geben. Die größte und gemeinsamste Wohltat er-
weise er allen, indem er das Geschlecht unsterblich mache in Aut-
einanderfolge, Ehe, Erzeugung und Ernährung der Kinder, schaffend
44
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
durch die Gesundheit.« Interessant ist nun besonders die Stellung
der Ärzte zu den im Traume gespendeten Verordnungen. Zunächst
erfahren wir, daĂź sich der chronisch Kranke trotz seiner ungemessenen
Verehrung zum Heilgotte auch noch und ott zu gleicher Zeit der
Ärzte, d. h. der wissenschaftlichen Stadtärzte, bedient. Folgende
Notiz ist bemerkenswert. Hin Arzt kommt zu ihm und macht An-
stalt, seine Hilfe zu gewähren. Als er aber von den Träumen hört,
hatte er den \'erstand, dem Gotte nachzugeben. Dies war der Arzl
Theodotos, von dem auch ein anderes .Mal noch berichtet wird, daĂź
er sich durch den Traumbericht in seinen Anordnungen habe um-
stimmen lassen. Hin anderes Mal aber setzt sich ein berĂĽhmter Arzt
aus Pergamos in direkten Gegensatz zu den göttlichen \'erordnungen
und widerrät ihm die ihn vollkommen auflösenden großen Blut-
entziehungen. Aristides half sich nach bekannter Art; er lieĂź sich
trotzdem schröpfen und gleichzeitig nahm er die Arznei des Arztes.
Geaen die Ansicht der Ärzte nimmt er ein ibm dinx'h X'ision vor-
geschriebenes FluĂźbad im A\'inter. Teils aus Neugier, teils aus Be-
sorgnis begleiten ihn dabei »von den Ärzten sowohl die bekannten
als auch andere«. Bei einer ansteckenden Krankheit kommen Ärzte
nht ihren Gehilfen in sein Haus. Gegen die Ansicht der Doktoren
nimmt er eine gewisse Arznei, doch tut er es dicht beim heiligen
Dreifuß, damit es um so weniger schade. Einmal erträgt er ein
Mittel, welches ein Arzt für tödlich erklärt hatte. In seiner pie-
tistischen Hingabe verstieg er sich schlieĂźlich zu tollenden Worten;
»Wir wandten auch, am Heibe getroffen, uns nicht mit niedrigen
Hilfeflehen an die Ärzte, sondern, obgleich wir mit Gott zu reden
die besten der Ärzte als Hreunde besaßen, nahmen wir unsere Zu-
flucht zu Asklepios und glaubten, daĂź es, wenn es sein sollte,
schöner sei, durch ihn gerettet zu werden, wenn es nicht angehe,
Zeit sei, zu sterben.« Zwei Dinge sind es, aut welche auch die in
vieler anderer Beziehung mediko-historisch interessanten Reden ein
helles Schlaglicht werfen. Wir sehen da, daĂź noch beinahe 600 Jahre
nach ihrer Begründung, diese göttliche Traumheilung parallel neben
der wissenschaftlichen Medizin, fast ohne jede BerĂĽhrung, einher-
ASKLEPIOS.
45
ging, wie heutzutage aucli noch Aberglaube und positives Können,
Gesundbeterei und Naturheiltum und wissenschaftliche Medizin.
Und damals wie jetzt gab es unter den Ärzten Männer, die sich
unter dem kirchlichen Deckmantel wohlfĂĽhlten und bei diesem Ge-
schäft auf die Kosten kamen, und solche, die sich der Zeichen und
Hieroglyphen wehrten und zwischen sich und dieser göttlichen
Heilkunde des Messers Schneide legten. Von diesen und jenen
scheint die Umgebung des Heiligtums voll gewesen zu sein; beide
interessierte die herbeiströmende Krankenmenge in gleichem Maße,
wenn auch in umgekehrter Richtung. Was uns aber als zweiter
Punkt besonders wichtig erscheint, ist, daĂź auch noch in den
späteren nachchristlichen Jahrhunderten hochgebildete Männer, die
wir heute noch unter die Klassiker zählen, in schwärmerischem
Pietismus dergestalt dem Heilgotte ergeben waren, daĂź er in ihren
Augen selbst die anderen Götter überragte, und daß sein Kult pan-
theistische Formen annahm (wie der des Serapis in Alexandrien),
so überall den Boden vorbereitend für den größeren Heiland, der
bald die Welt beherrschen sollte.
Es ist zu hoffen, daĂź mit dem Fortschritt der Altertums-
wissenschaft wir neue Autklärungen erhalten werden über die
Wandlungen der Heilbehandlung in dem Asklepiostempel. Der
athenische stand noch gegen Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts
unversehrt, der Neuplatoniker Proklos war noch ein begeisterter
Anhänger des Asklepios Soter. Der Tempelschlaf als solcher hat
sich bis heute an manchen Stellen erhalten; in einzelnen Kirchen
Griechenlands soll er noch heute florieren (s. d. Inkubationsheiligen).
Geschaffen wurde der Heilkult offenbar dem schönsten und edelsten
menschlichen Impulse zufolge, das lehrt uns ein Blick aut die Ver-
körperung des Gottes, dem man sich mit menschlicher Bürde be-
laden nahte. In seiner Gestalt schuf das hellenische Volk in erster
und seine Künstler in letzter Linie das Ideal männlicher Hoheit,
Reinheit und Milde. In seinem Antlitz sehen wir das xMensch ge-
wordene Göttliche in uns; Zeusgleich und doch ein Mann mußte
sein Blick dem kranken Pilger ein seliges Hoffen und vertrauensvolle
46 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
Hingabe erwecken. Das war auch die \'orbedingung, die der Heil-
gott selbst zunächst verlangte. An dem Eingange seines Heiligtums
zu Epidauros standen ungefähr folgende Worte ^):
»Rein sei jeder, der tritt in den Weihraucii duftenden Tempel,
Rein aber ist, wer im Sinn heilige Gedanken nur hegt.«
Ein gĂĽtiges Schicksal lieĂź vor nicht so langer Zeit im Britischen
Museum in einem umfänglichen Rollenbruchstück einen für unsere
Anschauung wichtigen, so gut wie verschollenen griechischen Poeten
des 3. vorchristlichen Jahrhunderts neu erstehen. In seinen Mim-
iamben schildert Herondas vortreft'lich das Milieu eines Askle-
pieion mit all seinen Statuen, und das was wir das Lokalkolorit
nennen. Dabei scheint er sich vollkommen an die Wirklichkeit zu
halten, und deshalb hat ihn schon Otto Crusius, sein Bearbeiter
(Göttingen 1893), einen antiken Realisten genannt. Im Gegensatz
zu des Aristophanes' Schilderungen, der leider in seiner Dichtung
die Kulissen der Handlung im Asklepiostempel als allen bekannt
nur ganz nebensächlich behandelt, zeichnet uns Herondas in seiner
Skizze des Besuches opfernder Erauen im Asklepiostempel, aller-
dings mit flĂĽchtigen Strichen, mehr als die Silhouette des berĂĽhmten
Heiligtums von Kos. Kokkaie hat hier Genesung gefunden und
kommt zum Dankgebet und zur Darbringung eines Opfers. \\'ir
sehen den Tempelwart in geschäftig vertrauter Weise verkünden,
wie das Opfer ausgefallen ist, und der Kokkaie und ihrer Quartier-
geberin Kvnno den Segen erteilend. Nun kommt der Passus,
welcher uns hier imd wohl auch den Dichter am meisten interessiert.
Die Weiber bewundern bei ihrem Gange durch die Tempelhalle
die dort aufgehäuften Kunstschätze und Götterbilder, die sie in ihrer
naiv bäuerischen Weise kritisieren. Der ortsfremden Kokkaie machen
die Gegenstände einen überraschenden Eindruck. Dabei ist es viel-
leicht charakteristisch, daĂź sie weniger sich fĂĽr die berĂĽhmten
Tempelstatuen des Kephisodotos und Timarchos interessiert als
fĂĽr die berĂĽhmte Gruppe des Boethos, des Knaben mit der Gans
und fĂĽr andere ihr als Genredarstellung gefallende Gruppen, die
') Porphyr, de abst. II, ly und Clemens Alex., ström. 5,1.
ASKLEPIOS.
47
wohl aber in Wirklichkeit doch DarsteUungen aus der Mythologie
sind. Nachdem dann Kokkaie ihre Weihtafel zur Rechten der
Hvgieia aufgestellt hat und der TempelkĂĽster den opfernden Frauen
l'-trUn, Museum.
Fig. 8. Asklepios, antike Marmorstatue.
im Namen von Paieon-Asklepios Dank gekĂĽndet, entfernen sie sich,
nicht ohne dem Gotte, falls er sie und die ganze Familie gesund
erhalte, größere Opfer versprochen zu haben.
^8 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
DIE OPFERNDEN FRAUEN IM ASKLEPIOSTEMPEL').
Personen.
Kokkaie, eine Fremde, die dem Asklepios eine Weihgabe stiftet.
Kynno (auch Kynna Kynnis), ihre Freundin, eine Ansässige.
Der KĂĽster oder TempelhĂĽter.
Stumme Personen.
K V d i 1 1 a , die Sklavin der Kynno.
Die Szene spielt in dem Asklepiosheiligtum zu Kos.
Kokkalc (vor den Tempelstatuen).
Sei mir gegrĂĽĂźt, o Herrscher Paian, der du
Waltest auf Trikka und im trauten Kos
Und Epidauros wohnhaft bist; Koronis
Zugleich, die dich geboren, und ApoUon,
Sie sei'n gegrĂĽĂźt; und die du mit der Rechten
BerĂĽhrst, Hygieia; und die Herrinnen
Auf diesen Ehrensitzen, Panako,
Und Epio und leso, sei'n gegrĂĽĂźt;
Und die Laomedons Haus und Mauerwall
Zerstörten, die Ärzte in grimmen Krankheiten,
Podaleirios und Machaon, soU'n gegrĂĽĂźt sein,
Und was an Göttern dir am Herde wohnt
Und Göttinnen, Vater Paian! Gnädig nehmt
Den Hahn, den Herold unsres Hausbezirks,
Den ich hier opfere, bitte, als Zukost an !
Denn spärlich fließt ja unser Brünnlein nur —
Sonst hätten wir dir ein Rind oder 'ne Mastsau
Mit Speck gepolstert, keinen Hahn, als Kurlohn
Gebracht, weil du, o Herr, die Krankheit uns
Mit linder Handauflegung weggewischt hast.
Kynno.
Zur Rechten der H\-gieia, Kokkaie,
Stell' deine Tafel auf.
Kokkalc
(tritt dabei näher und betrachtet sich die Statuen genauer).
Ah, liebe Kynno,
Die schönen Statuen ! \\'elcher Meister nur
Schuf dieses Steinwerk und wer ist der Stifter ?
Kynno.
Die Söhne des Praxiteles -). Siehst du nicht
Am Sockel dort die Schrift? Und Euthies,
Der Sohn des Prexon, hat sie gestiftet.
') Nach der Ăśbersetzung von Otto Crusius, Gottingen 1S93.
-) Timarchos und Kephisodotos.
ASKLEPIOS. 49
Kokkaie.
Gnädig
Möge den beiden Päon sein um solcher
Herrlichen Werke willen, und nicht minder
Dem Euthies. (Vor ein anderes Kunstwerk tretend)
Sieh, Beste, das Mädchen dort;
Das aulguckt nach dem Apfel! Meint man nicht,
Es stĂĽrbe gleich, wenn's nicht den Apfel kriegte?
Und dort den Alten, Kynno ! (Weitergehend) Bei den Mören,
Die wilde Gans, wie die der Knabe wĂĽrgt!
Nur in der Xähe erkennt man, dalJ die Arbeit
Von Marmor ist: sonst könnte man wirklich glauben,
Er wolle sprechen. Nein, die Menschen lernen
Mit der Zeit noch Leben in die Statue schlieĂźen.
(Vor einer F'orträtstatue, in der sie eine Bekannte erkennt)
Siehst du denn, Kynno, Batale nicht, die Tochter
Des Myttes, wie sie dasteht, lebensgroĂź?
Wer nicht die Batale selber sah, der blicke
Auf dieses Bild — die richtige braucht er nimmer.
Kynno.
Komm mit mir. Beste, und ich zeige dir
Was Schönes, wie du's in deinem Leben nie
Gesehn hast. (Zur Sklavin) Geh, Kydilla, und ruf den KĂĽster!
Du bist ja nie und nirgends, nicht inr Tempel
Und nicht auf dem Markt zu brauchen. Ăśberall
Liegst du wie ein Stein im Wege. Zum Zeugen ruf ich
Kydilla, diesen Gott an, wie du mich
Trotz aller Selbstbeherrschung in Hitze bringst.
Zum Zeugen ruf ich ihn! Einst kommt der Tag,
Wo du diesen dummen Schädel kratzen wirst!
Kokkole.
Ach, Kynno, nimm dir doch nicht alles gleich
Zu Herzen! Sie ist ja 'ne Magd, und Mägde,
Schlafhauben tragen sie alle um die Ohren!
Kynno.
Allein je heller der Tag, je toller treibt sie's.
i^Sie will davonstĂĽrzen, um der Sklavin eins zu versetzen)
Kokkalf (sie zurĂĽckhaltend).
He, bleibt doch hier! Die Tür ist ja geöffnet,
Auf steht der Tabernakel ! — (näher tretend) Liebe Kynno,
Was das fĂĽr Werke sind! Sieh doch nur her!
Eine neue Pallas, meint man, bildete
Die Herrlichkeiten • — (mit einer Verbeugung) sei gegrüßt mir, Herrin.
Holländer, Plastik und Medizin. 4
50
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
(Vor einem Tafelgemälde des Apelles)
Den nackten Knaben hier, wenn ich den kneife,
Kriegt der niclit bkue Flecke, Kynna? Denn
Die Fleischpartien auf dem Bilde sehn doch aus
Wie warm pulsierend ! Und das silberne
Opfergerät, wenn das Mvellos oder
Pataikiskos sieht, der Sohn des Lambrion,
Wird so ein Diebsgesell sich nicht die Augen
Aus dem Kopf glotzen, in der Meinung, daĂź es
Wirklich von Silber angefertigt sei?
Der Ochs dann und sein Treiber samt dem Weibe
Daneben; mit dem Geierprotile dort
Der Mann und mit der stumpfen Nase der —
Blickt ihnen allen nicht das helle Leben
Aus ihren Augen? Meint" ich nicht, es wäre
Unschicklich für ein Weib — laut schrie ich auf:
Der Ochse, Kynnis, tut mir noch ein Leids an.
So schielt er mit dem einen Aug' herĂĽber.
Kynuo.
Ja, Beste, wahr ist, was des Ephesiers
Apelles Hand erschuf in jedem StĂĽcke,
Und man kann nicht sagen : Dieser Mann besaĂź
FĂĽr das eine Blick, doch andres lag ihm fern.
Nein, was ihm nur in den Sinn kam, darin könnt' er
Sich selbst mit Göttern messen. Aber wer
Nicht voll Bewundrung, wie es sich gebĂĽhrt.
Zum Meister wie zu seinen Werken aufschaut,
Der mög' am Ful] in der Walkerbude hängen.
A7/.sV(V.
\'ollkommen schön, ihr Frauen, ist euer Opfer;
Und GlĂĽck verheiĂźt es euch. Mehr Wohlgefallen
Fand niemand vor Paieon, als wie ihr.
(Zur Tempelstatue gewandt)
Heil, Heil, Paieon, wohlgewogen sei
Den Spenderinnen dieser schönen Opter.
Und denen, die als Ehegenossen etwa
Und Blutsverwandten ihnen nahestehn.
Heil, Heil, Paieon ! Also mag's geschehn.
Kokkalc.
Ja, mag's geschehn, Allmächt'ger du, und möchten
Wir kerngesund, um größere Opfer dir
Zu bringen, wiederkommen, Ehemänner
Mit uns und Kinder —
ASKLEPIOS. 5 1
Kymio.
Kokkaie, zerschneide
Den Vogel hĂĽbsch und gib das Beinchen dann
Dem KĂĽster, merk' es wohl; leg auch den Kuchen
Still betend in das Schlangenloch und feuchte
Die Opfergerste an. Das andre woll'n wir
Am Herbergstisch verzehren. Und hör, vergiß nicht
Weihbrot uns mitzubringen. Erst genommen,
Und dann gegeben! Ist beim Opfer nämlich
Des Küsters Anteil noch in Sicht, so fällt
Auch mehr vom W'eihbrot fĂĽr den Spender ab.
Im Gegensatz zu solchen ottiziellen Kultplätzen des Asklepios
existierten kleinere Orakelplätze mit heimlicher Betätigung. Einen
Einblick in das Cjctriebe eines solchen »x\sklepieion« tun wir durch
den Bericht eines Augenzeugen, der bisher nicht zu A\'orte kam,
obwohl er Bedeutendes zu sagen hat: ich meine des Lukian Er-
zählungen von Alexander, dem falschen Propheten. Lukianos, der
griechisch-svrische ausgezeichnete Schriftsteller (123 bis 180 n. Chr.),
der sich in seinen satirischen Schritten als sarkastischen Kritiker
des Aberglaubens und mystischer Schwärmerei bekannte, erzählt
da in einem vielfach ftir uns wichtigen Artikel die Geschichte des
falschen Asklepios II, den er selbst entlarvte, wobei er aut ein
Haar jedoch ums Leben kam. Ein offenbar geistig hochstehender
Abenteurer, gewandt, verschlagen und mit der Sinnesrichtung aut
das GroĂźe, alles auf eine Karte setzend und dabei von offenbar
gottbegnadetem Äußern, hatte es verstanden, das römische Reich
in seiner ganzen Ausdehnung jahrelang zu dĂĽpieren, und eine be-
rĂĽhmte Orakelstelle zu schaffen, zu der man von allen Orten her
pilgerte. Lukian charakterisierte ihn mit tolgenden Worten: »Er
war groß von Statur, schön von Gesicht, er trug sein eigen Haar,
aber mit falschen Locken so kĂĽnstlich vermehrt, daĂź die wenigsten
etwas von diesem Zusatz merkten. In seinen Augen tunkelte das
ehrfurchtgebietende Feuer eines Menschen, der von einem Gotte
besessen ist. Der Ton seiner Stimme war äußerst angenehm und
wohlklingend. Wenige Menschen in der Welt waren an Verstand,
schnellem Begriff und Scharfsinn mit ihm zu vergleichen. Ge-
32 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
schmeidigkeit, Gelehrigkeit, Gedächtnis und natüi liebes Geschick
zu allem, was Kunst und Wissenschaft heißt, besaß er in höchstem
Grade.« Nachdem dieser Mensch als Knabe bei einem Scharlatan
gedient hatte und sich die Kniffe dieses SchĂĽlers des berĂĽhmten
Apollonios angeeignet und auch den Geist seiner Zeit mit so viel
Verständnis studiert hatte, um daraus Kapital zu schlagen, ging er
daran, mit groĂźer Diplomatie seine Landsleute zu neppen und zwar
dies in größtem Stil. Zunächst ließ er im uralten Apollontempel
zu Abonuteichos eherne Tatein zutage tördern, auf denen ge-
schrieben stand : »Asklepios wird demnächst mit seinem \'ater
Apollo in den Pontus kommen und zu Abonuteichos seinen Sitz
aufschlagen!« Nachdem durch diese Ankündigung der Nährboden
für seine Schurkerei reit war, läßt er sich in dieser Stadt nieder
und weiß durch allerlei markierte prophetische Wutantälle seine
dickköpfigen Paphlagonier derartig vorzubereiten, daß sie tähig
waren, der Geburt des Asklepios beizuwohnen. In der Nähe des
Apollotempels stĂĽrzt er in die dort befindliche Quelle, stimmt aus
voller Brust dem Apollo und Äskulap einen Lobgesang an und
wĂĽnscht der Stadt zu der heilbringenden Gegenwart des angekom-
menen Gottes Glück. Er läßt sich eine Schale geben, taucht in
das Wasser, holt aus ihm nach Gauklersitte ein großes Gänseei,
in dem er eine kleine Schlange vorher geborgen hat. Das Ei zer-
bricht er vor den Augen der Menge, holt die kleine Schlange heraus
und rief, sie in die Höhe haltend: »Hier habe ich den Asklepios!«
Mittlerweile hatte er nun bereits in seinem Hause eine groĂźe
Schlange abgerichtet, deren Kopt er unter seiner Achsel versteckte,
und die sich in dieser warmen Stellung wohl tĂĽhlte. Statt dessen
ließ er den Körper dieser großen Schlange in einen Drachenkopt aus-
laufen, der einige Ähnlichkeit mit einem Menschengesicht hatte.
Dieser leinene und kĂĽnstlich bemalte Kopt konnte mittels eines
Pterdehaares den Mund auf- und zumachen, auch reckte er nach Art
der Schlangen eine zweigespitzte Zunge heraus. Durch den Mund
dieses künstlichen Asklepioskopfes gab er nun demnächst in dem
neu errichteten Tempel seine Orakel und ĂĽbte sein ĂĽber alles Er-
ASKLEPIOS.
53
warten glänzendes Prophetenhandwerk aus. Lukian weiht uns nun
in den von ihm aufgedeckten Schwindel ein, wie es der sich selbst
»Glvkon der dritte von Zeus« nennende Gaukler anstellte, richtige
KohUj<h>^t. Aluutri. Koni. I titivan. t'r,n\
Fig. 9. Asklepios, Porträtstatue.
Orakel zu erteilen. Die Anfragen wurden auf kleinen Täfelchen
niedergeschrieben, um die ein versiegelter Bindfaden geschlungen
war. Lukian lehrt uns die Technik der Siegellösung durch eine
54
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
glĂĽhende Nadel. Jeder fand dann in seiner Tafel mit unerbrochenem
Siegel die metrische Antwort, von denen uns der Satiriker einige
Proben gibt. Auf viele Fragen antwortete er in zweideutigen
Orakeln, aber auf Grund guter medizinischer Kenntnisse gab er
auch Heilmittel und richtige VerhaltungsmaĂźregeln an. Besonders
verordnete er oft eine von ihm erfundene »schmerzlindernde« Salbe.
Obwohl die Taxe fĂĽr jedes Orakel nur eine Drachme und zwei
Obolen war, stieg so das Einkommen des Mannes durch den
eminenten Zuspruch ins Ungemessene. Damit bestritt er seinen
groĂźen Aufwand, unterhielt er die groĂźe Menge von Gehilfen, Aut-
wärtern, Kundschaftern, Orakelschmieden, Registratoren und Ob-
signatoren; und vor allem die Emissäre, die er in fremde Länder
sandte, und die ihm die Kundschalt der ganzen Welt einbrachten.
Um seine Einnahmen zu steigern und die Wirkung zu erhöhen,
erfand der Mann die a u t o p h o n i sc h e n Orakel. Er lieĂź den
Pappkopf des Äskulap mit einem Sprachrohr in Verbindung setzen,
und während die Riesenschlange ihren Leib bewegte und der Kopt
des Gottes Sprechbewegungen machte, schrien Gehilten die Ant-
wort durch das Sprachrohr, so daĂź es klang, als ob der Schlangen-
gott selbst zu seinen Adoranten spräche. Um ganz im Rahmen
einer antiken Kultstätte zu bleiben, schul er seine xMysterien. Hören
wir, was der Dichter von diesen sagt:
»Er ordnete aber überdem noch besondere Mvsterien mit Fackel-
trägern und Hierophanten an, deren Begehung drei Tage dauerte.
Am ersten geschah wie zu Athen der öffentliche Autru(: Wotern
ein Gottesleugner, Christianer oder Epikuräer gekommen sein sollte,
diese Orgien in verräterischer Kundschaft auszukundschaften, der
begebe sich von hinnen. Die aber an unseren Gott glauben, mögen
mit GlĂĽck dieser Mysterien teilhaftig werden. Und nun wurde
sofort zur Austreibung der Profanen geschritten. Alexander selbst
finsf an: Hinaus mit den Christianern! \Jnd die gan/e (jemeinde
rief hintendrein: Hinaus mit den Epikuräern! Hierauf wurde die
Niederkunft der Latina, die (ieburt des Apoll und die Hochzeit
der Koronis dargestellt, und Äskulap wurde geboren. Der zweite
ASKLEPIOS.
55
Tag feierte die F.piphanie des Glykon und die CTehurt dieses Gottes.
Am dritten war die Hochzeit des Podaleirios mit Alexanders Mutter.
Dieser Tag hieĂź ,Dadis', weil er mit Fackeln gefeiert wurde.
Fig. 10. Asklepios, antike :\[armorstatue im Louvre i Paris).
Stab rechlä. Schlange links' (Falsche Ergänzung.)
wobei Alexander selbst das oberste Amt eines Hierophanten ver-
waltete. Den BeschluĂź machte der Liebeshandel zwischen Luna und
Alexander, und die Geburt der Gemahlin des Rutilianus (sein
Schwiegersohn in Rom). Der neue Endvmion lag mitten auf dem
56
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Schauplatz schlafend und nun stieg aus dem Dache wie vom
Himmel statt der Göttin Luna eine wunderschöne Person, die Frau
eines kaiserlichen Prokuratoren herunter, die in ganzem Ernst
in Alexander verliebt war und von ihm geliebt wurde, und
ihren Tropf von Mann zusehen ließ, wie zärtlich sie sich ihrer
Rolle gemäß vor allen Augen küßten und umarmten ; wer weiß
was noch weiter unter dem Mantel vorging, wenn nicht mehr viel
Fig. II. Asklepios-Terrakotten aus Kos.
Fackeln brannten.« Zum Schluß scheinen dann diese Mysterien in
wilde Orgien ausgeartet zu sein. Fr, Alexander selbst, zeigte sich
dann im hierophantischen Ornat beim Fackeltanz und wuĂźte dabei
seine vergoldeten Schenkel zu zeigen. Wir ĂĽbergehen die Dumm-
heiten, die, durch seine Orakel verleitet, ganze Völker in Krieg
brachten, und auch die Art, wie Lukian selbst ihn zuerst toppte
und entlarvte, um schlieĂźlich doch dem klugen Manne auf den
Leim zu gehen, und auf ein Haar sein Leben dabei zu verlieren.
ASKLEPIOS.
57
Interessenten empfehle ich, die Stelle hei Liikian selbst zu studieren.
Der geniale BetrĂĽger und falsche Asklepiospriester konnte sein
Prophetenhandwerk ungestört wohl 30 Jahre mit steigendem Erfolg
ausfĂĽhren, setzte zum SchluĂź noch beim Kaiser durch, daĂź der
Name seiner Stadt Abonuteichos in Jonopolis umgewandelt wurde,
und daĂź aut ihn MĂĽnzen') geschlagen wurden mit seinem Kopfe,
bekränzt mit dem Lorbeer des xA-sklepios. Er starb, wie es scheint,
an einer Altersgangrän eines Beines; dann entstand ein Kampf um
seine Nachfolgerschaft, an dem sich auch ein Arzt beteiligte.
Unter des Alexander Namen wurde, wie es scheint, fĂĽr Rechnung
der Witwe das einträgliche Prophetengeschäft noch eine Zeitlang
fortgesetzt.
Lukian hat diese Schritt und seine Erlebnisse niedergeschrieben,
um, wie er sagt, den göttlichen und heiligen Epikur zu rächen.
Wir aber ersehen aus ihr, daĂź um die Mitte des 2. nachchristlichen
Jahrhunderts die damalige gebildete Welt eine derartige mystische
Neigung erfaĂźt hatte, daĂź ein geriebener Scharlatan den Gott mit
GlĂĽck spielen konnte, und daĂź der Ruf des Asklepios und seiner
Wunder noch mit Erfolg den Kampf mit dem jungen Christentum
aufnahm. Wir blicken hinter die Kulissen eines ganz auf betrĂĽg-
licher Basis stehenden Asklepieion, welches den alten Orakelstätten
mit gleichem Eriolg Konkurrenz machte. Eine Stätte raffinierter
Ausbeute, avo die Gewinnsucht Geschäftsprinzip und das Stamm-
kapital der Firma allein die bis in die letzte Konsequenz ausgenutzte
Erkenntnis war, »das Volk will betrogen sein«. So artete aus, hier
und wohl noch an anderen Stellen, was heiliger kindlicher (jlaube
geschaffen und was im Rahmen frĂĽhester Kultur wohl auch ein-
mal wirklich heiliii und heilsam war.
DAS BILDNIS DES HEILGOTTES.
Die Botschaft Mosis vom Berge Sinai an sein Volk als Echo
von des Höchsten Stimme: »Du sollst keine anderen Götter neben
MĂĽnze der Stadt mit dem Schlangengott; abgebildet bei Panofka, Taf. II, 7.
58
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
mir haben, du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis
machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten aut
der Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist,« und dann
weiter »silberne und güldene Götter sollt ihr nicht machen« war
die radikalste Forderung fĂĽr eine reinste Religionsverinnerlichung.
Es kann hier nicht untersucht werden, ob nicht erst spätere Könige
fĂĽr dieses Gebot verantwortlich sind, auch nicht, ob die damaligen
Menschen fortgeschritten genug waren fĂĽr eine solche abstrakte
Religiosität ohne jeden Kirchenkult. Der Götzendienst ringsum und
namentlich die ägyptische Gemeinschaft, die Neigung des Volkes
zu Rückfällen (goldenes Kalb) zwangen wohl zu solchem Vorgehen.
»Verstöret alle Orte, da die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren
Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, aut Hügeln oder
unter grünen Bäumen; reißt um ihre Altäre und zerbrecht ihre
Säulen und verbrennet mit Feuer ihre Haine, und die Bilder ihrer
Götter zerschlaget.« In letzter Konsequenz verlangt er für den
alleinigeinzigen Gott nur einen Altar aus Erde oder nichtgehauenen
Steinen, und auch nicht mit Stufen, die hinauitühren. »Du würdest
sonst den Altar entweihen; und wenn ihr ĂĽber den Jordan kommt,
so sollst du groĂźe Steine aufrichten und sie mit Kalk tĂĽnchen und
daraufschreiben alle Worte dieses Gesetzes; und daselbst sollst du
dem Herrn, deinem Gotte, einen steinernen Altar bauen, darĂĽber
kein Eisen fährt, von ganzen Steinen.« Also nur der Xame des
Herrn und die Schriftzeichen seines göttlichen Gebotes sollten die
einzig sichtbaren Zeichen religiöser Verehrung sein. Selbst plastisches
Ornament ist verdammt. Wahrlich in ihrer monumentalen Einfach-
heit von kolossaler Größe. Und doch hat dieses Ciebot, welches
die Grenzen menschlicher Gedanken verlegte und das GetĂĽhl in
der Brust des Kleinbürgers überschätzte, in seinem \'olke den Sinn
für die künstlerische Darstellung des Körpers und damit den Sinn
fĂĽr Plastik verkĂĽmmert. Neigung und Talent zu Kunsthandwerken
finden wir im Pentateuch schon (z. B. als die Juden aus dem Ge-
schmeide und den Ohrspangen der Weiber das goldene Kalb ver-
fertigen — die eherne Mosesschlange — der Tempel in Jerusalem).
ASKLEPIOS.
59
Wenn wir die Kultur- und Kunstgeschichte verfolgen, so werden
wir immer bestätigt linden, daß, wenn auch nicht aus religiösem
GefĂĽhl heraus die Meisterwerke geschallen wurden, daĂź doch die
Kirche Pate stand. Canova fand den A'lut, den groĂźen Korsen, als
er ihm Modell saĂź, von dem triumphierenden EinfluĂź von Kirche
und Religion aut bildende Kunst so zu ĂĽberzeugen, daĂź dieser
zum Schluß zögernd zugestand, daß die Religion die Nährmutter
aller KĂĽnste sei. Der mosaische Gesetzgeber vergaĂź auch, daĂź
anderseits wieder die reinen und groĂźen Werke der Kunst imstande
sind, auch voraussetzungslos betrachtet, religiöse Gefühle zu er-
wecken. Denn Schönheit und Religion sind verwandte Gebiete.
Es ist das unsterbliche Verdienst des Griechenvolkes, diese Nachbar-
länder zu einem harmonischen Ganzen gebracht zu haben. Sie
Schuten zur Versinnbildlichung überirdischer Krälte, zur Personi-
hkation der körperlichen und seelischen \'orgänge Göttergestalten
von so berückender Schöne und Reinheit, daß deren auf uns ge-
kommene Reste, selbst noch losgelöst vom erhabenen Throne ihres
Heiligtums, auch noch heute imstande sind, dem nahenden Fremd-
ling das ReingetĂĽhl innerlichster Freude
und Hingabe, und damit auch der Demut ^
und Religion zu erwecken. Solchen Be- /
trachtungen mĂĽssen wir uns hingeben,
wenn wir vor das Antlitz des Heilgottes , ^
treten. Und dieses Antlitz des Gottes
allein schon ist es, welches uns heute noch
in den Bann des klassischen Altertums tut.
Man darf wohl unbestritten behaupten,
daß die Göttergestalt des Asklepios heut-
zutage noch eine populäre ist, und daß
'~^ ^ ' Vergröfserte Originalphotographie.
der aut den Schlangenstab gestĂĽtzte Gott
im Geistesleben der modernen Menschheit lebendig ist. Auch heute
noch sind die Attribute des Gottes oder er selbst symbolisch in
der Medizin. Und als man in Berlin in diesen Tagen daran ging,
ein neues imposantes Heim der Kaiser-Wilhelm -Akademie zu
'
1
'S -
} , ;
v^<
' * ' / r
F
ig. 12
. MĂĽnze aus der
Stadt Teos.
ionischen
60 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
bauen, da stellte man seine Kolossalfigur an das Eingangstor
(s. hinten).
Obwohl wir aus der BlĂĽtezeit griechischer Kunst nur Fragmente
besitzen, und auch, was die großen Statuen betrifft, auf spätere
griechische und römische Kopien angewiesen sind, wie wir ja später
noch sehen werden, so ist uns durch diese und durch eine groĂźe
Reihe von Terrakotten, Bronzen, Miinzen
/^^'/'^^'^^ ^' (Fig- II — 14) '•"'"-^ Grabreliefs des Gottes
.V - 1 . ji, Bildnis bis in die kleinsten Nuancen hin be-
',^^1 kannt. Das Gemeinsame aller Darstellungen
des Asklepios ist die gelassene Ruhe des
(jottes, sei es, daĂź er dargestellt wird in
der häufigsten Form stehend und aui den
Schlangenstab leicht gestĂĽtzt, ruhig dahin-
Fig. 13. .Xthenische Tetra- , . , . . 1 r • o-
drachme mit Asklepios als schreiteud, sei es thronend aui seinem Sitze.
Beizeichen. ^ , -p, , . ,, ,-,
,, ,. „.. ,, Gelassene Ruhe m allen Bewegungen, vor
Vergrofserte Origioalphotographie. ^ ^
allem auch im Spiel der Mienen. Thrämer
unterschied zunächst vier Typen des stehenden Gottes. Dabei zeigt
die Statue folgende gemeinschaftlichen Merkmale der Anordnung:
der Oberkörper ist zum Teil nackt, ein Arm gewöhnlich verhüllt,
die Füße meist bekleidet. Das trennende Prinzip ist die Länge
und die Verwendung des Schlangenstabes. Je nachdem der Stab
unter der rechten oder linken Achsel gestĂĽtzt wird, je nachdem die
rechte oder die linke Hand den Schlangenstab gefaßt hält, entstehen
vier Tvpen mit verschiedener Körperhaltung. Allerdings meint
\\'olters wohl mit Recht, daĂź, wenn der Stab nur bis zur Hand
reichte, dies ott nur eine Nachlässigkeit des Kopisten bedeute.
I. Typus: Charakteristisches Beispiel hierfĂĽr ist der von der
Tiberinsel stammende, im Neapeler Nationalmuseum befindliche
Äskulap (Fig. 6). Der Körper stützt sich mit der rechten Achsel
aut den langen Stab, die Hand ruht an ihm ausgestreckt. Der linke
Arm ist in die Seite gestemmt, meist ganz verdeckt durch das
Gewand, wodurch dieses etwas Geschlossenes erhält. Denselben
Typus zeigen der schöne Asklepios aus dem Lateran (s. Fig. 7),
ASKLEPIOS.
Gl
der jugendlich unbärtige aus dem Vatiican (s. Fig. 9), sowie der
Gott aus der Villa Borghese, und auch eine stark restaurierte, aber
sonst in der Anordnung identische Bildsäule im Berliner Aken
Museum (s. Fig. 8). Diese Anordnung des Gottes, der aut dem
linken Fuße die ganze Körperlast trägt und den rechten zurücksetzt,
den Stab unter die rechte Achsel, ist, soweit wir das ĂĽberkommene
statuarische Erbe als Beweis heranziehen können, das gangbarste
Modell des Gottes, das auch auf MĂĽnzen und Reliefs vorherrscht
(s. Fig. 11 — 14)-
2. Tvpus: Der Gott stĂĽtzt sich auf den Knotenstab mit dem
linken Arm, das Gewand läßt die rechte Seite bis zur stark aus-
gebogenen HĂĽfte, wie auch den einge-
stemmten rechten Arm unbedeckt. Eine
Anzahl in Epidauros gefundener Wieder-
holungen (Fig. 13) zeigt die Beliebtheit
des Tvpus gerade in dieser Stadt. Zu
der besten epidaurischen Replik stimmt
in Umrissen wie Kopfhaltung der be-
rĂĽhmte Kopf aus Melos, der somit einer
Statue dieser Art angehört haben muß.
Erwähnenswert ist auch, daß Ovid den
Stab links führen läßt (Metamorphos.
Buch 13, \'ers 634):
qualis in aede
Esse solet, haculumque tenens agreste sinistra.
Bei dieser verschiedenen Anordnung der Verwendung des charak-
teristischen Schlangenstabes ist folgender Punkt beachtenswert.
Der KĂĽnstler, der den Tvpus schuf, wollte durchaus den Eindruck
vermeiden, daĂź der Gott mĂĽde oder der StabstĂĽtze bedurfte. Der
Stab war offenbar nur die körperliche Verbindung und die Be-
ziehung zum Schlangentier. StĂĽtzt sich nun der Gott mit der
Rechten auf den Stab und hat die Linke unter dem Himation
versteckt, so hat er keine Hand frei; fĂĽr das Bildnis eines werk-
tätigen Gottes ein schlechter Ausdruck! Die Künstler halfen sich
/
Fig. 14. Römisches Bronzemedaillon
des Kaisers Hadrian.
62
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
in der Weise, daĂź der rechte Arm dann schlaff herunterhing, die
Hand in der Ruhestellung, fast nie den Stab umfassend, oder mit
dem Kopf der Schlange spielend.
Origr^hot. Athen, Nat.-Iiltiseum.
Fig. 15. Asklepios, antike Statue aus Epidauros.
Ich weiß nicht, ob der schöne Äskulap aus dem Thermenmuseum
(Fig. 16) in Rom seine Originalhand besitzt; in dem Falle ist es
STATUEN. 63
bedeutungsvoll, daĂź der Gott die Finger nicht um die Keule legt,
und auch die Linke lugt aus dem Gewände hervor und trägt eine
Schrit'trolle. Auf ieden Fall also bedeutet der Stab nicht eine
Phot. Alinari. Rom, i hertnentituseiiii
Fig. 16. Asklepios, antike Marmorstatue.
Keule, die der Gott kraftvoll umspannt, etwa wie Herakles, und
ist auch nicht eine Stütze, auf welche der müde Körper sich aut-
stemmt, oder mit Hilfe dessen er vorwärts schreitet, sondern nur
64 ĂźlE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
ein Mittler zwischen dem Gott und dem Tier. Nicht wunder
aber darf es nehmen, wenn spätere Künstler diesen Sinn ver-
kannten und einen abweichenden Ausdruck und Stellung schufen.
Fig. 17. Asklepios, antike Statue.
Das kleine Kunstwerk aus Bronze aus dem Berliner Antiquarium,
das Thrämer abbildet, bei dem der Gott sich mit beiden Händen
aut den langen Stab stĂĽtzt, zeigt ganz fremde ZĂĽge; der grĂĽbelnde,
ASKLEPIOSSTATUEN.
65
f/
sinnende, besorgte Zug im Antlitz des Arztes stimmt nicht mit der
hellenischen Auffassung überein; es ist nach Furtwänglers Nach-
weis eine Arbeit aus dem 16. bis 17. Jahrhundert. Die Bronze ist
jetzt aus der Sammlung genommen. Eine ähnliche Anordnung
zeigt allerdings die Liverpooler Flachrelieffigur des Gottes in Elfen-
bein geschnitzt. Hier steht der Gott auf dtm rechten Standbein,
eine mächtige Keule stützt die linke Schulter, an ihr ringelt eine
Riesenschlange; der Gott aber hält in der Rechten eine Rolle, die
er mit sinnendem Ausdruck seinem Barte nähert. Neben ihm steht
der winzige Telesphorus, der in einer aufgeschlagenen Rolle liest
(s. Fig. 61). Alles dies nach Konzeption
und Anordnung Zeichen der späten Ent-
stehung und der Vertallzeit.
Der dritte Typus ist bereits flĂĽchtig er-
wähnt. Der Gott hat in der rechten Hand
den Knotenstab. Beispiele hiertĂĽr sind Sta-
tuen aus dem Thermenmuseum (s. Fig. 16),
aus den Uffizien in Florenz (Fig. 17), so-
wie die Statue aus schwarzem Marmor aut
dem Kapitol (Fig. ao). Es bringt diese ^''g- 'S- '^'""^^ von Pergamon.
- . . 1 T I r^ 1 • Statue des Asklepios in einem Naos
Haltung mit sich, daĂź der Gott als im tetrastylos. Ki^iser Caracalla lafst ein
"^ ' Zebu opfern.
Dahinschreiten daroestellt werden soll. \'on
diesem Gesichtspunkte aus erscheint die Ergänzung des rechten
xA.rmes bei der Florentiner Statue (Fig. 17) falsch.
Der vierte Tvpus (der Gott hält in der linken Hand den Stab)
erklärt sich aus oberflächlicher Behandlung des zweiten l'vpus.
Der Stab wird einfach nicht bis zur Achsel modelliert. Oft wird
gänzlich der Stab vermißt; auch die Anordnung der Falten läßt
nichts mehr von einem Drucke gegen die Falten und die Achsel
erkennen, und so fĂĽhrt der (jott den Stab nur in der Hand.
Daraus er"ibt sich dann die iranze Haltung der Figur. Man kann
die epidaurisch-athenische Statue in diesem Sinne auttassen. Sonst
kommt der Tvpus vor nur aut Münzen oder als Spätarbeit (s. z. B.
den Asklepios aus dem Palazzo Massimo, Fig. 60).
Orig.-Plwt.
Holländer, Plastik und Medizin.
()(, DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Die Frage, welche die Archäologen besonders beschäftigte, näm-
lich die, wer der Schöpfer des Ask 1 e p iost ypu s war, hat
fĂĽr unsere Arbeit schon deshalb weniger Interesse, weil die antike
Welt eine zweite Kunstform des Gottes kannte und liebte, die
des thronenden Gottes. Nach den Berichten scheinen gerade die
hervorragendsten Tempelbilder, die Gold-Eltenbeinstatuen, es ge-
wesen zu sein, die den Gott in thro-
nender, sitzender Stellung gezeigt haben.
In dieser Stellung hat nun aber der
Schlangenstab seine entscheidende Rolle
'> verloren. \'on diesem thronenden Gott
j besitzen wir viele Ansichten; so z. B.
zeigt uns eine MĂĽnze aus Pergamos
den thronenden Gott in einem Xaos
tetrastvlos, wie ihm der Kaiser Caracalla
Fig. 19. Nackter Askiepios. gerade ein Zebu opfern läßt (s. Fig. 18);
Eronzemedaiilon des Mark Aurel. • 1 " 1 " ] ,*.: 1 ^ , C 4- .U,,..^^ U^l J ^4-
m bemahe identischer Stellung oiluet
ihn eine epidaurische MĂĽnze des Antoninus Pius. So sah ihn
Pausanias noch, und er gibt von ihm folgende Beschreibung: »Das
Bild des Askiepios in Epidauros ist um die Hälfte kleiner als der
olvmpische Zeus in Athen, er ist von Gold und Elfenbein (siehe
oben Lukian). Die Inschrift nennt den Thrasymedes, des Arignotos
Sohn, aus Faros als Meister. Er sitzt auf einem Thron, einen
Stab haltend, die andere Hand hält er über den Kopf des Drachen,
auch ein Hund liegt neben ihm.«
.Man hat nun zwei kostbarere Reliefs in Epidauros gefunden,
welche man bei oberflächlicher Betrachtung zunächst als eine Seiten-
ansicht dieser Gold-Elfenbeinstatue ansprechen möchte. Über das
uns vorliegende Relief, dessen Schönheit noch aus den Resten
hervorleuchtet, entnehmen wir sowohl Tatsächliches als auch Emp-
fundenes aus den von i. N. Svoronos') gemachten Mitteilungen.
Zunächst bringt er die Abbildung der Pendants (s. Fig. 22 und 23).
Aus der GegenĂĽberstellung beider glaubt man im ersten Moment
') I. N. Svoronos, Das Athener Nationalmuseum, Athen 190S. Deutsch von Barth.
ASKLEPIOSSTATUEN.
67
an eine doppelte Wiedergabe desselben Gegenstandes. Beide Reliets
zeigen einen männlichen Gott in beinahe derselben Stellung, von
derselben (köße, beide aus pentelischem xVIarmor, beide in sehr
# '^ l|(Hi
.\,>/!/t-/'/i''( Aiiinti-! Korn, Kaf<itol. Hluseujn.
Fig. 20. Asklepiosstntuc, antiker schwarzer N[armor.
hohem Relief gearbeitet. Dasjenige, welches auch Svoronos mit
Sicherheit als des Heilgottes Bildnis erkennt, wurde 1884 bei den
Ausgrabungen des heiligen Bezirkes in Epidauros gefunden, ein-
gemauert in einer mittelalterlichen Mauer, das GegenstĂĽck dagegen
68
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
in den Trümmern des an der nördlichen Seite desselben gelegenen
Bades des Antoninus. Die Betrachtung des GegenstĂĽckes zeigt nun
folgende Abweichungen: Das Haupthaar und der Bart ist länger,
die um den Kopt laufenden Löcher beweisen, daß das Haupt mit
einem Metallkranz geschmĂĽckt war. Aus dem einfacheren Sessel
des Heilgottes wurde ein Thronsessel, der ornamental durch Sphinx
und Widder geschmückt war. Der Oberkörper ist entblößter, beide
Füße ruhen auf dem Boden, die Haltung dieses Körpers ist da-
durch vielleicht etwas majestätischer. Der unersetzliche \'erlust des
\'orderkoptes ist aus der Abbildung er-
sichtlich. Diese beiden Reliefdarstellungen
wurden nun von Kavvadias als getreue
Nachbildungen der berĂĽhmten Gold-Elfen-
beinstatue des Asklepios in Epidauros von
der Hand des Thrasvmedes aus Faros be-
schrieben und auch bisher allgemein dafĂĽr
gehalten. Diese Meinung bekämpft Svo-
ronos mit besonders einleuchtenden Be-
weisen. \un ist uns auch diese Statue
des Thrasvmedes genau bekannt aus der
Darstellung des Pausanias (ii. 27. 2.) und
den zahlreichen MĂĽnzen aus Epidauros.
Aus diesen geht als wichtigstes Kriterium
hervor, daß der Gott mit entblößtem Oberkörper auf dem Throne
saß, die Linke in Kopthöhe einen Zepterstab haltend, die Rechte
vorgestreckt ĂĽber die Knie herausragend, die sich autrichtende
Schlange berührend. Die bland ist dabei nach unten geöfinet,
während sie auf unserem Bilde seitlich steht, und zwar so, daß
auf keinen Fall eine Schlange ergänzt werden kaim. (Ein gut er-
haltenes Relief, auf dem der Heilgott in ähnlicher Stellung dasitzt
und welches bei der Ergänzung der Metope aus Epidauros nützlich
sein könnte, befmdct sich übrigens eingemauert in dem Kapitolmuseum
in Rom.) Der Finger ist ausgestreckt wie im Gespräch mit einem
Adoranten. \\'as auf der Photographie nicht ersichtlich ist, ist die
\,
Berl. Ulis.
Fig. 21. Renaissanceplakette.
Originalaufnahme nach Gipsabguli.
ASKLEPIOSSTATUEN.
69
Angabe des Forschers, daĂź der entsprechende Platz fĂĽr den Hund
unversehrt gebUeben sind. Aus diesen GrĂĽnden kommt der Forscher
zu dem SchluĂź, daĂź der oder die offenbar tĂĽchtigen Meister des
4. Jahrhunderts nicht die Statue des Thrasymedes genau kopieren
-Fhct. Athen, Xut.-Muii-itii:.
Fio. 22. Asklepios, JMetope aus Epidauros.
wollten, sondern sich nur an den Typus hielten. Svoronos glaubt
nun dafĂĽr eintreten zu mĂĽssen, daĂź beide Bildwerke gleiche VorzĂĽge
und gleiche Technik zeigten und demnach offenbar von derselben
Hand seien.
Er nimmt an, daĂź beide Kunstwerke Metopen des
â– yO DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
Asklepiostempels waren, doĂź der eine den Gott seihst, die andere
Figur aber den Zeus darstellte, und daĂź sich dadurch die strengere,
steifere und schwerfälligere Pose erkläre. In einer Bauinschriit, in
der die Kosten der Herstellung des Tempels aufgefĂĽhrt werden,
wird Timotheos mit Wahrscheinlichkeit als Hersteller der Me-
topen angefĂĽhrt. Der Direktor des Athener .MĂĽnzkabinetts glaubt
nun mit um so größerer Sicherheit darin die Arbeit dieses Meisters
wiederzuerkennen, weil auch die tief eingeschnittenen und scharf
gebrochenen Furchen des Gewandes mit den sonst bekannten
Werken des Timotheos ĂĽbereinstimmen. An den Umrissen dieser
Beweisführung, von denen nur das auch dem Laien Verständliche
herausgenommen ist, möge der Mediziner aut der einen Seite
die Schwierigkeit einer archäologischen Diagnose
ersehen, wie er anderseits das subtile Urteil und
seine immerhin hypothetische Begründung schät-
zen lernen möge.
\J,i,'f\ , Fine naheliegende Vermutung ist es nun, das
â– --. '- Urbild des stehenden Gottes in dem Standbild
flg. 23. MĂĽnze aus parischem Marmor zu suchen, welches nicht
Epidauros mit thronen- "â– -â– - ^ â– >
dem Askiepios. j^^^ Tempel selbst, sondern in der Stadt der Fpi-
daurier unter freiem Himmel in einem heiligen Bezirke stand,
neben dem Bildnis der Fpione, seiner Gemahlin. Dieser Typus
wurde dann von einem PhidiasschĂĽler nach dem olympischen Zeus
umsjemodelt. Keinesfalls kann das xMonument aus dem arkadischen
Tesea von der Meisterhand des Skonas, oder das von Strabo be-
sonders gerĂĽhmte wundervolle Flfenbeinbildnis aus Kyllene, dem
Hafenplatz der Eleer, von Kolotus gefertigt, noch als Modell fĂĽr
die Schaffung des Tvpus als solchen in Betracht kommen.
Wir haben bisher eine Gattung von Asklepiosstatuen zu er-
wähnen vermieden, welche den jugendlichen Gott vorstellt und deren
Tvpus durch die berĂĽhmte Statue in dem Braccio nuovo des \'atikans
(Fig. 9) zu einem bekannten geworden ist. Allerdings, um dies
gleich vorweg zu nehmen, hat diese Statue wenig zu tun mit der
jugendlichen Auffassung des göttlichen Knaben, von dem Pau-
ASKLEPIOSSTATUEN.
71
sanias an mehreren Stellen berichtet. Es ist natĂĽrlich durchaus un-
kĂĽnstlerisch, einen JĂĽngling auf einen Stab gestĂĽtzt in dieser ma-
jestätischen Haltung des Heilgottes zu modellieren. Die Statuetten,
welche uns als Bildnisse einer noch ephebenhaften Männlichkeit
anmuten, zeigen denn auch eine größere Beweglichkeit des ganzen
Körpers. Als treffliche Beispiele dieses Apollotvpus des jugend-
lichen Heilgottes können einige Statuetten im Athener National-
museum selten. Bemerkenswert ist unter diesen das Bild, welches
sich in dem Heiligtume des Apollo Maleates 1896 in Epidauros
fand (Eig. 32) und auf gute griechische Zeit hinweist; das Original
geht vielleicht auf Polvklet zurück. Eine andere ähnliche Dar-
Stellung des jugendlichen Gottes ist als Weihgabe aufzufassen, die
ein gewisser Ktesias dem Helfer und Retter stittete.
Ganz anders die Statue im Vatikan. Hier
stĂĽtzte sich der Bildhauer auf sein Vorbild und
kopierte dasselbe bis auf die kleinsten Fähchen
des Gewandes. Die Repliken derselben Statue
aus Neapel (Eig. 6) und Elorenz (Eig. 17) weisen
auf das gemeinschaftliche groĂźe Vorbild. Die
Fig. 24. Asklepiosstatue
im Tempel,
schlichte und einfache Größe dieser Statuen eines
reifen Mannes, die ĂĽberlegene Ruhe seiner Haltung paĂźt zu dem
ernsten, reifen, männlichen Kopf; auf diese Statue aber das jugend-
lich frisierte Haupt dieses jungen Mannes gesetzt, zerstört den
ganzen Eindruck. Man wird den Gedanken nicht los, daĂź hier
Unpassendes zusammengefĂĽgt ist. Da nun diese Statue von ganz
ausgezeichneter Erhaltung ist und zu den wenigen gehört, deren
Kopf sich vom Rumpf nicht auch nur vorĂĽbergehend trennte, so
glaube ich entschieden, daĂź diejenigen recht haben, welche in diesem
Standbilde das Porträt eines hervorragenden Arztes sehen wollen.
Es war ja in Rom Sitte geworden, sich in der Stellung berĂĽhmter
antiker Skulpturen porträtieren zu lassen. So bildete z. B. Kleomenes
einen vornehmen Römer, indem er eine berühmte Hermesstatue
des 3. Jahrhunderts seinem Werke zugrunde legte. Ich erinnere
ferner an die sogenannte Domitia im Berliner Museum als Hygieia
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
und ferner an die Liebhaberei der Kaiserinnen und vornehmen Rö-
merinnen, sich im Typus aher griechischer Originalwerkc porträtieren
zu lassen. Daß dieses Bildnis ein Porträt sein soll, das lehrt schon
die Betrachtung der ganz eigentĂĽmlich geformten Ohren, die ziem-
lich weitabstehend durch die flache Behandlung der Muschel
charakterisiert sind. Gegen die Annahme freilich, daĂź dies Bild
das Porträt des Pomponius Musa, des freigelassenen Leibarztes des
Orig.-Ait/n. Athc», Sat -Musfuiii.
Fig. 25. Metope aus Epidauros.
Augustus, vorstellen solle, spricht der Stil der Arbeit, der dem
Zeitalter der Antonine angehört.
LĂĽr denjenigen, der sich im besonderen mit der Rekonstruktion
der überkommenen Torsos beschäftigen will, sei aut die fleißige
Arbeit von Emil Löwe') besonders hingewiesen. Ahm bekommt
durch die Gegenüberstellung von des Pausanias Erklärungen mit den
sieben epidaurischen Münzen eine ungefähre Vorstellung von der
') Emil Löwe, De Aesculapi figura. Argentorati 1888.
ASKLEPIOSSTATUEN.
73
von Thrasvmedes geschaffenen Bildsäule des thronenden Gottes.
Als Kuriosum erwähne ich noch schließlich, daß kürzlich ganz
ernsthaft der Versuch gemacht wurde, die wechselnde Stellung des
Standbeins bei dem Gott medizinisch zu erklären: »der Gott habe
an Hüftgelenksverrenkung gelitten«, deshalb habe er sich auch der
Heilkunde gewidmet. (!)
Wir haben bereits gelegentlich des verschiedenartigen Materials
Erwähnung getan, aus dem die
Standbilder gefertigt waren. Da
fällt mir eine Stelle aus dem
Lukian ein, wo in humoristischer
Weise im »Zeus Tragoedus« die-
ser Gegenstand behandelt wird.
Zeus hat sich ĂĽber die Debatte
des Stoikers Timokles und des
Epikureers Damis mächtig erregt.
Letzterer hatte die Existenz der
Götter überhaupt geleugnet und
unter ungeheurem Zulaut die
Opfer und Weihgeschenke tĂĽr
überflüssig erklärt. Dieser Wett-
streit zwischen den beiden Philo-
sophen sollte am nächsten Tage
wieder öffentlich weiter verhan-
delt werden und der Oflenbach-
Zeus ruft nun eine Versammlung der interessierten Götter zu-
sammen. Wie die Sache endete, lese man im Original nach. Hier
ist das amüsante Vorbild für »Orpheus in der Unterwelt«.
Zeus: Brav so, Hermes, du hast deine Sache vortrefflich gemacht; und sie
(die Götter) eilen schon herbei. Empfange sie also und placiere sie nach dem
Werte ihres Materials oder der Kunst, mit der sie gefertigt sind: die aus Gold
in der vordersten Reihe, hinter ihnen die aus Silber, dann die aus Elfenbein,
hierauf die aus Erz oder Marmor, und unter diesen letzteren sollen die von
Phidias oder Alkamenes oder Myron oder Euphranor oder den ahnlichen
Künstlern den \'orzug haben; das kunstlose Lumpengesindel aber möge in einen
Orig.-Phot. nach Gipsahgu/s. Bril. Museum.
Fig. 26. Asklepioskopf von Melos.
74
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
entlegenen Winkel gestoĂźen werden, nur um stillschweigend die \"ersammlung
zu fĂĽllen.
Hermes: Das soll geschehen, sie werden placiert werden, wie es sich geziemt.
LaĂź mich aber auch das wissen; wenn einer aus Gold ist und viele Talente
wiegt, die Arbeit aber nicht akkurat, sondern vollständig stümperhalt und ohne
jedes EbenmaĂź ist, wird dieser vor denen des Myron und Polyklet aus Erz oder
des Phidias und Alkamenes aus Marmor sitzen , oder soll die Kunst fĂĽr wert-
voller gelten?
Zeus: Zwar sollte es so sein, allein dem Golde muĂź der ^'orrang zuge-
standen werden.
Hermes: Ich verstehe, du befiehlest, daĂź sie nach dem Reichtum und nicht
nach dem Verdienste sitzen sollen. Kommt ihr Goldenen also auf den ersten
Platz! Wie es scheint, Zeus, werden nur solche aus dem Ăźarbarenland vorn
sitzen. Du siehst, wie die aus Hellas sind, zwar anmutig und schön und
kunstgemäß geformt, aber sämtlich aus Marmor oder Erz, nur die kostbarsten
aus Elfenbein, bloĂź mit so viel Gold, um Farbe und Glanz zu bekommen;
inwendig sind auch diese von Holz und bergen in sich ganze Scharen da hausen-
der Mäuse. Hier die Bendis, dort der Anubis, neben ihm der Attis, der Mithras
und der Men, die sind ganz von Gold und schwer und in Wahrheit wertvoll.
Poseidon: Ist das recht, Hermes, daß dieser Ägypter mit dem Hundsgesicht
den Platz vor mir, dem Poseidon, einnimmt?
Hermes: Ja, weil die Korinther damals nicht Gold hatten, formte dich.
ErderschĂĽtterer, Lysippus als armen Mann aus Erz. Dieser hier ist reicher als
ganze Bergwerke; du muĂźt es dir also gefallen lassen, auf die Seite geschoben
zu werden und nicht in Unwillen geraten, daß einer mit einer so mächtigen
goldenen Nase dir vorgezogen wird.
Aphrodite: So nimm mich denn, Hermes, bei der Hand und fĂĽhre mich in
die erste Reihe: ich bin golden!
Hermes: Nicht, soviel ich sehen kann; falls ich nicht sehr kurzsichtig bin,
bist du aus dem weiĂźen Gesteine des Pentelikon, wenn ich nicht irre, gebrochen,
und wurdest, weil Praxiteles es so wollte, als Aphrodite den Knidiern ĂĽbergeben.
Aphrodite: Ich werde dir einen glaubwĂĽrdigen Zeugen, den Homer, stellen,
der mich allerorten in seinen Gesängen die goldene Aphrodite nennt.
Hermes: Ach, eben der nannte auch den Apollo reich an Gold und Schätzen;
nichtsdestoweniger wirst du ihn jetzt irgendwo unter der dritten Klasse sitzen
sehen ; Räuber haben ihm die Kränze weggenommen und sogar die Wirbel aus
der Lyra gestohlen. Sei also zufrieden, wenn du nicht gar in der letzten Klasse
an der Versammlung teilnehmen mußt. — —
Wir haben bisher mit einer ge\Yissen Absicht es vermieden, von
der Krönung der Statue, welche Körperhaltung auch vom Künstler
gewählt war, von dem Kopfe des Gottes selbst, zu sprechen; es
tritt an uns die wichtige Frage heran, ob die alten KĂĽnstler das
Äskulapshaupt so charakteristisch gestaltet haben, daß es als solches
ASKLEPIOSKĂ–PFE. n z
unzweifelhatt erscheint. Diese Frage hat deshalb nicht nur theo-
retische Bedeutung, weil wir gerade bei den Schöpfungen der Antike
auf Ausgrabungstunde angewiesen sind, bei denen der Kopf häufig
isoliert ohne Körper zutage gefördert wurde. Und es ist gerade
Fhot . Alirtarl. Rom, Vatihai: ,
Fig. 27. Zeus von Otricoli.
wohl kaum ein Spiel des Zufalls, wenn um den schönsten und reiz-
vollsten aller Asklepiosköpfe, den in Melos gefundenen, ein Streit
entstehen konnte. Bei einzelnen antiken Köpfen finden wir charak-
teristischen Kopfschmuck, so daĂź jeder Zweifel schwindet, so z. B.
bei der Minerva, bei Hermes, Mars oder Jupiter Ammon. Auch
j6 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
des Herkules Kopf ist durch die starke Betonung des Überkräftigen
genĂĽgend charakterisiert. Beim Asklepios aber ist schon deshalb
die Situation ganz anders, als sein Kopt in offenbarer Anlehnung
an das Antlitz des höchsten Gottes Zeus (Fig. 27) geschaffen ist.
Das Ideal des Asklepiosantlitzes ist die reine Vermenschlichung
des Göttervaters unter Beibehaltung seiner sonst so charakteristischen
ZĂĽge und unter bloĂźer ZurĂĽcktĂĽhrung des Ăśberirdischen auf ein
Orig.-Pliot nach Gipsabgii/s . Brit. Miis.-uin.
Fig. 28. Asklepioskopf von Melos. Profilansicht.
rein menschliches Maß. Durch diese enge Verwandtschaft erklärt
es sich schon, daĂź der linkcl mit dem GroĂźvater verglichen und
verwechselt werden kann, da beide mit X'orhebe auch als im
crleichen Alter stehend dartrestellt wurden. Und so linden wir in
manchem .Museum einzelne Köpfe mit offenbar falscher Bezeichnung.
So bemerkt Kekule von Stradonitz von dem Gesichtstypus des
Zeus, daß er namentlich später dem des Asklepios immer ähnlicher
wurde. Im ganzen genommen jedoch bleiben die ZĂĽge des As-
klepios einlacher und weniger gewaltsam. »Sie bewahren viel \on
ASKLEPIOSKĂ–PFE. 77
dem schlichten Stil, in dem der Gott nach der ölientlichen Aut-
nahme seiner Verehrung in Athen im Jahre 420 v. Chr. zuerst
dort gebildet wurde.« Über denselben Gegenstand spricht sich
O V e r b e c k folgendermaĂźen aus ') :
»Demnächst dürfte man berechtigt sein, mit nicht geringer Wahr-
lii'iii , rlteriiit'iiiititsi'Uni
Fig. 29. Asklepioskopf.
scheinlichkeit das Ideal des Asklepios, für dessen Schöpfung durch
den späten pergamenischen Künstler Phvromachos man nichts
als die allerunzulänglichsten Gründe angeben kann, aut das Tempel-
bild dieses Gottes von Alkamenes in Mantineia (Pausanias 8, 9, i)
') Overbeck, Geschichte der griechischen Plastik. 4. Auti, I, Seite 37g.
y8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
zurĂĽckzufĂĽhren und zwar deshalb, weil das Ideal des Asklepios
wesentlich als eine geistreiche Umbildung des von Phidias aus-
geprägten Zeusideals erscheint, eine Umbildung, die unter Beibe-
haltung der meisten charakteristischen Formen doch vermöge ihrer
Herabsetzuno auf ein reiner Menschliches die Hoheit des Welt-
regierers durch die herzliche Milde und Klugheit des hilfreichen
Heilgottes zu ersetzen weiß. Ein solches Anlehnen an die Schöpfung
des Meisters und zugleich ihre so feine und geistreiche Umgestaltung
dĂĽrfen wir Alkamenes wohl zutrauen und ein solches Festhalten
des Zeustvpus, der ja an sich nicht im Wesen des Asklepios not-
wendig begrĂĽndet ist, am ehesten von einem SchĂĽler Phidias' er-
warten. Und da wir nun endlich wissen, daß spätere Meister, wie
z. B. Skopas, den Heilgott jugendlich auffaĂźten, also seinen Typus
wesentlich änderten, so haben wir wenigstens einigen Boden unter
den FĂĽĂźen, wenn wir es als nicht unwahrscheinlich hinstellen, daĂź
das Ideal des zeusartig aufgefaßten älteren x\sklepios auf Alkamenes
zurückgehe.«
Von diesen Asklepiosköpfen steht an erster Stelle der von Melos
(s. Titelbild und Fig. 26 und 28); die Photographie versagt voll-
kommen bei der Wiedergabe einer Plastik; sie spiegelt je nach der
Beleuchtung und Stellung Trug- und Zerrbilder vor, der Gips-
abguĂź gleicht dem Grammophon der Stimme. Das Unvergleich-
liche, Rührende und Überwältigende erfaßt erst den Beschauer, der
selbst nach einem (iang durch all die Herrlichkeiten des Briten-
museums verwöhnt und ermüdet zugleich vor das Antlitz des Gottes
tritt. Der wohl durch Alterspatina oder auch Farbreste geschaffene
Kontrast des blassen Marmorgesichtes mit den bräunlich-blonden
Locken und Bart erhöht noch den Gesamtausdruck; das aut dem
Bilde zu schmale Antlitz, das sich in der Flut der Haare verliert,
wächst im Steine zu herrlicher, milder Größe.
Diesem Meisterwerk gegenĂĽber verliert der Kopt aus dem
Thermenmuseum in Rom (Fig. 29) an (iröße; verglichen mit dem
Zeus von Otricoli (Fig. 27) erkennt man beinahe Zug um Zug
dessen reduzierte Ausgabe. Obwohl die Wendung des Kopfes auf
ASKLEPIOSKĂ–PFE. yo
unserer Photographie fĂĽr den Vergleich ungĂĽnstig ist, hesteht doch
eine große Ähnhchkeit in der Behandlung des Ausdrucks und der
Orig.-Au/ji. Athen, Nat. -.Museum.
I'ig. 30. Asklepiostorso aus Piräus (Kunstrichtung der Skopas).
Haar- und Bartbildung namentlich mit den Kopten in Neapel und
im Louvre. EigentĂĽmlich bei diesem Kolossalkopt ist nur der
80 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Ăśbergang der Haargrenze. Wenn nicht ausdrĂĽcklich der Kopt und
der Oberkörper des athenischen Xationahiiuseums, der in Piräus 1888
.'- Brogi. Arckaol. JJustit/n.
Fig. 31. Asklepios, antike Marmorstatue. Syrakus.
gefunden wurde, von den Archäologen als Resle einer Askulapstatue
anerkannt wären, so müßte die Vergleichung mit den übrigen
Asklepiosstatuen starke Zweifel nach der Richtung autlamimen
ASKLEPIOSKĂ–PFE. 8 1
lassen (s. Fig. 30). Sowohl der Ausdruck des Kopfes als namentlich
auch seine Haltung mit ihrer scharfen Drehung nach oben, die
völlige Nacktheit der ganzen Brustpartie bis unterhalb des Nabels
unterstützen diese Zweifel. Die Augenhöhlen waren offenbar von
künstlichen Augen erfüllt, das Wirre und, man möchte beinahe
sagen, Leidenschaftliche der Lockenbildung, der ziemlich geöffnete
Mund, das stärkere Hervortreten der Backenknochen verändern d;is
gewohnte Bild, und man denkt zunächst vielleicht an einen Xeptun.
Die starke Vorwölbung und Neigung des unteren Bauchabschnittes
haben schon V. Stais veranlaĂźt, anzunehmen, daĂź eventuell eine
Statue des sitzenden Gottes in Frage kommen könne. Dagegen
spricht aber dann die Kopfhaltung. Anderseits haben wir es
sicher hier mit einer vorzĂĽglichen Kopie einer Arbeit des 4. Jahr-
hunderts zu tun.
Dem unbärtigen Jünglingskopf unseres Gottes, wie ihn z. B.
Kaiamis (Pausanias IL 10. 3) darstellte, fehlen jegliche charakteri-
stische Attribute, selbst wenn der Kopf in irgendeiner Weise bekränzt
dargestellt ist. Da ist denn der darstellende KĂĽnstler auf die anderen
Attribute angewiesen, und von diesen besitzt der Heilgott eine
ganze Anzahl charakteristischer und schmĂĽckender.
Wenn wir uns jetzt zu diesen Attributen wenden, so scheint
es zunächst vielleicht seltsam und merkwürdig, daß wir Herkunft
und Inhalt dieser Verkörperungen oftmals nur ahnen, und daß diese
demgemäß die verschiedenen Autoren verschieden auslegen. Nur
darĂĽber kann eine Teilung der Ansichten wohl kaum entstehen,
daĂź der verschiedene Kopfschmuck des Gottes gewissermaĂźen nur als
Epitheton ornans zu gelten hat. Denn das Theristrion, die glatte
oder auch die gedrehte Binde, die »vitta tortilis« der Römer, finden
wir bei verschiedenen Göttern. Sie wechselt bei dem Asklepios
von der anspruchslosen Binde, die nur die FĂĽlle der Locken meistert
und die Haare am Schädel anlegt, bis zu einem richtigen Kopf-
schmuck-, den- den Kopf krönt, wie bei der Statue im Nationalmuseum
Neapels und ihn gloriolenhaft verschönt. Wenn echt, belastet die
schlangenleibdicke Wulstung des Berliner Gottes (Fig. 8) dessen
Holländer, Plastik und Medizin.
82
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
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Fig. 32. Asklepios-Apollo, antike IMarmorstatue.
r.eriinden in Epidauros im Heiligtum der ApoUon Maleatas 1896.
DER OMPHALOS. 83
frisiertes Haupt, vielleicht von unten betrachtet, weniger ungĂĽnstig.
Dasselbe gilt von der Syrakuser Gottheit (s. Fig. 31), einer offen-
bar schwachen \'erkörperung unseres Ideals. Solchen Kopfschmuck
sehen wir vielfach verwendet. Doch auch mit anderem ungewöhn-
licherem Schmuck umgab man das geliebte Haupt; ein Lorbeerkranz
machte ihn wiederum dem Zeusvater ähnlicher. \\>lches Diadem
den himmlisch schönen Kopt des Britenmuseums krönte, ist nicht
mehr zu sagen, es wird wohl ein goldenes Theristrion gewesen
sein oder ein Kranz von größerer Ausdehnung und Gewicht; dafür
sprechen noch die Ăśberreste der umfangreichen Befestigung am
Stein. Wir erinnern noch an den Rosenkranz seines Sohnes Machaon.
DER NABEL.
Vielfach finden wir, so z. Ăź. bei dem Neapolitaner Standbilde,
dem Syrakuser und anderen, neben dem linken FuĂźe des Gottes
einen eitörmigen, rundlichen Körper, der durch Netzwerk verziert
erscheint; derselbe Gegenstand, von einer Schlange umgeben, wieder-
holt sich auf pergamenischen und anderen MĂĽnzen. Panofka IL 13
bildet einen solchen aus Nakrasa in Lydien ab. Die Deutung dieses
Körpers gelingt nicht ohne weiteres. Zunächst ist man versucht
an einen groĂźen Pinienzapten zu denken, denselben, den der Gott
bisweilen in der Hand trägt. Doch die nähere Betrachtung lehrt,
daĂź die kreuzweise gestellte Ornamentik mit dem rundlichen mĂĽnzen-
förmigen Kreuzungspunkt der geometrischen Linienführung eines
Pinienzapfens, wie er in der griechischen Kunst seltener, in der
römischen Kunst aber häufiger dargestellt wurde, widerspricht.
Dabei ist die erhabene Ornamentik dieses Steinkegels durchaus keine
willkürliche, und finden wir sie auch hei den offenbar späteren
Wiederholungen in der charakteristischen Form, so z. B. auch bei
dem vatikanischen jugendlichen Äskulap.
Auf der Suche nach der Deutung dieses benetzten rundlichen
Körpers, finden wir auch einen ähnlich behauenen großen weißen
Marmorblock aus Delphi, der mit Recht wohl als zum delphischen
84
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Orakel gehörig angesprochen wird. Tansanias sagt von diesem,
den »Oniphalos«, den Nabel darstellenden Werk, daß er nach der
Sage der Delpher der Mittelpunkt der ganzen Erde sei, und Pindar
habe in einer Ode Gleiches gesungen (Pausanias X, i6). Dieser
antike Reiseführer erwähnt noch einen zweiten Omphalos (II, 13),
nämlich in Phliasia, »nicht weit vom Markte ist der sogenannte
Omphalos, der Mittelpunkt des
ganzen Peloponnes, wenn sie
nämlich die Wahrheit sagen«.
Die Betrachtung dieses,
dicht neben dem groĂźen Altar
gefundenen delphischen Nabels
zeigt in der Form zwar eine
genaue Ăśbereinstimmung mit
dem abgeplatteten zuckerhut-
artigen Gebilde zu FĂĽĂźen des
lleilgottes: aber im Gegensatz
zu der regelmäßigen, quadra-
tischen Benetzung dieses zeigt
er eine ähnliche, aber erheb-
lich kompliziertere Ornamen-
tik. Verfolgen wir diese, so
macht es den Eindruck, als
wenn Binden und Bänder um
den Stein gelegt seien, die
sich parallel begegnen und
rechtwinklig kreuzen, aber in der Weise, daĂź sie nicht miteinander
verschlungen und geknotet sind, sondern unter- und ĂĽbereinander
um den Stein gelegt erscheinen. Diese, dadurch wie die Glieder
einer Tänie gestalteten Bandornamente müssen wir uns wohl larbig
vorstellen, schwarz und weiĂź, als Ausdruck des Wechselspiels
zwischen Leben und Tod. Mit der Betrachtung dieser Stein-
symbolik aus Delphi werden wir der innere]! Auflösung des Attri-
butes unseres Gottes nahekommen. Dem Apollo, dessen Kultus
W 4
/â– //â– .' .-iniiari. Delphi
Fig- 33- Der Omphalos von Delphi.
OMPHALOS.
85
als des Gottes der Weissagung in Delphi seinen Höhepunkt fand,
war der 7Aim Orakel gehörige Omphalos eigentümlich. Auf dem
Omphalos sitzend, verkĂĽndet Apollo nach Euripides seine SprĂĽche;
Orig.-Phot. AtJuii, Nat.-MliSiiun.
Fig. 34. Asklepios auf dem Omphalos sitzend.
das Symhol des groĂźen Vaters ging aut den kleineren Sohn ĂĽber,
und auch neben dem weissagenden und traumdeutenden Gott in
Hpidauros war ganz am Platz gewissermaĂźen die kleinere Ausgabe
des delphischen Omphalos. Inwieweit die Eitorm dieses Symbols
86 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
dem mythischen Urei und dem Dualismus des männlich-weiblichen
Prinzipes nahekommt, wie das Bachofen') in seiner »Gräber-
symbolik der x-\lten« annimmt, das soll an dieser Stelle in den
Hintergrund treten. Als Basis von Apollostatuen diente der Om-
phalos gelegenthch. Eine solche befindet sich mit den FuĂźresten
im Athener Museum, Nr. 46 des Katalogs.
Xoch eine andere Möglichkeit verdient genannt zu werden,
wenn auch dieser Gedanke auf Widerstand stoĂźen wird. Es ist
immerhin möglich, daß die Gestalt des Schröpfkopfes, wie wir
noch zeigen werden, die offenbare Marke ärztlicher und heilhelfe-
rischer Tätigkeit, gelegentlich zur Anwendung kam, und daß diese
formverwandte Linie fĂĽr den Omphalos gehalten wurde oder um-
gekehrt, wie sie anderseits auch eine Personifikation im Telesphorus
fand. ĂśberflieĂźen undeutlich gewordener mythologischer Ideen in
verwandte Formen finden wir bei Religionsvorstellungen häufig.
Völlige Aufklärung bringt das quadratische Relief (60x33 cm
1388) aus dem Athener x'\sklepieion , eine strenge Arbeit des
3. Jahrhunderts, im attischen Stil (s. Fig. 34). Auf einem groĂźen
Omphalos sitzt x'Vsklepios, den Kopf nach rechts wendend; der
rechte Arm rechtwinklig erhoben. Der Stab, den er hier hielt, ist
zwar verloren gegangen, aber am Grunde ist seine Befestigung noch
erkennbar. Der Gott sitzt ungeschickt und gezwungen; der Ober-
körper ist ziemlich entblößt, er wendet sich zu einem jugendlichen
Manne, dessen Größe es erkennen läßt, daß kein Sterblicher gemeint
ist. Neben ihm sitzt Hygieia, die züchtig mädchenhafte Göttin.
In dem Ornament zu des Gottes FĂĽĂźen mĂĽssen wir also den
plastischen Ausdruck der prophetischen Gabe des Heil-
gottes erlvcnnen. In der antiken ursprünglichen Machtsphäre des
Asklepios überwog die göttliche Kraft der Orakelspende, die der Tiefe
der Erde entsprang. Wie des \'aters xA.pollo Sehergabe beim heiligen
DreifuĂź sich in den Orakeln der Pythia kund tat, so gab unser Gott
durch die beim Tempelschlaf gespendeten Träume die Richtung auf
das Heil. Der Omphalos ist also das Svmbol göttlicher Intuition.
') J. J. Bachofen, Versuch über die GräbersymboHk der Alten. Berlin 1859.
DIE SCHLANGE. ^n
DIE SCHLANGE.
Das charakteristische Svmbol des Heikottes ist die Schlange.
Doch sofort bedarf es einer ziemHchen Einschränkung, denn von
den Zeiten primitivster Mythenbildung bis in die KlĂĽgelei der mo-
dernen Zeit war das Schlangensymbol die vulgärste Attrappe für
allerlei andere Vorstellungen. Bei allen \'ölkern und zu allen Zeiten
spielt diese Tierform in Sagen und Märchen eine bedeutsame
Rolle, und unter ihrer Gestalt iinden wir selbst kontrastierende Yor-
stellungen vereinigt. Gott strafte die Paradiesschlange folgender-
maĂźen: er nahm der Schlange die Sprache und ihrer Zunge gab er
Gitt, erklärte sie für einen Feind des Menschen-
geschlechts und verhieĂź ihr, daĂź ihr der Kopf
zerschlagen werden sollte, er beraubte sie der FĂĽĂźe
und hieß sie sich im Staube der Erde wälzen'). ^BK^'^ K iJ\
Wenn wir uns bei dem Studium einer Schlan- V^^^J") A
gensymbolik nur auf das Altertum beschränken '■'''' \-'.i-iV''
wollen, so hnden wir diese Tiere als Begleiter i'ig. 35. A^kicpios auf
ö
■1 /^ . . 1 ■o • • 1 1 «- neflügelter Schlange.
Vieler Gottheiten. So wissen wir aus der Mv- .
Münze aus Nikäa in Eithynien.
thologie, daĂź die Schlangenform beliebt war,
wenn Götter in Verwandlungen heimliche Taten vollbrachten. So
verwandelte sich z. B. Zeus in eine Schlange, als er der Demeter
oder Rheia sich näherte. Im Piräus wurde Zeus Meilichios als
Schlange verehrt (s. Fig. 37).
Auch Apollo ist die Schlange beigeordnet. Die delphische
Orakelstätte war durch Schlangengewinde geschmückt, dem Svmbol
der erdständigen chthonischen Gottheit. Es genügt aber, nur an den
Hermesstab zu erinnern, um darauf hinzuweisen, daĂź die Schlange
durchaus kein charakteristisches Symbol des Heilgottes sei. Auch
der wesensverwandte Sarapis fĂĽhrt gelegentlich den Schlangenstab.
Eine besondere Schwierigkeit erwächst uns noch, wie wir bei
der Besprechung der Grabdenkmäler sehen werden, durch die so-
genannte Toten seh lange, welche dort direkt zu Verwechs-
') Fla vi US Joseph US, JĂĽd. AltertĂĽmer, i. Band.
88 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
lungen mit der Schlange des Äskulap auffordert. Im Gegensatz zu
der freieren Verwendung der Asklepiosschlange bei seiner häufigsten
Begleiterin, der Tochter Hygieia, finden wir bei den statuarischen
Denkmälern des Gottes fast eine einzige Anordnung. Zu den Füßen
des Gottes ringelt sich die Schlange, und der Stab, an dem sich
das Tier emporwindet, bildet die innige Verbindung zwischen beiden.
Die Auffassung, daß der Gott einen Vv-^tnderstab trägt, auf den er
sich stützt, entspricht nicht dem göttlichen Wesen des Heilers. Ist
der Gott sitzend dargestellt, so finden wir die Schlange meist unter
seinem Sessel, aber der Stab charakterisiert den Gott ; kĂĽnstlerische
Momente veranlaĂźten hier wieder die Trennung. FĂĽllt die LĂĽcke
unter dem Sessel ein Hund, so ist die Schlange am Stabe ange-
deutet, oft fehlt auch der Stab, den man sich dann aber gemalt
oder sonstwie ergänzt denken muß.
Wie kam nun unser Gott zu dem Symbol? Da muĂź nun zu-
nächst darauf hingewiesen werden, daß eine antike Wortauslegung
den Namen Asklepios als Askalabos definierte; die ältesten Griechen
stellten sich die Erdgeister, die den Menschen im Schlummer er-
scheinen und weise Ratschläge geben, besonders solche, die sich
auf die Gesundheit erstreckten, in Schlangengestalt vor, wie ja die
Schlange in der Symbolik jener frĂĽhen Zeit als der Arzt unter den
Tieren galt'). Ob diese Voraussetzung richtig ist, ist hier nicht
möglich zu entscheiden. Wir erinnern nur an die Vorstellung des
Zeus Meilichios als Schlangentier und an die Mythe, daĂź der Heil-
gott selbst der Aristodeme als Schlange beiwohnte. Jedenfalls hat
die freisinnis:e Griechenseele von einem Tierfetischismus sich bald
abgewandt. Die Ursachen, der Schlange dämonische Kratt zu vin-
dizieren, sind vielfache. Ihr BiĂź als Gift und Gegengift, die Ge-
schwindigkeit ihrer Fortbewegung, ihr ZĂĽngeln, ihre Vielgestaltigkeit,
ihre innige Verbindung mit der Erde, vor allem aber die Beobach-
tung ihrer scheinbar einzigartigen Häutung als autdringliches Symbol
von \'erjĂĽngung und Wiedergeburt.
') O. Gruppe, Griech. Mythologie und Religionsgeschichte, i\IĂĽnchen 1906, im Handbuch
von I\v. V. MĂĽller.
DIE SCHLANGE. 89
Sinngemäß linden wir so einmal die Schlange als Personifikation
des »Giftigen Bösen«, Unheilbringenden und Unheilverkündenden.
Mit dem Ăśbergang zum Schlangendrachen sehen wir bei den ver-
schiedensten Kulten immer wieder die Figur des »Drachentöters«
als des befreienden Helden. Bei dem antiken hellenischen Glauben
überwiegte jedoch die gegenteilige Vorstellung des rein Göttlichen.
Ihre enge Beziehung zur Erde galt als chthonischer Gedanke par
excellence; die Schlange wurde in erster Linie zum Genius loci,
zum Wächter und zum orakelspendenden Schützer eines Tempels,
eines Ortes, und auch vor allem des letzten Ortes, des Grabes.
Römische Monumente und Altäre waren den »sanctis draconibus«
geweiht, und die Unterscheidung zwischen ihnen und den Laren
und Penaten verwischt. Die Orakelidee knĂĽpft sich des weiteren
an dieses Tier, das lehrt schon die Geschichte der Erechtheus-
schlange, welche durch das UnberĂĽhrtlassen der Speise das drohende
Unheil voraussagt. Nur die fressende Schlange bedeutet glĂĽckliche
Wendung und so wird mit Vorliebe das göttliche Heilerpaar und
namentlich Hvgieia mit fressender Schlange bildlich verkörpert.
Honig und Honigkuchen sind die Lieblingsbissen für die Äskulap-
schlange. Hier sei noch daran erinnert, daß erdgeborene Götter,
die Giganten in hellenischer Zeit, einen Schlangenleib zeigten.
Das Kind der Gäa, »die Schlange«, gehörte naturgemäß auch an
den Platz der Erde, wo aus ihrer Tiefe die Zauberkraft der ^^>is-
sagung hervorging, und der Drache ist der HĂĽter der ersten und
bedeutendsten Orakelstätte Delphis. Und der feuerspeiende Drachen,
der Furcht und Schrecken und grauliche Verehrung der ĂĽberheiligen
Stelle hervorruft, verkleinert sich zur glatten Schlange des Heil-
gottes. Alles das sind Momente, die der reflektierende Geist aus
dem Mythenkranz hellenischer Vorstellung als BegrĂĽndung dafĂĽr
losgelöst hatte, um die Schlange zu Füßen des Gottes zu moti-
vieren. Es steht demnach im Belieben des einzelnen, aut das eine
oder andere Motiv mehr Gewicht zu legen und entweder des
Plinius Auslegung zu folgen, der (Hist. nat. VI, 22) die Symboli-
sierung damit erklärt, daß die Schlange selbst eine Menge Heil-
90 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
mittel liefere und besonders scharfe Augen habe, oder Welcker zu
folgen, wenn er das Orakeltier bevorzugt, oder Maehlv, wenn
er in dem Häutungsvorgange das Verjüngungsprinzip als Vor-
stellung der Genesung und ewiger Jugend das Entscheidende sieht.
Das scheint mir heutzutage mehr persönlicher Geschmack, da der
Beweis auch schon vor beinahe 2000 Jahren nicht mehr erbringlich
war. Hier hilft vielleicht nur die vergleichende Sagengeschichte,
und da muĂź ausdrĂĽcklich darauf hingewiesen werden, daĂź schon
die Mosesschlange den Beweis bringt, daĂź auch in der Vorstellung
der alten Juden der Heilbegritf der Schlange existierte, und daĂź
auch den Ägyptern die Schlange das Symbol der Unsterblichkeit
war. Jedenfiills imponierte den Römern, als sie gelegentlich einer
Pest sich von Epidauros 293 v. Chr. die Äskulapschlange herüber-
holten, das GewĂĽrm auĂźerordentlich. Die Schlan2;e bĂĽr2;erte sich
derartig in Rom ein, daĂź man von einer wirklichen Schlangen-
plage reden konnte. Sie wurde zum richtigen Haustier und damit
schließlich zu einer Belästigung. Wir können verstehen, daß man-
chem weniger Tierliebenden und weniger Kultfreudigen dieses
Getier unangenehm war, namentlich wenn sich die heiĂźblĂĽtigen
Römerinnen den epidaurischen Gott zur Kühlung um Hals und
Busen legten, und daß die Mißgünstigen die vielen Stadtbrände
nur unter dem Gesichtswinkel betrachteten, daĂź dadurch wenigstens
die Schlangenbrut mit zerstört wurde. (Siehe Maehlv.)
Es ist bekannt, daß die Römer der Tiberinsel äußerlich durch
eine Travertinverkleidung die Form eines Schiffes gaben und daĂź
ein Obelisk die Stelle des Mastes versah. Das taten sie, als Rom
bei Epidauros Hilte suchte gegen eine Epidemie und man dem
Schlangengott in der eigenen Stadt eine Kultstätte geben wollte.
Angeblich entschlĂĽpfte die Epidaurosschlange den Heimkehrenden
aut der Insel unil darin sah man des Gottes V/unsch, hier sein
Heim zu haben. Römische Reliefs und Medaillons aus antoni-
nischer Zeit halten diesen Moment fest; aber auch die Insel, jetzt
Isola S. Bartolommeo genannt, zeigt noch einige Erinnerungen alter
Bestimmung. An der östlichen Kante hat sich ein Teil der alten
DIE SCHLANGE.
91
Travertinverkleiduna: erhalten. Man sieht da die Reste des Schiff-
bugs und die x^usladung des Rumptcs fĂĽr die Ruderer. Aut unserer
Abbildung (s. Fig. 36) sehen wir noch die Stelle, wo die BĂĽste
Fig. ö''- Ustecke der Tiberinsel S. Baitulcimmeo.
.Alle Travertinbekleidiing mit Emblemrestea,
des Gottes als Verzierung angebracht war. Es mui:^ wirkungsvoll
gewesen sein, denn sonst hätte man sich nicht die Mühe gegeben,
es glatt abzusägen'). Vielleicht Inndet es sich, kenntlich an der
') In den .Annnli deU' Istit, 1S67, tav. d'agy. K. findet sich noch eine vollständigere Abbildung.
92 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
glatten Hinterflachc, noch irgendwo. Eine im Winde flatternde
Locke hat sich noch aut dem Fond erhalten. Ebenso der Stab mit
der Schlange und seitlich vorspringend ein Stierlcopf. Offenbar
korrespondierten an den andern Stellen der W'rkleidung ahnliche
Embleme. Unsere Abbildung entstammt älterer Zeit, wo man die
Stelle archäologisch untersucht und freigelegt hatte. Die ganze
Schiffsflanke ist aber jetzt wieder versandet und bis beinahe zur
Höhe der Schlange mit Schlamm und Sand bedeckt.
Die Schlange als Symbol der Heilkratt schlängelt sich bis in
die modernste Zeit. Es war die Autgabe gestellt, fĂĽr den Berliner
Hygiene-KongreĂź eine symbolisierende Plakette zu schaffen. Bei
dieser Gelegenheit zeigte sich die Armut unserer Zeit an sinn-
fälliger Allegorie. Mein Vorschlag, eine Giftschlange zu bilden, der
eine nervige Faust den Hals zudrĂĽckt, wurde mit RĂĽcksicht auf die
Heiligkeit der Schlange abgelehnt. Man rekurrierte schlieĂźlich auf
eine Hygieia, die allerdings so unklassisch wie möglich des \'aters
Schlangenstab fĂĽhrt; trotzdem ein Beweis, daĂź wir auch im Zeit-
alter der Flugmaschine noch von den Göttern Griechenlands ge-
leitet werden, wenn wir das Land der reinen Vorstellung betreten.
Die Schlange kam in drei verschiedenen Spezies in den Heilig-
tümern vor. »Die Drachen, deren Farbe etwas mehr ins Rötlich-
gelbe spielt, gelten fĂĽr geheiligt und sind zahm gegen die Menschen.
Sie kommen nur im epidaurischen Lande vor« (Paus. II, 28). Von
den Schlangen, die im Asklepieion in Titane sich betanden, erwähnt
derselbe Autor, daĂź man sich diesen Schlangen aus Scheu nicht zu
nähern wagte, sondern man legte ihnen das Futter vor den Eingang
(Paus. II, 11). Es ist dann ferner bekannt, daĂź noch eine sehr groĂźe
Spezies von Schlangen unter den Ptolemäern aus Äthiopien nach dem
Asklepieion von Alexandria verpflanzt seien. Es ist das offenbar die
Sorte, von der auch unser Gewährsmann in diesen Dingen, Pau-
sanias, im neunten Buch seiner Reisebeschreibung, 21. Kapitel, spricht.
Wir wollen den ganzen Passus hier anfĂĽhren, weil hier die moderne
Anpassungsidee im Prinzip eindeutig schon vorgetragen wird.
»Ich glaube, wenn jemand die äußersten Gegenden Libyens oder
DIE SCHLANGE.
93
Indiens oder Arabiens bereisen wollte, um Tiere aufzusuchen, die bei
den Griechen vorkommen, so wĂĽrde er einige davon gar nicht finden,
bei anderen aber wĂĽrde er bemerken, daĂź sie nicht gerade so aus-
sehen. Denn nicht allein der Mensch nimmt mit der \'eränderung der
Luft und des Landes eine verschiedene Gestalt an, sondern auch alles
ĂĽbrioe dĂĽrfte dasselbe erfahren; so z. B. haben unter den Tieren die
hbyschen Nattern eine andere Farbe als die ägyptischen, und in
Äthiopien nährt das Land schwarze Nattern nicht minder als Men-
schen. Darum soll ein jeder mit seiner Meinung weder voreilig
sein, noch auch ungläubig bei Dingen, die seltener vorkommen.«
Eis.
Orig.-Au/ti. Bertin, Altes Museum.
Att. Votivrelief des 4. Jahrhunderts. (Zeus Meilichios in Schlangengestalt.)
Der Schlangenstab, d. h. ein von einer Schlange umringelter
Stab, erscheint als Wappen der Stadt Kos nachweislich nicht vor
dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Als Kopf finden wir sie
auf der Stele von Bujukdere'), auf der ĂĽbrigens erstmals von einem
Marinearzt ĂĽberhaupt die Rede ist.
Die Schlange allein bietet also ohne weiteres noch gar keinen
Hinweis auf den Heilgott. Es war demnach eine Entgleisung,
gewissermaĂźen als Motto fĂĽr ein Buch ĂĽber den Heilgott einen
') Abbildung s. Haberling, Die römischen :\Iilitärärzte. Veröflentl. aus dem Gebiete
des ]\Iilitärsanitäts\v. 19 lo.
94
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Votivstein mit einer Riesenschlange zu setzen, welcher wahrschein-
lich gar keine Beziehungen zum Asklepios hat^). An und fĂĽr sich
gibt dieser A'otivstein dem Archäologen Rätsel aut; wir sehen da
auf einer großen Sandale einen bärtigen Mann in Adorantenstellung,
darunter die groĂźe Schlange. Die Inschrift gibt nur
den Namen des Spenders; der Fundort des Pilasters war
in der Xähe des Temenos des Heilgottes in Athen.
Wir werden noch sehen, daĂź man den verschiedenen
Göttern und auch dem Heilgotte Füße weihte, d. h.
nackte oder in Sandalen steckende. Hier aber ist
auffälligerweise die Sandale allein in effigie geweiht.
Prof. Tsountas hat nun gezeigt, daĂź man einem be-
sonderen Heros in Athen seine Sandalen weihte; dann
ist aber wiederum die Frage der Schlange ungelöst.
Als Weihgabe wegen glĂĽcklicher Pilgerschaft eventuell
zum Asklepiosheiligtume kommt die \'erbindung
nicht in Frage. Vielleicht ist folgender Gesichtspunkt
bei diesem singulären Votiv einer Beachtung wert.
In Athen war die Epidaurosschlange heimisch. Das
Loch, in welchem sie angeblich ihre Heim- und
Brutstätte hatte, wird im Heiligtume noch gezeigt.
Sie gehört zu den kleineren Spezies, die abgebildete
I^H^H Schlange aber ist, dafĂĽr haben wir ja das Vergieichs-
IE»^H maß daneben im geringelten Zustand, j'janal so lang
wie der Schuh. Zu den zahlreichen H3'pothesen käme
also noch die Möglichkeit hinzu, daß der Träger der
Sandale durch ihre Hilfe, d. h. schnelle Flucht, einer
Schlangengefahr entgangen ist, und daĂź er deshalb
aus Dankbarkeit das Bildnis beider dem Retter weiht.
Der Hermesstab hat seiner ganzen Entwicklung nach gar keine
Beziehungen zu dem Schlangenstab des Asklepios. Zunächst war
er in seiner älteren Darstellung eine Gerte mit oben umgebogenem
Athen, Aat.-Miis.
Fig. 38.
Votivstein.
') Aravantinos Asklepiaka bei W. Drugulin. Leipzig 1907. Amelung, Archiv f. Reli-
gionswiss. VIII. 1905.
DER HUND. 95
Zwiesel, der deutschen WĂĽnschelrute verwandt. Der geflĂĽgelte
Schlangenstah entstand erst in späterer Zeit, und ist diese jüngere
Form nach Prell er aus mehr dekorativen RĂĽcksichten hervor-
gegangen. Der Stab (Kerykeion, Caduceus) war Heroldszeichen
und eine Zauberrute, mit der Hermes alles in Gold verwandeln
konnte. Auf iViercur Caducifer ist eben nur einer der vielen Cha-
raktere des Hermes ĂĽbergegangen.
DER HUND.
Ein standiges InventarstĂĽck der HeiligtĂĽmer des Gottes war
der Hund. Die BegrĂĽndung seiner Verehrung haben wir ja schon
in den Sagen gefunden, die die Geburt des Gottes umgeben. Ein
Hund fand den auf dem Berge Titthion ausgesetzten Knaben und
es scheint, daĂź auch die nichtepidaurischen Tempel sich heilige
Hunde hielten.
Dieses Sinnbild der Wachsamkeit und Treue zu FĂĽĂźen eines
Helfers scheint nun zunächst einer besonderen Erklärung nicht zu
bedĂĽrfen. Aber solch einfachen Weg geht der Mythus nicht. Wir
wissen aus unseren Betrachtungen, daß die Göttlichkeit des Heilers
zunächst keine menschlichen Charakterzüge autweist. Im äußersten
Gegensatze zu dem Charakter des größeren Gottessohnes ragte der
Kopf des Enkels des Zeus hinaus ĂĽber alles Irdische, Menschliche.
Zu eines solchen Olvmpiers FĂĽĂźen kann der Hund nicht die Be-
deutung einer menschenfreundlichen Gesinnung von Treue und
Anhänglichkeit haben.
Auf der Suche nach der Wesensart dieses Begleiters des Gottes
erinnern wir uns zweier anderer Hunde, die in der griechischen
Mvthologie eine größere Rolle spielten, des Ürthros, des Hundes
des Gervoneus, und des den Hades bewachenden Kerberos. Nach
der altmvthologischen \'orstellung, welche diese Hunde der Unter-
welt sich vielköpfig denkt — bei Pin dar hatte Kerberos noch
hundert, bei Hesiod noch fünfzig Köpfe — , liegt die Erklärung
nahe, daĂź das entfernte vulkanische Erdbeben und das
c)6
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
unterirdische Tosen dieser Tiere der Unterwelt als das
BrĂĽllen eines Hundes aufgefaĂźt wurde. Der Odem dieser
Hunde war feuerspeiend. Bis in die spätere Zeit hinein wurden
solche vulkanische Stellen und Grotten, wo aus der Erde flĂĽchtige
und flĂĽssige Zeichen unterirdischer Feuerglut an den Tag treten,
mit Hundenamen helegt. Ich erinnere nur an die bekannte Grotta
del Cane bei Puteoli. Wer einmal den Boden der Soltatara be-
treten, der heute noch dieselben Eigenschaften besitzt wie in der
antiken Zeit, wo an allen Stellen sprudelnde heiĂźe Sandquellen
oder rauchende Gase zum Vorschein kommen, wenn nur der
Boden etwas gelockert wird, der wird den A'ergleich eines unter
der Erde hausenden Feuerhundes verstehen, um so mehr, wenn
gerade unterirdisches Grollen zu hören ist.
So ist auch der Hund des Asklepios kein gewöhnlicher Hirten-
hund, sondern das Symbol der feurigen unterirdischen Kratt, die
sich in heiĂźer sprudelnder Quelle kundgibt. So waren es auch in
erster Linie vulkanische Stellen, bei denen die ersten Kultstätten
des Gottes errichtet waren. Über der Hauptkultstätte Epidauros
erhob sich der Berg Kvnortion. Andere Hundeberge oder vulkanische
Umgebung mit warmen Quellen zeigen sowohl die italischen als
auch griechischen und kleinasiatischen Kultstätten. \'ergegenwärtigen
wir uns nun noch, daĂź die Wortauslegung sowohl wie auch die
Bedeutung des Gottes die einer Personifikation der Heilkratt der
gesunden Natur bedeutet, daĂź ferner seine Feuergeburt, sein Blitz-
tod und seine Beinamen in dieser physikalischen Richtung liegen,
daß sein Grab in dem allerdings problematischen »Kynosura«, das
Panofka nach Arkadien verlegt, gezeigt wurde, ziehen wir viel-
leicht noch die orientalisch-semitische Auslegung hinzu, welche in
dem Namen des Hundes (Kelep = IIund und Esch = Feuer, Eschkelep
= Feuerhund) die Hieroglyphe fĂĽr den (Jott selbst sieht, so ist
der Ring genĂĽgend geschlossen, um in dem Hunde das Symbol
seiner primären und bedeutendsten Heilpotenz der warmen Mineral-
quelle zu finden. Dieser »Hundemarke« sollte irgendein modernes
Heilwasser neue Popularität geben.
DER HUND.
97
Bezeichnend ist auch die Sarapisstatue aus dem Serapeum unter-
halb der Solfatara. Zur Seite des Gottes, der den Kahithos auf dem
Xfafiei, Nat.-Museuiit.
Fig- 39- Sarapis, antik. Marmor aus dem Serapeum von Puteoli.
Kopfe trägt, steht der Kerberos mit der umwundenen Schhtnge
(s. Fig. 39).
Die zwei Hunde des Königs Yama, Urahns der Menschheit, be-
wachen in den indischen \'eden den Pfad zum Paradiese, wo dieser
Herrscher wohnt; auf einer spartanischen Statuette l^auert neben
Holländer, PListik und Medizin. '
98
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
dem Untcrwcltsgott, hier »Zeus« benannt, ein Hundepaar, das dem
indischen in jeder Hinsicht entspricht, so daĂź wir nicht fehlgehen,
wenn wir die zugrunde hegende Ghiubensvorstellung als indo-
germanisches Gemeingut ansprechen ').
Es findet sich im Athenischen Nationalmuseum, aus der Pan-
grotte des Parnes stammend, eine Relietplatte mit dem wunder-
Orig.-Phoi , Athen, Nat.- Museum.
Fig. 40. Acheloos?
Reliefplatte aus der Parnesgrotte.
schönen Kopte eines bärtigen Mannes, dessen Züge dem Ideale des
melischen Heilgottes ähneln (Fig. 40). Quellnvmphen scheinen
ihn zu umtanzen, doch hat dieser Gott ausgesprochene Tierohren.
Archäologischerseits hat man diesen Kopf als den eines Fluß- oder
Qiiellgottes (Acheloos) angesprochen. Die mythischen und mytho-
logischen Beziehungen des Hundes zur warmen Quelle scheinen
Vgl. Loeschcke, Aus der Unterwelt (Dorpater Programm).
DIE ZIEGE. DER HAHN. 99
mir nach dieser Untersuchung auch diese auffallende Kombination
der Form innerlich zu motivieren').
DIE ZIEGE.
Die Vorstellung, daĂź eine Ziege die x'Vmme des Kindes war, be-
grĂĽndet die Heiligkeit dieses Tieres. AusdrĂĽcklich verboten waren
die Ziegenopfer, wenigstens in Epidauros. Von diesem allgemeinen
Verbot des Ziegenopfers machten aber einige Stätten eine Aus-
nahme; so erwähnt Pausanias, daß die Kyrenäer Ziegen opferten.
Eine absurde Erklärung hierfür bringt Serv. ad Virg. Georg. 11, 380:
Item capra immolatur Aesculapio, qui est deus salutis: cum capra
nunquam sine febre sit. Kaum eine größere monumentale Dar-
stellung des Gottes mit einer Ziege hat uns die Antike geschenkt,
häufiger daseien sehen wir auf Münzen den Hirten Aresthanas, wie
er den von der Ziege gesäugten Gott auftindet. (Siehe Abbildg.
Panofka, Tafel I, i und 2 und Fig. 2.)
DER HAHN.
Es ist eine auffallende Tatsache, daĂź die beiden dem Gotte in
erster Linie geheiligten Tiere, Hund und Ziege, die Renaissance-
kunst und auch die Moderne, trotz ihres Hungers nach Allegorien
und Emblemen, ganz vergessen zu haben scheint. Statt dessen ist
ein anderes Tier zu dieser fĂĽhrenden Stelle gekommen, welche es
im Altertum nicht in dem Maße besessen hat. Diese Popularität
verdankt wohl der Hahn dem berĂĽhmten Worte, das em sterbender
Großer als letzte Äußerung seines Ingenium von sich gegeben. Als
das Schierlingsgift schon eine Erstarrung des sterbenden Sokrates
herbeigefĂĽhrt hatte, da enthĂĽllte er sich noch einmal und sagte zu
seinen Freunden (s. Piatons Phaedon): »O, Kriton, wir sind dem
Asklepiüs einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den und versäumt
1) Der Flufwott Krimisos erscheint nachvveislicii in Hundegestalt (Virg. Aen. I. 55°); vgl.
auch die Beziehung des Sternbildes Sirius (Canicula) mit der schwĂĽlen Sommerzeit (29. August
bis 29. September).
lOO
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Orig.-Aufn.
Fig. 41. Terrakottahahn.
es ja nicht.« Nun ist gerade das Asklepieion von Athen am Süd-
abhange der Burg genauer studiert wie irgend ein anderes, und
man hat die Inschriften vieler Inventare des HeiHgtums gefunden;
an keiner Stelle wird weder unter den Opfertieren, noch unter
den Weihgaben ein Hahn
erwähnt, nur einzelne Terra-
küttahähne fand man auch
hier wie an vielen anderen
Stellen (s. Fig. 41). Sieht
man von einem Karneol, der
eine Herme eines fraglichen
Asklepios zwischen einem
groĂźen Hahn und einer
Krähe zeigt, und dem Frag-
ment eines 1876 in Athen
gefundenen \'otivsteins mit
einem Hahn auf dem Giebeldach ab, so bleibt nur die groĂźe Statue
aus dem Heiligtume der Juthurna im Forum Romanum, ĂĽber die
wir noch eingehender sprechen mĂĽssen, die einen Hahn in Be-
ziehung bringt zum Heilgott. In literarischer Hinsicht sichert aller-
dings den Hahn als Optertier von Kos der vierte
Mimiambus des Herondas \', 12 (s. S. 42 ff.).
,-> Ferner wird berichtet (Allan, bist. anim. 10, 17),
* ; daß im athenischen Asklepieion heilige Hähne
\^. gehalten wurden; aber auffallend ist es, daĂź auf
keinem einzigen Weihrelief ein Hahn als Opfer-
tier vorkommt, in entiernter Beziehung hierzu
steht noch die Abbildung eines groĂźen Hahnes
aut den SilhermĂĽnzen der durch heiĂźe Quellen
berĂĽhmten Stadt Himera auf Sizilien (s. Fig. 42).
Ăśber den Hahn als Optertier ĂĽberhaupt ist noch die Stelle er-
wähnenswert aus Pausanias II, 34, 2: »Worüber ich mich in Methana
hauptsächlich gewundert habe, das will ich berichten. Wenn der
SĂĽdwind ĂĽber den Saronischen Busen her, ĂĽber die ausschlagenden
Fig. 42. SilbermĂĽnze
der sizilischen Bäder-
stadt Himera.
DER HAHN.
lOI
Weinstöcke fällt, verdorren die jungen Triebe, ^^'eht nun dieser
Wind, so zerreißen zwei Männer einen Hahn, der durchaus weiße Federn
hat, laufen in entgegengesetzter Richtung um die Weingärten, ein
jeder von beiden mit der Hälfte des Hahnes. Diese vergraben sie da,
wenn sie wieder an dem Punkte zu-
sammentreffen, von wo sie ausgegan-
gen waren. Dieses Mittel haben sie
segen den Südwestwind erfunden.« Im
ĂĽbrigen aber wissen wir noch, daĂź der
Hahn gelegentlich dem Helios, dem
Hermes, der Köre und den Heroen ge-
opfert wurde. DafĂĽr spricht auch eine
Stelle Plutarchs aus seiner Schrift:
»Warum Pvthia nicht mehr in \'ersen
antwortet.« »So wie jener Künstler,
der dem Apollo einen Hahn auf die
Hand setzte, dadurch die Morgenzeit
und den ersten x\ufgang der Sonne
andeuten wollte«. Einer mündlichen
Mitteilung zufolge forderte die Gra-
bung durch Kastriotis im Heiligtum des
Gottes in Trikka einen groĂźen Hahn.
Dies Tier war ĂĽbrigens das Wappen
der Stadt Phokaea, die Massalia (Marseille, gallischer Hahn) grĂĽndete.
Immerhin verdient des Sokrates Ausspruch eine besondere
WĂĽrdigung und dies um so mehr, wenn wir wissen, daĂź der Hahn
nur gelegentlich das bescheidenste Opfertier fĂĽr Asklepios war.
Die Annahme erscheint mir ungezwungen und die einzige Folgerung
des wahrhaft und wirklich unsterblichen Gespräches dieses Mannes
ĂĽber die sogenannte Unsterblichkeit der Seele, die uns Piaton in
so grandioser Form ĂĽberUefert hat, daĂź der Weise in dem Hahne
das Emblem des neuen Lebens, die VerkĂĽndigung des jungen neuen
Tages nach dem Dunkel der Todesnacht gesehen hat. Wenn dem-
nach spätere Künstler dem Heilgott einen Hahn zugesellten, oder
Fig. 43. Nach einer Zeichnung
von D. Chodowiecki.
I02 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
seine Art durch einen womöglicli nocl: krähenden Hahn versinn-
bildhchen wollten, so begingen sie zwar eine geringere Geschmack-
losigkeit, aber dieselbe tragikomische Taktlosigkeit wie diejenigen,
welche die Personifikation der Heilkunde durch einen Totenschädel
ausdrĂĽckten; oder wollten beide durch diesen Architektenscherz zum
Ausdruck bringen, daĂź die Heilkunde nur den Weg in den Himmel
oder zur Erde beschleunige? (s. Fig. 43).
Die gewöhnlichen, dem Gott geopferten Tiere, urkundlich und
kunstmvthologisch vielfach als solche bezeugt, waren Stier, Schwein,
Widder und Schat, deren Terrakottabilder zu den gewöhnlichsten
Funden gehören; man versprach ein Schwein zu opfern und
schenkte es dann aus gebrannter Erde.
Zu diesen Attributen des Gottes, deren statuarische ^'erwendung
im Belieben des darstellenden KĂĽnstlers stand, kamen namentlich
in der späteren Zeit noch Gegenstände wie Bücherrolle und
Talel, die die ärztliche Wissenschaft bezeichnen sollen, mit der
der Heilgott zunächst so gut wie gar nichts zu tun hat. Finden
wir aber eine derartige Darstellung, bei welcher der Gott eine
Schriftrolle in der Hand hat, so möchte ich auf keinen Fall dies
als gewollten Ausdruck wissenschaftlicher Gelehrtheit anerkennen,
denn der Heilgott war nicht gelehrt, sondern gottbegnadet. Hält
er eine Rolle, so hat er sie soeben den Händen eines Hilfe suchenden
Adoranten entnommen und entspricht nicht dem in das Studium
vertieften Imhotep.
Rückblickend fragen wir uns nun, was bleibt als köstlicher Besitz
der Menschheit von jener Gottgestaltung griechischer KĂĽnstler;
was aus einer Kunstepoche, deren Schönheitsideal noch heute die
Welt beherrscht und erfĂĽllt? Den statuarischen Habitus des mit
seinem Schlangenstabe dahinschreitenden oder sich leicht auf-
stĂĽtzenden Gottes geben wir gerne preis. Er langweilt auf die
Dauer durch das Einerlei der Auffassung und verliert allzuleicht
seine Größe in schwächerer Ausführung; die in Einfachheit ge-
borenen Attribute des Gottes besitzen nicht den Reiz geistreicher
Komposition, und andere Völker schufen ähnliche gleichwertige
DIE VOTIVRELIEFS. IO3
mythologische Vorstellungen; nichts bleibt als des Gottes Antlitz,
und das ist übergenug. Das männlich schöne Haupt, in dessen
ZĂĽgen alle liigenschaften sich widerspiegeln, die von Anbeginn
jeweilig das Mienenspiel eines Götterarztes prägten; je nachdem
Mito-efühl und milde Schwermut erkenntnisvoll die schönen Augen
des Arztsehers umflorten, Freude oder Frohsinn ĂĽber hoffentlichen
Erfolg und gĂĽnstige Wendung sein Herz erfĂĽllten. Und blickt
nur hinein in die Züge des melischen Gottes, auch das souveräne
Lächeln zuckt um den halbgeöffneten Mund, nnlde, schonende
Ironie des überlegenen Philosophen über die Schwäche des Men-
schengeschlechtes. Alles das findet man in dieses Mannes Antlitz,
ein seltenes Gemisch sich in stetem Wechselspiel begegnender
Empfindungen; solche drängen gerade im ärztlichen Beruf sich der-
artig zusammen, daĂź ein Widerschein dieser Kontraste im Faule
der Jahre der meisten wirklichen Ärzte Blick und Ausdruck ver-
edelt, vergöttlicht. Und wem ein Wiederscheinen solcher Heilands-
gefĂĽhle auf starrer Maske versagt ist, der war nie ein GroĂźer unter
den Ärzten; unter den Gelehrten vielleicht ein Heros, unter Heilern
und Ärzten aber kein Gesegneter.
DIE VOTIVRELIEFS UND ANDERE ÄNAGLYPHE
DARSTELLUNGEN DER ASKLEPIEIEN.
Unsere Erhebungen und Feststellungen bei den statuarischen
Asklepiosbildern übertragen sich meist ungezwungen auf die Flächen-
plastiken. Sind jene monumentale Begriffsverwirklichungen der
göttlichen Person, so bringen diese das Abbild seiner Tätigkeit
und seiner Verehrung. Am vollendetsten sind die kĂĽnstlerischen
Leistuno-en bei denen dieser Kontrast scharf zum Ausdruck kommt;
wir werden in der Mehrzahl Bildwerke kennen lernen, bei denen
inmitten einer religiösen Zeremonie nicht ein werktätiger beweg-
licher Gott, sondern der Denkmalsgott in seiner marmornen Pose
steht. Der KĂĽnstler, oft nur ein Handwerker und kopierender Stein-
metz, variierte aber die vorgeschriebene Note ein wenig; er war nur
104 °^^ HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
an bestimmte Ăśberlieferungen gehalten. Wenn so eigentlich nur
Paraphrasen desselben Themas vorkommen, so ist doch in manchen
Punkten die Deutung dieser Darstellungen schwierig und nur un-
befriedigend. Die traurige Tatsache, daĂź last keines der athenischen
Votivreliefs intakt blieb, ist ja vom kĂĽnstlerischen Standpunkt be-
dauernswert ; aber die Fülle der \'arianten läßt doch meist das
Bild der gewollten Darstellung restlos erkennen. Stais, Köhler,
V. Duhn, Schöne, Ziehen, Svoronos und andere haben sich
Verdienste erworben um die Autlösung der archäologischen Rätsel,
die diese Steinvierecke nach Zeit und Inhalt aufgeben. Es lassen
sich aus den nach vielen Hunderten zählenden \'otivdenkmälern
im wesentlichen drei Gruppen herausschälen mit gleichlautendem
Inhalt und gleichem Zweck; die Unterschiede ergeben nur die zeit-
lichen und kĂĽnstlerischen Werte. Unsere besondere Aufgabe ge-
staltet sich wesentlich einfacher; der mediko-historische Standpunkt
vereint und sammelt mehr, als er trennt. Die erste und Haupt-
gruppe vereinigt alle reinen Wnivsteine, d. h. Bitt- und Dank-
zeremonien \- o r dem Gott u n d seiner F a m i 1 i e. Die
zweite kleine Gruppe umfaĂźt den sogenannten Krankenbesuch,
dessen archäologische Bezeichnung ebensowenig befriedigt wie die
der dritten Gruppe, des sogenannten Totenmahls.
VOTIVSTEINE MIT DER DARSTELLUNG DER OPFERSZENE.
Von allen \'otivsteinen ĂĽberhaupt ist diese bildliche Darstellung
des Opfers die gewöhnlichste. Neben den Grab- und Urkunden-
reliefs spielen diese Anatheme eine bevorzugte Rolle. Die Antiquarien
zeigen uns viele Beispiele von Weihreliefs an die verschiedenen Götter
und Göttinnen. Der gemeinschaftliche Inhalt aller dieser Weih-
geschenke ist der, daĂź dem verehrten Gotte gegenĂĽber die Familie
des Stifters dargestellt wird. Die Ehrfurcht vor den Göttern ver-
langte dabei, daĂź die Donatoren in auffallender Kleinheit gebildet
wurden: Im Gegensatz zu den Kunstwerken der Renaissance, aut
denen sich die Stifter von Kirchenhildern in ganzer Größe im
DIE VOTIVRELIEFS.
105
/^"^
:^
j06 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Vordergrund knieend breit machen. Es macht gelegenthch dabei
Schwierigkeiten, festzustellen, welchem Gott die Steine gelten sollen.
Uns hilft nicht nur der charakteristische Habitus unseres Gottes, son-
dern auch der bezeichnende Fundort aus irgendeinem Asklepieion.
Oftmals aber sind wir völlig im unklaren über die göttlichen Begleit-
personen des Asklepios. Namentlich die meist ganz nackt dargestellten
erwachsenen Söhne lassen jede individuelle Persönlichkeit vermissen.
Wir werden dagegen später erkennen, daß die weiblichen Personen,
die des Heilgottes Thron umgeben, leichter auseinanderzuhalten sind.
Als schönes Beispiel dieser Gruppe wählen wir zunächst das als
Ganzes ziemlich erhaltene, uns auch im GipsabguĂź vorliegende
Relief aus Patras (s. Fig. 44).
Wir sehen hier in einen von einfachen Säulen umgebenen
Tempel hinein. Seitenpfeiler, Epistyl mit Architrav und Dach-
bekrönung umgeben die Szene, in deren Mitte die \'orderkante
eines einfach gehaltenen Altars hineinragt. Aut der einen Seite
stehen die Gottheiten, auf der anderen Seite die Adoranten. In der
äußersten Ecke in typischer Stellung mit linkem Standbein, die
Rückenfläche der linken Hand in die Seite gestemmt, posiert der
Denkmalsgott in seiner ruhenden und doch bewegten Haltung.
Weitaus der Größte, berührt er mit dem Haupt des Tempels Decke;
als wenn ihn die ganze Szene nichts anginge, steht er da, sein
Antlitz von den kleinen Menschlein abwendend. Dasselbe gilt von
seinen drei Begleitern, die dadurch mehr als statuarische Werke, als
personifizierte Götter gedacht sind. Ihm zunächst steht eine Göttin
im Unter- und Oberkleid, das Gesicht, soweit dies die Zerstörung
erkennen läßt, zum Teil verschleiert; nicht der Anblick einer
blühenden Jungfrau, in welcher Form Hygieia meistens verkörpert
wird, sondern eher als wĂĽrdige x\4atrone. Es ist Epione, seine
Gattin. Die beiden nackten Jünglinge, die dem Altar genähert sind,
müssen demgemäß die Söhne Machaon und Podaleirios sein. In
der Zusammensetzung der den Heilgott umgebenden Gestalten
herrscht, wie wir sehen werden, eine größere Abwechslung, je nach
lokaler Sitte, wie in der gegenĂĽberstehenden Adorantengruppe. A'on
DIE VOTIVRELIEFS.
107
den aut diesem Steinbilde sichtbaren sieben Personen legt der Fa-
milienvater gerade einen Gegenstand auf den Altar. Gelegentlich
sieht man auch, daĂź ein Adorant nur eine Ecke dieses als Ausdruck
eines Gelübdes berührt'). Zu seinen Füßen drängt sich das Opfer-
schwein vor, dessen fĂĽhrender Sklave auf dem Relief (Fig. 44)
.^:1^| '-'-- *^
Fhot. Aliiiari.
Fig. 45. Adorantengruppe aus dem Athener Asklepieion.
nicht sichtbar ist. Es folgt die Ehegattin mit erhobener Hand und
die Kinder. Zuletzt die Dienerin, die aut dem Kopfe einen groĂźen
Kasten trägt. Diese runde, oft mit einem Tuche bedeckte Kiste,
kehrt sehr häufig als Abschluß der \\)tivsteine wieder. In ihr
') Otto Weinreich, Antike Heilungswunder. Rehgionsgeschichtl, Vers. VIII. GieĂźen
1910, Seite 63.
io8
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
befanden sich allerlei Opfergegenstände; meist werden es leichte
Dinge, wie Backwaren, Opferkuchen, FrĂĽchte, gewesen sein, die
dieser Kasten barg. DaĂź aber auch gelegentlich schwerere A\^eih-
gaben den Kasten fĂĽllten , das geht aus dem BruchstĂĽck hervor,
welches eine schön erhaltene Gruppe (Athenisches Xationalmuseum
1429) verewigt (big. 43). Bemerkenswert ist es, daĂź hier ein
Mann die Kiste trägt, und daß er zum Schutze ein Tragkissen
DIE VOTIVRELIEFS.
109
untergelegt hat. Auch hier legt der FĂĽhrer der Gesellschaft einen
Gegenstand aut den Altar. Es scheint dabei sehr fraglich, ob es
sich hier um ein Familienopfer gehandelt hat, denn es ist auffallend,
daß die hinter dem Familienvater stehende Frau größer ist als
dieser, und daĂź die drei tolgenden Ehepaare einen Stier als auĂźer-
ordentliche Optergabe bringen. Das störrische Tier selbst wird
von einem Sklaven dadurch dem Altare genähert, daß er es an den
Nasenlöchern testhält. Leider ging die Gruppe der Gottheiten ver-
loren. Ein Teil dieser erhielt sich auf dem folgenden \'otivstein,
der aus dem athenischen Asklepieion stammt und wahrscheinlich
noch eine Arbeit des 3. Jahrhunderts ist (s. Fig. 46).
Die Gruppe der Adoranten zeigt hier eine besonders geschlossene
Anordnung dadurch, daß die Männer sich gegenseitig die Hände
auf den RĂĽcken legen.
\\:)n den vielen Wiederholungen desselben Gegenstandes aus
dem Athenischen Nationalmuseum bringen wir noch die Abbildung
des schönen Reliefs aus dem Beginn des 4. Jahrhunderts. Hier
steht in etwas freierer Bildung der Gott vor dem Altar, auf welchem
eben noch die Opfergabe sichtbar wird (s. Fig. 47).
Die Haltung des übrigens barfüßig dastehenden Asklepios läßt
hier noch ein geneigtes Entgegenkommen tĂĽr die Adoranten er-
kennen. Dahinter stehen, oftenbar in Anlehnung an die Vorbilder
der attischen Jungfrauen vom Parthenont'ries gearbeitet, zwei seiner
Töchter, vielleicht Jaso und Panakeia, wenn man auch bei der letz-
teren wegen ihrer autgelösten herab wallen den Haare, vielleicht an die
Köre denken kann. In ähnlicher Stellung zeigt sich der Gott auf
dem ältesten Relief, welches im atlienischen Asklepieion gefunden
wurde (s. Fig. 48). In seiner flachen AustĂĽhrung und durch fehlende
Umrahmung erinnert diese Arbeit noch an archaische \'erhältnisse.
Hier nähert sich der Bitttiehende mit erhobener Hand dem Gotte
selbst; der trennende Altar existiert noch nicht auf dem Anaglyph.
Bisher sahen wir auf diesen Anathemen den Gott in seiner
typischen Denkmalstellung stehend oder dahinschreitend. Noch be-
liebter und vom kĂĽnstlerischen Standpunkte aus ein willkommener
HO
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Vorwurf war eine Wiederholung oder wenigstens docli eine An-
lelinung an den thronenden epidaurischen Gott. Bei dieser
sitzenden Stellung gruppieren sich seine mitverehrten Familien-
mitglieder besser zu einer plastischen Einheit. Der Kontrast zwischen
Ul««IH|i>l- jtJaott:.. -tv- .^^■f- ■••a*r
^v*:-
/^Aat. Aiinari, Athen ^ Nat.-Muscum.
Fig. 47. Weihrelicf an Asklepios.
der Größe der Göttergruppe und der Kleinheit der sich nahenden
Adoranten, welcher auf den bisher beschriebenen Reliefs unheilvoll
eine Teilung des Steines herbeifiihrte, laßt sich hier in einer schö-
neren Linie zum Ausdruck bringen.
DIE VOTIVRELIEFS. III
Die Haltung des sitzenden Gottes ist eine wechselnde; der
Künstler nahm sich dabei allerlei Freiheiten heraus. So hält einmal
der Gott einen Stab in der Iland, ein andermal sitzt er da in der
Thrasymedes'schen Pose oder auch mit der schönen Geste, die das
Relief aus Epidauros zeigt. Unter seinem Sitz ringelt sich meist
die heilige Schlange. Der Sitz ist oft ein Thron mit Lehne, manch-
mal auch nur ein Sessel. Ăśber diesen beugt sich mit Vorliebe seine
jugendlich schöne Tochter, die Hygieia, oder sie lehnt sich auch
an ihn selbst an. Ein anderes Mal wieder stiitzt sie sich an
einen Baumstamm, der dann die Mitte des Ganzen einnimmt. \'or
dem Gc)tt steht der Altar, dem Adoranten mit den ĂĽblichen Opter-
tieren, Schwein, Rind oder Schal, sich nähern. Als Beispiel dieser
in mehr oder weniger verstĂĽmmelten Exemplaren zahlreich vorhan-
denen Weihreliefs mögen die Trümmer eines 1876 in Athen ge-
fundenen StĂĽckes aus pentelischem Marmor gelten (s. Fig. 49).
Auf ihm sieht man einen jungen Hierodulen, wie er vor einem
Adoranten ein Opferschwein einem eben noch angedeuteten Altar
zufĂĽhrt. Hvgieia lehnt sich, zur Seite des \'aters stehend, mit dem
rechten Arme an, der Gott sitzt recht bequem auf einem Thron-
sessel. Die etwas klobig geratene Hygieia trägt einen gegürteten
Chiton mit Achselbändern.
Aus der Zahl dieser nach bestimmten Schemen gearbeiteten
Votivsteine fallen natĂĽrlich manche heraus mit Besonderheiten.
So das Weihrelief sorgfältiger Arbeit aus der ersten, nach tran-
zösischer Meinung zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, welches
Gegenstand mehrfacher archäologischer Untersuchungen geworden
ist (Köhler, Paul Girard, Svoronos) (Fig. 50). Auf diesem
Relief mit Tempeleinfassung finden wir den Gott in der Mitte
stehend, auf seinen (verloren gegangenen) Schlangenstab gestĂĽtzt;
hinter ihm eine sitzende und eine stehende weibliche Figur. Die
sitzende ist Demeter (Ceres), die dahinter stehende Kore-Tersephone
mit ihrer brennenden Doppelfackel und den wallenden Mädchen-
haaren. In dieser Weise hnden wir die eleusinischen Gottheiten
häufig dargestellt. Trotz der Fraktur in der Mitte ist der Stein gut
112
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
erhalten. Die sechs sich nähernden Männer, die eine geschlossene
Gruppe bilden, bringen keine Opfergaben, sondern erscheinen in
devoter oder versprechender Stellung vor dem göttlichen Dreigestirn.
Fernerhin ist auffallend, daß die breite Basis von fünf Lorbeerkränzen
h
IH !
^'
^
V
\
Orig.-Aitfn. AHtett, Xat -Miiseiun.
Fig. 48. Votivreliet an Asklepios.
eingenommen wird, in deren Innern Xamen aus der Zeit ein-
gegraben sind. Köhler und Girard haben nun die Ansicht aus-
gesprochen, daß dieser Denkstein von den öffentlich bekränzten \'er-
anstaltern eines besonders gelungenen Festes der »Epidauria« her-
stamme. Hierzu sei bemerkt, daĂź von den drei Asklepiosfesten in
Athen das im August-September zu des Gottes Ehren gefeierte
DIE VOTIVRELIEFS.
I I
das bedeutendste war. Eine alte Ăśberlieferung meldet, daĂź der
Gott von Epidauros, als gerade die Athener in Eleusis die Myste-
rien der Demeter und der Köre feierten, abends zur Teilnahme am
J'fiot. ^iiinari.
Fig. 49. Weihrelief an Asklepios und Hygieia.
Aus dem Athen. Heiligtum.
Feste erschienen sei, und daĂź erst seit jener Zeit die Athener den
Asklepiosdienst bei sich eingeführt hätten.
Svoronos dagegen ist der Ansicht, daĂź hier eine Gruppe be-
rühmter, historisch sogar namentlich bekannter athenischer Ärzte
aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts den attischen Heil-
Holländer, Plastik und Medizin. "
114
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
göttern zum Gebete nahen. Aus einem uns unbekannt gebliebenen
besonderen Grunde wurden diese öffentlichen Stadtärzte von Athen,
deren Namen angeiührt werden, mit Kränzen beschenkt. Dieser
gewissermaßen öffentliche Asklepioskult wird uns sogar durch eine
DIE VOTIVRELIEFS. I I j
am Südabhang der Burg gefundene Inschrift näher gebracht. Es
war nach ihr in Athen eine hergebrachte Sitte der Ärzte, »dem
Asklepios und der Hygieia zweimal im Jahre zu opfern tĂĽr sich
selbst und die von ihnen geheilten Patienten«.
Wenn nun aus diesem Grunde eine Darstellung von Ärzten,
deren Namen uns ĂĽberkommen ist, in mediko-historischer Beziehung
für uns von doppeltem Interesse wäre, so scheint es mir als
zweifelloses Ergebnis dieser archäologischen Untersuchung, daß dem
Heilgotte neben privaten Weihegaben dankbarer Bürger auch öffent-
liche Gaben von Behörden und Genossenschaften und eventuell
von Ärztekollegien gespendet wurden.
Einzig ist die Anordnung einer Reliefplatte in Verbindung mit
einem Tempel (s. Fig. ^i), die den Athener Museumssaal schmĂĽckt,
nachdem man das antike Kunstwerk restauriert hat. Im Hinter-
grunde steht der Heilgott auf der Abbildung durch die ergänzte
Säule verdeckt. Man sieht die Schlange, die, am Stabe sich aul-
rincrelnd dem Gotte die Hand leckt. Neben ihm steht seine Tochter,
mit der Linken ihr Gewand an der Schulter ordnend, die Rechte aut
den Vater gestĂĽtzt. Vor beiden sitzt auf einem Sessel eine Frau,
die dadurch charakterisiert wird, daĂź unter ihrem Sitz der ihr heilige
Vogel, die Gans, sich erhalten hat; es ist Epione, die Gattin.
Ihnen nahen sich vier Paar Eheleute mit ihren Kindern; als Ab-
schluĂź wieder die Dienerin mit der Opferkiste. Bemerkt sei
noch, daß die freistehende hintere und Seitenfläche bemalt und
bearbeitet ist. Das Relief läuft hier in eine Herme des bärtigen
Dionys mit dem Phallus aus; die Seitenfläche zeigt die eleusini-
schen Göttinnen Demeter und Köre. (Arbeit des 4. Jahrhunderts.)
Wir sahen, wie sich des Heilgottes Persönlichkeit allmählich,
namentlich kĂĽnstlerisch gesprochen, als die verkleinerte Ausgabe
von Allvater Zeus herausstellte; wir werden ferner aber auch sehen,
daĂź in den nachchristlichen Jahrhunderten, als die olympischen Be-
wohner in ihrer Existenz bedroht wurden, durch eine neue Gi-
gantomachie des Geistes, Asklepios Soter den Anlauf nahm, auf
seine Person alles, was von hellenischem Götterghuiben den Menschen
ii6
DIE HEILGOTTER DES ALTER TUMS
DIE VOTIVRELIEFS.
II'
<:^.
gebliehen war, zu vereinigen. Diese Entwicklungskurve hat in
ihrer Höhe und in ihren Niederungen künstlerische Reminiszenzen
hinterlassen. Eine offenbare Verschmelzung des Kultus von Zeus
und Asklepios linden wir schon frĂĽh in dem Zeus Meilichios, welcher
dara:estellt wird unter dem Bilde einer riesengroĂźen Schlange.
Das Berliner Museum besitzt ^
allein drei derartige Votiv- -â– <
reliets an diesen Gott. Aul
dem einen, welches gleich-
zeitig mit dem von uns ab-
gebildeten am Haien Zea ge-
funden wurde, sehen wir eine
Riesenschlange in vielfachen
Windungen aut felsigem Bo-
den sich fortbewegend. Auf
dem oberen Rande steht die
\\'idmung: »Dil meilichio«.
Unsere Abbildung zeigt ein
zweites Relief von flĂĽchtiger
Arbeit aus dem 4. Jahr-
hundert. Der sich hoch auf-
bäumenden Schlange nahen
sich in anbetender Stellung
eine verschleierte Frau und
zwei Männer (s. Fig. 32).
Das dritte Relief, welches aus
Böotien stammt (s. Fig. 37),
wird in der Beschreibung
der antiken Skulpturen als \'otivrelief fĂĽr Asklepios aufgefaĂźt; auf
ihm sehen wir eine Schlange, welche aus ihrem Felsennest heraus sich
dem nahenden Mann entgegenstreckt, um, wie es scheint, von ihm
eine Opfergabe, vielleicht einen Honigkuchen, zu erhalten. Auch
hier handelt es sich wohl um ein Opfer an Zeus Meilichi(.)s.
^^'ahrscheinlich rührt der Beiname her von dem besänftigenden
Orig.-Au/n. Berlin, Museitn
Fig. 52. Votivstein an Zeus Meilichios,
ii8
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Honigopfer, welches Göttern gespendet wurde, um sie zu ver-
söhnen. Außer Zeus und Dionysos opferte man den Erdmächten,
also auch den Schlangen, Honig. Es ist uns bekannt, daĂź diesem
Zeus Meilichios eine Reihe von Kultstätten geweiht waren, unter
anderen auch in Piräus. Von hier stammt nun das schöne Votiv-
Orig.-Ati/n. Athen, Nat.- Museum Xr. I^oy.
Fig. 53. Votivrelief an Zeus ]\Ieilichios aus dem Piräus.
relief aus dem Athenischen Xationalmuseum (Fig. -^^^'). Melleicht
wegen dieser Herkunft, vielleicht auch wegen der Riesenschlange,
ist es als Opferstein an Zeus Meilichios bezeichnet; der Gott aber,
der das Opfer eines Widders gnädig entgegennimmt, steht da auf
dem linken Standbein, rechts auf den Stab gestĂĽtzt, genau in der
typischen attischen Pose. Wir werden also besser tun, auch dieses
Relief als ein Opfer an unseren Heilheros aufzufassen.
DIE VOTIVRELIEFS. I 1 9
DER SOGENANNTE KRANKENBESUCH DES ASKLEPIOS.
In der Flächcnlamst der Asklcpieicn') befindet sich eine Anzalil
allerdings leider nur als BruchstĂĽcke erhaltener Rclietplatten, aut
denen Asklepios abweichend, d. h. passiv handelnd, heilend, oder
doch eine Behandlung durch einen Heilgehilfen (Zakoren) patroni-
sierend dargestellt wird. Es ist zu erwarten und zu hoflen , daĂź
weitere Grabungen, wie sie in neuester Zeit wieder beschlossen sind,
uns auch ĂĽber diese Form vollkommeneres Material bringen werden.
So kann ich nur auf die interessante Arbeit von Julius Ziehen")
und auf die letzten Publikationen von Svoronos (Athen. National-
museum) verweisen. Es steht Asklepios in typischer Stellung neben
einer Kline. Der Kopf des Kranken wird sichtbar, ein kleinerer
bärtiger Mann mit nacktem Oberkörper betastet mit beiden Händen
den Kopf (Svoronos vermutet eine Trepanation) (Fig. 36).
Bruchstücke ähnlicher Art werden mehrere beschrieben und ab-
gebildet. Die Kleinheit dieses Mannes gegenĂĽber dem Gotte schlieĂźt
eine Deutung auf einen der Asklepiossöhne aus. Wir sehen nur
das Hantieren eines seiner sterblichen Heilgehilfen. Interessanter
ist das allerdings stark an der Oberfläche abgestoßene Relief, das
im Hofe eines Privathauses in Piräus eingemauert ist. Der bartuße
Heilgott ist an das häusliche Lager eines Kranken getreten. Auf
zv/ei Kissen ruht der Patient, scheinbar auf der linken Körperseite.
Um ihn sind zwei Personen, mit Wahrscheinlichkeit Frauen, be-
schäftigt. Am Boden steht eine Schüssel. Diese Krankenpflege geht
offenbar unter der gĂĽnstigen Protektion des die Mitte des Steines
ausfĂĽllenden Gottes vor sicli; auf der linken Seite stehen zum Gotte
Hebende Verwandte oder Freunde, im Vordergrunde drängt sich
wieder das zu opfernde Schwein, von einem Knaben gefĂĽhrt, vor.
Wieso haben sich nun unter der groĂźen Anzahl von diesen
Votivreliefs nur ausnahmsweise einige weniger beschädigte vor-
gefunden? Schon die Tatsache, daĂź fast immer dasjenige StĂĽck,
') F. V. Duhn, Archäologische Zeitung 1878.
^1 Julius Ziehen, Athenische Abteilung der Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen
Archäologischen Institutes 1892, S. 229 ff.
I20
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
dem wir das größte Interesse entgegenbringen, der Kopf des As-
klepios, abgeschlagen ist, und daß auch die Häupter der Adoranten
Orig.-Aufn. Athen, Xat-. Museum.
Fig. 54. BruchstĂĽck einer Votivplatte an Aslclepios.
und der Göttinnen nicht verschont gebheben sind, spricht für eine
zielbewuĂźte Demolierung. In der Tat finden sich an den Votiv-
reliets BeweisstĂĽcke dafĂĽr, daĂź der Kampf des Christentums gegen
DIE VOTIVRELIEFS.
121
hellenische Götter zu diesen nach heutigem Sinne barbarischen
MaĂźregeln greiten lieĂź. Durch Ăśberstreichen mit roten Kreuzen
sinci nämlich mehrfach solch heidnische Reliefs unschädlich gemacht.
Dann drehte man sie um und benutzte sie nach alter beliebter
Sitte als Bausteine fĂĽr christliche Kirchen. Auf diese Weise hat
J
mm"^
f ^
U'u'i, Xa! Museum,
F'o- 55- Votivrelief. Asklepius Krankenbesuch.
der \'andalismus Kulturdenkmäler einer Kunstepoche vernichtet, mit
deren Erlös man heutzutage alle Missionen der christlichen Welt
unterhalten könnte. Dies ist auch der Grund, daß der Ausgrabungs-
ort topographisch nicht als Beweismaterial verwertbar ist. Wo sie
aber im Altertum aufgestellt waren, das zeigen noch die Bettungen
an den antiken Mauerresten.
Unsere Aufnahmen der BruchstĂĽcke aus dem Heilbezirke am
122
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Südabhang der Athenischen Burg sind trotz ihrer Unvollständig-
keit von Interesse; dokumentieren sie doch den Gegensatz zu den
viel häufigeren reinen Opferszenen.
Orig.-Aujn. Athen, Sat.-Musctim.
l''&- 56- BruchstĂĽck einer Reliefplatte mit Operationsdarstellung aus dem Athen. Asklepieion.
Die Abbildung (s. Fig. 34) zeigt uns nur eine Hand mit einem
Gefäß, welches von einer weiblichen Person empfangen wird.
Diese Hand ist die rechte des Asklepios, der durch den Schlangen-
DIE VOTIVRELIEFS.
123
st;ib charakterisiert wird. Die weibliche Person ist durch ihre
Kleinheit als bittflehende Klientin gekennzeichnet, die vom Gott
einen Heiltrank oder ähnliches erhält.
Fig. )') ist leider wesentlich zerstört; wir erkennen nur den zu
einem Kranken getĂĽhrten Gott; der Patient liegt auf einem Lager
halb aufgerichtet; vor ihm sitzt die Gattin.
Das letzte der BruchstĂĽcke, welches wir im Bilde bringen
(Fig. )6) und bereits erwähnten, zeigt den nächsten Akt. Der
Zakore, der auf dem vorigen Relief den Gott gefĂĽhrt, scheint hier
bei der Arbeit. Der Patient liegt seitwärts; der Heilgehilfe bear-
beitet ihn mit einem mit der rechten Hand gefĂĽhrten Instrumente
am Schädel. Der Denkmalsgott steht daneben; unwillkürlich denkt
man an die gefährlichen Operationen der alten Schnitt- und
Wundärzte, die manche Operationen ausdrücklich nur »mit Gottes
Hilfe« ausführten.
DAS TOTENMAHL.
Wir halten uns verpflichtet, wenigstens an dieser Stelle einen
Hinweis zu geben auf die von dem Franzosen Banquett genannten
Darstellungen, deren Zugehörigkeit zum Kreis des Asklepioskultus
jedoch fraglicher Natur ist. Das Gemeinsame dieser sogenannten
Totenmahle stellt die Speisung eines meist auf einem Bette in
nachlässiger Haltung liegenden Mannes dar, der sich durch seine
Größe von den die Lagerstätte umgebenden Personen unterscheidet.
Neben dem Manne befindet sich meist noch in gleicher Größe
gearbeitet eine Frau oder auch ein Mann, die in eine engere Ver-
bindung mit ihm gebracht werden. Die Nebenpersonen nehmen
eine ehrfurchtsvolle adorierende Haltung ein. Der auf der Kline
liegende Mann ist oft so dargestellt, daĂź er seine Trinkschale aus-
streckt, um eine Weinspende zu erhalten. Ein nackter Diener mit
einer Schöpfkanne ist meistens in der Nähe. Vor dem Bett steht
ein Tisch mit mannigfaltigen Speisen, der auf den späteren Exem-
plaren dieser Darstellung kaum fehlt. Gelegentlich nun tĂĽhren die
124
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Anbetenden auch ein Opferschwein mit, und ein Ahar wird auf
dem Rehef sichtbar. Kommt nun noch, wie auf dem Grabrelief
(Friederichs-Wolters Nr. 1038) das Schlangensymbol hinzu, oder
daß zu Füßen des meist bärtigen Mannes ein Hund kauert, oder
daĂź (1039) die letzte der herantretenden Personen eine Kiste auf
dem Kopf trägt, so wird die Ähnlichkeit eines Votivreliefs für
Asklepios eine sich autdrängende. Auf der Mehrzahl dieser Toten-
mahlreliefs wird noch ein Pterd sichtbar, entweder nur dessen Kopt,
der oftmals ziemlich unmotiviert angebracht aus einem Rahmen her-
ausschaut, oder auch ein ganzes RoĂź, welches vom Diener des \'er-
storbenen herbeigefĂĽhrt wird. Die deutsche Ansicht folgt der Er-
klärung von M. Holländer'), welcher alle diese Reliefs für Totensteine
hält; auf ihnen sei der heroisierte Tote dargestellt, dem seine Familie
das traditionelle Mahl offeriert. Als Unterlage fĂĽr diese Auffassung
diente in erster Linie die Schlange, die Wächterin des Grabes, und
das Pferd, welches in der alten Kunst das Symbol des Heros war.
Es ist schwer fĂĽr uns, sich in die antike Vorstellung hinein-
zuleben, welche die Toten betrachtete, als wenn sie auch nach dem
Tode die Tätigkeit des Lebens fortsetzten. \'on diesem Gesichts-
punkte aus konnte die Antike Grabmäler Schäften, aut denen der
Gestorbene die überlebende Gattin tröstet oder ihr die Hand reicht,
oder sein kleines Kind herzt. So konnte die Idee populär werden,
daĂź der Tote, vielleicht an seinem Geburtstage, am reichgedeckten
Mahle Freude und GenuĂź findet. Gegen diese Ansicht, daĂź es sich
um Totenmahle handelt, deren Erklärung sicherlich tür uns in
vielen Punkten unklar ist und bleibt, wenden sich die Franzosen
und namentlich Girard und macht folgende allerdings sehr schwere
Bedenken geltend, denen wir die größte Bedeutung zuerkennen
mĂĽssen. Als gewichtigsten Einwand mĂĽssen wir den anerkennen,
daĂź diese angeblichen Totensteine innerhalb des Bezirkes des athe-
nischen Asklepieion gefunden wurden, wo uns doch mit Bestimmt-
heit überliefert ist, daß der heilige Bezirk durch Gräber verunreinigt
') M. Holländer, De anaglyphis seimlcralibus , ([uae coenam repraesentare dicuntur.
Berlin 1865.
TELESPHORUS. I25
wĂĽrde, und solche deshalb streng verboten waren. Es kommt
hinzu, daĂź fast stets die Inschriften auf diesen Reliefs fehlten, nicht
einmal irgend ein Hinweis auf die Person des Heroisierten zu
erkennen ist, und das ist zum mindesten seltsam fĂĽr ein Grab-
monument. Die Unterschrift unter dem attischen Reliet im Briti-
schen Museum (Fr. W. 1054), welches ein typisches Totenmahl
darstellt, »Aeskulapio Tarentino« ist eine spätere Fälschung. Ein
weiterer Punkt, der gegen die Auffassung eines Grahmonumentes
spricht, ist die Kleinheit derartiger behauener Steine im Verhähnis
zu den uns als Grabmäler gesicherten.
Dem gegenĂĽber halten die Wage Argumente, die Ulrich
Köhler') für die Anschauung, daß es doch Monumente des Toten-
kultus seien, abgibt. Er weist darauf hin, daĂź im Asklepieion auch
Totenfeierlichkeiten stattgefunden hätten zu Ehren von Asklepios-
priestern, die Heroa, und daĂź dadurch der Totenmahlbefund er-
klärbar wäre. Daß keine Inschrift die Steine schmückte, vergleicht
er mit der Tatsache, daĂź auch Priester wie die \'erstorbenen nach
Übernahme ihres Amtes den bürgerlichen Namen verlören und unter
den allgemeinen Heroanamen fielen.
TELESPHORUS.
Wir haben schon mehrfach auf den Weihreliefs die erwachsenen
Söhne des Heilgottes gesehen. Es ist uns dabei aufgefallen, daß
sie ohne jegliches Attribut meist als nackte schöne Epheben ge-
zeichnet wurden, durch ihre Göttlichkeit gleichgroß dem Vater.
Ihnen dbt man die Namen Machaon und Podaleirios. Von
zwei anderen Söhnen des Asklepios soll in folgendem die Rede
sein, von denen der eine, miĂź- und unverstanden schon in der
antiken Zeit, bisher geringe Beachtung gefunden hat, von denen
aber der andere eigentlich erst in unseren Tagen wieder entdeckt
wurde, ohne jedoch bisher legitim anerkannt zu sein. Zunächst
Telesphorus. Es ist ein eigentĂĽmliches Schicksal dieses kleinen
') Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, Bd. II, 1S77.
126
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
göttlichen Knaben, und wenn man will ein persönliches Mißgeschick,
daĂź die groĂźen monumentalen Statuen des Heilgottes, die an den
Hauptverkehrswegen der Kunst stehen, den kleinen Burschen als
Begleiter des 2;roĂźen Heilers vermissen lassen. Es ist auĂźerdem ein
weiteres persönliches Pech für diesen
Gott, daĂź er im Gegensatz zu seinem
Konkurrenten Eros, statt einen schö-
nen gefälligen Bau kindlicher Glied-
maĂźen zu zeigen, vollkommen in
einen Mantel eingehĂĽllt ist und daĂź
dieser Mantel noch eine Kapuze trägt,
aus welcher ein zum mindesten un-
schönes, oft aber auch direkt ge-
â– ^ ^ ^ w.- -^^F dunsenes Gesicht herausschaut. Als
W^/fm^^9m i'^1'' '^'o^ Jahren zum ersten Male in
\ / ''W ^ *^^^"^ Museum Borghese in Rom den
Knaben sah, da wuĂźte ich nichts
mit ihm anzufangen, und es ging
mir, der ich die anderen groĂźen
statuarischen Darstellungen des Heil-
gottes ziemlich kannte, wohl so wie
der Mehrzahl der Ärzte, welche von
diesem Zuwachs ihres göttlichen Pa-
tronates keine \'orstellung hat. Ich
habe mich seit jener Zeit fĂĽr diesen
Burschen grĂĽndlich interessiert und
habe ihn in fast jedem Museum wiedergefunden; zwar nur ge-
legentlich als Einzelfigur, die häufig genug noch falsch ergänzt ist.
Diese Werke monumentaler Kunst, die den Gott allein oder als
Nebenfigur darstellen, sind noch an den Fingern abzuzählen'), aber
seine Darstellung in der Kleinkunst ist Legion. Wir finden ihn
namentlich in dem hellenistischen Kunstgebiet häufig als kleine.
Pltot. Alinari. Rom, Villa Bprgliese.
F'g- 57- Telesphorus ?
,\ptike rest. Marmorstatue.
•) In Berlin ziert seine Figur ein Relief am Hause des General -Chirurgus Goercke,
Dorotheenstr. 5.
TELESPHORUS.
127
ernsthatte oder karikierte Einzeliigur in Terrakotta, z. B. auch als
Lampe verarbeitet (Fig. 38). Auch in Bronze steht er in mancher
Vitrine, oft unerkannt und mit falscher Bezeichnung und vor allem
auf MĂĽnzen und Gemmen. Das Wiedererkennen ist ungemein
leicht, denn beinahe allzu charakteristisch ist sein Äußeres, welches
aus der sonstigen Formenschönheit der
hellenischen Kunst ganz herausfällt.
Doch erfahren wir zunächst das Wenige,
was wir von diesem Gotte durch lite-
rarische Hinterlassenschaft wissen. Bei
der Beschreibung des Asklepieion in
Titane mit den beiden auffallenden Bild-
säulen des Asklepios und der Hvgieia
— beider Körper ist umhüllt teils von
weißen wollenen »Gewändern« , teils
von einem Mantel aus geopferten Haar-
flechten — sagt Pausanias (2. Buch XI 6):
»auch die Bildsäule des Euamerion ist
dort; diesem aber optern sie wie einem
Gotte. Vermute ich recht, so nennen
die Pergamener nach einem Orakelspruch
diesen Euamerion Telesphorus, die Epi-
daurier aber Akesis« ! Zur Erklärung dieser
Worte müssen wir noch ergänzend nach-
tragen, daĂź neben dem Standbild unseres
Dämonen der Sohn des Machaon Alexanor
ein Standbild hatte. Diesem Enkel des
Heilgottes aber opferten sie wie einem
Heros, d. h. nach Sonnenuntergang.
Darauf bezieht sich die Stelle, daĂź man dem Telesphoros wie einem
Gotte, d. h. bei Tagesanbruch opferte. Die sonstigen literarischen
Erwähnungen des göttlichen Begleiters sind recht wenig zahlreich.
Ludwig Schenk') notierte seine Erwähnung bei dem Rhetor
Fig. 58. Telesphorus als
Terrakottalampe.
') Ludwig Schenk, De Telesphoro deo. Inauguraldissertation Göttingen iS88.
128 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Aristides und bei Marinus. In beiden Fällen erschien der Gott beim
Tempelschlaf und brachte sowohl bei einer akuten wie bei einer
chronischen Krankheit Krisis und Lysis mit Ausgang in Heilung.
Bei den wenigen existierenden Einzelfiguren muĂź man schon
deshalb gelegentlich an Verwechslungen mit Knabendarstellungen
anderer mythologischer Herkunft denken, weil fast immer der-
artige durch Ausgrabungen gewonnene Marmorfiguren bruchstĂĽck-
weise zutage gefördert und ergänzt wurden. In Betracht kommen
hierbei Herakles als Kind, Telephos, Harpokrates oder auch Eros.
AuĂźerdem werden wir nicht in der Annahme fehlgehen, daĂź auch
die Spätantike in der Verkennung des Wesens dieses kleinen Gottes
dessen Äußeres zu genrehatter Darstellung benutzt hat. Ich denke
dabei z. B. an die liebliche, wenn auch auttallende Knabenstatue
mit der Lampe im Thermenmuseum in Rom; anderseits aber
erhellt aus den schönen Karikaturen dieser Persönlichkeit, daß der
kleine Gott im Leben des Volkes eine gewisse Rolle spielte. Auch
die Marmorfigur des Berliner Museums (Katalog Nr. 488) , die
wohl ohne Zweifel unseren Heildämon vorstellen soll und von der
sich Repliken in London und Paris befinden, wird im Katalog nur
als Knabe im Mantel erwähnt. Unsere Abbildung zeigt eine Statue
aus der \'illa Borghese, welche mit der Berliner ziemlich ĂĽberein-
stimmt und die man als eine abweichende Darstellung des Heil-
dämonen auttassen kann. Die Figur wird jetzt noch aufgefaßt als
kindlicher Hermes, wie er sich, von Apollo wegen seines Rinder-
diebstahls gesucht, in ein Bettuch gewickelt und versteckt hat. Die
Werke der ersten Zeit und namentlich diejenigen hellenistischen
Ursprungs zeigen allerdings eine andere Gewandung, indem der
Kopf in einer Kapuze steckt und der Mantel bloĂź bis zur Mitte
der Unterschenkel geht.
Doch wechselt diese Kleidung auch bei den Darstellungen dieser
kleinen Persönlichkeit, die durch den großen \'ater in ihrem Wesen
sichergestellt sind. Als Einzelfigur beschreibt Schenk noch eine
Statue aus rotem Marmor in dem nicht zugänglichen römischen
Privatmuseum Torlonia.
TELESPHORUS.
129
Oris.-Au/n. Rom, l'iäa ßprghese.
Fig- 59- Asklepios und Teiesphorus.
Holländer, Plastik und Medizin.
130 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
Betrachten wir nun zunächst einmal den Gott zu Füßen des
groĂźen Vaters in der Sammlung der \'illa Borghese in Rom
(s. Fig. 39). Die ziemlich mäßige Statue des dahinschreitenden
und den Schlangenstab in der rechten Hand fassenden Gottes
brauchen wir nach dem austĂĽhrlich geschilderten Tvpus nicht be-
sonders zu analysieren. Neben ihm zur Linken, dort wo sonst
der Omphalos steht, erhebt sich ziemlich unmotiviert die selt-
same Figur dieses Knaben. Er steht da, um mich eines modernen
Ausdrucks zu bedienen, FuĂź bei FuĂź mit durchgedrĂĽckten Knieen,
in militärischer Haltung, die Arme auftallend nach vorne gehoben,
wodurch das hemdartige Gewand eine z^rt Glockenform erhält.
Auch die bilateral svmmetrische Anordnung ist seltsam und merk-
wĂĽrdig. Das Gewand setzt sich nun in eine Kapuze fort, die man
fälschlich als phrygische Mütze bezeichnete. Die Kleinheit der Figur
wird gemildert durch den rundlichen Untersatz, auf dem der Bursche
steht. In das Denkmal als Ganzes ist etwas mehr Geschlossen-
heit dadurch gekommen, daĂź die linke Hand des Gottes sich
nicht in gewöhnlicher Weise aufstützt oder im Gewände verbirgt,
sondern daß sie einen Salbentopf in der Hand hält.
Viel interessanter ist die Statue im Palazzo Massimo in Rom
(Fig. 6ü). Hier sehen wir zunächst eine interessante Abweichung
von dem epidaurischen Tvpus des Gottes. Eine kraftvoll in ĂĽber-
mäßiger Größe und Gesundheit strotzende robuste Männergestalt
steht vor uns in der tvpischen Pose. Er stĂĽtzt sich nicht auf einen
Stab, der hier zu einem kleinen Baum ausgewachsen ist, an dem sich
eine ganz kolossale Riesenschlange emporringelt, sondern er hält ihn
nur mit erhobener Hand. Neben diesem Krattmenschcn verschwindet
beinahe das kleine Männchen, dessen Ausführung aber, was Haltung
und Stellung anbetritit, absolut tvpisch ist und ofl'enbar eine ge-
treue Kopie eines alten ĂĽberkommenen \'orbildes. Haben wir uns
erst einmal dieses groteske Götterbildchen gemerkt, so werden wir
einerseits es nie vergessen, anderseits uns auch tür die Autlösung-
des Rätsels interessieren, welcher Charakter, welches Wesen ihm
innewohnte, welchen Gedankens mvthologische Verkörperung er
TELESPHORUS.
m
PJwt. Moscioni. Koni, Falazzo Massimo
Fig. 60. Asklepios mit Teiesphorus.
132
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
J
l
Fig. 61. Antike Elfenbeinplatte.
TELESPHORUS.
133
'^.)
I-
Orig.-Aufn,
Fig. 62. Telesphorus
zwischen Asklepios und
Hygieia.
MĂĽnze aus Apamea in Eithynien.
bedeute, und dann aus welchem Grunde diese Körperform. Bevor
wir nun an die Auflösung dieser Figur gehen, müssen wir noch
erwähnen, daß er auch namentlich auf Münzen und Gemmen neben
und in \'erbindung mit der Hvgieia und auch in ihrer Mitte als
Heiltrias vorkommt. Ja wir hnden ihn ge-
legentlich einmal auch zur Seite der Ceres. Als
letzte Kombination begleitet er den Sarapis oder
die Isis manchmal neben dem dicken gedun-
senen Harpokrates, Gottheiten, deren Kulte aus
Ägypten übernommen wurden und Irühzeitig
zu dem des Asklepios in Beziehung traten.
W'ir würden aus all diesem kunstarchäologi-
schen Nachlasse auch unter Zuhilfenahme der
literarischen Notizen doch vor einem Rätsel
stehen, wenn uns die Numismatik nicht zu Hilfe käme. Denn
es ist selbstverständlich, daß diese autfallende Körperform eine ganz
bestimmte \'oraussetzung haben muĂź. Man klammerte sich zu-
nächst zur Erklärung des mythologischen \'organges an die ver-
schiedenen und doch alle gleichlautenden Namen des Gottes, die
alle auf dasselbe hinauslaufen, des \^ollenders, des \'ollbringers, des
Gottes des Wirksamen, des Endebringers, und konstruierte daraus
d a s Prinzip der R e k o n \' a 1 e s z e n z , der
Genesung, indem man die auffallende Figur
und Tracht durch den Hinweis auf die Vermum-
mung und die Heimlichkeiten der Mysterien zu
erklären suchte oder auch auf das Nationalkostüm
der Thrakier, bei denen sein Kult schon frĂĽhzeitig
nachgewiesen war. Doch alle diese Erklärungen
befriedigen nicht. Der ganze Mythus des Heil-
gottes zeigt seine rein ĂĽberirdische Natur und auch eine von mensch-
lichem Können weltferne Heilkraft: durch das Orakel, durch gött-
liche Inspiration.
Als Svmbol der rein dämonischen Kratt steht zu des Gottes Füßen
der Omphalos, der Nabel der Erde, Sitz und Stelle der Orakelspende.
Orig.-Au/n.
Fig. 63. MĂĽnze aus
Nil<äa in Bithynien.
134
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Er versinnbildlicht gewissermaßen den göttlichen Gedanken in der
Heilkunde. Doch mit der Inkubation allein war es meist nicht
getan, der Weg zur Gnade ging oftmals ĂĽber Hindernisse hinweg,
die der Klient erfüllen mußte. Es wurden Ratschläge erteilt, wie
uns das im Detail z. B. die Kur des Apellas beweist. Solche
»telesphorischecc Mittel zur Genesung waren nicht nur Baden und
Gurgeln, Salben und Bäder, Aderlaß und Operation, sondern auch
gelegentlich kompliziertere, wie der Antritt einer Badereise oder
ähnliches. Es arteten manchmal, wie des Aristides Beispiel zeigt,
die anempfohlenen Mittel in arge Plackereien aus. Es ist nun klar,
daĂź dieser kleine Heilgott dem Xamen nach und auch seinem inneren
Wesen nach alles das in sich vereinigt und körperlich zum Aus-
druck bringen sollte, was äußerlich noch neben göttlichem \\'illen
und Rat zur Heilung hinzukommen muĂźte: das technische
Prinzip der Medizin, die Betätigung, die E r t ü 1 1 u n g
des göttlichen Befehls. W'n haben in unserer Betrachtung
gezeigt, daĂź die Statuen des Heilgottes aus der besten Zeit Em-
bleme rein medizinischen Könnens vermissen lassen; sind solche
vorhanden, so beweisen sie Epigonenzeit oder angeflickte Er-
gänzungen Unwissender. Der Gott steht da in reiner Schönheit;
schon besorglicher Ausdruck oder grĂĽbelnder Sinn liegt ihm fern.
Hält er eine Schriftrolle, so mögen Naive das aut das Studium eines
Buches beziehen. Es ist nur das Bittgesuch eines Heilflehenden,
das er in der Hand hält.
Später gingen natürlich, wie fast bei der Mehrzahl mythologischer
Vorstellungen und Darstellungen, solch reine Begriffe verloren.
Von diesem Standpunkt aus betrachten wir die I:lfenbeinschnitzerei,
welche jetzt im Liverpooler Museum autbewahrt wird (Eig. 6i),
deren Gegenseite wir bei der ^'erkörperung der Hygieia betrachten
wollen. Die Darstellung des Heilgottes erinnert in der Klobigkeit
an das Monument im Palazzo Massimo. Nur hat der KĂĽnstler
noch einen Gestus hinzugetan, der die Epigonenzeit charakterisiert.
Der Gott kraut sich nachdenklich im Barte und hält gleichzeitig
in der Hand eine Schriftrolle. Die Schnitzerei ist deshalb tĂĽr uns
TELESPHORUS. 1 3 3
von Wichtigkeit, weil Telesphorus auf derselben als in einer
Schriftrolle lesend dargestellt wird, gewissermaĂźen die Personi-
fizierung der BĂĽchergelehrthcit.
Die Auffassung, daĂź dieser Sohn des Heilgottes das Emblem
dessen ist, was menschlich in der Medizin und der Heilkunde
ist, diese Vorstellung und Anschauung wird mir zur GewiĂźheit
durch einen Fund, der in Milet vor kurzer Zeit im groĂźen Apo-
dyterionsaal der Thermen der Kaiserin Faustina von Prot. Wie-
gand') gemacht wurde (Fig. 6j). Als Ausdruck der werktätigen
und selbst chirurgischen Hilfe, die ja durch die Heilberichte fĂĽr die
athenischen und epidaurischen Kultstätten literarisch bewiesen ist,
zeigt die jetzt in Konstantinopel im Nationalmuseum autgestellte,
sonst recht mäßige Statue aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert
zur rechten Seite des Gottes den Knaben im Mantel, der vor der
Brust ein chirurgisches Trousseau hält. In dem Besteck sind deut-
lich einzelne Instrumente und eine Schere zu erkennen (Fig. 66).
Es muß die Bildsäule übrigens in einem Rahmen gestanden haben,
so daĂź der kleine Heilgott an eine glatte Wand anstieĂź, denn das
rechte äußere Ende zeigt keine Bruchstelle, sondern eine glattwandige
Fläche. Es ist durch diesen glücklichen Fund der Beweis geliefert,
daß hier menschliches Können symbolisiert werden sollte. Der
Zeusenkel hat nur die göttliche Idee, er bedarf zu ihrer Ausführung
des Endebringers, des Gottes der wirksamen Vollendung, ja auch
des Gottes der chirurgischen HĂĽte.
Wie aber kommt der Gott zu dieser sonderbaren Gestalt, zu
dieser auffallenden F'orm? Es ist fĂĽr die Idee selbst von gewissem
Interesse mitzuteilen, daß mittlerweile bereits ein anderer veröflent-
licht hat, was ich aus eigener Ăśberlegung seit langem nieder-
geschrieben hatte, daß nämlich sich die Gestalt dieses Gottes
aus der Form des Sc hr opfkopfes entwickelt habe. Ich meine,
daß das Studium der Verhältnisse unabwendbar zu dieser Auf-
fassung führen mußte; obwohl sie zunächst, wie ich mittlerweile
'1 S. Abh. der Kgl. Pr. Akad., Anh. 190S, S. 18 und 7. Bericht ĂĽber die Ausgr. in Milet,
1911, S. 30, ibid.
136
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Orin.-Au/ii.
Fig. 64. MĂĽnze
von Aegiale mit
Schröpf köpf.
von Archäologen höre, auf Gegnerschaft stößt. Svoronos, der
Direktor der athenischen MĂĽnzsammlung, hat aus der Tatsache, daĂź
kleinasiatische Münzen aus alten Kult- und Badestätten gewisser-
maßen als Wappen ihrer Münzen zunächst einen Schröpfkopt, in
späterer Zeit dagegen das Bild des Telesphorus zeigten, den Üher-
gang der einen Form in die andere behauptet, und ihm gebĂĽhrt
deshalb auch die volle Priorität dieses Gedankens, zu dem ich aut
anderem induktivem Wege gekommen bin.
Mit der Krklärung und Deutung der Embleme beschäftigt, die
neben dem Heilgotte stehen, glaubte ich zunächst den rundlichen
- . . Kegel mit dem von mir als Emblem antiker ärztlicher
und namentlich auch wundärztlicher Kunst statuierten
Schröptkopt identitizieren zu können. Nachdem sich
dieser aber als die verkleinerte Ausgabe des delphi-
schen Orakelsteines unzweiielhatt erwiesen hatte, und
ich auf Reliefsteinen (namentlich der athenischen
Basis) die frühe Form der Schröpfköpte mit dem
anhaftenden Ring kennen gelernt hatte, ergab sich wie von selbst
die andere Lösung.
Die Vorarbeit in numismatischer Beziehung hat auch ein Kol-
lege getan; Dr. Lambros'), der auf einzelnen MĂĽnzen, namentlich
von Aegiale Schröpfköpfe nachgewiesen hat. Auch diese Ansicht
wurde zunächst bestritten, ist aber dann spater anerkannt worden.
Wir zeigen nebenstehend die Abbildung einer MĂĽnze von Aegiale,
welche auf der einen Seite den Kopf des Asklepios zeigt, aut dem
Revers aber Schröpfkopf und Schlange. Die Glockentorm dieses
Schröpfkopfes ist besonders typisch. Auf den Schröptkopf als
Emblem werden wir noch im Zusammenhang zurĂĽckkommen, und
wollen wir nur noch daraut hinweisen, Awil) diese Darstellung
mit der des 'Felesphorus im kleinasiatischen MĂĽnzgebiet ab-
wechselt. \'om Kaiser Hadrian abwärts tinden wir diese kleine
Gottheit ganz besonders im östlichen, asiatischen Griechenland,
in Bithynien, Mysien, Lydien, Pamphylien, Kilikien, Kappadokien,
') K. n. 1, AcfjJLit^ii;. Uiy. aiv.iiiĂĽv v.ai S'.v.ua^sojj -rj.'j'j. xol; 'j.'j/'i:ri:;,. AfKjvai 1895.
TELESPHORUS.
137
Orijl.-Au/u. Komtantiuofcl
Fig. 65. Asklepios (Wiegand) mit Telesphorus.
138
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Phrygien, lonien, auf den Inseln Lesbos, Samos, als Gegenstand
lokaler Verehrung. Asklepios selbst trägt manchmal den Namen
â– .Ori^.-Aitjn.
Fig. 66. Detail der Vorigen.
Telesphorus, und so ist es erklärlich, daß des Sohnes Ruhm an
vielen Orten den des \'aters iiberstrahlte. Es kommt hinzu, dem
Sinne unserer Auslegung gleichlautend, daĂź z. B. lĂĽr das perga-
TELESPHORUS.
139
menische Heiligtum eine aktivere Therapie und auch die Verwendung
des Schröpf kopfes in ausgedehntem Maße historisch belegt ist.
Gerade das Eindringen dieser kleinen Gottheit in die Darstel-
lungen der Kleinkunst im hellenistischen Kunstgewerbe spricht tĂĽr
die große Popularität derselben. Im athenischen Xationalmuseum
existieren allein zahlreiche Terrakottafiguren des Gottes. Im gleichen
Orig.-Au/n. Kopenhagen,
Thorivaldsen- Museum .
Fig. 67.
Telesphorus. Kutte abnehmbar.
Fig. 68.
Telesphorus als Schröpfkopf(.').
Sinne sind Karikaturen des kleinen Gottes aufzufassen, denn wenn
man eine Person und ihr Äußeres im Zerrbiide zeigt, so ist für
das Verständnis derselben die intime Kenntnis des Vorbildes
Voraussetzung.
Einmal hat sich in die Kutte des Telesphorus ein Silen ver-
steckt, kenntlich an seinen spitzen Ohren; ein interessantes Zerr-
140
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
bild aber dieses kleinen Kuttengottes, der menschliche Weisheit
und menschliche Geschicklichkeit verkörpert, steht unerkannt im
Florentiner etruskischen Museum unter den ita-
lienischen Bronzen. Hier grinst aus seiner Kutte
der Kopf eines Esels. Als letzten SchluĂźstein,
der diesem hypothetischen Gebäude sichere Basis
gibt, existieren Telesphorusdarstellungen, welche
den Ăśbergang zeigen des Apparates selbst zur
Gottheit. Die Funde in Wien (Sacken, Ant.
Skulpt. XXXn', 3), in Mainz (Lindenschmit,
Die x^ltertĂĽmer unserer heidnischen \'orzeit, Mainz
1838, I\', 647), und ferner ein gleichlautender in
der Societe Archeolog. de la Province Constantine
1879I80, pl. 2], beschrieben und abgebildet,
zeigen uns mehr oder weniger einen Schröpfkopf
oder chirurgische Instrumente ähnlichen Zweckes,
in deren oberen Teil nur ein Gesicht hinein-
gezeichnet ist, der sonst aber die Silhouette des glockenförmigen
Apparates unverändert erkennen läßt').
Orig.-Au/n. l;,-rlin.
Fig. 69. Silen in
der Stellung des
Telesphorus.
Orig.-Aufti.
Fig. 70. Telesphorus, kleinasiatische ^lĂĽnze.
HYGIEIA.
Unter den Asklepiaden, denen die Griechen göttliche Verehrung
zuteil werden lieĂźen, gebĂĽhrt der Hygieia, der Tochter des Asklepios,
in dem MaĂźe die erste Stelle, als sie, die l'ochter, gewissermaĂźen
') -Aus dem mir vorliegenden GipsabguĂź der JMainzer Bronze ist der Zweck des hinter
dem Kopf ansetzenden Röhrchens nicht ersichtlich; es scheint auch, daß ein Boden später
angelötet wurde.
HYGIEIA.
141
den Rang einnahm, der sonst der Gattin gebĂĽhrt. Bei den Oro-
piern im attischen Lande gehörte der vierte Teil des Ahares fol-
genden Heilgöttinnen: der /Aphrodite, der Panakeia, der Jaso, der
Hygieia und der Athene Paionia. Die Tochter Aigle ist hier ver-
gessen. Ob diese dieselbe ist, die sonst als Mutter der Chariten
i'HL't. Ali/Ulli, l'atikan.
Fig. 71. Äskulap und Hygieia.
bekannt ist, kann ich nicht feststellen. Eine andere, ebenfalls
»Glänzende« genannt, wurde in eine Pappel verwandelt. Bei der
Hygieia tritt die Personifikation eines Begriffes mehr in den Vorder-
grund, das legendäre Persönliche verschwindet. Variationen ihres
Kultus sind meist lokaler Herkunft. So erwähnt Pausanias die
ägyptische Hygieia (II, 276). Die Hochburg ihrer Verehrung aber
142
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
war wohl in Athen und auch sonst im Peloponnes. In Rom wurde sie
als Valetudo verehrt und später mit der Salus identifiziert. \'iel-
Icicht in noch höherem Grade wie heim Heilgotte rettete sich
Orig.-Attftt. KoHstaniinopel, Otto/r:. Museum.
Fig. 72. Asklepios und llygieia.
diese schöne Griechenjungtrau, züchtig in ein Gewand gekleidet und
nur eine Brust gelegentlich enthüllend, in die späteren lipochen,
und noch heute ist ihr Bildnis fĂĽr alle Dinge, welche aut die
HYGIEIA. 143
Hygiene Bezug haben, der beliebteste symbolisch -kĂĽnstlerische
Ausdruck. Ihre statuarische Form ist in vielen mehr oder weniger
erhaltenen Marmorwerken auf uns gekommen. Wir sahen bereits
die Göttin neben dem Vater auf den zahlreichen Reliefdarstel-
lungen. Hier steht sie meist in einer vertraulichen Stellung zur
Seite des Vaters, ohne sonstiges charakteristisches Beiwerk (s. Fig. 46,
48> 49= 3 0-
FĂĽr diese vertrauliche Gemeinschaft bringen wir zwei Zeugnisse.
Das eine, die interessante Skulptur aus dem Vatikan. Das Har-
monische der Gruppe, welche ein ausgezeichnetes hellenisches
Original zur Voraussetzung hat, leidet dadurch, daß beide Köpfe,
wenn sie vielleicht auch antik sind, sicher , . „., —^
nicht zu diesen Körpern gehören. Pius VI. ■r^'' V '
verdanken wir den Fund bei den Ausgrabungen '•./
uf dem Forum von Präneste, dessen Ruinen .'1 // ' l''\'tr^
aut dem rorum von rranesie, uesbcu ivuiucn '^ / ^ .' ')'[')
,vLz.L iiwc.. VI..- ...V- »--— ■- ^ , ^^rv.'W
des Orakeltempels der Fortuna (s. Fig. 71). :/ jt.'^y^^'-y/
ietzt noch eine Idee geben von dem Aussehen f\ ''/fl-.''/
Als ein Relief der Spätzeit zeigen wir das
MarmorstĂĽck aus dem Stambuler Museum, '^" "â– . .
Thronende Hygieia, die
welches wahrscheinlich in der Gegend von heilige Schlange fĂĽtternd.
. . - , , ^ , >^ /^T" N MĂĽnze VOD Hierapnlis in Phrygien.
Saloniki gefunden wurde (47 -60 cm) (Fig.72j.
Vor einem DreifuĂź, um den sich die Schlange gewickelt hat, sitzen
beide Gottheiten in einer vertraulichen, familiären Stellung. Dem
Gott ist sein Gewand heruntergeglitten. Man muĂź sich erst orien-
tieren, wie die drei sichtbaren FĂĽĂźe den beiden zuzuteilen sind.
Hygieia trägt ein Ärmelgewand; der bekränzte Gott hält in der
Linken den Stab, den er sich eben abgeschnitten hat, ein Laub-
bĂĽschel befindet sich noch an ihm. Fr sieht interessiert zu, wie
seine Nachbarin die Schlange lĂĽttert.
Archäoloa;ischerseits gewöhnte man sich, die dem \^Uer zunächst
stehende jugendliche Gottheit als Hygieia anzusprechen. Pausanias
erwähnt eine ganze Reihe von Bildsäulen der Hygieia, so eine in
Korinth aus weiĂźem Marmor, eine in Titane, von der wir schon
erzählten, daß sie eingehüllt war von Frauenhaaren, die ihr zuliebe
144
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
abgeschnitten wurden. \'on der Bildsäule der Hygieia von Me-
o-ara erwähnt Pausanias, daß Brvaxis sie gemacht habe. Unter den
Weihgeschenken an vielen Orten wird
neben dem Asklepios oft eine Bild-
säule der Hygieia erwähnt, so in Elis
und in Olvmpia. »Damophon aus
Messene ist der \'erfertiger der Bild-
säulen der Hvgicia und des Asklepios
von Aigion.« Was der Perieget hier-
ĂĽber sagt und an dieser Stelle sagt,
ist interessant genug, um hier wört-
lich wiedergegeben zu werden. »Die
Algier haben ein altes Heiligtum der
Eileithyia. Das Schnitzbild ist mit
Ausnahme des Gesichts und der
Hände und büße, welche von pen-
telischem Marmor sind, vom Kopte
bis zu den FuĂźspitzen mit einem
feinen Schleier verhĂĽllt; von den
Händen streckt sie die eine gerade-
aus, in der anderen hält sie eine
Fackel (siehe Juno Lucina, Rom).
Als Grund dafĂĽr, daĂź die Eileithyia
Fackeln hält, darf man vielleicht ver-
muten, daĂź den Frauen die Wehen
gleich Feuer sind. Die Fackeln kön-
nen aber wohl auch darin ihren Grund
haben, weil die Eileithyia es ist, welche
die Kinder ans Licht fĂĽhrt. Das Bild
ist ein ^^'erk des Messeniers Damo-
phon. Nicht weit von der Eileithyia
ist ein heiliger Bezirk des Asklepios
und Bildsäulen der Hvgieia und des Asklepios. Eine jambische
Inschrift am Sockel sagt, Damophon aus Messene sei der Verfertiger.
Fig. 74. Hygieia.
HYGIEIA. 145
In diesem Heiligtum des Asklepios geriet icli mit einem Sidonier
in Streit, welcher behauptete, die Phoiniker hätten überhaupt eine
bessere Einsicht von göttlichen Dingen als die Griechen, und nament-
riiot. .;. â– â– '". Kapital.
Fio. 75. Hygieia. Rom. Porträtstatue in archaischer Auffassung.
lieh auch darin, daĂź sie dem x\sklepios als Vater den Apollo zu-
schreiben, aber kein sterbliches Weib als Mutter. Denn Asklepios
sei die dem Menschengeschlecht und allen lebenden Wesen zur
Gesundheit nötige Luft, Apollo aber die Sonne; mit vollem Rechte
Holländer, Plastik und Medizin.
146
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
®
wmmwmm^:^>-^^m
Ori^.-Aufn. nach Gi^sadg^u/s. Liz-cr/ool, Museum.
Fig. 76. Diptychon. Antike Elfcnbeinplatte. Gegenbild zu Fig. 61
HYGIEIA.
147
nenne man ihn \'ater des Asklepios, weil die Sonne, indem sie
ihren Laut" zum richtigen Wechsel der Jahreszeiten macht, dadurch
iijuiiLii iuuL«. .^.-i a.u.n.uii
Plwt. Alinari. Rom, Kapitolinisches Museum.
Fig. 77. Votivrelief an llygieia.
auch der Luft die Gesundheit mitteilt. Ich erwiderte daraut, daĂź
ich das Gesagte annehme, daĂź aber diese Ansicht den Phoinikern
durchaus nicht mehr als den Griechen eigen sei, indem ja zu
148
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Titane im Lande der Sikyonier dasselbe Bild (des Asklepios) auch
Hygieia genannt werde, und es jedem Kinde Idar sei, daĂź der
Sonnenlaut den Menschen auf Erden
die Gesundheit schaffe«.
Das mehr Unpersönliche dieser
Gesundheitsgöttin geht auch schon
daraus hervor, daĂź eine \'ersch\viste-
rung ihres Wesens mit anderen Gott-
heiten o-elegentlich eintritt. So hatte
auch die Athenestatue den Beinamen
der Hvgieia, und auĂźer in Athen seihst
stand ihr Altar auch bei den Acharnern
(I.Buch 31, 6). Es wird angenom-
men , daĂź ursprĂĽnglich diese charak-
teristische Heilpotenz der Göttin Athene
durch Hypostase zu einer selbständigen
Göttin erhoben wurde. Für diese
innige Gemeinschaft der Athene und
der Heilgottheiten spricht auch noch
die Tatsache, daĂź, als oflenbar berĂĽhmte
Werke aus pentelischem Marmor von
des Skopas Hand, Asklepios und Hy-
gieia links und rechts zur Seite der
Athene im Tempel \-on Tegea standen.
Wir wollen hier nicht die kunstarchäo-
IIIW i\} I logisch wichtige Frage anschneiden,
ff f '*7 ig < welches wohl das älteste W^rbild ihrer
Darstellung gewesen ist und welche
der erhaltenen Bildsäulen oder Ab-
bildungen von solchen aut MĂĽnzen,
dem Hvgieiaideal am nächsten kommen.
Immer wieder sucht der KĂĽnstler eine keusche Jungfrau, bekleidet
mit einem Gewände, welches meistens bis zu den Füßen herabreicht,
darzustellen, die eine Schlange fĂĽttert. In der Kunstform, in der
Üris.-A„/„.
Fig. 78. Hygieia. Antike Statuette
aus Epidauros (1806).
HYGIEIA. 149
man die Schlange mit ihrem Körper vereinigte, bestand eine viel
o-rößere Freiheit, wie bei der Darstellung des Vaters mit seinem
Schlangenstabe.
Einer der häufigsten Typen, welcher sich immer wiederholt,
ist der, daĂź eine kleine Schlange sich um den rechten Arm der
Göttin ringelt, und daß sie, den Schlangenleib am Halse mit der
vollen Hand fassend, dem Tier mit der anderen eine Schale reicht,
um es zu füttern. Von dieser Pose existieren unzählige Variationen
(s. Fig. 74-7^^)-
Eine kleine Statuette, in Epidauros gefunden, bildet ein Beispiel
fĂĽr eine ctvs^as abweichende Darstellung. Eine riesengroĂźe Schlange
windet sich am Körper der Göttin in die Höhe, ihren Leib um-
schlingend.
Auch sitzend finden wir sie dargestellt auf einem Thron-
sessel, die Schlange fĂĽtternd. Nach Panofka als Kopie der
Gruppe des Xenophilos und Straten aus dem Asklepieion
zu Argos ist uns die vatikanische Marmorgruppe erhalten, die wir
S. 141 abbildeten.
Unter der Unzahl der statuarischen Werke, von welchen
beinahe jedes Museum die eine oder andere antike Replik be-
sitzt mit abweichender Behandlung der Schlangenhaltung und
ihrer Fütterung, fallen einige sitzende Göttinnen durch die schöne
Auffassung auf, so die aus Venedig in dem St. Markusmuseum
und die Gewandstatue auf dem Monte Pincio. Die kleine
Marmorstatuette (Fig. 78) in Athen ist dadurch bemerkenswert,
daĂź auf dem Deckel der SalbenbĂĽchse ein vergoldetes Gorgoneion
sichtbar ist.
EPIONE.
Die Frauen in der Umgebung des Heilgottes setzen sich aus
verschiedenen Persönlichkeiten zusammen, obwohl wir zunächst
geneigt sind, in allen das Bildnis der Hygieia zu sehen. Wir
zeigten bereits gelegenthch der Besprechung des Reliets (s. Fig. 30)
IjO DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
die Verbindung des Gottes mit den Eleusinierinnen Demeter und
Köre. Als Töchter kommen aber außer Hygieia in Betracht Aigle,
Panake, Jaso und Akeso. Phnius erwähnt ein Bildnis aller dieser
von Nicophanes, an welchem Gemälde er übrigens die harten Farben
und die Vorliebe tĂĽr das Gelbe auszusetzen hat. Auf manchen
attischen Reliefs ist die Pamilie ziemlich vollständig vertreten (s. z. B.
Xr. 1402 des Athenischen Nationalmuseums zwei Söhne und vier
Töchter). Aus dieser Gruppe von Frauen hat man archäo-
logischerseits einen Tvpus als Epione ausgesondert, als die Gattin
des Gottes. Durch ein matronenhaftes Aussehen kennzeichnet sie
sich. Meist ist ihr Haar mit einem Schleier bedeckt (s. Fig. 44),
kenntlich ist sie auĂźerdem durch die Gans, die ihr besonders
heilig. Ihr Bildnis hnden wir durch dieses Tier zu ihren FĂĽĂźen
gesichert auf dem einzigartigen Dreistein Nr. 1377 des Atheni-
schen Nationalmuseums (s. Fig. 31).
JANISCOS.
,1
I
1 '' / / -.</
//
)/
Fig. 79. Janiscos zwischen Asklepios und Hygieia.
Pergamen. MĂĽnze.
Auf MĂĽnzen sowie auf Reliefs linden wir im Gegensatz zu dem
von uns hinreichend charakterisierten Telesphoros eine andere Kinder-
gottheit, den beinahe verschollenen Sohn des Asklepios Janiscos. Es
ist das Verdienst von Svoronos, diesen fröhlichen Götterknaben
aus den antiken Genredarstellungen befreit und ihm ein, wenn auch
vorläufig noch hypothetisches Leben gegeben zu haben. Wir ver-
weisen auf den komplizierten archäologischen Beweis des gelehrten
jANISCOS.
151
athenischen Numismatikers') und ĂĽberhissen ihm auch die Verant-
wortung. Aus der groĂźen Anzahl von Terrakotten und kleinen
Marmorhguren, welche ĂĽberhaupt einen kleinen nackten Knaben
vorstellen, der mit einem gansähnlichen \'ogel spielt, zeigen wir
k\r/'i!:'i . Museum
Fig. 80. Knabe mit Gans des Boethus. Antiker Marmor.
zunächst die berühmte Gruppe des Boethos nach der besten antiken
Kopie (denn das Original war eine Bronzefigur). Svoronos
unterstützt die Ansicht von Herzog, der die gleichfalls häufig
vorkommende Darstellung eines kleinen Knaben, der an der Erde
sitzend oder auch stehend eine sogenannte Fuchsgans beschĂĽtzt,
') Svoronos, Das Athenische Nationalmuseum. Heft 11/12.
132 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. ^
als diejenige anspricht, die die Frauen in den Mimiamben des
Herondas (s. S. 48) bewundern und nicht das Original der Fig. 80;
eine der schönsten Knabenstatuen dieser Spezies ist die des Athe-
nischen Nationalmuseums, die wir im Bilde zeigen (Fig. 81),
Ăśrig.-Fliot. Athen.
Fig. 81. Knabe mit Fuchsgans, Janiscos? Antiker Marmor.
sie stellt einen Knaben vor in göttlicher Nacktheit, nur den Kopf
geschmĂĽckt mit einem Diadem, wie er sich mit der Linken aut eine
sogenannte Fuchsgans stĂĽtzt. Auch von diesem Knaben wird be-
hauptet, daĂź er entweder der kindliche Asklepios selbst oder einer
JANISCOS. I 3 3
seiner Söhne ist. Jedenfalls gilt es, diese Hypothese einer weiteren
archäologischen Vertiefung zu unterziehen, welche alle diese mit
Vögeln spielenden oder sie würgenden Knaben aus dem Kreise der
antiken reinen Genredarstellung nimmt, um sie dem Mythus und
dem Kultkreis des Heilgottes einzureihen. Wir hätten dieser Theorie
überhaupt keine Erwähnung getan, wenn die schöne Asklepios-
statue beim Lacus luturnae auf dem Forum Romanum nicht dazu
aufforderte. Dort fand ich in einer Nische aufgesteUt einen voll-
kommen anderen Typus des Heilgottes. Der kopflose Gott hält
in der erhobenen Linken eine Rolle; von einem Stabe konnte ich
nichts bemerken. Bis zur Höhe der Hüfte ringelt sich eine Schlange,
deren unterer Teil verdeckt wird durch die liebliche Gestah
eines einen Vogel tragenden Knaben. Aus der Entfernung glaubt
man zunächst, daß dieses Tier eine Gans ist; bei der tür mich
veranstalteten Aufnahme aber hat Dr. Hoffa festgestellt, daĂź
der Vogel unzweifelhaft den Charakter eines Hahns trage. Es
ist nun weiter nicht befremdlich, daĂź der kleine Janiscos einmal
mit dem der Mutter heiligen Vogel, der Gans, spielt oder sie trägt,
ein andermal aber mit dem dem Vater heiligen Hahn. Svoronos
hat dies auch fĂĽr einige andere Knabenterrakotten anerkannt^).
Dieser neue Fund erscheint mir eine weitere und besonders wich-
tige Stütze für die Auffassung, daß diese mit Gänsen und allerlei
anderen Vögeln spielenden Knaben den Janiscos vorstellen sollen.
Um Irrtümer zu vermeiden, erwähnen wir noch die andere mytho-
logische Bedeutung der Gans als des Vogels der Aphrodite. Ver-
dankt hier der meist in Begleitung von Eroten befindliche Vogel
seinem starken Zeugungstrieb die Bedeutung als Symbol, so
grĂĽndet sich der Gans Verehrung im Asklepioskult aut die ihr
zugesprochenen Heilkräfte. Wir erinnern an die vielfache Heil-
wirkuns des mit Honig versetzten Gänseschmalzes und an die
heilenden Bisse des Vogels. Bisher hat man den kleinen Knaben
1) S. auch die schönen Knabenterrakotten mit einem Hahn, welche nach ihrer Form
durchaus keinen Genrecharakter haben, sondern eher wie Götterbilder aussehen; bei Winter
»Terrakotten. S. 182 und 1S3 aus Athen und Theben; jetzt im Berliner Antiquarium.
154
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
zur Seite des Gottes vom Forum, wo er neben dem Heiligtume
der Dioskuren am Lacus, einer antiken Kaltwasserheilanstalt,
thronte, als ein sterbliches Kind angesprochen, das dem Gott
einen Opferhahn bringt, jedoch hat die identische Stellung des
Orig -Aujn
lliin yii'J/.-<7'.'
Fig. 82. Janiscos mit einem Hahn neben Äskulap. Statue vom Lacus luturnae.
Knaben zur Seite des Gottes, wie Telesphorus, eine gleichwertige
mythologische Bedeutung zur \'oraussetzung. Es ist eben der
jĂĽngste Sohn des Gottes, wie er auf pergamenischen MĂĽnzen viel-
fach geschildert wird als ein meist nackter kleiner Knabe, der
ANDERE HEILGĂ–TTER. I j 3
mit einem Tier spielt; meist ist es ein "V^ogel, i-ien er in der Hand
hält. Im Gegensatz zu der übermäßigen Verhüllung seines Bruders
ist er nackt oder wenig bekleidet, wie dies auch aut perga-
menischen MĂĽnzen ersichtlich ist, deren AbdrĂĽcke ich Svoronos
verdanke.
JSIS, SARAPIS UND ANDERE HEILGOTTHEITEN.
Die Liste der Heilgottheiten aus dem gräko-lateinischen Kult
ist noch eine lange, aber bei diesen tritt die hiatrische Seite ihres
Wesens mehr in den Hintergrund. So war die Retterin aus Schlacht
und Sturmesnot, die Hera, gleichzeitig auch Heilerin in der Gefahr
einer Krankheit. Bei Hera selbst offenbarte sich dieser Zug ihres
Wesens allerdings nur in den Xöten der Kreißenden. Die grie-
chische Mythologie aber lehrt uns, daĂź gerade ihre Wettergottheiten
und ihre Kriegsgottheiten gelegentlich auch Helfer gegen die
Schrecknisse der Krankheiten waren. Die meist kriegerischen Götter
Athena, Kybele und die Dioskuren, und vor allem Herakles und
Medeia, ĂĽbernahmen gelegentlich auch Heilfunktionen, wie wir
anderseits auch wissen, daß Asklepios Retter in Seenöten war und
als solcher angerufen wurde. DaĂź Asklepios auch in von Gold
strahlenden Waffen erscheint, hat seine Ursache in seiner berĂĽhmten
Wunderrettung des bedrohten Sparta. Ein antiker St. Georg er-
scheint er dem in Epidauros von Krankheit Genesung heischenden
jungen Isyllos (Hymn. Vers 37 if.). Auch Poseidon, der Retter
und Zerstörer der Schiffe, wurde in Tenos als Heilgott verehrt, ver-
mutlich war es die frische gute Seeluft, welche dieser ägäischen
Insel mit ihrem Poscidonskult den hiatrischen Einschlag gab. DaĂź
Zeus Soter, Athene, Hermes, Fan, Awvuaoc laz^oc, gelegentlich Kranken-
heiler waren, wĂĽssen wir. Reine Personifikation einer Naturkraft
aber war es, wenn manche Quelle und die nach ihr benannte
Nymphe eben wegen der Heilkraft des Quellwassers göttliche
Ehren genoĂź.
Ein Relief aus dem athenischen Asklepieion zeigt uns die Tyche
156
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
mit dem FĂĽllhorn (s. Fig. 83). Diese ganz allgemein beliebte
Gottheit, die Fortuna der Römer, verwandelte sich oft in eine
Stadtgoltheit, und so finden wir sie als reich gekleidete schöne Frau
mit der Mauerkrone im ganzen hellenistisch-römischen Zeitalter.
Aus ihr scheint die heilige Agathe hervorgegangen zu sein (s. u.).
:;^v-."*.ti
Orig.-Au/n, Athen.
Fig. 83. Tyche mit dem FĂĽllhorn aus dem Asklepieion in Athen.
Wurde schon im täglichen Leben jede Handlung unternommen
unter Anrufung des guten Dämon, so darf die An\Yesenheit solcher
Gottheit in einem Kurort nicht wundern.
Unter den fremden Gottheiten nahm der Kult der ägyptischen
Isis in der hellenischen Religionsgeschichte eine bedeutende Stelle
ein. Die Verwandtschaft dieser Göttin mit den eleusinischen Kulten
und namentlich mit Demeter tritt deutlich hervor. Die Erd- und
SARAPIS.
157
Friichtc"öttinncn ähnelten sich wie Sarapis dem Asklepios. Allen
ist die Erlösung von den Leiden und Krankheiten der Oberwelt
o-emeinsani; beiden ägyptischen Gottheiten wurde auch als besondere
Phot. Alinari.
Fig. S4. Sarapis, antil^e Marmorstatue.
Spezialität eine heilende Kraft gegen die lokale Augenkrankheit zu-
geschrieben. Auch diesen Göttern war die Spendung von Traum-
orakeln eigentĂĽmlich. Es sei noch bemerkt, daĂź die mystische
158
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
eiste der Demeter und die Schlange aucli Kultgegenstande der Isis
waren. Auch darin linden wir Parallelen, daĂź Isis und Sarapis gleich-
falls bei Sturmesnot als Helfer angerufen wurden. Der Kult dieser
Gottheiten nahm mit dem
sinkenden Altertum zu. Ser-
apis oder Sarapis, auch hierin
dem Asklepios ähnlich, wuchs
in seinem Ansehen ĂĽber das
MaĂź einer lokalen Gottheit
hinaus und näherte sich dem
Allgott. Mit dieser Erbschatts-
ĂĽbernahme anderer sinkender
hellenischer Götter verbrei-
tete sich seine Verehrung mit
Eile ĂĽber Kleinasien, Griechen-
land, Sizilien, Karthago, Rom
und das Reich bis ĂĽber die
Donau. Das Serapeum von
Kanopos erfreute sich einer
internationalen Klientele. Der
(iott mit den schwermĂĽtigen
Augen und den Svmbolen der
Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft hat in der bildenden
Kunst wahrscheinlich durch
Brvaxis seinen Idealtypus ge-
funden. Er thront ähnlich
dem Asklepios mit dem Stab,
neben ihm der dreiköpfige
Cerberus mit der Schlange
(s. auch Fig. 39). Auch diesen fremd-hellenistischen Göttern des
sinkenden Altertums fehlt nicht ein kleiner Beigott. In Anlehnung
an Telesphoros setzte die griechische Kunst zu FĂĽĂźen der Isis den
ägyptischen Harpokrates, den gedunsenen, unschönen Knaben mit
M:ihJu„
Fig. 85. Isis mit Harpokrates. .Antike ^larmorstatue.
DIE GEBURTSGĂ–TTINNEN.
159
dem Finger am Munde. Dieser Gestus, vielleicht mit Bezug auf das
Schweigegebot bei den Mysterien ersonnen, wahrscheinlicher aber ur-
sprĂĽnglich eine aus anderen GrĂĽnden hervorgegangene AttitĂĽde, fand
in der bildenden Kunst eine häutige Darstellung; doch auch aut der
Lotosblume sitzend oder mit der Granate spielend wurde tiarpokrates
massenhalt in der Kleinkunst dargestellt. Ăśber die Beziehung dieses
auch wohl schon im Altertum verkannten göttlichen Kindes zur Heil-
kunde besteht heute noch Unklarheit. Wir erwähnen ihn, weil er
aut unserem Bilde der Isis zu ihren FĂĽĂźen steht (s. Fig. 85).
HERA-ARTEMIS-EILEITHYIA.
Die Entbindung stand in Hellas und Rom unter dem Schutze
von Göttinnen. Sowohl Hera-Juno wie Artemis-Diana wurden
tür eine glückliche Geburt angeruten. Die Töchter der ersteren
sind die Eileithvien , die Wehen. Nach altgriechischer Vorstel-
lung war die Gemahlin des Zeus die BeschĂĽtzerin der ehelichen
Gemeinschaft und der truchtbaren Zeugung. Schon in der llias
wird sie geschildert als Förderin der Geburt; doch auch gegen-
teilig betätigte sie ihre Macht; so, als sie die Geburt des Herakles
hindern wollte. Sie, die Mutter von Hebe und Eileithvia, steht den
Frauen in den kritischen Momenten des weiblichen Lebens hilf-
reich zur Seite. Auch als säugende Hera kennt sie der Mvthus
und damit auch die bildende Kunst. Die von sterblichen MĂĽttern
geborenen Söhne LIerakles und Dionysos werden erst der Unsterb-
lichkeit teilhaftig, nachdem sie an ihrer Götterbrust getrunken.
Den Modius oder den Polos auf dem Haupte zeigt sie das Bild,
den Granataptel in der Hand, das Zeichen der Fruchtbarkeit. Die
Hera Griechenlands ist die Juno Lucina der Lateiner. Deren aus-
gedehnter Kult in Rom bedarf noch besonderer Besprechung.
Die Mondgöttin Artemis galt als spezitische Patronin der Lochien,
der Entbindung, und der jungen Mädchen. Ihr weihte die weibliche
Jugend Stirnlocken und Gürtelband. An das jungfräuliche Wesen
der Artemis knĂĽpfen sich divergente mythologische Vorstellungen.
i6o
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
In ihr, der Göttin des Waldes und der Jagd, vereinigen sich noch
die Kultformen verwandter Gottheiten, so namentlich auch der
Hekate. Fischfong und Jagd, Viehzucht und Reitkunst, Handel und
Fig. 86. Altar aus dem Lacus luturnae mit der Diana lucifera.
Wandel und sonstige für das Leben nutzbringende Tcätigkeit beschützt
sie, unter diesen Geburtshilfe und Kinderzucht. Die darstellende
Kunst hat die Artemis-Diana in \'erbindung gebracht mit einem
Tier des Waldes, der Hirschkuh, oder sie wird von einem Jagd-
JUNO LUCINA. l6l
hund begleitet. In späterer Zeit wurde die Göttin dabei immer
mehr das Idealbild jugendlich-weiblicher Schönheit. Daß jedoch
«^erade ihre in der Kunst vernachlässigte Qualität als Heilgöttin an
mancher Stelle in den Vordergrund trat, das zeigen die \'otivfunde
an ihrer berühmten Kultstätte am Xemisee. In Rom selbst scheint
der Kultus der Juno Lucina alle anderen Geburtsgöttinnen verdrängt
zu haben. Emilio Curätulo') hat an Ort und Stelle das gesamte
Material zusammengetragen und uns die erhaltenen Reste auch im
Bilde vorgefĂĽhrt. Aus seinen Darlegungen ersehen wir, daĂź nament-
lich in der Kaiserzeit der Kult dieser Göttin in voller Blüte stand.
BezĂĽglich der Etymologie des Wortes Lucina sind die alten
Schriftsteller nicht einig; Plinius hält den Namen für den eines
Ortes, wo ein Heiligtum dieser Göttin stand, Cicero aber und Plutarch
führen den Namen direkt auf den iMond zurück: »Luna, a lucendo
nominata, eadem est enim Lucina.« Horaz nennt die Göttin übrigens
»Ter vocata«, weil sie eben als Luna (Selene) am Himmel, als
Diana auf Erden und als Hekate oder Proserpina in der Unterwelt
angebetet wurde. Von dieser Juno Lucina besitzen wir eine ganze
Reihe x\bbildungen, und zwar verdanken wir diese der Fruchtbar-
keit der römischen Kaiserinnen. Wir sehen auf den Münzen, die
o-elesentlich der Niederkunft der Faustina, der Tochter des Antoninus
Pius, oder der Lucilla, der Tochter des Mark Aurel, geprägt wurden,
die stehende oder sitzende Göttin in Matronenkleidung mit einer
Fackel in der Hand, im linken Arm ein gewickehes Kind. In der
Galleria Chiaramonti, im Vatikan, befindet sich auf einem Cippus
eine Darstellung gleicher Art. Der daneben stehende Baum markiert
einen Wald, dessen Schutzgöttin Juno war. Unser Bild (s. Fig. S6)
zeist den schönen Sockel aus dem Lacus luturnae auf dem römi-
sehen Forum mit der Diana Lucitera.
Aus dem Museum von Capua stammen die Abbildungen der
Schutzpatronin der Neugeborenen. Wir sehen die Juno oder eine
ihr verwandte Göttin in Matronengewandung dasitzen, aut dem
Schöße liebevoll mehrere Wickelkinder haltend.
') Curätulo, Die Kunst der Juno Lucina in Rom, Berlin 1902 bei August Hirschwald.
Holländer, Plastik und Medizin.
l62
DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.
Auch das Berliner Museum besitzt mehrere derartiger roh ge-
arbeiteter Statuen aus Tuffstein, welche bei den Ausgrabungen in
Curti gefunden wurden. Eine Frauengestalt mit Ober- und Unter-
gewand angetan und einem Diadem aut dem zurĂĽckgestrichenen
Haar hält auf dem Schöße jederseits drei Wickelkinder (s. Fig. 87).
Die Weihinschrift der äuLkrst rohen Arbeit stammt aus suilanischer
Ori^'.Au/tt. Bfrl. Miisemn.
Fig. S7. Göttin der Kinderzucht.
Zeit. Die zweite bestoĂźenere etwas schlanker gehaltene Gruppe
zeigt ähnliche \'erhältnisse (s. Fig. 88).
Auf einer weiteren im Berliner Museum mit Xr. 164 bezeich-
neten Statue sehen wir wieder das gleiche Bild, nur noch dadurch
vervollständigt, daß außerdem zwei Kleine sich zu den Füßen der
Göttin behnden, von denen das eine Kind seine Blöße mit dem
Gewände der Göttin zu bedecken sucht.
Eine mythologisch komplizierte, offenbar aus der Verschmelzung
einer Reihe von Begriffen entstandene Gottheit war die Eileithyia
EILEITHYIA.
163
oder die Eileithvien, die ScliĂĽttehvehen ; im Grunde nur mytholo-
gische Personifikationen eines natĂĽrHchen Vorgangs. Die Herkunft
dieser Geburtsgöttin wird verschiedenartig ausgelegt. Ein Hymnus
des Lvkiers Ă–len feiert sie als hyperboreisch. Aus diesem nor-
dischen Mythenlande sei sie der Leto zu Hilfe gekommen, als
diese aut der Insel Delos ge-
baren wollte. In Athen fand
sowohl die hyperboreisch-de-
lische als auch eine kretische
Eileithyia \'erehrung. »Die
Kreter glauben nämlich, sie
sei eine Tochter der Hera.«
Pausanias, der von den Schnitz-
bildern der Göttin in Athen
spricht I, 18, behauptet, daĂź
das älteste aus Delos sei, zwei
aber kretisch, und nur bei den
Athenern seien die Bilder der
Göttin bis auf die Fußspitzen
verhĂĽllt. Von einem Stand-
bild der Göttin zu Hermione
berichtet derselbe (II, y^, 8),
daĂź nur die Priesterinnen es
sehen durften.
Wir haben bei der kĂĽnst-
lerischen Gestaltung der bis-
herigen Geburtsgöttinnen At-
tribute ihrer geburtshelferischen Tätigkeit vermißt. Die Fackel, die
die Lucina in der Hand trägt, ist ein Hinweis aut das Licht der
Geburt, doch haben andere auch an die brennenden Schmerzen
gedacht. F. G. Welcker') bildet nun ein auf den Knien liegendes
Weib mit entgürtetem Gewände und offenbar leidendem Gesichts-
ausdruck ab, welches man auf der Insel Mvkonos, aus parischem
Ori^.-Au/n. Bert. Museiitrt.
Fig. SS. Göttin der Kinderzucht.
F. G. Welci^er, Kleine Schriften, Bd. III, Bonn 1S50.
164
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Marmor gearbeitet, gefunden hat. Er fĂĽhrt den Nachweis, daĂź
diese Statue offenbar die »Auge auf den Knien« sei, wie man die
Eileithyia in Tegea benannt hat. HierfĂĽr wird folgender Mvthus
als Grund angefĂĽhrt. Pausanias berichtet die Legende VIII, 48, 7.
Die Königstochter und Athenepriesterin Auge, von Herakles
schwanger, sollte gerade in das Meer geworfen werden, als sie auf
die Knie fiel und den Telephos gebar.
An dieser Stelle errichtete man ihr einen
Tempel. In dieser knienden Stellung ge-
bar auch Leto auf Delos, indem sie sich
an einer Palme festhielt. Bekannt ist,
daß ihre delische Zufluchtsstätte, zunächst
eine öde, schwimmende Insel, mit dem
Augenblick, wo die ruhelose Geliebte des
Zeus ihren Boden betrat, sich fest auf vier
Säulen verankerte. Interessant ist es, wie
die Ägineten zur Erklärung der knienden
Stellung zweier göttlicher Schnitzbilder
sich eine Legende bildeten. Herodot,
welcher diese im 5. Buch 78 — 83 er-
zählten Streitigkeiten zwischen den l:pi-
dauriern und Ägineten ausführlich schil-
dert, berichtet, daĂź die Athener Bild-
säulen zweier Göttinnen, welche aus dem
Holze athenischer heiliger Ölbäume ge-
fertigt waren , trotz aller angewandten
Gewalt nicht von ihrem Postament im
Äginetentempel herunter bekamen ; darauf hätte man um die Bild-
säulen Stricke gebunden und nun gezogen. Unter diesem Kraft-
aufwand seien die Statuen auf die Knie gefallen und auch nachher in
dieser Stellung verblieben. Herodot bemerkt dazu, das könne man
vielleicht einem anderen, nicht aber ihm selbst glaubhaft machen. Es
wird ferner berichtet, daĂź Skopas eine Leto geschaffen hat, die eben
geboren hat. Aus diesen und manchen anderen Anzeichen ist es als
Fig. 89. Auge auf den Knien.
Illustration aus Welcker.
JESUS SOTER. 165
wahrscheinlich anzunehmen, daĂź man die Eileithyia gelegcnthch auch
während des Gebäraktes darzustellen pflegte. Vielleicht ist dahin
auch das \'erbot, das Bildnis der hermionischen Eileithyia öffent-
lich zu zeigen, auslegbar. Die Sitte des Niederkommens auf den
Knien war nach Siebold eine sehr alte, und bemerkenswert ist
es, daĂź auch die Schwangeren sich der Juno Lucina auf den Knien
näherten. Daß diese monumentale Darstellung keine besonders
realistische sein könnte, sondern mehr in der Weise geschah, wie bei
der mvkonischen Statue, bei welcher die Situation nur angedeutet
ist, liegt bei dem Wesen hellenischer Schönheitsauftassung aut der
Hand. Es wäre aber immerhin möglich, daß sich gelegentlich doch
charakteristische Darstellungen dieser Wehengöttin finden').
JESUS SOTER.
A. Harnack') beschäftigt sich in einer interessanten Studie
mit der Religionsstimmung der sterbenden Antike. Er zeigt das
Bedürfnis des Volkes nach dem Heilande. »Niemand konnte mehr
ein Gott sein, der nicht auch ein Heiland war.« In der Sucht nach
Rettung und Heilung wuchs das Ansehen des Asklepios riesengroĂź.
Die groĂźe Streitschrift des Origines gegen Celsus dreht sich zum
Teil darum, ob Jesus der rechte Heiland sei oder Äskulap. Ein
Teil der BeweisgrĂĽnde der beiden Streiter wird heute von uns als
seltsam empfunden. So macht Celsus den Christen den Vorwurf,
daß sie sich nicht entschließen könnten, Asklepios, weil er vorher
Mensch gewesen, Gott zu nennen. Origines verweist auf die ge-
lungenen Krankenheilungen im Namen Jesu. Im ĂĽbrigen meint
er, daß in der Macht Kranke zu heilen, an sich nichts Göttliches
sei, denn es lieĂźen sich viele Beispiele von solchen anfuhren, die
geheilt wurden, obgleich sie es nicht verdienten. Die neue christ-
liche Lehre war zunächst die Religion der Heilung und sie sah in
der tatkräftigen Sorge für die leiblich Kranken eine ihrer wichtig-
') ĂĽber Geburtsdarstellungen siehe bei dem Kapitel Schwangerschaft.
2) AdolfHarnack: Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte.
l66 DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. %
sten Pflichten. Aus unübersehbarer Fülle schöpft Harnack sein
Beweismaterial.
Das Christentum ist medizinische Religion. — Die menschliche
Seele ist krank und dem Tode verfallen von der Geburt an. — Die
Taufe ist ein Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der Seele
— das Abendmahl ein Pharmakon der Unsterblichkeit; Seelen-
heilung und Seelenheilkunde verfolgt die alte Kirche mit ihrem
ganzen kultischen Apparat. Sie gab sich fort und fort als die groĂźe
Heilanstalt, als das Lazarett der Menschheit. Die Heiden, SĂĽnder
und Häretiker sind die Kranken, die kirchlichen Lehren und Hand-
lungen sind die Arzneien, die Bischöfe und Seelsorger sind die
Ärzte, aber als solche nur Diener Christi, des Arztes der Seelen. —
Jesus hat wie ein trefflicher Arzt um der Heilung willen Ab-
schreckendes untersucht und Ekelhaftes berĂĽhrt, bei fremden Leiden
selbst Schmerz empfunden und uns, die wir nicht nur krank waren,
nicht nur an schrecklichen Wunden und eitrigen GeschwĂĽren litten,
sondern bereits unter den Toten lagen, aus den AbgrĂĽnden des
Todes durch sich selbst errettet; er, der Lebensspender, der Licht-
spender, unser großer Ar/A, König und Herr, der Christus Gottes').
In der Kirchensprache wird der ausgedehnteste Gebrauch gemacht
von medizinischen Vergleichen und Schlagwörtern. Das Gespräch
steckt an wie die Pest; eine Rede greift um sich wie der Krebs.
Das BuĂźverfahren wird mit dem Heilverfahren verglichen. In den
apostolischen Konstitutionen LH, 41 lesen wir: Heile auch du
Bischof wie ein mitleidiger Arzt alle SĂĽnder, indem du heilsame,
zur Rettung dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf
Schneiden und Brennen und auf die Anwendung austrocknender
Pulver, sondern gebrauche auch \'erbandzeug und Charpie; gib
milde und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde
Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege
sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fĂĽlle und dem Gesunden
gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit
Streupulver, d. h. mit einer Strafrede. Wenn sie sich aber durch
') S. Harnack S. 35 1. c.
JESUS SOTER. i6y
wildes Fleisch vero;rößert, so mache sie durch scharte Salbe "leich,
d. h. durch /Androhung des Gerichtes ; wenn sie aber um sich friĂźt,
so brenne sie mit Eisen und schneide das eitrige GeschwĂĽr aus,
nämlich durch Auferlegung von Fasten; hast du dies getan, und
gefunden, daĂź vom FuĂź bis zum Kopt kein milderndes Pflaster
aufzulegen ist, weder Ol noch Bandage, sondern das GeschwĂĽr um
sich greift und jedem Heilungsversuche zuvorkommt, wie der Krebs
jegliches (jlied in Fäulnis versetzt, dann schneide mit vieler Um-
sicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen Ärzten
das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der Kirche verdorben
wird. Nicht voreilig also sei zum Schneiden bereit und nicht zu
rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge, sondern brauche zuerst
das Messer und entferne die Abszesse, damit durch die Entfernung
der innen liegenden Ursache der Körper vor Schmerzen geschützt
bleibe. Triffst du aber einen UnbuĂźtertigen und Abgestorbenen,
dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren
ab.« Den kirchlichen Standpunkt können wir nicht beurteilen, aber
diese medizinisch -chirurgischen Maximen der Wundbehandlung
sind auch heute noch mustergĂĽltig.
Adolf Harnack geht nun auch aut die uns näher liegende
Frage ein, ob der Äskulaptypus vorbildlich für die Jesusdarstellung
geworden sei. Wir entnehmen seinen AusfĂĽhrungen folgende hier-
auf sich beziehenden Worte.
»Aber das läßt sich nicht erweisen, daß der für uns im fünften
(vielleicht schon im vierten) Jahrhundert auttauchende Christus-
typus , der dann in den bildlichen Darstellungen der herrschende
geworden ist, dem Typus des Äskulap nachgebildet wurde. Zwar
sind die Tvpen ähnlich, die Prädikate, die beiden gespendet werden,
zum Teil identisch; auch ist es bisher nicht genügend aufgeklärt,
warum das ursprĂĽngliche Bild des jugendlichen Christus durch das
neue Bild ersetzt wurde, aber es fehlen alle Mittel, um die Ent-
stehung des kallistinischen Christustypus aus dem Urbilde des Äskulap
abzuleiten. Diese Ableitung muĂź deshalb zurzeit als eine unge-
nĂĽgend begrĂĽndete, wenn auch beachtenswerte Hypothese gelten.
l68 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®
Ein positives Zeugnis wäre für sie vorhanden, wenn die Bildsäule,
welche in der Stadt Paneas (Cäsarea) im vierten Jahrhundert tür
ein Bild Jesu galt, ein Äskulapsstandbild gewesen ist.« Eusehius
(Hist. eccl. VII, iN) erzählt uns nämlich, er habe dort ein Kunstwerk
an dem Hause gesehen, welches das von Jesu geheilte blutflĂĽssige
Weib aus Dankbarkeit habe errichten lassen. ,Es steht auf einer
hohen Basis bei der TĂĽr ihres Hauses das Erzbild eines Weibes,
das auf die Knie gebeugt, wie eine Flehende die Hand ausstreckt,
«[egenüber steht aus demselben Metall die Bildsäule eines aufrecht
stehenden Mannes, der ehrbar in einen doppelt um den Leib ge-
schlagenen Mantel gekleidet, die Hand nach dem Weibe ausstreckt.
Zu seinen Füßen an der Basis wächst eine fremdartige Pflanze
empor, die bis an den Saum des ehernen Mantels reicht und ein
Heilmittel a;e2;en mancherlei Krankheiten ist. Diese Mannesgestalt
soll nun das Bild Jesu sein; es hat sich bis aut unsere Zeit er-
halten und ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Zu ver-
wundern ist es nicht, daĂź ehemalige Heiden, die Wohltaten von
dem Herrn empfangen hatten, sich auf diese Weise dankbar er-
wiesen, da ich ja auch die Bilder seiner Apostel, ja Christus selbst
in Farben ^emalt auf noch vorhandenen Gemälden sah.' Daß
dieses Bild Jesu darstellen soll und von dem blutflĂĽssigen Weibe
errichtet worden sei, ist aus verschiedenen GrĂĽnden unwahrschein-
lich, vielmehr ist anzunehmen, daĂź schon frĂĽhe von der christ-
lichen Bevölkerung in Paneas eine Umdeutung des Asklepios Soter
in Jesus Soter stattgefunden hat. Harnack sagt selbst tĂĽr den
Fall, daß diese Bildsäule wirklich zunächst den antiken Gott vor-
gestellt habe, lieĂźe sich eine solche einmalige lokale Umdeutung
nicht generalisieren. Eine bewuĂźte Umdeutung habe ĂĽberhaupt
der Abscheu der früheren Christen gegen die heidnischen Götter nicht
zugelassen.
Als feststehend kann angenommen werden, daĂź die altchrist-
liche Kunst der ersten Jahrhunderte Christus entweder symbolisch
darstellte durch das Monogramm des Namens, den Weinstock, den
Fisch, das Lamm, das Kreuz und ähnliche Embleme, mit denen
JESUS SOTER.
169
man allerlei Gegenstände schmückte. Stellte man aber Jesus per-
sönlich dar, so benutzte man das milde Gleichnis, das er selbst
von seiner Mission gern gebrauchte: unter dem Bilde des guten
PJuti, Alinari.
Fig. 90. Evangeliendeckel 5. Jahrh. Elfenbein. Ravenna. Die Krankenheilungen.
Hirten, der seine Herde bewacht, sie tränkt oder der das verlorene
Schaf auf den Schultern heimträgt. A. Hauck^) zeigt uns aber,
') Albert Hauck: Die Entstehung des Christustypus in der abendländischen Kunst,
Gesammelte Vorträge, Heidelberg i88o.
lyo DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS. gj
daß mit der Zeit dies unpersönliche Bild nicht mehr ausreichte.
Als Schmuck der religiösen Kultstätten benötigte man statt der sym-
bolischen Form jetzt eine mehr persönliche, welche weniger das
lieblich Milde, als das göttlich Erhabene zum Ausdruck brachte.
Eine authentische Ăśberlieferung ĂĽber das Aussehen Christi fehlt;
der Christustvpus konnte demnach nur ein ideales Gebilde sein.
Die ältesten Beschreibungen gehen allerdings weit auseinander; ein-
mal wird behauptet, er sei gerade von Statur gewesen, die Augen-
brauen zusammengewachsen, mit schönen Augen, die Nase stark
gebogen, die Farbe anmutig, der Bart schwarz. Ein angeblicher
Amtsvorgänger des Pontius Pilatus, »Lentulus« berichtet von ihm,
daĂź er schwarzblaue Augen gehabt habe mit groĂźer FĂĽlle des
Haares, das nach der Sitte der Nazarener in der Mitte gescheitelt
sei, ebenso lief der nicht allzulange Bart in zwei Spitzen aus. Auch
die dritte Fälschung aus dem 14. Jahrhundert basiert aut unkon-
trollierbarer Ăśberlieferung. Nicephorus Callistus behauptet im
14. Jahrhundert, daĂź der Heiland sieben Schuh groĂź gewesen sei
und goldgelbes, am Ende gelocktes Haar gehabt habe und ein ge-
rötetes Gesicht. Im 5. Jahrhundert erscheint nun zuerst das
Christusporträt, von dem wir soeben einige nach ihm gemachte
Schilderungen schon hörten. Wir sehen hier in den Katakomben, be-
sonders von S. Callisto und auch des heiligen Pontianus') den Typus
des Bildes, das zu universeller Anerkennung gelangte, jenen Christus
mit langen auf die Schultern fallenden Locken und kĂĽrzerem Barte,
groĂźen Augen und einer Mischung von Milde und Ernst im x\ntlitz.
»Wenn die ältesten Denkmäler den Heiland ohne Bart in voller
jugendlicher Schönheit darstellten, so war das dem Geiste der alt-
griechischen Kunst, der darin noch fortdauerte, gemäß.« Diese Be-
merkung W. Grimms erscheint namentlich mit RĂĽcksicht aut den
einzigen frĂĽhchristlichen KĂĽnstler, den wir dem Namen nach kennen,
Hermogenes, berechtigt; jedoch entbehrt die Hypothese, daĂź die
Hirtendarstellung, namentlich mit dem ĂĽber den Schultern getragenen
Lamm, sich an den antiken Hermes anlehne, der inneren BegrĂĽn-
') Carl Maria Kaufmann, Handbuch der christlichen Archäologie, Paderborn 1905.
JESUS SOTER.
171
dung. Wie verhält es sich aber mit der Behauptung, daß der
spätere Typus, der sogenannte calhstinische aus dem Asklepios-
typus hervorgegangen ist? Die Berufung auf die frĂĽhe Bronze in
Cäsarea und das Votivbild der Blutflüssigen scheint mir deshalb
unhaltbar, weil das beschriebene Standbild nicht einen einzitren
Wesenszug einer antiken As-
klepiosstatue verrät. Wie die
Statue des Christus ausgesehen
hat, die sich der Kaiser Alex-
ander Severus hat machen las-
sen, um sie neben den Bildern
seiner Ahnen und des Abraham
und Orpheus in seinem Lara-
rium aufzustellen , wissen wir
nicht mehr; auch von den an-
geblichen Porträts, die die gno-
stische Sekte der Karpokratianer
besaĂź, haben wir nur Kunde. Es
ist auch unwahrscheinlich, daĂź
das eine oder das andere Bildnis
sich durch Kopien so schneller
Verbreitung erfreuen konnte.
Eine bewuĂźte Anlehnung an
den Asklepiostvpus verbot wohl
heilige Scheu und Widerwillen
gegen die alte Gottheit. Es
war eine Lebensfrage fĂĽr die
an Ansehen und Macht er-
starkende Kirche, das persönliche Porträt des Stifters zu finden.
In diesem Porträt eines erwachsenen Mannes sollte sich spiegeln,
was gut und schön, milde, stark und erhaben in ihm war. Wohl
ganz unbewuĂźt lehnten sich die Kunsthandwerker jener Epigonen-
zeit an das erhabene Vorbild an, das die beste und schönste
Kunstepoche geschaffen hatte und verbanden mit diesem an manchen
Phot. Alinari. Ki-iu. Mn^eujit Cristiufi.
Fig. 91, Die Heilung des Blinden.
Elfenbeioschnitzerei aus dem 6. Jahrhuodert.
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
Plätzen von ihnen gesehenen und durch Übermalen mit einem
roten Kreuz unwirksam gemachten Heidenbilde die wohl ĂĽber-
lieferte Tradition der Scheitelung des langen Haupthaares ihres
Christengottes. Dies und das Auslaufen des Bartes in zwei Spitzen
wurde absichtlich betont. Um aber einen der groĂźen Inner-
lichkeit des Heilandes entsprechenden kĂĽnstlerischen Ausdruck zu
linden, dazu war die Kunst jener Zeit in zu schwachen Händen,
und als in der FrĂĽhrenaissance es darauf ankam, den Siegeszug der
christlichen Kirche plastisch zu schildern , da lehnte sich Niccolo
Pisano streng an antike Vorbilder an. War diese Anlehnung eine
gesuchte, so wird man nicht fehlgehen, wenn man die Inspiration
zu Beginn als eine ungewollte auffaĂźt, die nur der Ohnmacht der
Bildner entsprang. So ist es auch zu erklären, daß die Unzufrieden-
heit mit der Verbildlichung des Religionsstifters die folgende Zeit
vom 7. Jahrhundert an veranlaĂźte, den idealen Christustypus in
der Kreuzigungsszene zu suchen, entsprechend auch der neuen
Richtung der Religion auf die Askese hin. Ăśber die apokryphen
Porträts von Jesus, die angeblichen Werke des Evangelisten Lukas
und des Nikodemus und ĂĽber das Aussehen des Veronikabildes,
einer der groĂźen Reliquien der Peterskirche, unterrichte man sich
bei Kaufmann (S. 406).
Von Heilhandlungen des christlichen Religionsstifters gibt es
zahlreiche teilweise auch plastische Darstellungen. Im wesentlichen
handelt es sich da um folgende Wunder: Die Hämorrhoissa, die
Heilung des GichtbrĂĽchigen oder Paralytischen, die Blindenheilungen,
die Heilung des Aussätzigen, die Heilung des Besessenen, die Her-
vorrutung des Lazarus und die Erweckung der Tochter des Syn-
agogenvorstehers Jairus.
Zur Charakterisierung dieser Darstellungen erfahren wir durch
Kautmann'), daĂź das blutflĂĽssige Weib meist in kniender Stel-
lung aut Sarkophagen vorkommt, mit erhobenen bittenden Händen.
Von der Mitte des 4. Jahrhunderts ab ist das Wunder des Gicht-
brüchigen überaus häufig plastisch verkörpert, meist in dem Schluß-
-) Carl Maria Kaufmann, Handbuch der christlichen Archäologie, Paderborn 1905.
JESUS SOTER.
173
174
DIE HEILGĂ–TTER DES ALTERTUMS.
akte, in dem der froh Geheilte sein Bett davonträgt. Um eine Ver-
wechslung zwischen der Blindenheilung und der des Aussätzigen
zu vermeiden, bildete sich der Typus heraus, daĂź bei der ersten
Heilhandlung eine Berührung stattfindet') (s. Fig. 91), während
bei der letzteren der Heiland nur in der Stellung des Redenden vor-
kommt. Der Aussätzige ist dabei nicht näher charakterisiert, der
Blinde nur dadurch, daß er geführt wird und einen Stab trägt.
Die meisten bildlichen Darstellungen des Aussätzigen stammen aus
einer Zeit, in der die Syphilis als exanthematische Krankheit in
difFerentialdiagnostischer Weise die Deutung kompliziert. Da er-
innere ich an die schönen Mosaiken der Kahrie-Moschee in Kon-
stantinopel aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts, in der die Heil-
wunder in den Zwickeln lebendig charakterisiert werden. Der nackte
Aussätzige ist über und über mit Ausschlag bedeckt ohne sicht-
bare Mutilationen und kann deshalb als Vorbild der späteren in
ihrer medizinischen Deutung dann strittigen Darstellungen angesehen
werden (s. Fig. 92).
') R. Greeff, Ăśber Darstellung von Blindenheilungen auf altchristlichen Sarkophagen.
Zentralbl. f. prakt. Augenheilk. igoS.
l'er^y. Ori^.-Aufn.
Fig. 93. BronzemĂĽnze von Pergamon. i. Jahrh. v. Chr.
Rs. Asklepiou Soteros mit SchlaDgenstab.
Vs. bekr. Kopf des Asklepios.
EXV0T05.
ANTIKE KĂ–RPER- UND ORGANDARSTELLUNG.
en Göttern Geschenke darzubringen, war gern ertüllte Pflicht
und Freude in der ganzen antiken Weh. ALs Weihgeschenke
bezeichnet man alles, was man in den Tempel trug
und den Göttern schenkte. Nach gewonnenen Schlachten und er-
kämpften Siegen ehrte man sich selbst dadurch. Die Schatz-
kammern in Delphi beherbergten Wunderdinge, die die Staaten und
Städte gespendet, und als selbst Athen nur noch vom alten Ruhme
lebte und gesunken war bis zum Niveau einer Provinzstadt, da
liebten es noch die Herrscher der Welt, in die dortigen Tempel
Weihseschenke zu stiften , als weithin sichtbare Zeichen ihrer
machtvollen Persönlichkeit. Antike Berichterstatter gefallen sich
darin, in Breite diese Geschenke zu beschreiben. So brachte man
auch dem Asklepios Weihgeschenke, und wenn man sich im (leiste
z. B. das epidaurische Heiligtum wieder erstehen läßt'), so war
auch dieses angefüllt mit noch reicheren Kunstschätzen, als wir
dies aus den Mimiamben des Herondas von dem Asklepieion
in Kos soeben erfuhren. Die neuere Forschung scheint nun ge-
neigt zu sein, in diesen zum Teil genrehaften monumentalen
Darstellungen, wie z. B. dem Knaben mit der Gans, Episoden
aus dem Mvthus des Heilgottes zu suchen und zu finden. Uns
aber soll in den folgenden Kapiteln eine andere Art von Weih-
geschenken beschäftigen, welche die Besonderheit der Genesungs-
sottheiten ausmachte. Aus den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage
hat sich die Sitte erhalten, daß der sich der göttlichen Gnade
Nahende und Heilsuchende das Abbild seines Schadens spendet.
Aus dem Schutte von Jahrtausenden hat man bei den verschiedenen
') S. Rekonstruktion bei O. Ka.f,^c.?Aa. , to bpiv toĂĽ ' AzvXrjiwb ev EnioaĂĽpu). Athen 1900.
iy6 EXVOTOS.
Kultstätten solche Zeugen von Erkrankungsfällen, Zeugen auch von
Wundern hervorgesucht.
Die Mutter-Gottes zu Kevlaar
Trägt heut ihr bestes Kleid ;
Heut hat sie viel zu schatten,
Es kommen viel' kranke Leut'.
Die kranken Leute bringen
Ihr dar als Opferspend'
Aus Wachs gebildete Glieder,
Viel' wächserne Fuß' und Hand'.
Und wer eine W'achshand opfert,
Dem heilt an der Hand die Wund';
Und wer einen WachsfuĂź opfert,
Dem wird der FuĂź gesund.
So war es damals und dort vor 2000 Jahren, so ist es auch hier
und heut. Unser Bild (s. Fig. 94) zeigt nun zwar nicht die kleine
Heinesche Gottesmutter von Kevlaar, sondern die berĂĽhmte Madonna
del Parto, deren Bildnis derartig mit Geschenken Gläubiger und
Dankbarer behangen ist, daß das wundertätige, graziöse Werk des
Sansovino (13 21) unter der Last von Kronen, Armspangen und
güldenen Behängen kaum noch erkennbar ist. Mit blutendem und
doch freudigem Herzen trennte sich vor ihm die dankbare Spenderin
in rĂĽhrender Hingabe von dem gĂĽldenen Kleinschmuck, der vielleicht
ihr einziger sonntäglicher Staat war. An anderen Walltahrtspunkten
versteckt sich das wundertätige Bildnis unter der Masse der für Krank-
heitsfälle geweihten Glieder aus Wachs, oder aus wertvollem xMaterial;
je nach dem Besitzstande des Wallfahrers opterte man zum Zweck der
Genesung den körperlichen Schaden in effigie, oder man ließ und läßt
als einfachsten und aufdringlichsten Wahrheitsbeweis fĂĽr erwiesenen
Heilerdienst KrĂĽcken und FuĂźstĂĽtzen zurĂĽck'); selbst blutige und
eitrige Verbandstoffe hängt man an das Gitter. Ausführlich werden
wir dieses Erbe heidnischer Vorzeit noch besonders betrachten mĂĽssen.
Während heutzutage der Operateur die von ihm glücklich ent-
fernten Tumoren vor den Regalen seines Laboratoriums mit be-
rechtigtem GefĂĽhle stolzer Genugtuung einsam betrachtet, hing der
') Einem japanischen Heilgott die alten ZahnbĂĽrsten.
EXVOTOS.
177
antike Priesterarzt, wie später der mittelalterliche, reisende Schnitt-
arzt und Scharlatan Krankengeschichte und entfernte Steine öffentlich
aus; dieser an den Pfosten seiner Bude aut dem Markt, jener an
rkrt. Anderson . Rotit.
Fig. 94. Madonna del Parto von Sansovino.
den Säulen der Tempel und häufte die Bildnisse behandelter Glied-
maĂźen. Die aus Gold und Silber verfertigten verschwanden jedoch
im Laufe der Zeit, teils wohl in den Schmelztiegel der Kirche'), teils
') Aus den eingeschmolzenen silbernen Exvotos werden die Heiligenbilder mit silbernen
Mänteln, die nur die Gesichter frei lassen, überzogen.
Hollander, Plastik und Medizin. 12
178 EXVOTOS.
entführt und geraubt von der Hand tempelschänderischer Eroberer.
Die billige Terrakottaware aber, die die wallfahrenden Bauern nebenan
beim Händler gekauft hatten, wurde von Zeit zu Zeit vernichtet oder
auf den Schutt geworfen. Aus der Umgebung dieser antiken Kult-
stätten grub sie der Archäologe wieder aus. Doch die Mehrzahl solcher
intakten körperlichen Weihgaben holte man sich aus den autgetun-
denen Warenlagern, wie solche namentlich in der Xähe der großen
Nekropolen Etruriens und Campaniens entdeckt wurden. Die meisten
derartigen körperlichen Weihgaben hatten eine Ose zum Aufhängen.
Der speziellen Betrachtung dieser Dinge, die manches tĂĽr uns
Interessante fördert, müssen wir A'orbemerkungen vorausschicken.
Über die wertvollen goldenen und silbernen Körperdarstellungen
wurden Inventare gefĂĽhrt. Der Vorsteher eines Tempels war wohl
fĂĽr den Inhalt verantwortlich, und wir mĂĽssen uns eine Revision
der Kostbarkeiten bei der Ăśbergabe an den Nachfolger vergegen-
wärtigen. Am Südabhang der Akropolis fand sich eine Inventar-
inschrift, die allein ĂĽber hundert Augen aus Edelmetall feststellt.
Im Gegensatz zu der Fülle der athenischen Körperexvotos fand
man in Epidauros nur die geweihten Ohren eines Ausländers. Die
Gebräuche der verschiedenen Kulte waren offenbar verschiedene,
wechselten vielleicht auch im Laufe der Jahrhunderte. In dieser
Weise dĂĽrfen wir auch die verschieden beantwortete Frage be-
handeln, ob man in der antiken Welt nur Dankvotive spendete oder
auch Bittvotive bei Betreten des Tempels, also vor der Heilung.
Nachweislich war wohl beides der Fall. Diese Frage hat ein ge-
wisses Interesse bei der Beurteilung der Exvotos, welche Krank-
heitszustände plastisch schildern. Es hat sich nämlich heraus-
gestellt, daĂź neben der groĂźen Anzahl geweihter GliedmaĂźen und
Organe, welche nur den entsprechenden gesunden Teil versinn-
bildlichen sollen, sich eine kleinere Gruppe von Plastiken krankhatter
Prozesse nachweisen läßt. Das besondere Interesse, welches wir
diesem Gegenstande zugewandt haben, hat eine Anzahl von Tu-
moren und GeschwĂĽren und pathologischen Prozessen ĂĽberhaupt
zutage gefördert, so daß über die Tatsache selbst kein Zweitel mehr
ig> VERSCHIEDENE PROVENIENZ. I79
bestehen kann. Der weitere Aushau dieser Beohachtungen und
ihre Kontrolle durch neue Funde muĂź fĂĽr die Medizingeschichte
von groĂźer Bedeutung sein. Denn fĂĽr diese Darstellung krank-
hafter Teile kommt die »Tradition« in der Herstellung derselben
und das Fabrikmäßige nicht mehr in Frage. Die Betrachtung der
modernen »Lungeln« (s. unten) lehrt uns einer übertriebenen
Wertschätzung solcher anatomischen Schilderung aus dem Wege
zu gehen. Wie da in Oberbavern heutzutage bei dem einwand-
freien Hochstand unserer anatomischen Wissenschaft der Sarg-
schreinermeister nach dem ihm ĂĽberkommenen Schema Lungen
und Herz schnitzt als ^\'eihgabe, so arbeitete man in den etrus-
kischen Töpfereien nach überkommenen Mustern. Hie und da
aber imponiert ein gefundenes StĂĽck durch den Realismus der
Wiedergabe und den groĂźen Abstand von der ĂĽblichen Ware. iMs
Fundstücke derselben Gegend und gleicher Zeit können diese Teile
nur wertvollere und darum auch fĂĽr uns wichtigere Objekte einer
besonderen Bestellung gewesen sein. Ungefähr in diesem Sinne
mĂĽssen wir auch an die Deutung der pathologischen Plastiken
herangehen. Flier muß für den Bildner persönliche Anschauung,
oder doch zum mindesten eine genaue Beschreibung des Schadens
Voraussetzung gewesen sein. So wenig wir also aus der plasti-
schen Wiedergabe des Eingeweidesitus einen RĂĽckschluĂź ziehen
dĂĽrfen auf den Stand der damaligen Anatomie, so sicher kann
uns die Betrachtung und Sammlung der zielbewuĂźten Krankheits-
darstellun2:en ein willkommener und gelegentlich auch wissen
-t>^
schaftlich verwertbarer Gewinn sein. Die Aufgabe einer vergleichen-
den Studie der Körperexvotos der verschiedenen Kultorte harrt
noch der Lösuns:. Es werden sich dabei wesentliche \'erschieden-
'&•
heiten zeigen , die die natĂĽrlichen Grenzen lokaler Gewohnheiten
ĂĽberschreiten. Unsere Aufgabe besteht mehr in der Sammlung
des Gemeinsamen und werden wir nur gelegentlich aut den Unter-
schied griechischer^) und latino-etruskischer Donarien hinweisen.
') Reisch, Griechische Weihgeschenke. Alih. des arch.-epigraph. Seminar der Univers.
Wien. Heft 8, 1S90.
l8o EXVOTOS.
Das letztere Material hat erstmalig der Königsberger Anatom Lud-
wig Stieda') untersucht. Das ihm zu Gebote stehende Material
aus Rom und den etruskischen Nekropolcn ist neuerdings ergänzt
und bereichert durch die Untersuchung dreier groĂźer Sammlungen
sĂĽditalienischer Provenienz, welche teils in die Museen von Capua
und Neapel, zum größeren Teile aber nach Madrid gelangten.
Hierzu kommen noch die eingehenden Untersuchungen der Kol-
lektion des BĂĽrgermuseums von Modena und einiger Dresdener
StĂĽcke durch Alexander^). Besonders wichtig war mir die
Untersuchung der athenischen Magazine und der kleinen Floren-
tiner Sammlung.
Nach den Körpergegenden geordnet finden wir Köpfe und zwar
halbe und ganze, ferner auch Gesichter und Halbmasken. Die ein-
zelnen Gesichtsteile, Augen, Xasen, Lippen und Ohren wurden
gleichfalls besonders hergestellt und geweiht. Den Extremitäten
stehen als besonders wichtige und interessante Gruppe die Ein-
geweide gegenĂĽber, welche sowohl als Eingeweidetorsos und Ein-
geweidetraktus, als auch in der Form singulärer Organe geopfert
wurden. Eine Gruppe, deren Studium wohl eine spezialistische
Bearbeitung erforderlich macht, um so mehr als dies Kapitel aus
dem Rahmen unserer Zusammenstellung herauställt, ist die Dar-
brinsuno der äußeren Geschlechtsteile. \'ielleicht genügt diese An-
regung, um die Klärung mancher noch oftenen Fragen aut diesem
Gebiete in die Wege zu leiten.
Was zunächst die Darbringung von Köpfen betrifft, so wird
in der ĂĽberwiegenden Mehrzahl nur die Vorderseite des Koptes
geweiht. Es liegt das aber, wie mir scheint, in der Technik dieser
meist aus Terrakotta bestehenden Waren begrĂĽndet, welche hohl
waren und hinten eine Öse trugen zum Authängen. Auch die
größeren Figuren sind so gearbeitet, daß die hintere Fläche unaus-
gefĂĽhrt und flach erscheint, damit sie weniger Platz einnehmen.
') Ludwig Stieda, Anatomisches ĂĽber altitalische Weihgeschenke. Wiesbaden 1901.
2) Alexander, Zur Kenntnis der etruskischen Weihgeschenke. Bonnet-Merkels anat.
Hefte 1905.
EXVOTOS.
l8l
Meist hat übrigens die hintere glatte Fläche ein kreisrundes Loch.
Man wird nicht fehlgehen, wenn man einen Teil der Köpfe, deren
>
ta
Hals nicht glatt abgeschnitten ist, sondern Bruchstellen aufweist,
als Fragmente von größeren Weihgeschenken ansieht. Ein Blick
l82
EXVOTOS.
auf die Kollektion verschiedener Donarien aus dem Heilbezirke der
Diana am Nemisee (s. Fig. ^)) illustriert diese Ansicht. Mir fiel
aber unter den auf langen Regalen in Neapel, Rom und Florenz
aufgestellten Gesichtern das Überwiegen der weiblichen Köpfe auf,
die sich zum Teil durch kĂĽnstlerische und gekĂĽnstelte Haarfrisuren
auszeichneten.
Unsere Abbildung (s. Fig. 96) zeigt einen halben männlichen
Kopf aus der Gegend von
Tegea. Welche Krankheit
insbesondere mit dieser Gabe
gemeint war, ist ungewiĂź,
wenn man nicht zu allge-
meinen Koptschmerzen oder
anderen nervösen Zuständen
rekurrieren will. Jedentalls
ist es auttällig , daß neben
der Unmasse von einzelnen
Ohren, Augen, Lippen, Na-
sen — ja selbst vereinzelter
Haarschmuck kommt vor —
noch halbe und ganze Ge-
sichter geopfert wurden.
Neben den paarweise ge-
weihten Augen finden wir
auch einzelne. Dann liegt
es wohl nahe , weniger an
Sehstörungen zu denken, als an eine vielleicht äußere Erkrankung.
Wir werden jedoch bei der Betrachtung der Skulptur der Blindheit
einen interessanten gegenteiligen Fund machen können.
Stieda nimmt an, daß die Gesichter manchmal porträtähnlich
gewesen seien; das ist sicher vielfach der Fall ; doch daĂź dies nicht
die Regel war, dafĂĽr spricht die Auffindung von PreĂźformen und
die Tatsache der labrikmäßigen Herstellung. Wenn wir nun außer-
dem die Tatsache nicht außer acht lassen, daß solche Köpfe und
Orig.-Aufii . Berlin, Museum.
Fig. 96. Halbkopf (Porträt) mit Untersatz.
KOPFE. HÄNDE.
183
Gesichter auch an solchen Kultstätten sich massenhaft linden, die
ĂĽberhaupt keinen Heilcharakter hatten, so erscheint es immerhin
möglich oder sogar wahrscheinlich, daß man beim Tempelbesuch
sein angebliches Porträt als acte de presence zurückließ. Ein Vor-
gang, der gewissermaĂźen dem heutigen Einschreiben in das Fremden-
buch wesensverwandt ist.
Hände gibt es in einer derartigen Menge, daß mehrfach die
Vermutung ausgesprochen wurde, ob hier nicht vielmehr eine Sitte
Phot. Alinari.
Fig. 97. Schiffsbekleidung. Ăźronzehand mit noch daranhaftender Schiffswand.
Aus dem Nemisee.
plastische \'erkörperung gefunden hat, die wir auch zu anderen
Zeiten unter anderen Völkern kennen lernten. Ich denke zunächst
an das Schwurmotiv; sicher hat das Geltung für die rechten Hände
mit flektierten vierten und fĂĽnften Fingern. Doch gibt es auch viele
linke Hände in verschiedenen zum Teil noch unaufgeklärten Stel-
lungen der Finger. Felix Regnault bildet eine Reihe von Hand-
stellungen ah, die er als Krankheitsdarstellungen anspricht^). Ein
anderes Motiv für Handbildung ist die Ableitung des bösen Blicks.
') Felix Regnault, L'homme prehistorique 1910 Nr. 11, Les Exvotos pathologiques
romains.
i84
EXVOTOS.
Noch heute wehen solche ausgespreizten Hände die Orientalen in
ihre Teppiche. Ohne weitere Erklärung und Unterstützung würde
man sicher die schöne Hand- und Armskulptur (s. Fig. 97) für
ein \'otiv ansprechen. Es ist aber ein Abwehrmittel gegen Gefahr,
angebracht an dem Schiffsrumpf, ähnlich wie die großen Marmor-
augen, die man in Piräus fand. Auch die Darbringung von l'üßen
muß eine Einschränkung erfahren hinsichtlich ihres medizinischen
Interesses, denn wir wissen, daß man den Göttern vor oder auch
nach einer groĂźen Reise solche weihte. Die Handstellungcn sind
von den Bearbeitern vielfach falsch gedeutet; so ist mit Sicherheit
die mehrfach sich wiederholende Pose der BerĂĽhrung der flektierten
Finger mit dem Daumen nicht, wie Regnault es will, auf die
Stellung bei Paralysis agitans
zu bezichen, sondern als Aus-
druck einer beabsichtigten und
irĂĽher deutlichen Fingersprache.
Wir mĂĽssen eben die Zeichen
einer solchen kennen, wenn
wir die reinen Krankheitsex-
votos von Darstellungen aus an-
deren Vorstellungskreisen unter-
scheiden wollen (s. Fig. 98). W'n haben schon daran erinnert,
daĂź die ausgestreckte rechte Hand mit dem eingezogenen vierten
und tüntten Finger, von den altorientalischen Völkern angefangen,
der- Ausdruck einer Schwurstellung ist. Der Gestus wurde später
der Ausdruck des priesterHchen Segens in der katholischen Kirche,
während der z. B. jüdische Priestersegen mit median geteilter und
gespreizter Hand ausgefĂĽhrt wird. Der allein ausgestreckte Zeige-
finger oder die BerĂĽhrung der Spitzen von Daumen und Zeige-
finger galt als Abwchrmittel gegen den bösen Blick, die jettatura.
Der mittlere Finger hatte bei (jriechen und Römern eine unan-
ständige Bedeutung (digitus infamis). Jemandem den Mittelfinger
zeigen, war ein böser Schimpf. Eine noch charakteristischere und
auch heute noch deutliche Geste bestand darin, daĂź man den
Orig.-Aitfji. Neapel, Etrusk. Saininl.
Fig. 98. Votivhand.
FINGER. 185
Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger der geschlossenen Hand
durchsteckte. Diese Fingerstellung heiĂźt seit alters die Feige und
erklärt dies sich ungezwungen daraus, daß sowohl das altgriechische
sykon, wie auch das italienische Fica noch die andere Wortbedeutung
hat. Auch diese Gebärde — wie alle manuellen Genitaldarstellungen
— besaß eine mächtig abwehrende Kraft und schloß gleichzeitig den
Ausdruck höchster Beschimpfung in sich. Der Hamburger Augen-
arzt S. Seligmann') erzählt nach Sueton in seiner so überaus
mĂĽhevollen und fleiĂźigen Arbeit, daĂź Kaiser Caligula seine, in der
Stellung der Fica zusammengeballte Hand den Gardetribunen zum
HandkuĂź reichte, um sie wegen ihrer Feigheit zu beschimpfen.
Meist machte man diese Bewegung in der Tasche oder unter dem
Mantel, um den bösen Blick zu lähmen. Ich entnehme Selig-
manns Werke den Bericht, daß noch der König Viktor Emanuel
in der Schlacht bei Solferino ostentativ diese Geste machte, um sein
Heer zu schĂĽtzen. Die manofica war jedenfalls ein in Elfenbein,
Silber und Gold gearbeitetes beliebtes Amulett; noch Abraham
a Santa Clara sah auf dem hohen Frauenturm in Ingolstadt »ein
groĂźes StĂĽck, worauf ein Feigen gemacht, das ist ein Daum zwischen
den zweien ersten Fingern«. Wir erwähnten ferner in der »Karikatur
und Satire« ein Kanonenrohr, dessen Kopfstück in diese Geste ausläuft
(Abbildung s. FloĂź)'). In Neapel und in der Dresdener Sammlung
sahen wir eine Reihe von BeweisstĂĽcken dafĂĽr, daĂź der antike Aber-
glaube noch eine Verbindung des phallus mit der manofica schul.
Die Wirkung einer solchen Kombination konnte nicht ausbleiben.
An dieser Stelle müssen wir noch die »panth eistischen« Hände
erwähnen, welche die Wirkung der verderblichen Faszination ver-
hindern sollten. Eine solche Amuletthand zeigt an ihrer Basis vielfach
die Fisur einer säugenden Mutter, Beweis dafür, daß in erster Linie
ein junges Leben vor schädlichem Einfluß bewahrt werden sollte.
An solcher Votivhand finden wir die Embleme der einzelnen Götter
an den Fingern und an der Handfläche verteilt. Der ganze Olymp
') S. Seligmann, Der böse Blick und Verwandtes. Herrn. Barsdorf, Berlin 191 o.
2) H. FloĂź, Das Weib in der Natur und Volkskunde, 1902, Bd. I, S. 685.
l86 EXVOTOS.
drängt sich so auf einer Hand zusammen. Dieselbe Vereinigung
der verschiedensten Amulette linden wir noch auf den sogenannten
AmulettschĂĽsseln. Das sind Teller, auf die eine s:anze Sammlung
von Amulettkörpern gelegt ist. Unter den Handverzierungen er-
kennen wir mit Vorliebe Porträts von Göttern, namentlich des
Sarapis, meist aber vertritt das charakteristische Attribut die Gottheit
selbst. Die WĂĽnschelrute des Hermes, die Zange des Hephaistos,
der zweihenkelige Kantharos des Dionys, das FĂĽllhorn der Tvche,
die Ähren der Demeter und die Schlange des Äskulap oder auch der
Athena bilden den Dekor der Hand. Diese »plastischen Tätowie-
rungen« verraten übrigens in den mir bekannt gewordenen Exem-
plaren, die aus dem verschiedensten Material gearbeitet waren, nur
einen geringen Kunstwert und stammen wohl aus späterer Zeit; es
gibt auch ganz kleine Hände dieser Gattung, die selbst wieder als
Amulett getragen wurden.
SKELETT.
Diese Gruppe ist von Stieda statuiert worden wegen eines
Brustkorbes, der sich in den vatikanischen Sammlungen befindet
(s. Fig. 99), und der insofern ein Unikum ist, als andere Knochen-
teile wohl schon deshalb als Weihgeschenke nicht in Betracht
kamen , weil man ĂĽber isolierte Erkrankungen solcher keine in-
timere Kenntnis hatte; wenn jemand ein Glied brach oder sonst
eine schwere Verletzung des Knochens erlitt, so war es natĂĽrlich
sinngemäßer, den ganzen Körperteil mit den Weichteilen als den
Knochen isoliert zu opfern, von dessen Aussehen man keine richtige
anatomische Vorstellung hatte. Die Auffassung, in diesem Marmor-
stĂĽck keinen eigentlichen Votivgegenstand zu sehen, liegt ziemlich
nahe. Welche Krankheit sollte auch der Opferer dieses Brust-
kastens gemeint haben ? Woher der Gegenstand kommt, verschweigt
der Katalog. Bisher hat niemand mit dem StĂĽck etwas Richtiges
anfangen können. Es steht neben einer anderen Marmorskulptur,
die, nach der Arbeit zu schließen, sicher aus etwas späterer Zeit
KNOCHENGERĂśST.
i8'
datiert, und die einen geöffneten Körper darstellt mit einem Ein-
geweidesitus. Obwohl wir diesen letzteren Gegenstand traglos zu
den Donarien rechnen müssen, sträubt man sich, dies von dem
KnochengerĂĽst anzuerkennen. Wir finden im Gegensatz zu dem
handwerksmäßigen Schematismus anderer Organdonarien bei dieser
Arbeit das offenbare Bestreben nach wissenschaftlicher natur-
getreuer Bearbeitung, und man hat sie deshalb auch als anatomi-
sches Präparat angesehen. Man
hat sich dabei auf die Diskussion
eingelassen, ob man hier drei-
zehn Rippen statuieren, oder ob
man die erste Rippe als SchlĂĽssel-
bein ansehen soll. Es scheint
mir diese Kontroverse im Hin-
blick auf die absolut fehlerhafte
Stellung der Rippen, die alle
treppenartig verlaufen, indem die
Einzelrippe in ihrem architek-
tonischen Bau gänzlich verkannt
und falsch befestigt ist , und
ferner unter BerĂĽcksichtigung der
falschen Insertion der unteren
Rippen an das Sternum ziemlich
ĂĽberflĂĽssig. Die ganze fleiĂźige
und genaue Arbeit lehrt, daĂź sie
die Kenntnisse einer Zeit wieder-
gibt, in der die Ivnorpelerhaltung und der komplizierte Bau der
unteren Rippenapertur noch unbekannt war. Die Hinterfläche des
Marmors ist nicht bearbeitet und macht einen rohen Eindruck. Es
könnte nun jemand, der, wie Stieda, das Stück für jüngeren
Datums hält, annehmen, daß es auch aus einem Sepulkralmonument
herausgebrochen sei. Ich bin sogar in der Lage, fĂĽr diese An-
schauung, resp. für deren Möglichkeit das Monument des Dom.
Bertini da Gallicano aus Lucca als Unterlage anzufĂĽhren (s, Fig. loo).
Oi'ig -Atifn. Rom, l'aiihau. Satnwlntig
Fig. 99. Marmorvotiv.
i88
EXVOTOS.
Hier finden wir als architektonische Stützen die Wirbeisäule mit
den beiden auseinander gelegten und umgekehrt vereinigten Becken-
knochen, sowie zwei mit Schädeln verwandt. Dabei zeichnet sich
die Bildung aller Knochen durch ungewöhnliche Naturtreue aus. Das
rhoi. Aliiiari.
Fig. 100. Grabmonument des Dom. Bertini da Gallicano aus Lucca.
Denkmal stammt aus dem Jahre 1479. DaĂź es nicht besonders un-
gewöhnlich war, Teile des Knochengerüstes architektonisch zu ver-
wenden, das beweisen u. a. auch manche bildliche Darstellungen aus
jener Zeit, siehe z. B. »Der Triumph des Todes« von Burgkmair^).
'j Abbildung bei Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin. Ferd. Enke
1905, S. 23.
KNOCHEN. 189
Mir scheint aber diese Annahme gesucht. Ich glaube, daĂź es mit
Sicherheit ein Weihgeschenk ist und aus dem Äskulaptempel von
der Tiberinscl herstammt, wo es offenbar aufgestellt war, nicht als
Exvoto eines Kranken, sondern als Geschenk eines Arztes. Wir
wissen, daß die Ärzte zweimal im Jahre dem Asklepios Optcr dar-
brachten, und daß auch die Stadtärzte, sei es aus Dank für gelungene
Kuren, vielleicht auch aus Reklame, Weihgeschenke aufstellten. Hier
hat offenbar das Weihgeschenk des Hippokrates, das berĂĽhmte Ske-
leton in Kos, mit Wahrscheinlichkeit eine Nachahmung gefunden.
yhct. Aliuari. Rom. Villa dt PiZpa Giitlio.
Fig. loi. Griechisches Tongefäß in Astragalenform.
Einzelne Skeletteile gehören sonst als Weihgeschenke zu den
größten Seltenheiten. Ich habe nur einen Unterkiefer gefunden
mit Andeutungen von Zähnen. Derselbe befindet sich im römischen
Thermenmuseum.
Hierher können wir noch den schön bemalten tönernen Astragalus
des Museums in Villa Giulia rechnen. Derselbe zeigt, wie unsere
Abbildung lehrt (s. Fig. loi) genau die äußeren Formen dieses im
Altertum zum Knöchelspiel verwandten Fußknochens. Es handelt
sich vielleicht um eine Weihgabe wegen besonderen GlĂĽckes im
Spiel, vielleicht aber wurde auch aus anderen GrĂĽnden die bizarre
aber im Altertum jedermann geläufige Form des Gefäßes gewählt.
190
EXVOTOS.
EINGEWEIDE.
Es bedarf keiner besonderen Motivierung, daĂź Arzt und Natur-
forscher den antiken bildlichen Darstellungen der Eingeweide ein
besonderes Interesse entgegenbringen werden. Da uns antikes Illu-
strationsmaterial der medizinischen Klassiker nicht erhalten ist, ab-
gesehen von den spärlichen Beigaben und Rekonstruktionen in
späteren Manuskriptabschriften'), so ist für das Studium der antiken
Anatomie derartiges in Stein gehauenes oder sonstwie plastisches
Material Gewinn. Obwohl die Alten ihre Kenntnis der mensch-
lichen Eingeweide auf keinen Fall auf Grund svstematischer Sektionen
erworben haben, so war man doch einigermaĂźen orientiert, teils
durch gelegentliche Beobachtung bei Verletzungen und am Kranken-
bett, teils durch den korrespondierenden Beiund bei Tieren; hier
lehrte wieder die tägliche Erfahrung beim Schlachten oder die ziel-
bewuĂźte Untersuchung der inneren Teile durch die Tierschau. Es
ist klar, daß die Tätigkeit der Haruspices das Interesse der Bevölke-
rung lür das Aussehen des inneren Tierkörpers frühzeitig erregen
muĂźte.
Die Anatomie des Corpus hippocraticum basiert zum Teil auf
Hypothesen, Zufällen, Befunden und Zergliederungen von Tieren.
Die Annahme einiger Autoren, daĂź menschliche Sektionen vor-
genommen wurden, erscheint allgemein als abgetan. Auch Aristoteles
hat sich wesentlich aus der Anatomie des Tieres Rat geholt. Er
kennt zwar beim Menschen die einzelnen Organe, ist aber z. B.
ĂĽber den Zusammenhang von Lunge und Herz vollkommen im
unklaren. Er erwähnt das Zwerchfell, Leber, (Gallenblase, Nieren-
becken, Harnleiter, Harnblase und Hoden. Er beschreibt noch die
Gebärmutter als zweihörnig und kennt nicht ihre Adnexe. Erst
bei den Alexandrinern sind Leichensektionen, welche sich allerdings
auf die Eröffnung der Bauch- und Brusthöhle beschränkten, sicher-
gestellt. Die anatomischen Schriften des hervorragendsten dieser
') ĂĽber die anatomischen Abbildungen in den antil<en Handschriften , so z. B. bei Ari-
stoteles, siehe bei Robert v. TĂĽply, Geschichte der Anatomie im Handbuch von Th. Pusch-
mann, S. 191.
EINGEWEIDE.
191
Alexandriner, Herophilos, sind verloren gegangen. Er hat aber,
wie wir dies durch seine Nachfolger erfahren, sich hauptsächlich
mit dem Nervensystem, der Eingeweidelehre und den Blutgefäßen
beschäftigt. Die Anatomie des Galenos basierte auf den Unter-
suchungen der Alexandriner des 2. Jahrhunderts. In der Beschreibung
der Geschlechtsteile hält Galenos allerdings noch an der Ansicht
des Aristoteles von der Zweihörnigkeit des Uterus fest und behauptet,
daß die rechte Kammer für die männlichen, die linke für die weib-
lichen ErĂĽchte reserviert sei. Aber mit ihm ist ein Hochstand in
der griechischen Anatomie erreicht, der ĂĽber 1000 Jahre, bis zur
Renaissance der Anatomie, fĂĽr die wissenschaftliche Welt Richt-
schnur war.
Diese kleine historische Ăśberlegung ist namentlich im Hinblick
auf die plastische Darstellung der Votivgebärmutter von Wichtigkeit.
Denn es zeigt sich hier eine ganz auffallende Dissonanz zwischen
der antiken wissenschaftlichen Anatomie und der Volksanatomie im
weiteren Sinne. Diese Unstimmigkeit hat den ersten Bearbeiter
dieser altitalischen Weihgeschenke Ludwig Stieda') veranlaĂźt, die
massenhaft in Italien vorkommenden tönernen Gebärmütter für die
Vagina zu halten, nachdem er grĂĽndlich die ĂĽbrigen Ansichten der
Autoren, die diesen Körper für den Uterus oder einen Uterusvorfall
(Neugebauer) halten, diskutiert und dann verworfen hat. Von allen
Donarien sind diese »Uteri« genannten Körper am häufigsten. Das
Gemeinsame ihres Äußeren ist ohne jeden Zweifel die ungefähre
Kontur eines vergrößerten weiblichen Gebärmutterkörpers. Es findet
sich bei allen ein plattes halbkugliges Gebilde, welches in einen Hals
ausläuft (s. auf Eig. 93). Die Oberfläche desselben zeigt Wulstungen.
Diesen gemeinschaftlichen EigentĂĽmlichkeiten steht in erster Linie
die Verschiedenheit der Größe, sodann aber namentlich die variierende
Beschaffenheit des Halsteiles gegenüber. Die Größe wechselt von
ungefähr Eaustgröße bis Eußgröße. Bei diesen letzteren muß man
natĂĽrlich an die schwangere oder puerperale Eorm denken. Die
-Behandlung des Halsteiles aber geschah unter der allerverschieden-
') L. Stieda, Anatomisch-archäologische Studien, Bd. 15 i6. Wiesliaden 1901.
192
EXVOTOS.
artigsten Formgebung. Wir finden da in der Regel als Grundtorm,
daß die parallel laufenden Querfalten des Körpers hier in einen
ringförmigen Wulst enden. Das Innere dieses Ringwulstes ist häufig
einfach geschlossen. Oft aber ist auch hier eine Höhlung in den
Ton eingegraben, so daĂź man dadurch die deutlichere Vorstellung
eines Hohlorgans bekommt. Ich sah dabei viele solche Votiv-
körper, bei denen diese Öffnung in zwei Teile geteilt war; auch
Regnault') bildet einen solchen Körper ab. Diese von den
meisten Autoren richtig als Muttermundsöffnung angesprochene
Formation zeigt je nach den natürlichen Veränderungen gelegentlich
eine punkt- oder schlitzförmige Öffnung, oft aber auch eine größere
klaffende Spalte, wie nach einem Geburtsakt")- Auf diese Weise
gestaltet sich dann die Formation der vorderen und hinteren Lippe
verschieden. Regnault bildet eine ganze Skala solcher Orificia
externa der tönernen Gebärmütter aus der Capuaner Gegend ab.
Von den krankhaften Veränderungen, die er selbst daran zu er-
kennen glaubt, erscheinen mir die beiden rundlichen Cysten der
hinteren Muttermundslippe noch am ehesten als solche annehm-
bar. Curat ulo hat solche Weihkörper gesehen, welche bicorn
sind. Die Erklärung des römischen Gynäkologen, daß ein solcher
Doppelkörper von einer Frau geweiht sei, die glücklich von einem
Zwillingspaar entbunden wurde, notiere ich, ohne diese Behauptung
unterstützen zu wollen. Die beiden Abbildungen solcher Gebär-
mĂĽtter, welche von der Tiberinsel stammen und von Curatulo
in seinem Buche abgebildet wurden, zeigen uns diese Variante des
Gebärmutterhalses. Das auffallendste an dieser Körperbildung sind
die Querfalten; diese sind auf der Abbildung (Fig. 102) deutlich
sichtbar. Wir erkennen auch, daß der Körper meist auf einer
Unterlage modelliert ist, so daß nur die Hallte körperlich er-
scheint; einen beiderseits bearbeiteten Uterusvotivkörper habe ich
nicht gesehen, kĂĽr die Querfalten findet Stieda keine passende
Deutung. Dieselbe scheint mir aber doch auf der Hand zu liegen.
') Felix Regnault, Las Exvotos pathologiques romains. L'homme prchistorique 1910,
-) Besonders auffallendes Exemplar in der etrusk. Sammlung des Neapler Nat. -Museum.
GEBÄRMUTTER.
193
Es ist von mehreren Autoren darauf hingewiesen, daĂź der so
häufig voriiommende Gebärmuttervorfall namentlich nach Geburten,
welche Dammrisse veranlaßten, eine naheliegende Möglichkeit ergab,
das Organ zu sehen und abzufĂĽhlen. Bei einem solchen Vorfall
L'rt^.-An/n. Florenz, Etrusk. ^fiiscjun.
Fig. 102. Frauenleib mit Uterus und Adnex. Terrakottavotiv.
aber präsentierte sich der Körper nicht mit seinem glatten Peri-
tonealĂĽberzuge, sondern mit den Wulstungen der Vagina. Doch
diese Erklärung erscheint mir für die naive Auffassung des Volkes
viel zu wissenschaftlich und zu gesucht. In dem Welligen, Ge-
streiften suchte der Volksplastiker seinen Abnehmerinnen die Vor-
Holländer, Plastik und Medizin. ^J
194
EXVOTOS.
Stellung von der Kontraktilität des Organs nahezubringen. Im
ausgedehnten gefüllten Zustande war der Körper glatt, nach Ent-
leerung aber der Frucht muĂźte er sich einer naiven Auflassung
entsprechend unter Faltenbildung zusammenziehen. Die Schwie-
rigkeiten, welche Stieda in der Deutung des Uterus findet, ent-
stammen zum Teil auch daher, daĂź er den von Bartels zitierten
und skizzierten Florentiner Torso nicht aus eigener Beobachtung
kennen gelernt hat. Denn mit der Betrachtung dieses seltenen
Stückes schwinden alle Zweifel über die Bedeutung der Streifenkörper.
Es ist hier ein weiblicher Unter-
körper ziemlich roh und unge-
schickt modelliert (s. Fig. 102).
Deutlich ist die Vulva mit Me-
dianspalte markiert. In ungefährer
Höhe zwischen Nabel und Yuha.
eingebettet liegt dann erst dieser
Streifenkörper. Das kann nur die
Gebärmutter sein ; hätte der Bild-
ner die Scheide zur Darstellung
bringen wollen, so hätte er sie
in Kontinuität mit der \'ulva mo-
delliert. Die Unmasse solcher
Votivkörper spricht außerdem aber
auch noch ein deutliches Wort.
Die äußeren weiblichen Genitalien als Exvotos kommen relativ
selten vor, wir sahen sie in Griechenland als Weihgeschenke von
Hetären an Aphrodite. Wir finden sie gelegentlich in ähn-
licher Form auch in dem etrusko-latinischen Kreise (s. Fig. 103).
Die inneren weiblichen Organe aber mit dem ewigen Wechsel und
den ewigen Störungen ihrer Funktion gaben von jeher die häufigste
Gelegenheit fĂĽr WĂĽnsche, Hoffnungen und BefĂĽrchtungen und
damit fĂĽr GelĂĽbde. Und gerade das scheue weibliche Geschlecht
wandte sich damals in erster Linie an die offenen Heilstätten und
Tempel der Götter, da der Besuch beim Spezialarzt für Frauen-
Ro7ii, Museum in Villa Giulia.
Fig. 103. Vulva. Terrakottavotiv.
OVARIUM.
^95
leiden noch nicht zu den tägHchen Gewohnheiten einer feinen
Dame gehörte.
Scheint so dieser innere Körperteil der Frau vom medizinischen
Standpunkt sichergestellt, so ist das in viel weniger einwandfreier
Form von dem Körper der Fall, welcher sehr häutig in ungefährer
Mitte des Fundus dem Uterus anliegt. Meiner Schätzung nach
kommt dieser Nebenkörper ungefähr nur in einem Dritteil der von
mir gesehenen Fälle vor (s. auch Fig. 93 u. 102). Bei der Er-
klärung dieses Körpers befinden wir uns wiederum in einer Schwie-
rigkeit und im Gegensatze zu den historisch ĂĽberlieferten Kennt-
nissen der antiken Griechenanatomie. Die Darstellung dieses
rundlichen oder olivenartig geformten Nebenkörpers variiert da-
durch, daĂź derselbe entweder mit oder ohne Verbindung zu dem
Uterushalse zur Darstellung kommt. Meist allerdings sehen wir
seine Verlängerung bis an den Rand des Orificiums herantreten.
Hat aber der Keramiker an dem Muttermunde eine zentrale Ă–finung
angebracht, so habe ich keinen einzigen dieser Nebenkörper beob-
achtet, welcher entweder in dieses Loch einmĂĽndet oder selbst eine
Ă–ffnung oder Delle hat. Diese sichere Beobachtung spricht schon
ein gewichtiges Wort gegen die Auffassung, daĂź es sich um die
Blase handeln könnte, wie Stieda meint. Denn es erscheint mir
vom Standpunkt des naiven Spenders tĂĽr ausgeschlossen, daĂź der-
selbe eine geschlossene Wasserblase in den Tempel tragen wĂĽrde.
Hatte er mit der Blase Schwierigkeiten, so werden diese in den aller-
meisten Fällen wohl in der Entleerung des Wassers bestanden haben
und er wollte auch am Votiv eine Ă–ffnung sehen.
Zu dieser Ăśberlegung kommt noch die Erfahrung, daĂź der
Nebenkörper auf beiden Seiten der Gebärmutter vorkommt, aller-
dings immer einzeln. Eine Gebärmutter mit zwei Nebenkörpern
ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Curätulo hält diesen Neben-
körper für den Eierstock. Stieda weist darauf hin, daß unter der
Voraussetzung, daĂź die Alten die Bedeutung der Ovarien und ihre
Beziehungen zum Uterus gekannt hätten, sie dann zwei solcher
Nebenkörper hätten darstellen müssen. Er hält demnach diesen
196 EXVOTOS.
Körper, in konsequenter Auffassung des Hauptkörpers, als Scheide
für die Blase. Wenden wir uns nun wiederum zur Auflösuno-
dieses anatomisch-historischen Rebusses an die Florentiner Figur,
so gibt diese uns wiederum eine, wie mir scheint, ziemlich exakte
Antwort. Auf der Skizze, die FloĂź in seinem Werke gibt, fehlt
dieser Nebenkörper, der in Wirklichkeit aber in besonders schöner
Form zur rechten Seite des Streifenkörpers sich befindet. Es wäre
eine Unmöglichkeit, die Wasserblase in dieser Weise zu schildern
und dieselbe mehr als handbreit oberhalb der Vulva endigen zu
lassen. Wir müssen also wohl oder übel diesen Nebenkörper als
Adnex auttassen, obwohl uns die literarische Hinterlassenschaft der
Griechenärzte in dieser Überlegung nicht unterstützt. Aristoteles
scheint die Adnexe noch nicht gekannt zu haben, während Hero-
philos, der Alexandriner, mit dem verschiedenen Verhalten des Gebär-
mutterhalses auch der Eierstöcke und der Muttertrompeten Erwäh-
nung tut. Der eigentliche Entdecker der Tuben, die dann 1330
der Italiener Falloppia von neuem fand, war, wie Galenus be-
richtet, der zu Aristoteles' Zeiten lebende Philotimos (290 v. Chr.).
Bei diesen Ăśberlegungen dĂĽrfen Avir aber nicht aus den Augen
lassen, daĂź es sich schlieĂźlich hier um anatomische Vorstellungen
der Etrusker gehandelt hat, deren Bildungsgrad uns ausschlieĂźlich
aus ihrer sepulkralen Hinterlassenschaft bekannt wurde. Aus dieser
aber dart, wie überhaupt aus Gegenständen religiösen Kultes, kein
Rückschluß gezogen werden auf die Höhe gleichzeitiger wissen-
schaftlicher Erkenntnis. Wir dĂĽrfen nicht vergessen, daĂź es sich
um Volksvorstellungen handelt, bei denen die Tradition eine do-
minierende Stellung einnimmt; wir dĂĽrfen ferner nicht vergessen,
daĂź diese anatomischen Kenntnisse sich auf Tierschau grĂĽnden;
das gibt uns wiederum die Aufklärung, wieso nur eine Adnex
dargestellt wurde, weil bei Tieren an jedem Hörn nur ein Eier-
stock sich befindet; diese Tradition pfianzte sich fort auf die
Erben der Etrusker, auf die Römer; als das große römische Reich
längst in Trümmern lag, als andere religiöse Vorstellungen die
Weit erfüllten, da spendeten die christlichen Römerinnen immer
DARME.
197
noch die etruskischen Genitalien, deren Konturen in die Gestalt
und die Vorstellung einer Kröte überflössen.
AuĂźer dem Uterus kommen vereinzelt noch andere Innenorgane
vor, doch gehören sie dergestalt zu den Seltenheiten, daß in Samm-
Orig.-Aiifti. , 1'1,'rcnz, Etrusk Museum.
Fig. 104. Darm. Terrakottavotiv.
lungen von vielen Hundert Einzelexemplaren sich nur einmal der eine
oder andere Gegenstand dieser Art vorfindet. Als zweifelloses Ab-
bild können wir da zunächst einen Kehlkopf mit Trachea aus dem
^.^^^
Orig.-Aujn. Florenz, Etrusk. Mus.
Fig. 105. Mastdarm. Terrakottavotiv (ca. Vs verkl.).
Thermenmuseum anerkennen. Die Ringe der letzteren sind so
charakteristisch, daĂź eine Verkennung ausgeschlossen ist.
Der in der Villa di Papa Giulio bisher als Schlund mit deut-
licher Bildung von Gaumen und Zäpfchen angesprochene Körper
hat sich als Gußform einer säugenden Frau herausgestellt (Dr. della
198
EXVOTOS.
f
f
Orig.-Anfn.
Florenz, Etrusk. Mus.
Fig. 106. Organexvoto.
Seta). Das Zäpfchen war die Cäsur zwischen den Brüsten; ein be-
achtenswerter Hinweis auf diagnostische Re-
serve. Die Sammlungen zeigen lauter Varian-
ten, weil wohl alle diese Körper ihrer einfachen
Form wegen aus der Hand modelliert und nicht
gepreĂźt wurden. Daher ihre Unterschiede in
Form und Gestalt. Wie man heute bei den
Wachsziehern SĂĽddeutschlands und in den
Juwelierläden Griechenlands und der Türkei
immer wieder dieselben Glieder und Formen
aus Silberblech findet, so in der antiken Zeit
in den Töpfereien. Doch glückt gelegentlich
der Fund eines außergewöhnlichen Stückes. So
fand ich in Neapel, Rom und Florenz je einen
meist auf flacher
Unterlage aufliegenden beutelähn-
lichen Körper, der sich nach einer
Seite halsähnlich verjüngt. Der Aus-
führungsgang macht regelmäßig eine
Drehung und öffnet sich dann wieder
zu w'eiterer MĂĽndung. Charakteristisch
ist, daĂź eine doppeltkonturierte Linie,
die über den Hohlkörper verläuft, sich
auf den Hals erstreckt. Nehmen wir i
nun an , daĂź die von uns gezeigten |
Abbildungen (s. Fig. 106, 107 u. 108)
von den Originalien in Neapel, Rom
und Florenz denselben Körper vor-
stellen sollen , und daß der größere
aus dem römischen Antiquarium nur
ein besser und detaillierter ausgefĂĽhr-
tes Exemplar ist , so können wir in der Deutung des Exvoto nur
zwischen der gewollten Darstellung des Herzens oder der Wasserblase')
Oi-ig.'Aji/n. Florenz, Elrusk. Mus.
Fig. 107. Organexvoto.
') Waldeyer denkt laut brieflicher Mitteilung noch an die Gallenblase.
BLASE.
199
schwanken. Die von anderer Seite ausgesprochene Ansicht, daĂź
es sich um das Slcrotum handele, können wir wegen des eigen-
artigen Halsteiles nicht zu der unsrigen
machen; auch spricht die sonst so häufige
Darstellung dieses Teiles als Exvoto in
Zusammenhang mit dem xMembrum da-
gegen. Namentlich die Gefäßzeichnung auf
der Figur mit ihrer Teilung, lerner auch
Orig.-.Uifn . Florenz.
Fig. 109. Etrusk. unbestimmbares Körpervotiv.
/ ^
Orig.-Aitfii. Koin, Atitiqttariinn .
Fig. loS. Organexvoto (Herz?).
die weite, wie kollabiert aussehende MĂĽndung erinnert entfernt an
ein herausgenommenes Tierherz (s. Fig. 108). Wir haben dabei schon
gezeigt, daĂź tĂĽr diese Darstellungen
einer Volkskunst die kontemporäre wis-
senschaftliche Kenntnis oder Unkennt-
nis kein Kriterium abgibt. Geben die
Abbildungen der Florentiner Exvotos
(Fig. 104 u. 103) einen deutlichen Hin-
weis dafĂĽr, daĂź hier DĂĽnndarm und der
innereMastdarm dargestellt werden sollte
(der letztere in Anlehnung an einen prolabierten Pferdedarm), so geben
uns die mehrfach vorkommenden Körper (s. Fig. 109 u. 1 10) ein voll-
kommenes Rätsel auf. Ihre Fundstelle zusammen mit unzweifelhaften
Orig . - A n/n . Flor et,
Fig. HO, Votiv?
200 EXVOTOS.
Donarien sichert aber ihre allgemeine Stellung, aber welches Organ
im besondern gemeint war, das können wir nur vermuten und raten.
EINGEWEIDESITUS UND -TRAKTUS.
Im Mittelpunkte des Interesses der anatomischen Weihgeschenke
ĂĽberhaupt stehen nun die Stiftungen, welche einen Eingeweidesitus
oder Eingeweidetraktus darstellen. Also kein einzelnes Organ,
sondern gewissermaĂźen die ganzen Eingeweide zusammen. Ludwig
„<->-*>^:.^ Stieda, welcher diesen Dingen zuerst seine
""'! Aufmerksamkeit widmete, unterschied be-
^jÄ reits aus einem relativ kleinen Beobachtungs-
material zwei Gruppen , die »Torsos mit
Eingeweidedarstellungen« und die sogenann-
ten »Eingeweidetafeln« mit der Unterab-
teilung der sogenannten »Budelle«. Wir
wollen zunächst der Zweckmäßigkeit halber
bei dieser Einteilung bleiben und zur Cha-
rakterisierung dieser bildlichen Darstellungen
übergehen. Das Material ist in allen Fällen
mit Ausnahme einer einzigen Marmorarbeit
der gebrannte Ton. Die interessantere
Fig. III. Eingeweidetorso. Gruppe kennzeichnet sich nun dadurch, daĂź
Der H a 1 s t e i 1 dokumentiert das Exvoto. - i i i * i t» r /^ • -^ t
em nackter menschhcher Kumpt (mit Vor-
liebe ein weiblicher) oder auch ein mit dĂĽnnem (icwandc be-
kleideter einen geöffneten Bauch oder auch Brustkasten zeigt und
daĂź man in ihm Eingeweide zutage treten sieht.
Die andere Klasse umfaĂźt solche Darstellungen ĂĽbereinstim-
menden Inhaltes und Materials, bei denen jedoch die Eingeweide-
platte nicht auf einem Körper aufsitzt, sondern isoliert zur Dar-
stellung kam. Das Beobachtungsmaterial hat sich mit der Zeit
erheblich vergrößert. Außer den elf von Stieda untersuchten Ein-
geweidekörpern konnte ich in den Bereich eigener Beobachtungen eine
weitere Anzahl ziehen und mich gleichzeitig auf die Untersuchungen
EINGEWEIDE.
201
der Madrider sowie der Capuaner Sammlung durch Regnault') und
der des Museon Civico in Modena durch Gustav Alexander')
stĂĽtzen. Die fĂĽr mich in der Beurteilung dieser Fragen ausschlag-
gebenden StĂĽcke befinden sich in der etruskischen Abteilung der
Vatikanischen Sammlung und vor allem in der schönen Kollektion
in Florenz.
Die Anordnung der Eingeweide und ihre Anbringung an den
Torsos ist eine verschiedene. Wir können die Beobachtung machen,
daĂź die erhaltenen ganzen Figuren entweder den Eindruck machen,
als wenn sie tatsächlich von Haus aus für
diesen Zweck hergestellt sind, d. h. wir
finden z. B. einen Oberkörper, bei dem
der Halsteil schon den unzweifelhaften
Beweis liefert, daĂź er als Exvoto gear-
beitet ist. Als Beleg dafĂĽr betrachte man
das Weihgeschenk aus dem Thermen-
museum (s. Fig. in) oder die StĂĽcke aus
Modena. Auf der anderen Seite aber finden
wir Statuen, die zunächst ihrem ganzen
Habitus nach zu anderen Zwecken geformt
waren und in die dann später die Ein-
geweideplakette gewissermaĂźen eingelassen
ist, ähnlich wie bei den anatomischen Buch-
illustrationen des i6. Jahrhunderts. Den
deutlichsten Hinweis auf diese Vorgeschichte solcher Statuen liefert
die schöne Figur aus dem Nemisee (s. Fig. 93). Auf dieser näm-
lich sowie auch aut zwei von Stieda abgebildeten Figuren tragen
diese Statuen ein Gewand. Auf dieses Gewand ist dann einfach
das Eingeweidevotiv angebracht.
Die Öffnung zur Einsicht in die innerlichen Verhältnisse ist
meistens in der Weise vorgenommen, daĂź eine eirunde schĂĽsselartige
Fig. 112. Eingeweidetorso.
Der Körper abgebrochen.
') F. Regnault, Les Exvotos pathologiques romains. L'homme prthist. iqio.
') Gustav .â– \ lex ander, Zur Kenntnis der etrusk. Weihgeschenke. Bonnet-Merkels
Anatom. Hefte. 1905.
202
EXVOTOS.
Fig. 113. Eingevveideplatte.
Platte zur Aufnahme der Eingeweide-
bilder angebracht ist. Doch wird auch
. ^^^^ ein medaillonförmiger Ausschnitt be-
t ^^^ obachtet. DafĂĽr, daĂź das Eingeweide-
~ ^^^^ medaillon den Körpern einfach aufmon-
tiert wurde, spricht auch das unpassende
Größenverhältnis, indem gelegentlich so
durch ein zu kleines Medaillon die Brust-
einseweide in den Bauch verlegt werden
(wie bei der schönen Gewandfigur aus
Veji, jetzt im Besitz von Geheimrat Veit)
oder auch indem das Medaillon tĂĽr die
Statue viel zu groĂź ist, wie bei
dem FundstĂĽck aus dem Zeus- v^
tenipel in Terracina (jetzt Ther-
menmuseum, Rom).
Zu der zweiten Art dieser
Eingeweide ĂĽbergehend, finden
wir zunächst ziemlich häufig das
isolierte Medaillon. Hierzu können
wir nicht diejenigen StĂĽcke rech-
nen (s. Fig. 1 1 2 u. 1 1 3), bei denen
der offenbar vorhanden gewesene
Rumpf teilweise zerstört wurde,
sondern wir meinen die von
S t i e d a und später auch von
Alexander nachgewiesene Form
des reinen Medaillons. Die Dar-
stellung desselben variiert in der
Weise, daĂź wir auf diesen Ein-
geweideplatten entweder den noch
näher zu beschreibenden Ein-
geweidetraktus (viscere) finden iv,v.-.^„/„. Fio,-e«,.
... . . Fig. 1 1 4. Gurgel, Lungen und Eingeweide.
oder aber isolierte Därme in einer Euusk. Terrakotta
EINGEWEIDETAFELN.
203
besonderen Form (Budelle) (s. Fig. 113). Diese Platten lauten ge-
legentlich wie die Hände in runde stumpfe Handhaben aus, um sie in
ein Loch (eine Figur) hineinzustecken. Zu diesen bisher beschriebe-
nen Formen kommt nun aber noch eine weitere, bisher nicht beach-
tete Gattung hinzu, die ich zunächst in der Vatikanischen Sammlung
sah, später auch in Florenz gleich in einer Anzahl von ca. 13 Hinzei-
stĂĽcken entdeckte. Diese zeichnet sich dadurch aus, daĂź hier die
ganzen Eingeweide nicht im Hochrelief auf einer Platte liegend
Orig.-Ait/n. Rom, T/u
rtneiinniseunt.
Fig. 115. Darmschlingen (Terrakotta-Exvoto).
plastisch hervortreten, sondern daĂź gewissermaĂźen von den in toto
herausgenommenen Brust- und Baucheingeweiden ein AbguĂź gemacht
wurde, der sich als Rundplastik gibt (s. Fig. 114).
Wir kommen jetzt zunächst zu einer wenn auch oberflächlichen
Betrachtung der anatomischen Darstellungen selbst. Da jedes ein-
zelne Stück verschieden ist, so läßt sich nur im allgemeinen sagen,
daß von irgendeiner genaueren Zeichnung menschlicher Verhältnisse
keine Rede sein kann. Mit Bestimmtheit ist immer nur in dem
oberen Schnittwinkel der rundliche, oft aus dem Thorax zapfen-
204
EXVOTOS.
förmig herausspringende Körper als das Herz anzusprechen. Zu
beiden Seiten erscheinen dann die Kanten der LungenflĂĽgel, unter
ihnen der Magen, oft zu beiden Seiten die Nieren, dann fast mit
großer Regelmäßigkeit die Därme und im unteren Schnittwinkel
oftmals die Blase. Die Topographie dieser Keramiken ist aber eine
derartia; ungenaue und wechselnde, daĂź es uns nur im wesentlichen
darauf ankommen kann, die
Absicht der Darstellung des
menschlichen Situs anzuerken-
nen. Hin und wieder treut
man sich an der ungefähren
Richtigkeit der Magenform, der
Xierenlage oder eines Darm-
abschnittes. Es ist meines Er-
achtens fĂĽr die Erkenntnis die-
ses interessanten Gegenstandes
von Wichtigkeit, daĂź wir, wie
wir später sehen werden, aus
ihnen eine Gruppe isolieren
mĂĽssen, bei der mit Absicht
tierische Eingeweide gezeigt
werden sollten. DaĂź auch bei
den menschlichen »Viscere«
tierische Verhältnisse Modell
saĂźen, ist eine andere Sache.
Unter den Eingeweideplatten
zeichnen sich einige durch bessere Arbeit aus, so besonders das
groĂźe Konvolut von Darmschlingen aus dem Thermenmuseum
(s. Fig. 113), bei dem man doch den Eindruck nicht los wird, daĂź
hier der Plastiker menschliche Verhältnisse gekannt und abgebildet
hat. Unter den Einzelheiten, die besonders interessieren, erwähne
ich den Torso aus dem Magazin des Nationalmuseums (s. Fig. 116),
bei dem in der oberen Schnittapertur durchschnittene Rippen in der
Wunde sichtbar sind. Ich erwähne ferner, daß in Modena ein
Orig.-Au/n. Rom, Diocl. Thernwu .
Fig. 116. Exvoto (Eingeweidesitus).
EINGEWEIDE.
205
zweifellos kindlicher Eingeweidetorso von Alexander be-
schrieben und abgebildet wurde. Zu diesen an den verschiedenen
Plätzen Italiens, namentlich auf der Tiberinsel, in Veji, in Lavi-
nium, im Dianaheiligtum von Nemi, im Zeustempel von Terracina,
in Capua gefundenen Eingeweidekörpern kommt nun noch als
bekanntestes und schönstes Stück der Marmortorso aus dem \'^atikan
hinzu. Diese Arbeit hatte, als ich â– -'" ^
sie vormals unter all den TrĂĽmmern
klassischer Schönheit neben dem be-
reits erwähnten Brustkorb stehend,
fand, ein solches Interesse, daĂź ich
sie fĂĽr die mediko-historische Ab-
teilung des Kaiserin Friedrich-
Hauses abgieĂźen lieĂź. Nach die-
sem GuĂź ist unsere Abbildung her-
gestellt. Es muß nun zunächst
betont werden, daĂź nicht nur das
edlere Material dies StĂĽck voll-
kommen von den bisher erwähnten
Donarien unterscheidet, sondern
daĂź auch die vollkommenere ana-
tomische Darstellung diese Leistung
von den anderen abrücken läßt. Die
Darstellung verrät bereits größere
Orig-Aicftt, Rom, l'hL^rmfyutiusettm.
Fig. 117. Eingeweidetorso.
Kenntnis und zwar ist dasjenige
Moment, welches als prinzipiell trennender Faktor gelten kann,
von Stieda ĂĽbersehen worden, trotzdem es im Museumskatalog
besonders betont ist: das Zwerchfell. Es scheint, daĂź auch sonst
dieser so genaue und objektive Forscher sich an seine ĂĽberaus
unzulängliche Photographie gehalten hat, welche die tatsächlichen
Verhältnisse in den wichtigsten Punkten verdunkelt. Ein Blick auf
unsere Abbildung zeigt, daß hier zum ersten Male die Brusthöhle
von der Bauchhöhle durch das Zwerchfell scharf getrennt ist. Die
Lungen sind kollabiert, das spindelförmige Herz tritt zwischen den
206
EXVOTOS.
beiden Lungenhälften zutage und erinnert in seiner Form an die
isolierten Exvotos (Fig. io8). Es springt nicht aus dem Körper
lieraus wie auf den Fingeweidetorsos, bei welchen man unwillkĂĽr-
lich an ein Mvisektionsbild denkt. Von der Leber sehen wir den
kleineren linken Lappen, der rechte ist fast ganz weggebrochen.
Orig.-An/it. Madrid.
Fig. u8. Eingeweidetorso (Gegend von Capua).
Die Leber reitet auf einem riesig großen geblähten Magen; in der
linken unteren Hälfte erscheinen noch Darmschlingen. Aut der
linken Seite beobachten wir drei, rechts nur zwei offenbar kolla-
bierte Luna,eniiĂĽgel. Im oberen Ausschnitt sind eben noch die
untersten Tracheairinge erkennbar. Herausgebrochen ist nichts,
wie Stieda annimmt; Bruchstellen des Marmors in der Höhle sind
MACHT DER TRADITION.
207
auf dem Abguß nicht bemerkbar. Alles in allem im Verhältnis
zu dem Schematismus und der Naivität der anderen Donarien ein
topographisch erheblich fortgeschrittenes Sektionsbild.
Es wäre nun ein Zeichen kurzsichtiger Beurteilung, wenn wir
allein aus diesen verschiedenwertigen anatomischen Darstellungen
RĂĽckschlĂĽsse ziehen wollten auf die Kenntnisse der Anatomie zu
damaliger Zeit, resp. wenn wir aus der bekannten und lixierbaren
anatomischen Erkenntnis einen RĂĽck-
schluĂź machen wollten aut ein verschie-
denes Alter und Herkunft dieser Donarien.
Denn es muĂź gerade bei dieser Art re-
ligiöser Darstellung als mächtiger und
gebietender Faktor die Tradition in
Rechnung gesetzt werden. Kraft dieser
malen noch heutzutage russische Heiligen-
maler religiöse Bilder im Stile von By-
zanz; Jahrhunderte sind tür religiöse Ge-
bräuche und Sitten nur ein Tag; und
so mĂĽssen wir annehmen, daĂź das, was
uns die italische Erde gleichzeitig wieder-
gab, zeitlich doch Jahrhunderte ausein-
anderliegt. Die Sitte der Weihgabe von
Eingeweiden blieb bestehen ; sie wurde
von den Etruskern ĂĽbernommen, dann in
den römischen und später in den christ-
lichen Kult eingefügt. In erster Linie wurde der Äskulap damit
geehrt, doch beweisen die Funde bei den Kultstätten anderer Gott-
heiten, welche allerdings auch lokalen Heilcharakter trugen, daĂź
diese Sitte sich verbreitert hatte. Wir können nach allem dem von
dem Marmortorso annehmen, daß er aus späterer römischer Zeit
stammt und im Heiligtum auf der Tiberinsel aufgestellt war.
Von einer etwss abweichenden Eingeweideplatte des Berliner
Museums habe ich immer angenommen, daĂź hier rein tierische
Verhältnisse nicht nur porträtiert waren, sondern auch absichtlich
Ori^. -All/n. nach Gif'iabgu/s. l'atili. Samml.
Fig. 119. Eingeweidetorso.
Antiker Marmor.
208
EXVOTOS.
geschildert wurden (s. Fig. 120). DafĂĽr sprach mit Sicherheit die
Krümmung des Halsteiles. Dieses Stücl^ zeigt tatsächHch ziemHch
schematisch die ganzen herausgenommenen Eingeweide eines kleinen
Säugetieres vom Schlünde bis zum Alter. In anatomischer Be-
ziehung ist die Lappenbildung der
Lunge, der Ăśbergang des Magens zum
Darm und die Kloakenbildung inter-
essant. Meine Vermutung, daĂź die-
ses Objekt mit der religiösen Tier-
schau etwas zu tun hat, hat sich durch
das Studium ähnlicher Donarien aus
dem Tempel der Dea Fortia in \'ol-
sinii zur Sicherheit verdichtet. Es
handelt sich wohl um die etruskische
Fortuna in Bolsena, welche Stadt später
ja durch das Wunder, mehr noch durch
Raffaels Wunderbild der Messe be-
rĂĽhmt wurde. In einem kleinen Gar-
tenraum des etruskischen Museums
in Florenz hat der gelehrte Direktor
Milani FundstĂĽcke vereinigt, die fĂĽr
unsere Fratre von lundamentaler Be-
deutung sind. Auf dem heiligen an-
tiken Boden bei Volsinii bestand
offenbar ein besonderer Dienst fĂĽr die
Tierschau der Haruspices. In einem
kleinen Tempelbau ist alles zusammen-
gebracht, was man an Ort und Stelle
auch zusammengefunden hat: eine
ganze Serie von Bronzestatuen der Haruspices; ihr ganzes Instrumen-
tarium fand man, eigenartige Opfermesser und beinahe moderne
Kornzangen in Menge, um die Eingeweide hervorzuziehen. Auch
der Altar fehlt nicht, auf dem geschlachtet wurde. Man fand
ferner eine Reihe von Goldblättchen, in welche Augen eingraviert
Ori_^.-.-hi//i. Bcrl. alt. Museum
Fig. 120. Tierischer Eingeweidetraktus,
Exvoto der Haruspices.
WEIHGABEN DER HARUSPICES.
209
waren, meistens Einzelaugen, doch aucli solche in paarweiser An-
ordnung; sicher keine Votivaugen im Sinne des Exvotos fĂĽr Ge-
nesung von Augenleiden, sondern Dank- oder Bittgesuche von
Auguren fĂĽr einen giinstigen prophetischen Blick. Um das Maschen-
werk lĂĽckenlos zu gestalten, fand man ebendort eine Reihe von
Eingeweidetraktus. Diese Einge-
weide aus Terrakotta sind gewisser-
maĂźen x\bgĂĽsse der von Schafen
und Ziegen stammenden inneren
Organe ; solche werden namentlich
zur Osterzeit in südlichen Ländern
als billigere Ware an Stangen her-
umgetragen und feilgeboten. Der
Schlund und die Gurgel mitsamt
der Luftröhre sind nun regelmäßig
bei diesen Tiereingeweiden ähnlich
wie bei der Berliner Platte herum-
gebogen. Die körperliche Form
bringt es aber mit sich, daĂź diese
Biegung die Hauptachse der Einge-
weide im Winkel trifft und so einen
Traghenkel fĂĽr das ganze Einge-
weidepaket bildet. i\n einem Exem-
plar beobachtete ich noch die unter-
sten Rippen und die extraperitoneale
Lage der Nieren. Im ganzen sind
diese Donarien von ziemlich gleicher
Größe, doch ist das im Museum
selbst ausgestellte StĂĽck doppelt so groĂź und besser ausgearbeitet
wie die anderen') (s. Fig. 121).
Es ist jetzt zunächst die für uns wichtigste Frage zu diskutieren,
zu welchem Zweck und bei welcher Krankheit man die Viscere
und Budelle opferte. Der Annahme, daĂź dies bei solchen inneren
') Ähnlich gestaltete Exvotos befinden sich in dem etrusk. Zimmer der Vatikan. Sammlung.
Holländer, Plastik und Medizin. "*
Orig.-Aufn. Florenz, Etrusk iMiiseuiil.
Fig. 121. Eingeweidetraktus.
2 I O EXVOTOS.
Krankheiten geschah, deren Sitz man selbst nicht diagnostizieren
konnte, kann man mit dem einfachen Hinweis begegnen, daĂź in
solchen Fällen die Weihgabe männlicher oder weiblicher Körper am
Platze war. Ciiratulo behauptet mit Sicherheit, daĂź diese Art von
Exvotos dazu bestimmt war, einen operativen Eingriff in der Bauch-
höhle zu bezeugen. Und da in jener Epoche der Kaiserschnitt die
einzige Veranlassung fĂĽr eine Laparotomie war, so nimmt er an, daĂź
diese eigentĂĽmliche Form von Weihgeschenken der glĂĽcklichen Ăśber-
stehung dieser schweren Operation zu danken sei. Der Hinweis auf
den männlichen und den kindlichen Eingeweidetorso erledigt allein
schon diese gewagte Hypothese. AuĂźerdem widerspricht die von
diesem Autor in seinem schönen Buche selbst gebrachte Abbildune;
der durchschnittenen Rippen dieser Auffassung. Dann ist wieder be-
hauptet worden, daß es sich um anatomische Lehrpräparate handeln
könne und man berief sich auf das Geschenk des Hippokrates in
Kos. Diese Annahme fällt aber für die etrusko-römischen Weih-
geschenke deshalb weg, weil wir in diesen vielfach handwerksmäßig
j^x-^^iiv.,.....^ ^.v,^.ji..... •> ^J,, vvv.ll vv 11 1.1 Vll^j^ll V 1V.111H.H IJCIIH.1 \V l.lI\0111tlUlg
ausgeführten Tafeln höchstens einen ideellen Hinweis auf ana-
tomische \'erhältnisse erblicken können und weil andererseits die
Aufstellung dieser Weihgeschenke mit Sicherheit auch an solchen
Plätzen nachgewiesen ist, wo von einer Aledizinschule keine Rede
sein kann, wie z. B. in Nemi. Wenn wir uns nach einer einiger-
maßen plausiblen Erklärung für diese doch in Wirklichkeit höchst
eigentĂĽmlichen menschlichen Eingeweidevotive umsehen, so werden
wir auf den richtigen Weg gefĂĽhrt durch die analogen Donarien
der Haruspices. Wir mĂĽssen es als sichergestellt annehmen, daĂź
diese Priesterklasse ihrer Göttin neben Weihgeschenken in Gold auch
tönerne tierische Eingeweide schenkte. Es ist ja möglich, daß,
da wir heute die technische Seite dieser Tierschau nicht mehr
kennen, in der verschiedenen Topographie dieser Dedikationen Hin-
weise auf einzelne wirklich beobachtete besondere Befunde enthalten
sind. Doch wahrscheinlich war der Vorgang nicht so kompliziert
und das Eingeweidevotiv war das ofhzielle Geschenk der Tier-
schaufunktionäre an ihre Gottheit. Lst diese Auffassung richtig —
WEIHGABEN DER HARUSPICES.
211
und das Studium der Milanischen Zusammenstellung zwingt zu
solcher Anerkennung — , so haben wir damit die einwandsfreie
Aufklärung gefunden für die korrespondierenden Weihgaben mensch-
licher Eingeweidetorsos. Sie stellen \\\-i hgesch enke dar der
Ärztekaste an ihren Heilgott. Das Vorbild der Haruspices
fĂĽr die Dea Fortia in Volsinii steht mit Bezug auf die Art der
Weihgabe nicht vereinzelt da; wissen wir doch, daĂź z. B. die San-
dalenmacher der Göttin »Blaute« Sandalen weihten in natura und
in effigie. Wie kann es da wamdcrn, wenn Ärzte dasselbe taten und
die Verkörperung ihrer Tätigkeit in den Tempel trugen. Von diesem
Orig.-Au/ti. AtlifH, Schliemann-Sammlnng,
Fig. 122. Darmschlingen. Exvoto aus Stein (gef. in Myl^ene).
Standpunkte aus erklären sich meines Erachtens ganz ungezwungen
diese in Ton und Marmor gearbeiteten Darstellungen des Körper-
inneren, welche bisher den Ausgangspunkt fĂĽr aberteuerliche Hypo-
these bildeten.
Es wäre nun aber falsch, diese Behauptung in der Weise zu
verallgemeinern, daĂź wir alle solche Eingeweideplatten in diese
Erklärung aufnehmen. Entsprechend der Erkrankung innerer Organe
und ihrer Diagnose werden unter diesen Donarien natĂĽrlich auch
vereinzelte Krankheitsfälle sich befunden haben. Das wird man
mit Wahrscheinlichkeit namentlich fĂĽr diejenigen Eingeweideplatten
annehmen, welche im besonderen nur ein Eingeweideteil, z. B. den
212
EXVOTOS.
Darm plastisch verkörpern. So wird es auch heute nicht mehr zu
entscheiden sein, in welche dieser Kategorien ein Eingeweidevotiv
fällt, welches wohl als ältestes in Anspruch genommen werden
darf. Ich meine das Paket DĂĽnndarmschlingen, aus Stein sear-
beitet, welches sich in dem Schutt von iMykene fand und vielleicht
ungefähr um das Jahr 600 ante Christum zu datieren ist (s. Fig. 122
u. 123). Den Gegenstand faiid ich unter den Schliemannschen Fund-
objekten in Athen. Die Bearbeitung des harten Steines ist eine
sorgfältige und ähnelt das Ganze oberflächlich den etruskischen
Budelle. Die nähere Betrachtung zeigt aber den Unterschied, daß
bei dem mvkenischen Stück die Beziehung des Gekröses zum Darm
Orig-.-Aiifjt. Athen.
Fig. 123. Die mykenischen Darmschlingen von der Seite.
verkannt ist, und Strangulationen modelliert sind. Als Anathem
aber offenbart es sich auch durch die glatte Basis, in welche tiefe
Bohrlöcher gehen, die den Beweis bringen, daß es einstmals auf
einer Unterlage befestigt war.
Als sehr erwünschte Ergänzung dieser Untersuchungen können
die Funde gelten, welche Felix Regnault an drei Kollektionen
gemacht hatte, die bisher nicht veröffentlicht waren'). Die beiden
ersten Sammlungen wurden einige Kilometer nördlich von Capua bei
Calvi gefunden (1868); die erstere, welche mehrere tausend einzelne
StĂĽcke umfaĂźt, wurde vom Marquis von Salamanca dem Madrider
Archäologischen Museum übergeben; die zweite, aus derselben
Gegend, befindet sich im Museum von Neapel, wo ich sie kĂĽrz-
') Regnault, Les Exvotos pathologiques romains L'Homme Prcliistorique. Nov. 1910.
DIE VERSCHIEDENEN SAMMLUNGEN.
213
lieh untersuchen konnte. Offenbar stammen beide Kollektionen
aus einer in der Xähe von Capua gelegenen Fabrik solcher Terra-
kottawaren, die dort noch im 2. Jahrhundert n. Chr. existierte.
Die dritte Kollektion befindet sich noch im Museum von Capua.
Diese enthält mehrere tausend Stücke, und unter ihnen befindet sich
eine groĂźe Anzahl von GuĂźtormen. DaĂź in dieser Gegend eine
groĂźe Industrie von Terrakottamanufakturwaren war, dafĂĽr spricht
auch das häufige \''orkommen von größeren Tonwerken : lebens-
große Frauendarstellungen, die ein Kind tragen oder säugen (Venus
Lucina, Hermaphroditen und \^enusdarstellungen)'). Um einen
Begriff' von der Zusammensetzung der Madrider Sammlung zu
geben, finden wir dort 3 Büsten, 940 Köpfe, 124 halbe Profilköpfe,
329 Masken mit der oberen Gesichtshällte bis zum Munde, 21 Beine,
516 Füße, 3 Arme, 140 Hände und )S6 Brüste, Gebärmütter und
männliche Geschlechtsteile. Im Gegensatz zu den Gegenständen
anderer Sammlungen finden sich in der Madrider weder Ohren
noch Augen, noch innere Organe. Die als Gebärmutter ange-
sprochenen Körper fehlen dagegen im Museum von Capua, statt
dessen existieren einige wenige Augen und Ohren. Hin einziger
Madrider Körper zeigt im Epigastrium eine große dreieckige Öff-
nung, welche die Eingeweide erkennen läßt (s. Fig. 118). Der
Liebensw^ürdigkeit des Sekretärs des Archäologischen National-
museums, Francisco Alvarez-Ossorio, verdanke ich eine Aufnahme
desselben. Aut den ersten Blick sehen wir, daĂź dieses VotivstĂĽck
völlig verschieden ist von den etruskischen Vorlagen ; es verrät
griechischen Geschmack. Vielleicht dĂĽrfen wir annehmen, daĂź der
Torso auf eine archaische JĂĽnglingsstatue zurĂĽckgeht. Das ana-
tomische Interesse des StĂĽckes ist gering; auĂźer den deutlichen
Darmwindungen erkennen wir noch die Ränder eines Organs,
welches eventuell die Leber sein kann; ob man es wagen kann,
zwischen den beiden Lappen die Gallenblase zu sehen, ĂĽberlasse
ich der Auflassung des einzelnen.
S. auch die etruskische Kollektion des Vatikan.
214 EXVOTOS.
DIE ÄLTESTEN DARSTELLUNGEN DER LEBER.
Obwohl dieser Gegenstand unsere Arbeit nur eben berĂĽhrt, wollen
wir doch im AnschluĂź an die etrusko-latinischen Votivgabcn von
inneren Teilen die körperlichen Darstellungen der Säugetierleber er-
wähnen. Drei plastische Leberdarstellungen aus antiker Zeit sind
uns bekannt: die Bronzeleber von Piacenza, 1877 gefunden; ferner
die Alabasterleber aus dem Museum der Stadt Volterra, und als
weitaus ältestes Stück die babylonische Leber, die etwa aus dem
3. Jahrtausend v. Chr. Geburt stammt. Ăśber die vergleichend ana-
tomischen Verhältnisse bei den in Betracht kommenden Tierlebern
unter BerĂĽcksichtigung der Lappenbildung orientiere man sich in
der wichtigen Arbeit von Stieda'); wir begnĂĽgen uns damit, seine
SchluĂźfolgerung, daĂź es sich um die Darstellung einer Schafsleber
handelt, testzustellen, und den wahrscheinlichen Zweck der Gegen-
stände zu besprechen. Schon aus der oberflächlichen Betrachtung
dieser StĂĽcke sehen wir, daĂź es dem Bildner auf eine anatomische
Darstellung ankam. Im Gegensatz zu dem Skizzenhaften der Weih-
gaben ging man hier auf körperliche Details ein. Bei der Babvlon-
leber ist die obere Leberfläche mit Schriftzeichen bedeckt, die
Unterfläche ist durch sich kreuzende Linien in viereckige Felder
geteilt, an den Schnittpunkten bchnden sich Löcher und \'ertiefungen.
Die Bronzeleber ist von Handgröße und zeigt alle Seiten frei be-
arbeitet, während die sogenannte x\labasterleber von einem liegen-
den, sich auf den linken Arm stĂĽtzenden Manne in der Hand
gehalten wird. Unsere Abbildung zeigt die ganze Dcckelfigur dieses
typischen etruskischen Sarkophages. Mit Wahrscheinlichkeit be-
herbergte derselbe die Knochen eines Tierbeschauers, der als Sym-
bol seiner Tätigkeit eine Leber in der Hand hält (s. Fig. 124).
Bevor man diese Schafsleber als eine solche erkannt hat, stellte
man darĂĽber geistreichste Hypothesen auf. Die einen hielten den
Gegenstand für ein Gerät, die anderen für eine Art Amulett, für
das Bild eines etruskischen Tempels, fĂĽr ein Instrument usw. Es
') über die ältesten bildlichen Darstellungen der Leber. Wiesbaden 1901.
@ LEBERDARSTELLUNGEN. 2 I j
scheint ohne Zweifel zu sein, daĂź die Tierleher zum Unterricht tĂĽr
die Haruspices i^edient hat, d. h. fĂĽr Fachleute, die sich damit be-
schäftigten, aus der Beschaflenheit der Hingeweide bei Tieropfern
die Zukunft zu deuten Diese Kunst muĂźte natĂĽrlich eifrig gelernt
sein. Auf der babylonischen Leber befinden sich nun Inschriften
zur Deutung des Befundes; zu diesem Zweck ist die Leber in viele
Orig.'Ait/n. Museum Votterra.
Flg. 124. Etrusk. Alabastersarkophag eines »Haruspex« mit Leber in der rechten Hand.
Felder geteih, jedes Feld hat eine bestimmte Bedeutung. Aus der
Beschaffenheit der \'eränderung des einzelnen Feldes zog man seine
SchlĂĽsse. Bei der Leber wurde nach Deecke besonders geachtet
auf das AusflieĂźen des Blutes, das allgemeine Aussehen der Leber
und der Gallenblase, sowie auf die Lappenbildung der Leber.
KĂ–RPEREXV0T05 AUS GRIECHENLAND.
■Zunächst muß die auffallende Tatsache registriert werden, daß
im Gegensatz zu den vielen im athenischen Asklepieion gefundenen
2l6
EXVOTOS.
®
Votivgaben mit Nachbildungen der geheilten Körperteile, sich im
Hieron von Epidauros nur eine einzige gefunden hat , und ;^\var
die eines Ausländers, des Galliers Cutius, mit der Nachbildung seiner
Ohren und einem lateinischen Distichon darunter: Cutius has auris
Gallus tibi voverat olim, Phoebigena, et posuit sanus ab auriculis
(s. Fig. 125). Svoronos nimmt an, daĂź Schritt und scharf-
kantige Behandlung des Steins in\'erbindung mit der noch jetzt deut-
lichen \"ergoldung den Eindruck hervorrufen sollte, daĂź hier ein
Votiv aus reinem Gold gestittet sei und zwar von einem Gallier-
- tĂĽrsten; das Ganze, nament-
; lieh aber die Bezeichnuno »vo-
verat olim« spricht tür eine
'V I :;/ _^ v "N ^ Schwindelreklame der Priester.
Dagegen war die FĂĽlle der
1.^' Körperexvotos, die im athe-
nischen Asklepieion einstmals
existierte, eine sehr groĂźe; das
ersehen wir mehr aus den
Tempelinventarien , als aus
den noch vorhandenen Fund-
stĂĽcken. In ersteren werden
^
\
â– I
.j
Orig.-Aiijit. Athen, Nai.-Ahtseitm.
Fig. 125. IVIarmorvotiv eines Galliers in Epidauros.
natĂĽrlich nur diejenigen StĂĽcke
vollem Material verfertigt waren. Im
erwähnt, welche aus wert-
.^i. >,c.i^.,. .,,, groĂźen und ganzen vertritt
nämlich in Griechenland der Marmor die italische Terrakottamasse.
Besonders nennenswert erschienen deshalb nur solche Gegenstände
aus Silber und Gold, und welche besonders kĂĽnstlerisch aus gerin-
gerem Metall hergestellt sind. Girard') fĂĽhrt eine lange Liste von
Gegenständen auf: ganze Gesichter und Teile desselben, Augen,
Münder, Xasen, Kinne, Zähne, Ohren, Hals, Brüste, Hände, Finger,
Knie, Beine, Füße, männliche und weibliche Schamteile, Schultern,
Herzen. Um einen Ăśberblick zu geben, wird in einem atheni-
schen Inventar allein iiomal als Weibgeschenk das Auge notiert.
'j Paul Girard, L'.-\sclcpieion d'AthĂĽnes. Paris 1SS2.
GRIECHISCHE KĂ–RPERANATHEME.
217
Gelegentlich auch suchte man, wie wir schon sahen, eine reichere
Spende dadurch zu markieren, daĂź man einfach marmorne Gegen-
stände vergoldete. Ein charakteristischer Unterschied zwischen Italien
und Griechenland besteht ferner darin, daĂź die griechischen Weih-
f
Orii^-Aii/ft. Bfrliu.
Fig. 126. Marmorexvoto.
f '/.■,■;«/..■Berlin.
Fig. 127. Marmorexvoto.
gaben meist mit Inschriften versehen sind. Ob durch die Ent-
zifferuna; dieser in svstematischer Arbeit etwas anderes heraus-
tfi\
/
yi^'
.Au/n FttrL'S. .\\it.M:iSt-titn.
Fig. 128. Votivaugen. Fig. 129. Marmorexvoto.
kommen wird als die Namen der Spender und der beschenkten Gott-
heit, das muĂź der Zukunft ĂĽberlassen bleiben')- Vom medizinischen
Gesichtspunkte aus dĂĽrfte sich diese Arbeit kaum verlohnen. Das
Interesse an ihnen ist ein erheblich geringeres als an den altitalischen
») Die Literatur der griechischen Körperanatheme s. bei M. Bieber, Attische Reliefs in
Kassel. Mitteil, des Kais. Deutsch. Arch. Inst. .Athen 191 0.
2l8
EXVOTOS.
S2>
Donarien, da wir auĂźer den Herzexvotos, von denen mir ĂĽbrigens
keines zu Gesicht kam, keine Anatlieme innerer Organe besitzen.
Orig.-Ait/n. Berlin. Museum Jiir l'olkerkunde.
Fig. 130. Afrikanisches Negeridol.
Unter der Unzahl anderer Zuwendungen fĂĽr das Heihgtum finden
wir auch Kassetten mit Parfüm, Spiegel, Fächer, Kleider, edle Steine;
^^r
Fig. 131. Augenexvoto.
Atiu-n, Nat-Museuv
auch chirurgische Instrumente, Sonden, Katheter, Drogenkasten aus
parischem Marmor und ähnliche Dinge waren, wie Girard meint,
AUGEN, BRĂśSTE.
219
Geschenke von Ärzten für glückliche Kuren. Unter den Exvotos
griechischer Provenienz des Berliner Museums befinden sich marmorne
Brüste (s. Fig. 127 u. 129); die mit der Unterschrift »'Eoto^ta T^jjsiot«!)
£'>/y;v« wurde angeblich am Nordabhang der Akropolis von Athen ge-
funden. Gleichfalls aus pentelischem Marmor und von derselben Fund-
stelle entstammen noch die Votivgaben eines Augenpaares mit Nasen-
wurzel und ein weiblicher Unterkörper (s. Fig. 126 u. 128). Es muß
festgehalten werden , daĂź dieser Zeus Hypsistos nicht identisch
ist mit Asklepios; vielleicht ist er kvprischer Herkunft. Paul
Perdrizet') beschreibt nämlich zwei ganz ähnliche Votive an
einen Heilgott von Golgos, die bezeichnet sind als ©sip ü-liiatw avsQ-rjxsv.
Die Untersuchung des jetzt vorhandenen
Materials in Athen bringt eine groĂźe Ent-
täuschung, Ohren, Augen, Brüste, Scham-
teile, Finger existieren in mehrfacher An-
zahl, sind aber ohne anatomisches Interesse ;
dabei haben diese Organe noch teilweise
heterogene Bedeutung. Die Darstellungen
des Unterleibs werden inschrittlich als
beliebte Widmungen von Hetären an Aphrodite bezeugt, und die
großen Marmoraugen sind Schiffsornamente gegen den bösen Blick
und zur Abwehr gegen des Meeres Gefahr; zahlreiche DoppelbrĂĽste
stellen Gewichtsteine vor.
Die Häufigkeit von x^ugenkrankheiten wird nicht nur durch die
Heilberichte bezeugt, sondern auch durch die Exvotos. Unsere Ab-
bildung zeigt neben dem Berliner Marmor noch einen zweiten Augen-
weihstein (Fig. 1 31), der Reste von Bemalung aufweist; ein besonders
schönes Prunkstück, bei dem die Augen aus farbigem Marmor ein-
gelegt sind, birgt das Magazin des Athenischen Nationalmuseum.
FĂĽr diejenigen, die geneigt sind, bei dem modernen Augenvotiv
an die heilige Lucia (Fig. 152) eine antike Formbeeinflussung an-
zunehmen, bilde ich die Brustidole afrikanischer Herkunft ab, die
an den Pfosten der Negerzelte aufgehängt waren (Fig. 130).
Sainntlung fiir deutsche l'olkskujtde.
Fig. 132. Modernes Augenexvoto.
') Un sanctuaire du dieuguerisseurä Golgos. Bulletin de Correspondance Hellenique. 1S96.
220 EXVOTOS.
DIE VOTIVOPFER GESUNDER UND KRANKER
GLIEDMASSEN AUS NEUERER ZEIT.
Allgemein bekannt ist es, daĂź der katholische Kirchenkultus die
Darbringung der den antiken Göttern gespendeten Dank- und Bitt-
gaben aus der Heidenzeit ĂĽbernahm. Die antiken Tempel waren,
wie wir ja frĂĽher sahen, angefĂĽllt mit Geschenken der verschie-
densten Herkunft. Bildwerke in Erz und Stein, allerlei Gewebe,
selbst Waffen und Goldsachen füllten die Schatzhäuser. Der Kirche
war im Mittelalter und namentlich auch in der Renaissancezeit
jede Gabe, die geweiht wurde, genehm. Es muĂź besonders dank-
bar betont werden, daĂź auf diese Weise sie auch indirekt die
iMittlerin war in der Förderung kunstgewerblicher Bestrebungen.
Ein großer Teil der von uns bewunderten Altäre, Bilder und
Kapellen entstammt der Weihgabe einzelner Personen oder auch
Brüderschatten und Gemeinden. Ein direkter Übergang gräko-
lateinischer und altorientalischer Sitte zeigt sich aber in der Gabe
und Opferung kranker Körperteile. Die antiken Wallfahrtspunkte
sowohl wie die modernen waren das Ziel heilsuchender Kranker.
Der athenische Krieger, der etruskische Seefahrer und der apulische
Weinbauer brachten ihre kranken Hände und Füße mit der Hoff-
nung aut gnadenreiche Heilung in einen Tempel des Asklepios,
wie noch heute der rheinische W^inzer oder der sĂĽddeutsche Bauer
das Vertrauen zu seinem Spezialheiligen hat. Die Königliche
Sammlung fĂĽr deutsche W^lkskunde in Berlin ist durch die
Ăśberweisung der interessanten und wichtigen Sammlung der Frau
Professor Andree in den glĂĽcklichen Besitz zahlreicher Votivgegen-
stände gekommen, und man kann, da diese aus den verschiedensten
Wallfahrtspunkten der Welt herstammen , vergleichende Studien
machen. Aut diese Sammlung und ähnliche') sowie die treff-
liche und eingehende Publikation des Herrn Professor Andree')
ĂĽber die W^eihgaben des katholischen \'olkes in SĂĽddeutschland
') Museum für österreichische Volkskunde. Wien i Börsengebäude). — Museum der
historischen Gesellschaft, Athen.
*) Andree, Die Weihgaben des katholischen Volkes.
TIEROPFER IN DEUTSCHLAND.
221
StĂĽtzen sich die tolgenden AusfĂĽhrungen. Die direkte \>rerbung
heidnisch-römischer Vorstellungen läßt sich aus der äußeren Ge-
staltung mancher Exvotos klar machen. FĂĽr die Meisten aber wird
es erstaunlich sein zu erfahren, daĂź bis in die Jetztzeit hinein sich
auch der antike Gebrauch des Opfers lebendiger Tiere erhalten hat.
Ich meine damit nicht etwa die Opferung eines Stieres in diesen
Tagen in den chinesischen Tempeln gegen die Lungenpest des
Jahres 1911, sondern Tieropfer in Deutschland.
Der heidnische Ursprung von Naturalopfern, bei denen der Satz
pars pro toto gilt und galt, liegt klar zutage dort, wo man Fleisch
von Tieren opfert. Der heilige Wolfgang von Kärnten bekommt
noch heutzutage seine Sauhaxen und sind diese SchweinefĂĽĂźe nur
ein billiger Ersatz fĂĽr das ganze Schwein, das ihm frĂĽher geopfert
wurde. Sowohl sĂĽhnende wie auch dankende Tieropfer ersetzten
die zunächst auch bei den alten Germanen zweifellos vorhandenen
Opfer von Menschen; Pferde in erster Linie, sodann auch Rinder,
Schweine und Ferkel wechselten diese ab. Es ist erstaunlich, wie
lange namentlich das germanische Pferdeopfer sich erhalten hat.
Andree weist an einer Reihe von Beispielen nach, daĂź noch im
16. Jahrhundert Pterdeopfer vorkamen. So erschien 13 14 dem
Georg Weibtaler von Altheim der heilige Wolfgang und versprach,
ihn von seinem Bruchleiden zu heilen, wenn er ihm ein Opfer
bringe. »Also hat er verlobt, sein bestes Pterd zu optern.« Nach-
dem dies geschehen, heilte der Bruch. Am längsten hielt sich das
Opfern des lebendigen GeflĂĽgels. Wegen eines kranken Kindes
opferte man 1393 zu Sankt Leonhard eine schwarze Henne, zwei
Tauben und ein Pfund Wachs. In Inchenhofen vermehrte sich
das Opfern von Federvieh derart, daß man besondere »Gockelämter«
hielt. Noch um 1830 brachten Wallfahrer nach Sankt Leonhard
lebende Gänse, Enten und Hühner, trugen sie dreimal um den
Altar der Kirche und lieĂźen sie dann durch ein Loch der Mauer
in einen drauĂźen angebrachten HĂĽhnerhof laufen. Neben einigen
anderen ähnhchen Kultgebräuchen in südbayerischen Kirchen zeich-
net sich bis auf den heutigen Tag der Helfer gegen Epilepsie, der
EXVOTOS.
heilige Valentin in Marzoll dadurch aus, daĂź ihm GeflĂĽgelopfer
genehm sind. Die RĂĽckseite seines Altars ist durch zwei kleine
GittertĂĽrchen unterbrochen , durch welche der Opferer die Tiere
nach dreimaligem Umkreisen des Altars, während des Gottesdienstes
einläßt. Noch vor zehn Jahren sollen viele Hunderte von Hühnern
und Tauben geopfert worden sein, während jetzt (1904) nur noch
ca. 30 HĂĽhner und 80 Tauben im Jahr geopfert werden; nur ganz
selten ist ein Lamm dazwischen. Auch anderweitig opferte man
dem Sankt \'eit eine Henne, die mit Vor-
liebe schwarz war (bayerische Redensart;
\ PJk-^^L. Warte, ich verlob schon eine schwarze Henne).
â– J' JĂ–NĂśBL ^^"-^^ '^^^ gotischen Michaelskirche zu Schwaz
^"^^^ " '-^«i in Tirol stammt das Holzbildnis (s. Fig. 133),
welches darstellt, wie der St. Veit in einem
Kessel gerade gesotten wird; in der rechten
Hand hält der Heilige während seines Mar-
tyriums einen Hahn. Ähnliche Darstellungen
des Veit kommen öfter vor. Wenn wir nun
die bildlichen Votivgaben selbst betrach-
ten, so finden wir die klassischen Motive in
mehr oder weniger veränderter Form wieder.
Die Reliefdarstellungen sind allerdings etwas
zu kurz gekommen. Hie und da erinnern
Steintateln mit den knieenden Figuren betender Stifter an die antiken
Anaglyphen, sonst aber verraten die »Täterin« nur handwerksmäßig
den Dank der Geheilten und ihre Krankengeschichte. Die Votiv-
malerei auf solchen Tafeln war das gelegentliche Erzeugnis von
Doritischlern, Dekorationsmalern und allerlei Dilettanten der \'olks-
kunst. Es sind das dieselben Meister, die auch Wirtshausschilder,
Grabkreuze und SchĂĽtzenscheiben herstellten. DaĂź sich gelegentlich
einmal einer aus dem Bodensatz solcher Volkskunst emporarbeitete
zur reinen Meisterschaft, das lehrt das Beispiel des Franz Lenbach,
der mit 16 Jahren sein Brot mit der Anfertigung von Votivtateln
verdiente. Diese Votivtafeln sind meist datiert und bezeichnet. Sie
lUustr. aus Audret
Fig. 133.
Martyrium des St. Veit.
MODERNE VOTIVTAFELX.
223
wurden als Dank gegeben und als Bitte. In der Wallfahrtskirche
Alt-Ă–tting werden z. B. in den letzten Jahren noch durchschnittlich
über tausend solcher Tafeln geweiht; zunächst waren alles Tafel-
bilder, später wurde Leinewand oder Blech verwendet. Um den
Inhalt solcher \\)tivtafeln zu charakterisieren, fĂĽhre ich einige Bei-
spiele an; dabei ist es interessant, daĂź sich diese Tafeln selbst als
»Exvoto« bezeichnen. So bildet Andree eine Tafel ab aus einer
bayerischen Marienkapelle, wo rechts und links der Bauer und die
Bäuerin knieend beten, und man ein Kind aus dem Fenster stürzen
sieht, mit der Inschrift: Exvoto 1748, d. h. die Eltern danken fĂĽr
glĂĽckliche Errettung des Kindes. An die Reklamegeschichten von
Epidauros knĂĽpft eine moderne Tafel an, die folgendes besagt:
»Andere Leidende zu gleichem Vertrauen aufmunternd, bezeuge ich
hiermit, daĂź ich auf die FĂĽrbitte des heiligen Rasso von meinen
sechs Jahre dauernden unheimlich und schmerzhaften Magenleiden
gänzlich befreit wurde, November 1898. F. B., Kleidermacherin,
München.« Ein österreichischer Soldat in Uniform schenkt sein
Bildnis der Mutter Maria auf dem Hilariusberge, und darunter die
Schrift: »Ich habe mich verlobt zu dieser Gnadenmutter in den
vielen Gefährlichkeiten, denen ich ausgesetzt war in den Jahren
18 13/14, da mir fĂĽnfmal durch die Montur geschossen und durch
den Schutz Marien glücklich ungeschädigt davon gekommen, Gott
und seiner jungfräulichen xMutter Maria opfere ich dieses Exvoto.«
Und wie einstens dem Asklepios stiftete auch der WĂĽrzburger
FĂĽrstbischof von HĂĽtten der Maria ein bei stĂĽrmischer Seefahrt
gelobtes \'otiv. Ähnliche Yotive für Errettung aus allerlei Un-
glücksfällen füllen die Wände der Berliner Sammlung; auch hier
verloben die Kranken zu einer Wallfahrt, zu einem Opfer und
lassen nach Erhörung durch den Heiligen ihre Krankengeschichte
malen; oft liegt auf solchem Bilde der Kranke einfach im Bett,
manchmal aber auch sieht man realistisch gemalte Blutstürze, wäh-
rend im Hintergrunde der Arzt mit Medizinflasche eine Statisten-
rolle spielt. Die Krankengeschichten konkurrieren vielfach mit den
epidaurischen ; manchmal ist betont, daß »on al arzt« die Heilung
224 EXVOTOS. §§>
sich vollzog. Da sehen wir ein Freskogemälde in Alt-Ötting :
einen nackten Mann und einen zweiten im Hemde. \'or ihnen
liegen im Grase drei im Verhältnis zu den Figuren faustgroße Steine;
aus der Unterschritt ersehen wir, daĂź je drei dieser Harnsteine
diesen beiden Männern durch die Kraft der Heiligen ab2;es;ans:en
sind. Ganze Gememden verpflichteten sich zu Votivbildern gegen
die Pest oder gegen eine \'iehseuche.
Bevor wir die Darstellung der plastischen Nachbildungen von
Körperteilen betrachten, sei noch mit einem Worte der Opferung
von Körperbestandteilen Erwähnung getan, die heute und damals
das gläubige Gemüt dem Gott darbrachte. Der rührende Zug des
ĂĽber die ganze Erde verbreiteten Brauches, den wir ja auch fĂĽr das
Hellenentum bereits notierten , Frauenhaare zu opfern, geht hinein
bis in unsere Tage. Wenn man aber in Tirol an die Querbalken
des Kreuzes Frauenzöpfe autgehängt tindet, so entspricht das nicht
dem TrauergetĂĽhl, das den Achilles veranlaĂźte, das Haupthaar ab-
zuschneiden des Patroklos wegen, sondern es sollen meist aus-
gekämmte Haare sein und die Votivgabe ein Vorbeugungsmittel
gegen den Austall derselben. Erst der Kreisarzt muĂźte verhindern,
daĂź man in Lauten am Inn die blutigen und eiterigen Verband-
lappen vor einer Statue des Christus aufhing. Unter den Votiven
der Berliner Sammlung fand ich vielfach operierte oder durch Eite-
rung ausgestoßene Knochenstücke, Zähne, auch Waginalringe. Die
im Oberösterreichischen und Salzburgischen aufgehängten roten und
weißen Seidenfäden sollen nach unserem Gewährsmann Blutungen
und Fluor albus symbolisieren.
Der Aufschwung der Chirurgie, die Häufigkeit der blutigen Ein-
grifle und die Wunder ihrer Ertolge veranlaĂźten, neuerdings wenig-
stens, eine vermittelnde Rolle des Arztes anzuerkennen. In der
Alt-Öttinger Gnadenkapelle hängt ein \'otivhild neuesten Datums,
einen Operationssaal darstellend. \'ier Ärzte umstehen den Ope-
rationstisch, auf dem ein Kind liegt. Die Inschrift besagt, der
FĂĽrbitte Mariens und der Geschicklichkeit des Herrn Professor X
in MĂĽnchen etc.
DAS MATERIAL.
225
Geopfert werden ferner noch stockige Zähne oder deren Nach-
bildungen aus Wachs und Gold.
Die körperlichen Votivgegenstände sind den antiken durchaus
analog geblieben. Die Ăśbereinstimmung bezieht sich sowohl auf
das Material als auch auf die Darstellungsweise; wir finden heut-
zutage in den Kapellen aus der früheren und späteren Vergangen-
heit Glieder in Silber, Eisen, Wachs und Holz gearbeitet; wir
finden diese namentlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert, ge-
legentlich von KĂĽnstlerhand formvollendet, meist aber als billige
Fabrikware. Die eisernen geschmiedeten Votive sind die ältesten
und entsprechend der Schwierigkeit der Bearbeitung in der Schmiede
von primitiver Struktur. Aus Holz gearbeitete Schnitzwaren kom-
men meist aus den Alpenländern; nur Glieder aus Ton, im
Altertum das beliebteste Material, fehlen last vollkommen. Als
neues Material hinzugekommen ist das Papier. Auch der Vor-
gang der Weihung ist derselbe geblieben, im Hrkrankungsflille
verspricht man, »verlobt« man die Darbringung des Gliedes, opfert
es aber oft erst bei der Genesung, und nur gelegentlich gibt ein
vertrauensseliger Wallfithrer das Konterfei des erkrankten Gliedes
einem Vertreter mit, was auch in der antiken Zeit zulässig war,
und im Behinderungsfalle opfern Verwandte. Wir finden den
Kopf, das Gesicht, Ohren, Augen, Nase, Lippen, Zunge, Rumpf,
Brüste, den Nabel, Eingeweide und die Extremitäten entweder
einzeln dargestellt oder auch im Zusammenhang. Diese Gegen-
stände sind heute noch bei den Wachsziehern , in München z. ß.,
käutlich. Interessant ist es, dabei zu konstatieren, daß die Bauern
in Kärnten und Bayern heutzutage noch die Köpfe opfern, deren
Form aus dem 17. und iS. Jahrhundert stammt; die Tradition
spricht hier ein deutliches Wort und warnt vor IrrtĂĽmern bei
der Beurteilung und Altersschätzung auf Grund von Mode und
Tracht. Im Gegensatz zu den etruskischen Köpfen wird hier das
Votiv oft motiviert, meist ist es Kopfschmerz, Schwindel, manch-
mal auch \'erletzung.
Die Zahl der geopferten Hände ist eine große (s. Fig. 134);
Holländer, Plastik und Medizin. i;
226
EXVOTOS.
auch hier ist wieder die DifFerentialdiagnose zu erledigen, ob es
sich nicht um Schwurhände gehandelt haben mag; das kann gewiß
bei der rechten Hand zum Teil der Fall
gewiesen sein; daĂź aber auch aus Krank-
heitsgründen Hände geoplert wurden, datür
sprechen sowohl die Krankheitsdarstellun-
sen selbst als auch die MirakelbĂĽcher. So
zeigt die Berliner Sammlung eine Hand
aus Holz geschnitzt mit deutlicher Kon-
trakturstellung des Zeigefingers. Bei einer
zweiten Handdarbringung sind offenbar die
Mittelfinger gelähmt. So opfert im Jahre
13 17 jemand, dem ein groĂźer eiserner
Nagel durch die Hand gegangen ist, eine
wächserne Hand. 13 10 wallfahrtet aus
Sachsen ein Wundergläubiger und \'er-
trauender, dem die Hand abgeschlagen,
mit einer silbernen
Hand nach dem fernen St. Wolfgang. Einem ein-
jährigen Knäblein begann 1392 die Hand zu
zittern, durch das Opfern einer wächsernen Hand
ist er geheilt. Solche Heilungen wurden dann in
der Kirche verkĂĽndet. Nicht immer aber ver-
fügten die Heiligen über des Asklepios göttliche
Kraft und nicht immer glĂĽckte der Trug einer
Scheinheilung. Die Geschichte von der kranken
Hand des Petrik aus Cach in Böhmen ist amü-
sant, der seltene weiĂźe Rabe sang hier eine un-
erhörte und unbequeme Melodei. Unter Dar-
bringuna; einer silbernen Hand wallfahrtete näm-
lieh der Petrik zum heiligen Blut nach Wilsnack;
am dritten Tage proklamierte der Priester in
der Kirche die Heilung »audite pueri miraculum«, der dreiste Prager
Bürger aber erhebt sich inmitten der gläubigen iMenge und schreit
Orig.-Aufn.
Berltjt, kgl. SantmltingfĂĽr \'olksku}idi- .
Fig. 134. Hand aus Holz.
Orig- -Au/n . Berlin ,
kgl. Sammlung /Ur Volkskunde.
Fig. 135. Exvoto. Brust
und Bauch.
Holzschnitzerei.
GLIEDER.
227
mit erhobener Hand: »Priester, warum lügst du, manus mea est
contracta sicut et prius.« (Johannes Hus Historia et monumenta,
Norimb. 1338.) Unter den geopferten Armen, die wie Brennholz-
scheite aufgestapelt, aus Holz geschnitzt, bemalt und unbemalt,
seinerzeit in der Koloman-Kapelle am Bötberg lagen, interessiert ein
Arm, den Andree abbildet, mit blauem Verbände am Ellen-
bogengelenk; er behndet sich jetzt in Berlin. In der Kirche zum
heiligen Kreuz in Schaftlar hei Tölz steht eine hölzerne Votivhgur
mit verbundenem Vorderarmbruch. Die unteren
Extremitäten wurden zunächst vieltach eisern
gestiftet. Als Objekt einer Krankheitsdarstel-
lung bringen wir das bemalte Frauenbein mit
unregelmäßiger rot bemalter Geschwürbildung
aus Piain in Salzburg (s. Fig. 136), jetzt in
Berlin. Hier handelt es sich entsprechend der
Lokalisation und dem Aussehen der Ulcera um
sichere Lues.
Aus dergleichen Sammlung ist noch erwäh-
nenswert das Votiv einer komplizierten Fraktur
mit aufgeschriebener Krankengeschichte und
eine untere Extremität mit anscheinender Tuber-
kulose. In der Wiener Sammlung befindet sich
ein Schnitzbein, dessen typische FuĂźhaltung die
Xaturabschrift eines paralytischenGliedes beweist.
Wie bei den Alten finden wir auch die BrĂĽste heutzutage als
Exvotos bevorzugt. Das Bedürfnis der Wöchnerin mit geschwollenen
Brüsten oder die Sehnsucht nach Milch, die Häufigkeit anderer
Erkrankungen fĂĽhrte das scheue weibliche GemĂĽt mit \'orliebe zur
Opferung einer Wachsbrust. Ganz entsprechend römischem und
neapolitanischem Usus finden wir auch in SĂĽddeutschland und in
der griechischen Kirche ott edles Metall verwendet; BrĂĽste aus
dünnem Silberblech sind häufig, und in Maria Piain wird sogar
1702 eine goldene votiert. Die Berliner Sammlung zeigt Wachs-
brüste aus Spanien und Südamerika, die schön modelliert sind.
Fig. 136. Votivbein, Lues.
228 EXVOTOS.
Zungen aus W^ichs, Silber und Gold werden geopfert, sowohl
wenn GeschwĂĽre oder dergleichen sie betallen haben, oder symbo-
lisch als Bitte gegen die Stummheit. Noch heute verkauft man
Opferzungen aus rotem Wachs, an welchem ein StĂĽck Trachea sitzt.
Die bekannte BrĂĽckenhgur des St. Nepomuk, der mit dem Zeige-
finger an dem Munde dargestellt wird (als Märtyrer für die Bewahrung
des Beichtgeheimnisses), gilt als besonderer Patron gegen Zungen-
leiden. Man verkauft St.-Nepomuks-Zungen aus Stein in Silber
gefaĂźt. Die heilige Katharina, die beredte Verteidigerin christhchen
Glaubens gegen Kaiser Maxentius, sowie auch die heilige Richildis
im Benediktinerkloster zu Hohenwart in Oberbayern, waren be-
sondere Patrone der Stummheit. Ein Gedicht aus Ingolstadt (1670)
läßt geheilte Stumme folgendes »Lobgesänglein auf die Heilige
sumbsen«:
Die an der Zung seynd gewesen stumm
Von aller Sprach so gar kein trumm
als a, a, a, getalckhet:
Ein Glockh war ihr Wohlredenheit
Damit sie haben weit und breit
Ihr Notthurft't ausgeschalckhet.
Jetzt höret an wie zart und mild
das Lob sie trillern von Richild
Die aufgelest ihr Zungen:
Sie sprechen schön und sagen klar
Richildis habe ganz und gar
All Talckerey vertrungen.
Auch der heilige Zeno bei Sterzing in Tirol kuriert Stummheit,
namentlich bei Kindern : »Der heiige Zen macht Kinder reden und
gehn«. Die Ohren wurden meistens in Silber, Wachs und Holz
und in natürlicher Größe geopfert, sowohl wegen Krankheiten an
denselben als auch wegen Taubheit. Ob auch im Sinne des
antiken Ägypten Votivohren für Erhören eines Gebetes geopiert
wurden, konnte ich nicht feststellen. Krankheitsdarstellung an
diesen Organen wird gelegentlich auch einmal vorgekommen sein;
doch fehlen mir dafĂĽr Belege. x\llgemeine Nachbildungen von
GeschwĂĽren aber wurden geopfert und wird von St. Leonhard
ausdrücklich erwähnt, daß man dort »wächsin Geschwär« verlobte.
ORGANE. 229
Andrec bildet Seite iii ein wächsernes Gemächt ab, wie es
noch heute in Wallfahrtskapellen zu hnden und bei den MĂĽnchener
Wachsziehern zu kauten ist. Wie aus dem Original zu ersehen,
zeichnet sich der eine Hoden dabei durch überdoppelte Größe und
geschwollene Adern aus, so daß wir wohl annehmen können, daß
eine HodenentzĂĽndung dargestellt werden sollte. Was hat aber
dem Gläubigen gefehlt, der die Vorderseite seiner Menschlichkeit
in Holz geschnitzt beinahe lebensgroĂź opferte (s. Fig. 135)?
FĂĽr den Mediziner am interessantesten sind die \'otive der
inneren Eingeweide.
Das geringere Interesse unter diesen beansprucht das Herz als
Einzelorgan, denn nicht nur wegen körperlicher Erkrankungen
wurde dies Organ geopfert, sondern meist wegen seelischen
Leidens, Liebeskummer, BetrĂĽbnis, auch als Ausdruck feuriger
Gottesliebe. Die gewöhnliche bekannte Opferherzenform, zwei-
lappig, unten spitz, in dem Einschnitt oben meist mit der \"erzierung
der Flamme versehen, erscheint erst im 13. Jahrhundert auf italieni-
schen Bildern und ist die sĂĽddeutsche Form der Wachsherzen mit
darauf angebrachten Symbolen von dem italienischen Fabrikat ab-
hängig. Aut dem Trödelmarkt in Madrid erwarb ich ein schönes
Herzvotiv von etwas abweichender Form; an einem zierlich ge-
arbeiteten silbernen Stäbchen befindet sich, eingefaßt und oben in
ein BĂĽschel rot emaillierter Flammen auslaufend , ein dreilappiges
Herz aus seltenem xMuschelkalk.
Im Vordergrunde unseres Interesses stehen nun die »Lungeln«,
welche Marie Eysn, die Gattin des Professor And ree, entdeckte.
Es sind das ziemlich genau gleichwertige Bildungen mit den etrus-
kischen und apulischen Eingeweidetraktus. An der Luftröhre hängen
eine ganze Anzahl innerer Organe, Herz, Leber, Magen, Gallen-
blase, bald alle zusammen, bald unter besonderer Ausarbeitung eines
einzelnen Organs. Es ist charakteristisch genug, wie die gelehrte
Frau ihre Entdeckung schildert: »Die erste ,Lungl' sah ich bei einer
Quelle, über welche eine hölzerne Kapelle gebaut war, am Wege
von Schneegattern nach Friedburg an der salzburgisch-oberöster-
230
EXVOTOS.
reichischen Grenze. Der nahe Walltahrtsort Heiligenstatt bei Fried-
burs; hat an seiner Kirche einen kleinen Anbau, in welchem eine
groĂźe St. Leonhardtsstatue steht, neben der zahlreiche eiserne Arm-
und Beinfesseln, Krücken, Zöpfe, Hunderte von Zähnen hängen.
Auf dem Boden lagen, als ich das erste Mal diesen Raum betrat,
ungetahr ein halbes Hundert , Lungin' aus Holz. Als ich 1899
wieder dorthin kam, zählte ich nur noch zwanzig Stück, da die
anderen, wie die Mesnerin sagte, verbrannt worden waren. Der
Ranze ĂĽbri2;e Raum ist mit Votivbildern bedeckt. In der Mitte der
Kirche steht eine Marienfigur mit rotem Mantel, mit dem Augen-
Orig.'Aufii. iiai/i den Stitchen der Berliner kgl. Santinlittig- fĂĽr deuiscite VolkskuiLde.
Fig. 137. Lungeln.
kranke sich die Augen wischen(!); hinter dem Hochaltar ist im FuĂź-
boden eine vertiefte Stelle, wo sich stets etwas Wasser sammelt,
in welches die Wallfahrer ihre kranken FĂĽĂźe, auf Heilung hoffend,
hineinstecken. Noch jetzt schnitzt der Tischler Krug in Friedburg
Lungin, das Stück für 1,30 Gulden.«
Nun, der Tischler Krug hat nicht Anatomie studiert, und da
hat er sich, als er die erste Bestellung bekam, wohl zunächst beim
Schlächter die Sache angesehen, und nachdem er erst einmal in
der Ăśbung war, stilisierte er die einzelnen Organe darauf los und
die Hauptsache war ĂĽberhaupt die Bemalung; namentlich die Gallen-
blase wurde grasgrĂĽn, die Leber braun gemalt, die geringelte Luft-
LUNGELN.
2U
röhre weißlich, die lAingenflügel fleischfarben und das Herz sogar
manchmal schwarz. Doch sein Konkurrent, in Simbach vielleicht
oder anderswo, war in der Schule tĂĽchtiger gewesen und kaufte
sich als Vorlage fĂĽr seine Bestellungen irgendein medizinisches
Buch und schnitzte nach diesem; und daraus kann man dann ge-
legentlich nach Höfler (Janus 1901) »eine Anordnung der Organe
im Galenschen Sinne wiederfinden«. Irgendwelche Schlüsse aber
fĂĽr die anatomische Darstellung erĂĽbrigen sich demnach (s. Fig. 137
u. 138). Vergleicht man etruskische Weisheit vor 2000 Jahren
Orig.-Au/it. nach den StĂĽcken der Berliner kgl. Sainmlurtg fĂĽr l'olA-skuttde.
Fig. 138. Lungeln.
mit der Schnitzarbeit unserer Zeit, so mĂĽĂźten wir, wenn diese
Motive gültige Repräsentanten unserer anatomischen Kenntnisse
waren , bei den Etruskern Anatomie studieren ; besonders die Be-
trachtung von Figur 138 aber zeigt sogar ^ eine gewisse Ăśberein-
stimmung der Darstellungsweise. Beweis dafĂĽr, wie die Kinder-
Menschen ĂĽberall gleich malen. In den MirakelbĂĽchern wird dieser
Lungin keine Erwähnung getan; Andree nimmt an, daß ihre
Darbringung bis in das 17. Jahrhundert zurĂĽckreicht. Doch auch
ganz moderne, und gerade diese sind die stilisiertesten und ohne
Vorbild oft kaum erkennbar, kommen vor, manchmal ist die
2 5 2 EXVOTOS.
Hinterfläche glatt und Namen und Jahreszahl der Spender stehen
daran t.
Das medizinische Interesse der Votivaugen ist ein sehr geringes,
wir linden meistens beide Augen aus irgendeinem Material her-
gestellt und durch einen Stiel verbunden. Unter den Exvotos dieser
Art finden sich in der Berliner Sammlung fĂĽr deutsche Volks-
kunde auch ofl'enkundige Erkrankungsformen eitriger Art. Inter-
essant, weil recht eigentlich Ăśbersetzungen aus dem Klassischen ins
Katholische, sind Augenpaare aut Holz oder auf einer Blechtafel
gemalt, mit einer Verzierung und einer gleichlautenden Beischrift
(s. Fig. 132). Als himmlische Augenärztinnen galten vor allen
St. Lucia und St. Odilia. Erstere trägt eine Schale mit den eigenen
schönen Augen, die ihr herausgerissen wurden. Ihr Patronatstag,
der 13. Dezember, ist gleichzeitig auch der Tag der Elsässerin Odilia.
Diese Tochter des Herzogs Eticho war blind geboren, wurde aber
durch ihre Taufe sehend. Ihr Emblem ist ein Buch, auf dem ein
Augenpaar liegt. Den Kultstätten beider entfließt genau wie in Hellas
heilsames Wasser, das die Wallfahrer benutzen und in Flaschen
mitnehmen. An einer anderen Stelle entspringt solch eine Ottilien-
quelle den Wundmalen des Christusbildes. Die MirakelbĂĽcher sind
voll von Heilerfolgen bei Augenfluß, Blödigkeit und Fell über den
Augen und selbst Stockblindheit.
Zum SchluĂź dieser Betrachtung ĂĽber Votivgaben wollen wir noch
ein sonderbares Anathem besprechen und uns mit der Bärmutter-
kröte beschäftigen. Im Salzburgischen, in Oberbayern, Tirol und
benachbarten Alpenländern werden wächserne weiße und rote
Kröten geopfert mit ausschließlichem Bezug auf weibliche Genital-
zustände, mit Vorliebe wegen Unfruchtbarkeit. Die Sitte ist uralt '),
dafür bürgen auch schon die geschmiedeten Kröten. Nach Bartels-
Ploß stellen sich die Leute in den österreichischen Alpenländern
die Bärmutter vielfach als ein Ding mit Eigenleben vor, was kriechen
und hochklettern kann. Ob das Reste der hippokratischen Vor-
') S. Hugo Magnus, Die plastische Auffassung der Gebärmutter in der Volksmedizin.
Mitteil, der Schles. Gesellsch. fĂĽr Volkskunde. Heft XV, 1906.
GEBÄRMUTTER.
233
Stellung von den Wanderungen der Gebärmutter sind, oder vielmehr
in dem Globus hystericus dieser Volksglaube seinen Ursprung hat,
sei dahingestellt. Es scheint auch eine Vorstellung von der tieri-
schen Natur der Gebärmutter in dem Gelübde zu stecken, »daß die
Bärmutter den ganzen Tair gebissen« hätte und daß sie erst nach
Verlobung einer wächsernen aufgehört habe, wie dies mehrfach die
Mirakelbücher berichten. Eine solche wächserne Bärmutter sah nun
aber wie eine Kröte aus. Nur das Hinterteil der gedrungenen Ge-
stalt ist meist so gearbeitet , daĂź man das Tier aufstellen kann.
Orig.-Aitfii. aus der Berliner bgl, Sariniumti; Jur l'clkikitnde.
F'g- 139- Krötenbärmuttervotiv.
Gleichzeitig zeigt die Kröte eine Halseinschnürung, um die eine
Schnur zum Aufhängen gelegt werden kann (s. Fig. 139). Ploß-
Bartels fĂĽgt der Beschreibung dieser Figur folgenden Passus bei:
»Warum es nun gerade eine Kröte ist, mit welcher der Volks-
glaube die Gebärmutter identifiziert hat, das ist ohne weiteres
nicht zu verstehen. Daß eine oberflächliche Ähnlichkeit des platten
dicken Uterus mit dem genannten Tiere hierzu die Veranlassung
gegeben haben sollte, das ist doch in hohem Grade unwahr-
scheinlich, da man nicht einzusehen vermag, wo denn dem Volke
sich die Gelegenheit geboten haben sollte, eine menschliche Gebär-
mutter in natura zu sehen. Auch Panzers Erklärung will uns
nicht erheblich fördern; er ist der Meinung, daß die Krankheit,
2 34 EXVOTOS.
d. h. Hysterie, wie das Hin- und Herkriechen einer Kröte emp-
funden wĂĽrde. Es bleibt uns fĂĽr das erste nichts anderes ĂĽbrig,
als die Tatsache hinzunehmen und eine befriedio^ende Erklärung;
der Zukuntt zu überlassen.« Ich finde eine solche in der
Verwandlung der antiken Form in die moderne. Die
Bewohner der süddeutschen und österreichischen Alpenländer gaben
als Weihgaben genau wie die Alten das Abbild des jeweilig er-
krankten Gliedes : tĂĽr weibliche Genitalorganerkrankungen aber
spenden sie kein Abbild eines Organes, sondern eine Kröte. Die
Kontinuität der Vorstellung hat aber auch zur Beibehaltung der
Form gefĂĽhrt; man wuĂźte noch, daĂź diese massenhaft vorkom-
menden rundlichen Körper mit Hals und Orificium, über die wir
ausfĂĽhrlich berichteten, das \'otiv fĂĽr Frauenleiden waren, hatte
aber vergessen, daĂź die Alten in dieser Darstellung das wirkliche
Abbild der Gebärmutter sahen. Schließlich führten vielleicht noch
die besprochenen Volksideen zu der Vorstellung, daĂź mit diesem
Exvoto eine Kröte gemeint sei; man setzte an den plumpen
Körper einfach ein Paar Beine an und hatte dann die ungefähre
Kröten- oder Schildkrötengestalt. Wem das Gesetz der Verwand-
lungsfähigkeit von Formen und Vorstellungen im Laufe der Jahr-
hunderte bei Dingen der Tradition nicht glaubhaft erscheint, den
erinnere ich nur an die beinahe grotesk-komische Tatsache, daĂź
sich als Broschen, Bischofskreuze und Amulette ĂĽberhaupt aus der
Antike Phallusdarstellungen erhalten haben, denen man eine mysti-
sche Wirkung als Abwehrmittel gegen allerlei Krankheit und böse
Zauberei zuschrieb und die fromme Gläubige den Gnadenbildern
opferten. Die \'ütivkröte ist also nichts anderes als die mißver-
standene antike Gebärmutter der Etrusko - Latiner, deren Gestalt
man der veränderten Auffassung anpaßte.
Ein geradezu klassisches Beispiel für die Bodenständigkeit von Ge-
bräuchen, die allem Wechsel politischer und religiöser Anschauungen
trotzen, verdanke ich dem Nachweis von Wilhelm Alexander
Freund, ich meine »den Handel mit dem großen Zeh unseres
heiligen Cosmas«. In dem Göttinger Taschenbuch von 1784 ist
^ DIE GROSSE ZEHE DES HEILIGEN COSMAS. 233
anschaulich o-eschildert , wie der srroĂźc Sammler und Altertums-
forscher Sir William Hamilton in dem Abruzzenstddtchen Isa-
gua bemerkte, daß eine Menge Weiber und Mädchen in Wachs
geformte groĂźe Zehen des Schutzheiligen der Cosmas- und Da-
miankirche käuflich erwarben, um dadurch Fruchtbarkeit zu erzielen.
Der Gelehrte trat näher und erwarb eine solche Cosmaszehe, wobei
er konstatierte: »daß das christliche Frauenzimmer in Isagua in
Abbruzzo in einem christlichen Tempel im Jahre Christi 1780 um
Fruchtbarkeit zu erlangen wahre Priapen opterte, die mit vieler
Kunst in Wachs geformt waren«. Ein tester Preis war nicht vor-
handen, die Mönche des Ortes versprachen aber tür den besseren
Zahler die bessere Wirkung. Hamilton glaubt, daĂź an jenem
Platze einmal frĂĽher Priapeja gefeiert wurden. Die Nachfolger des
Heidentums hätten das gute Geschäft zum Nutzen der neuen Kirche
fortgefĂĽhrt unter einem etwas zĂĽchtigeren Namen; die Wachspriapen
hätten durchaus die antike Form gehabt. Durch den Einfluß dieses
groĂźen Sammlers, der damals englischer Gesandter in Neapel war
(und im Nebenamt noch Gatte der berĂĽhmten Geliebten Nelsons),
wurde der Handel verboten.
ALLGEMEINE KĂ–RPERDAR5TELLUNGER
MODE UND KĂśNSTLERSTIL.
udolf \"irchow besprach in MĂĽnchen gelegentUch der
Xaturtorscherversammlung im Jahre 1861 des älteren Hol-
bein »Heilige Elisabeth mit den Leprösen«, welche sich in
der Pinakothek (Nr. 211) befindet. Charcot und Richer sahen in
Venedig die groteske Maske an der Santa Maria Formosa'); die Ent-
deckung der Ăśbereinstimmung dieser mit dem Hemispasmus glosso-
labial. hyst. gab ihnen Veranlassung, die französischen mediko-artisti-
schen Studien zu inaugurieren. Man ist diesen Spuren in dem Grenz-
gebiete der Medizin und Malerei nachgegangen und hat größere
Berührungsflächen gefunden, als man zunächst vermuten konnte.
Dieses zunächst einsame und auf Frankreich beschränkte Arbeitsgebiet
ist derartig in Aufnahme gekommen, daĂź kaum irgendwo im \'er-
borgenen Kunstwerke irgendwelcher Epochen existieren , die noch
nicht auf ihren mediko-historischen Inhalt geprĂĽft sind. Zuletzt, nach-
dem die Ernte bereits unter Dach war und reife FrĂĽchte nicht mehr zu
pflücken waren, ging ein ganz Naiver daran, den körperlichen Inhalt
und die Konstitution der Leinwandmenschen zu untersuchen. Es ent-
spann sich ein Kampf mit allerdings ironisch zugespitzten Waffen im
Schöße der Berliner medizinischen Gesellschaft darüber, ob die Eva des
van Eyck schwanger sei oder nur gesenkte Eingeweide besäße (!).
Die nächste Folge solcher Gutachten wäre, bei der Venus von Tizian
Pruritus vulvae anzunehmen und bei den Botticellischen Geschöpfen
Gicht und PlattfĂĽĂźe. Derartige naive Ăśbertreibungen eines unge-
sunden SpĂĽrsinns sind nur geeignet, den wirklichen Wert solcher
Untersuchungen herabzusetzen. Betrachten wir einmal die Illustra-
tionen und den Buchschmuck frĂĽherer MedizinbĂĽcher, welche Lehr-
') Charcot et Paul Richer, Nouvelle Icon. de la Salpetr. 1888.
DAS OBJEKT. 237
zwecken dienten; die Absicht des Autors wurde auch in der Illustra-
tion ĂĽbertrieben und unterstrichen, gewissermaĂźen ĂĽberkorrigiert.
Schilderte aber einmal ein KĂĽnstler, der zugleich Naturalist war, eine
Krankheitserscheinung, so hat diese voraussetzungslose Arbeit ge-
wissermaĂźen als Naturabschrift objektiven Wert, jedoch nicht fĂĽr
einen Medizinstudenten. Es gehört schon die ganze Kurzsichtigkeit
eines Banausen dazu, anzunehmen, daĂź wir derartige Studien betreiben,
um Objekte zu finden zur UnterstĂĽtzung medizinischen Realstudiums.
Hat man schon je gehört, daß der Abc-Schütze lesen lernt an der
Marmorschritt antiker Denkmäler, hat man schon je gehört oder
beansprucht, daß jemand durch das Studium holländischer Küchen-
malerei kochen lernte oder Botaniker werde durch Betrachtung der
BlumenstĂĽcke? Ist ein Schlachtenmaler reif fĂĽr die Kriegsakademie?
DaĂź es sich hier im wesentlichen nur darum handelt, historische
Arbeit zu leisten und das Illustrationsmaterial zur Geschichte der
Medizin mĂĽhevoll zu sammeln, liegt auf der flachen Hand; daĂź es
sich ferner verlohnt, durch diese dem Gedächtnis besser haftenden
EindrĂĽcke den Unterricht in der Geschichte unserer Kunst und des
medizinischen Standes reizvoller zu gestalten, als es bisher die trocke-
nen Literaturangaben und historischen Daten vermochten, das wird
nur ĂĽbelgelaunte MiĂźgunst in Abrede stellen. Hin und wieder aber
werden zweifellos auch diese Studien eine Autklärung bringen über
Situationen und Kolorit, Gebrauch und Sitte, Persönlichkeit und
Methode, die der wissenschaftliche Chronist als unwichtig ĂĽberging,
oder fĂĽr die uns ĂĽberhaupt literarische Hinterlassenschaft fehlt. Ganz
besonders muĂź dem Medizinhistoriker daran gelegen sein, neben den
Darstellungen, die sich auf bestimmte historische Begebenheiten be-
ziehen, auch solchen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die einen
mehr allgemeinen Charakter besitzen und die verschiedenen Phasen
des Lebens, den Szenenwechsel von Geburt und Säuglingsalter, Kind-
heit, Mannbarkeit, Tod und Bestattung in der Kunst der einzelnen
Völker aufzeichnen. Es ist ein nicht zu gering anzuschlagendes Ver-
dienst der neuesten Epoche, daß gerade Ärzte in ihren Mußestunden
sich der Bearbeitung einzelner Kapitel aus diesem Gebiete hingaben.
238 ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. ®
SO von allen Seiten die Bausteine mit Sachkenntnis zusammentragend
zu einer Illustrierung der Medizingeschichte im weitesten Sinne.
Wenn wir hier im Bilde vereinigen, was buckelig und miĂź-
gestaltet durch die Kunstgeschichte hinkt, und die Krankengeschichten,
in Erz gegossen und in Holz geschnitzt oder als keramische Arbeit
gefertigt, sammeln, so war nicht unser Zweck, eine Vereinigung
solch plastischer Invaliden im Stil eines Briefmarkenalbums an-
zulegen. Die Absicht der Darstellung interessiert uns in erster
Linie, da deren Kenntnis den Gegenstand erst fĂĽr uns wertvoll
macht. Schuf der KĂĽnstler voraussetzungslos, modellierte er die
Natur, oder bezweckte er etwas besonderes damit? Selbstverständlich
modifiziert die Tendenz den Beobachtungswert. Doch kann es auch
vorkommen, daß der Künstler z. B. einen Leprösen porträtieren
wollte und sich einen Syphilitischen zum Vorbild nahm. Deshalb ist
auch hier Vorsicht geboten. Das illustriert z. B. im umgekehrten
Sinne eine Beobachtung, die man auf der letzten Ausstellung in Rom')
anstellen konnte. Dort war eine groĂź angelegte Plastik eines Serben
ausgestellt, die mit Recht allgemeines Aufsehen erregte. Ein Weib war
in die Arme einer hinter ihr Sitzenden zurĂĽckgesunken. Es hatte den
Anschein, als wenn hier mit genauester Sachkenntnis eine Geburt-
szene wiedergegeben war. Hinter der frisch Entbundenen saĂź die
Wehmutter; die Hache ILmdstellung der Helferin deutete darauf
hin, daß der Moment der Ausstoßung der Plazenta sachgemäß ge-
schildert werden sollte; jeder Mediziner wird die ganze Komposition
in diesem Sinne auffassen. Wir wĂĽrden bei der Auffindung einer
solchen Gruppe alle in ihrer Deutung einig sein. Meine Erkundi-
gung jedoch zeigte, daĂź der geniale KĂĽnstler etwas ganz anderes im
Auge hatte und dies auch durch die Bezeichnung »Witwe« zum
Ausdruck gebracht hat. Aus diesen Ăśberlegungen heraus
sonderte ich die folgenden Krankheitsdarstellungen auch
nach dem Motiv ihrer Entstehung. Diese ätiologische Berück-
sichtigung war vor allem auch deshalb nötig, weil die Einzelobjekte
medizinisch ĂĽbertrieben bewertet und ihnen Spezialdiagnosen auf das
') Internationale Jubiläumsausstellung 191 1.
DIE TENDENZ. 239
Gesicht geschrieben waren, die im einzelnen schlechtweg unhaltbar
sind und die als Ganzes genommen auf falsche Wege fĂĽhren.
Bevor wir uns aber mit der plastischen Krankheitsdarstellung
befassen, mĂĽssen wir die Grenzlinie studieren und uns darĂĽber ver-
ständioen, was ist normal, was ist krank? Hier ergibt sich sofort
die Schwierigkeit, daĂź wir noch lange nicht berechtigt sind, jede
Abweichung des Lebens von dem Kanon des »Normalen« krank zu
nennen, sondern daĂź wir das Grenzgebiet abnormer Formenbildung
abtrennen müssen. Das Statuieren körperlicher l'ormenschönheit,
die Aufstellung des Normalkanon ist nun aber ein Grenzgebiet
zwischen Kunst und Anatomie und ein Studium tĂĽr sich; was
im Leben vom Arzte noch als normal durchgelassen wird, wirkt
im plastischen Kunstwerk auffallend; denn im Leben hat manches
als Erbteil einer FamilieneigentĂĽmlichkeit Passierschein, was in Erz
gegossen kĂĽnstlerisch beanstandet, medizinisch kritisiert werden muĂź.
Große Abweichungen vom künstlerischen Kanon mögen häßlich sem,
sie brauchen aber deshalb nicht krankhaft zu sein. Hier spielen
individuelle Anlagen, Vererbungen und vor allem RasseeigentĂĽmlich-
keiten eine fĂĽhrende Rolle. Auch diese Abweichungen von der Norm
sind vielfach bereits Gegenstand spezialistischer Studien geworden.
Indem wir auf diese verweisen mĂĽssen^, betonen wir, daĂź die Grenze
zwischen Anormalem und Krankhaftem keine objektiv fixierbare ist.
Will man z. B. ein Weib mit ausgesprochen infantilem Skelettbau
als krank bezeichnen, obwohl es funktionell vollkommen intakt ist?
Bei diesen kanonischen Anforderungen an den Körperbau muß man
vor allen Dingen auch die Gesetze der Entwicklung, der Reife und
des Alterns berĂĽcksichtigen. Der Mensch in mittleren Jahren, vor-
zeitig senil kann Körperbau und Haltung besitzen, die man für eine
spätere Lebensperiode als normal bezeichnen würde. Wir können
diese Dinare hier nur andeuten, um vor einer ĂĽbertriebenen Bewertung
solcher Abweichungen in der Zeichnung und in der Plastik zu warnen,
â– ) Literatur s. bei Choulant, Gescliiclite der anatomischen Abbildung. Leipzig, Weigel,
1852 und Die äußeren Formen des menschlichen Körpers von Prof. Gaupp. Jena, Fischer, 191 1.
Paul Richer, L'anatomie artistique , 1S90, und Canon des proportions du Corps humam,
Paris, Delagrave, 1893.
240 ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. ®
denn ganz abgesehen davon, daĂź es sich oft um unbeabsichtigte Fehler
in den Proportionen, um ein »Verhauen« in der Zeichnung, handelt,
wird diese Grenze des Gewöhnlichen, Normalen verwischt durch Mode
und Geschmack der Zeit, und durch den Stil des KĂĽnstlers.
Ein Beispiel wird dies klar machen. Die primitive iMalerei sowohl in
Italien wie in Holland und Deutschland, dementsprechend auch die
Skulptur jener Zeit, liebte es, den nackten Menschen mit infantilem
Körperbau zu zeigen. Nun ist behauptet worden, das käme daher,
weil die Menschen damals so gewesen seien. Es heiĂźt das an der
Modetorheit up to-day blind vorbeizugehen und ĂĽber den krampf-
hatten Versuch einer modesüchtigen Jüdin mit untersetztem Körper
und vollbusigem Fettreichtum nicht zu lächeln, äußerlich als Be-
sitzerin eines geradlinig gestreckten Körpers anglikanischer Rasse zu
gelten. Die ĂĽberwiegende Mehrzahl sowohl der bildenden KĂĽnstler
als auch der Käufer ihrer Werke sind immer Männer gewesen.
Schon aus diesem Grunde finden wir das nackte Weib häufiger
dargestellt wie den Mann. Hinzu kommt, daß der weibliche Körper
in seiner Linienführung erheblich größeren Schwankungen aus-
gesetzt ist, und dadurch lĂĽr die Phantasie und die Gestaltungskraft
des KĂĽnstlers ein geeigneteres Modell abgab.
Im ganzen können wir uns mit der Aufstellung von zwei Typen
des menschlichen Körpers begnügen, welche noch innerhalb der
Grenze des Normalen liegen. Nehmen wir den normalen Körperbau,
wie ihn die Anatomie lehrt, als Grundtorm an, so kommen zunächst
Abweichungen nach zwei Richtungen vor; entweder können wir
annehmen, daß die natürlichen statischen ^>rhältnisse des Skelettes')
dadurch verändert werden, daß eine abnorme Streckung der Wirbel-
säule eintrat, welche die natürlichen Bogenlinien mehr oder weniger
geradlinig ausgleichen (i n f a n t i 1 e r und E u n u c h e n h a b i t u s), oder
das Gegenteil trat ein; gewissermaĂźen durch einen Druck von oben
weicht die Wirbelsäule aus und noch in den Grenzen des Nor-
malen werden die natĂĽrlichen Biegungen derselben prononcierter
(Hottentotten habitus). Durch diese an und tĂĽr sich scheinbar
') Rudolf Leniihoff, Konstitution und KĂĽrperform. Beil. l<lin. Woclienschr. 1909, Nr. 9.
DER KĂśNSTLERSTIL. 24 1
geringtügigen \'eränderungen der Wirbelsäule tritt eine Differenzierung
des Typus ein. Im ersten Falle zeigt der infantile Typus gestreckte
Wirbelsäule, geringe Beckenneigung, Sichtbarkeit der äußeren Geni-
talien, Luttlinie zwischen den Oberschenkeln und langen Knochen-
bau; Hand in Hand mit diesem Knochenbau pflegt auch eine
geringe Entwicklung des Fettpolsters cinherzugehen, die Erhaltung
der juvenilen Form, kleiner BrĂĽste und fester, schwach entwickelter
Nates. Der gegenteilige Typus nähert sich, medizinisch ausgedrückt,
der rhachitischen Form: stark geschwungene Wirbelsäule, rundlicher
RĂĽcken, starke Beckenneigung mit der damit verbundenen RĂĽck-
wärtslagerung der Scham, prall aneinander liegende Oberschenkel
und stärkere Entwicklung des Busens mit meist großer Fettfülle
sind hier deutliche Stammeszeichen. Ein besonderer latiformer Tvp
nähert sich der achondroplastischen Veranlagung, deren Krankheits-
erscheinung mit der eigentĂĽmlichen Entwicklung im transversalen
Durchmesser noch Gegenstand besonderer Betrachtung sein wird.
Zwischen diesen Grenztormen pendelt die Darstellungsweise hin
und her je nach Geschmacksrichtung und Mode ganzer Epochen,
gleichzeitig ein wechselvolles Spiel kĂĽnstlerischer Eigenart. Je nach
der Übertreibung gewisser Dimensionen der verschiedenen Körper-
teile im Rahmen des besonderen Typus ergeben sich dann die
charakteristischen EigentĂĽmlichkeiten eines Meisters. Der juvenile
Stil, der Infantilismus in der Kunst, ist fast bei allen Primitiven
vorhanden. Die langen Extremitäten, der lange Hals, die Schmal-
brĂĽstigkeit des Botticellischen kleals (Wahrheit und Reue in Florenz,
die Geburt der Venus in den Uttizien) sind charakteristische Bei-
spiele dieses Stils. Die Eva des Jan van Evck, namentlich aber der
sogenannte Liebeszauber in Leipzig von einem Zeitgenossen und
SchĂĽler des BrĂĽderpaares zeigt uns den ĂĽbertriebenen Intantilismus
als den Ausdruck der Geschmacksrichtung jener Zeit; verdeckt man
sich den ganzen Körper dieser frühen Kurtisane unterhalb der Arme
und enthüllt dann den Körper allmählich nach unten, so ist man
geradezu entsetzt darüber, daß dieser kindliche Oberkörper derartig
in die Länge gezogen ist (s. Fig. 140). Auch die sonstigen Kri-
Holländer, Plastik und Medi,
242
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
terien dieser infantilen Gestaltung, der aufgetriebene Leib, die Klein-
heit der Mammae kommt hier ĂĽbertrieben zur x\nschauung; doch
wollen wir uns aut diese Details nicht einlassen. Nahezu den
Fhot. Briickmann .
Fig. 140. Liebeszauber, Leipzig.
Schule der BrĂĽder van Eyck.
vollendet normalen Realtypus eines Weibes zeigt uns der wunder-
bare liegende Akt von Velasquez in der Londoner Nationalgalerie,
der wegen seiner Meisterschaft dem Größten zugeschrieben wurde.
Jenseits der Linie des Normalen , dem rhachitischen Typus sich
INFANTILISMUS.
243
nähernd, sind die gedrungenen Gestalten des Rubens; geradezu vor-
bildlich hierfĂĽr ist die Toilette der \'enus in Wien mit der stark
geschwungenen Wirbelsäule und der übertriebenen Beckenneigung
und der typisch gestalteten Rautengrube; selbst den schwebenden,
also vollkommen entlasteten Gestalten des JĂĽngsten Gerichtes ist
dieser Tvpus eigentĂĽmlich; nach ihm lieben wir es, den Ausdruck
einer reiten Frauenschönheit zu benennen.
Auch die Tagesmode verwirft die voll entfaltete Blume, die
Knospe ist Trumpf und mit dem Bluff des unentwickelten Körpers
in Linie und Kleidung verbindet sich von selbst das Bestreben, dem
normalen Entwicklungsgang des Alterns den Hemmschuh anzulegen
und den alternden, fettansetzenden Körper in das Korsett jugend-
licher Form zu pressen.
Tn der Plastik läßt sich unschwer ähnliches beobachten, die
Skulptur der primitiven Bildhauer folgte den Anschauungen der
Malerei, nur mit dem Unterschiede, daĂź auĂźer diesem Zwang noch
das jeweilige Verhältnis des Meisters zur Antike maßgebend ist;
denn während die antike klassische Kunst der Malerei so gut wie
keine Vorbilder hinterlassen hat, erlebte die Skulptur ihre Wieder-
geburt in der Anlehnung und Erinnerung an die klassische Kunst;
so muĂź man bei jedem groĂźen Meister der Bildhauerei immer zu-
nächst nach seinem \'erhältnis zur Antike tragen.
Aufgabe der Kunstgeschichte und Kunstanatomie ist es. auch die
Veränderungen des Körperideals in der antiken Kunst zu studieren.
\'om archaischen Typus bis zum fettreichen Astarteideal, von der
ersten hellenischen Kunstblüte, von den wunderbar majestätischen
Götterbildern des Phidias, der strengen Naturschönheit des Polyklet
und dem kunstvollen Rhythmus eines Myron bis zum Höhepunkt
des Praxiteles, der, auf alle Attribute verzichtend, als Aphrodite ein-
fach ein in allen Teilen wunderbar schönes nacktes Weib hinstellte,
war der Schönheitsbegriff in beständiger Wandlung. Wenn wir
nun diese Göttergestalten eines unvergleichlichen Zeitabschnittes
in der Geschichte der Skulptur immer vor Augen haben und mit
ihrer Größe und Schönheit Neugeschaffenes vergleichen, so dürten
244
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
wir uns doch nicht vorstellen, daĂź dtn-ch die Gassen Athens damals
nur Menschen mit solchem Idealhabitus schritten, und daĂź unter
dem Himation griechischer BĂĽrgerinnen nur ein klassisch getormter
Busen wogte. Wir dürfen es nicht vergessen, daß Götter dar-
gestellt wurden, und daĂź es dem Genius jener Zeit gelang, vollen-
detes Ebenmaß des menschlichen Körpers in solcher Reinheit plastisch
zu formen, daĂź von solch Fehlerlosem \'orstellung und Begriff der
Göttlichkeit ausging. Es sind uns nun wohl auch aus dieser
groĂźen Epoche statuarische Werke ĂĽberkommen, in denen nicht
Göttliches geschildert werden sollte, sondern .Menschen, Kämpfer,
Athleten und Ringer; auch diese halten meist in ihrer Körperbildung
den \"ergleich mit Göttern aus, wenn nicht das Häßliche bei ihnen
des Charakters wegen besonders betont werden sollte.
Es hieĂźe hier sich auf den Seitenweg reiner Kunstgeschichte
begeben, wollten wir fĂĽr das Gesagte Beweise bringen. Aus der
GegenĂĽberstellung des reifen griechischen kleals klassischer Linien-
fĂĽhrung, welches tĂĽr uns die \'enus von Milo oder die esquilinische
\"enus verkörpert, des ägyptischen Astartetypus mit enger Taille und
weit ausladenden Hüften und Schenkeln — und den modernen Skulp-
turen französischer Tänzerinnen mit torcierter Beckenneigung oder
Wienerinnen mit wellenförmiger Silhouette ersehen wir den Wechsel
des Typs, der Mode und des Frauenideals. Wie wir schon ausfĂĽhrten,
pendelt der Geschmack in der Kunstrichtung; viel mehr aber noch
als bei uns tührte sie in Griechenland und in Rom zur Zeit der Spät-
antike zu einer perversen Körperbildung, zur besonderen Vorliebe
der Darstellung weibischer Männeriormen und zur Vermännlichung
des weiblichen Körpers'). Als formvollendetes, viel bewundertes
Beispiel solcher Verherrlichung des juvenilen Stils bringen wir die
Darstellung der sogenannten »Psyche« von Neapel (s. Fig. 141).
Nicht nur die ikiche, festgefĂĽgte Form der freilich modern ĂĽber-
arbeiteten Brust, sondern namentlich die Wölbung des Thorax, die
ungewöhnliche Schmalheit des Beckens, der straffe lange Leib, geben
') Henri Meige, L'infantilisme, le fcminismc ut les Hermaphiodites Antiques. L' An-
thropologie 1895.
PERVERSER HABITUS. 245
diesem Körper den Charakter einer \'irago. Umi;'ekehrt liebten es
die i\lten , manchem männhchen Gott, /.. B. dem Apoll und dem
Bacchus, weibische Formen zu geben (s. Fig. 142).
t'hot. Annan. .\fa/>e/, i\ai.-A/iiseniii.
Fig. 141. Sogenannte Psyche. Antike griech. Slvulptur.
Als weiteres Gegenspiel der antiken Freude an der weibischen
Degeneration des Mannes, der sogar gelegentlich Weibertracht an-
246
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
legt, beobachten wir hunderttach Frauen in der Haltung und der
Beschäftigung von Männern. Der Amazonenkampf ist eines der
beliebtesten Themen antiker Darstellungen. Der Geschlechtscharakter
einer Figur oder eines Koptes geht ott vollkommen verloren. Der
naive Betrachter würde unter allen Umständen z. B. den einen
Fig.
Bacchustorso.
Kopt der Doppelherme aus dem Athenischen Nationalmuseum')
mit den weibischen ZĂĽgen und den langen auf die Brust lallenden
Locken für eine Frau halten, ebenso wie er es unverständlich
finden wird, daß die Archäologen darüber streiten, ob das neu aut-
getundene schöne Mädchen :Von Antium wirklich ein Weib ist.
') Aus dem Stadion.
HERMAPHRODITISMUS. 247
Die letzte Konsequenz dieser Vermischung der Typen war die
Hermaphroditenbildung, die wir im folgenden austĂĽhrlicher
besprechen wollen. Aber schon an dieser Stelle, wo die Zwischen-
stufen von Gesundheit und Krankheit diskutiert wurden, weisen wir
auf die Plastik der Schwangerschaft hin, welche in ihrem normalen
Verlauf die Linienführung des Körperbaus aut den Kopt stellt.
HERMAPHRODITEN.
Menschliche Zwitterbildung als Ausdruck tĂĽr den Herm-
aphroditismus ist ^\'ortbildung mit falscher anatomischer Vorstellung;
denn keine zweifache Körperlichkeit war dieser Bildung voraus-
gesetzter Gedanke, sondern im Gegenteil die Vereinigung der kon-
trären Körpercharaktere zu einem harmonischen Ganzen, zu einer
Wesenseinheit. Das war des Bildners angestrebtes Ziel, das der
kĂĽnstlerische Reiz fĂĽr die ganz GroĂźen. Eine schon dekadente
Kunst begnĂĽgte sich mit der Erregung des sinnlichen Kitzels durch
raffinierte Darstellung des weiblichen Orgasmus, mit dem Zeichen
errester Männlichkeit. Gelehrte archäologische Weisheit versuchte
dem Dinge natĂĽrliche Entwicklung unterzulegen, wo das Altertum
sich bequemer mit legendärer Erklärung zufrieden gab. Danach
war der schöne Jüngling Hermaphroditos der Sohn der Aphrodite
und des Hermes. Als er einst bei HalikarnaĂź in der Quelle der
karischen Nvmphe Salmakis badete, wurde er von dieser mit so
stĂĽrmischer Liebe umklammert, daĂź beide nicht mehr voneinander
lassen konnten und zu einem Wesen verschmolzen. Die Kunst hat
diesen JĂĽngling immer so dargestellt, daĂź, bei vollkommenem Vor-
herrschen der weiblichen Bildung im übrigen Körperbau, eine männ-
liche Scham vorhanden war, nie umgekehrt den Mann mit weiblichem
Schoß. Das spricht für die Berechtigung einer anderen archäologischen
Erklärung. Hermes, der Gott der Wege, der Gott auch der kos-
mischen Befruchtung, wurde in frĂĽher Zeit an den StraĂźenkreuz-
punkten verehrt durch Aufrichten von Steinhaufen; Spitzsäulen, auf
deren obere Endigung man zunächst einen großen Phallus stellte,
248
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
als das älteste Wahrzeichen hermischer \'erehrung. Zu diesem Zeichen
kam der Gott des Herdenreichtums und ĂĽberhaupt befruchtender
Kraft durch die wahnsinnige Brunst, die der Anblick der Proserpina
in ihm entfachte. Dann ging man später an die Errichtung der zahl-
reichen Wegehermen, viereckiger Steinsäulen mit einem oder mehreren
Köpfen und den entsprechenden männlichen Genitalien, die zuerst
erigiert, späterhin jedoch nur angedeutet waren. Nun schmückte
MĂĽnchen, Ctyptothck.
Fig. 143. Zeremonie vor einer Herme.
man später diese Hermen auch mit den Kopien anderer Gottheiten,
so des Priap, Fan, Dionvs, Herakles, Eros und anderer. Diese nannte
man dann Hermopan, Hermathene, Hermherakles. Krönte nun der
Aphroditenkopf die Säule, deren sonstige Verzierung unverändert
blieb, so resultierte daraus die Hermaphrodite; solche Hermen sind
erhalten. Wie solche Hermen verehrt wurden, das zeigt ein Hermes-
idol, das zwei junge Mädchen mit Bändern bekränzen (Fig. 145).
Dieses in der MĂĽnchener Glvptothek befindliche Relief bildet auch
Floß (Seite ^i8i) ab unter der irrigen Bezeichnung »Fruchtbarkcits-
HERMAPHRODITISMUS. 249
Zauber«. »Daß beide die Bänder ihres Gewandes gelöst haben,
spräche für die Wünsche, die sie vom Ciotte erflehen und die Zere-
monien, die sie im Begriff stehen mit der Statue vorzunehmen«').
Medizinisch interessant ist die Haltung der rechten Frau; ihre Pose
war so erklärt, daß sie ein Band fallen ließ und mit der Hand die
Gewänder eben hochnehmen will; ich meine, sie hebt die Bindenrolle
mit den Zehen aut". Die Figur ist eine Kopie der die Sandalen bin-
denden Xike von der Balustrade des Niketempels (Akropolismuseum).
— Wenn auch hie und da noch die Reste einer solchen i\phroditen-
herme gefunden wurden, so weisen doch ältere Kulte und völkische
Eigenheiten auf eine andere Herkunft des Hermaphroditenbegriffes.
In der Vorstellung vieler primitiver Volker, vorzĂĽglich aber orien-
talischer, bestanden im Urbeginn bisexuelle Gottheiten ; oder das männ-
liche und weibliche Prinzip vereinigten sich zur Schaffung eines allge-
meinen (Isis-Osiris-Horus) oder auch umgekehrt. Aus der allgemeinen
Dunkelheit wurden zwei geschlechtliche Prinzipien: Xacht und Tag.
Und nicht nur der Urbeginn war geschlechtslos oder vielmehr
androgyn und spaltete sich geradeso in die zwei Geschlechter wie das
Primordialei durch Teilung fortbesteht; nicht nur die Gottheit trug
diesen zwiefachen Charakter, sondern auch die ersten Menschen.
Aristophanes, der berühmte Komödiendichter, übernimmt es, in
dem bekannten »Gastmahl« des Plato diese Naturphilosophie zu
karikieren. Aus der Geschichte der Menschenerschaffung sucht
er in diesem antiken Meistersingerstreit ĂĽber das Thema der Liebe
die verschiedenen Arten derselben naturphilosophisch zu erklären.
Piatos beiĂźender Spott ist dabei vielfach als bare MĂĽnze aus-
aeseben worden. Da in des Aristophanes Rede vielfach Anklänge
an andere Mvthen vorkommen, so bringen wir diesen Teil seiner
Rede im Auszuge (Piatos Gastmahl, 14. Kapitel).
»Unsere Natur vor alters nämlich war nicht die nämliche, welche
sie jetzt ist, sondern eine anders beschaffene. Denn erstens gab es
') Sachlich unrichtig. Die Tracht ist die gewöhnhche des Lebens: die spartanischen
Mädchen trugen genau dieselbe Tracht, wie die linke Figur. Da der Körper vollkommen
offen lag, wurden diese Spartanerinnen scheizweise 'iaivoji-ri&ios; (die »Nacktschenkel«) ge-
nannt.
250
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. aĂź
drei Geschlechter der Menschen, nicht wie jetzt bloß zwei, männlich
und weiblich, sondern hierzu kam noch ein drittes aus diesen beiden
gemeinsam vereinigtes, wovon jetzt nur der Name ĂĽbrig ist; Mann-
weib nämlich war damals eine Gestalt und ein Name, wirklich aus
beiden, sowohl dem Männlichen als auch dem Weiblichen, gemein-
sam vereinigt; jetzt aber ist es nur ein als Schimpt geltender Xame.«
Aristophanes gibt nun im tolgenden eine detaillierte Schil-
derung eines solchen Primärmenschen mit vier Beinen, vier Händen,
zwei Gesichtern und zwei Geschlechtsteilen. Diese Urmenschen,
an Kraft und Stärke gewaltig, beschlossen, durch Hinaufsteigen
in den HimnK'l die Götter anzugreiien. Zeus war in \'erlegen-
heit, da er sie nicht wie die Giganten durch den Blitz erschlagen
w'oUte, um nicht das ganze Geschlecht zu vernichten. Er machte
nun das in aller Stille, was unser Pariser Kollege Doyen (unter
Assistenz des Kinematographen) mit seiner brillanten Technik
machte, er schnitt diese Doppelmenschen auseinander, drohte aber,
wenn das nicht genĂĽge, sie zu vierteilen, so daĂź sie dann nur aut
einem Bein sich fortbewegen könnten, wie die Leute beim Dionysos-
tanze auf dem Pelle eines geschlachteten Bockes. Zeus erwies
sich anscheinend bei diesem operativen Eingriff als ein Plastiker
ersten Ranges und nähte die halbierten Menschen mit der Tabaks-
beutelnaht zusammen, wie der jetzige technische Ausdruck ist.
Plato aber sagt »wie bei den Geldbeuteln, welche zum Ziehen sind«.
Die Stelle, wo er die Naht \-erknĂĽpfte, blieb natĂĽrlich etwas un-
regelmäßig, das wurde der Nabel; die übrigen Runzeln am l^auche
aber glättete er, wie der Schuster das Leder glättet, absichtlich aber
lieĂź er einige Palten stehen (Inscriptiones tendin.) als Denkzeichen
des frĂĽheren Zustandes. Die Pointe dieser phantastischen Er-
klärung und der aristophanische Witz bezieht sich nun aut den
verkehrten Sitz der Geschlechtsteile. Die Körper, im eigentlichen
Sinne doch immer nur Hälften, seien innig bestrebt, ihre Konter-
marke wiederzuhnden und sich mit ihr zu vereinigen. Die Haltte
eines Mannes, der im Vorstadium ein Mannweib gewesen, sei
weiberliebend, 2;enau wie die Weiber männcrliebend geworden.
HERMAPHRODITISMUS. 25 I
Den durchschnittenen Doppehfiännern und Doppelweibern sei aber
Männerireundschaft und Tribadentum angeboren; »das Begehren
aber und \'erfolgen des Ganzen heißt Eros«.
Auch nach tahnudischer Cberheferung soll Adam vor Eva schon
eine Gefährtin, die Lilith, gehabt haben, mit ihr erzeugte er ein
Titanengeschlecht, das im Ăśbermut seines KraitgefĂĽhls den Kampf
gegen Gott aufnahm, aber besiegt wurde. Einen Hinweis aut diese
Lilithlegende gibt die Genesis Kap. 6, \'ers 2 und 4, wo von einer
Vermischung der Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen die
Rede ist, aus denen Gewaltige in der Welt und berühmte Männer
wurden (Ahrimans). Der Hinweis von Jean Ictis^) aut die
biblische Schöpfungsgeschichte als Analogon zu dieser platonischen
Doppelgeschlechtigkeit der ersten Menschen ist insofern berechtigt,
als im ersten Buch Mosis Kap. i, Vers 27 zunächst steht, daß Gott
den Menschen schuf, männlich und weiblich. \'on diesem aus Erden-
kloĂź gemachten Menschen , dem er lebendigen Odem eingeblasen
hatte, fand (jott dann später (Kap. 2, Vers 18 ff.), daß es nicht gut
sei, daĂź er allein sei, und machte ihm eine Gehilfin. Er lieĂź ihn in
tiefen Schlaf fallen und nahm ihm seiner Rippen eine und schloĂź
die Stelle mit Fleisch, und er machte aus ihr eine Männin; und weil
die »Männin« Fleisch von des Mannes Fleische war, so begehrte beides
wieder zusammen in dem MaĂź, daĂź der Mann X'ater und Mutter
verlassen muĂź, um zum Weib zu gelangen und wieder ein Fleisch
zu werden. Demgemäß wird behauptet, daß die Rabbinen Ben Israel,
Maimonides u. a. den Adam fĂĽr zweigeschlechtlich gehalten haben").
Interessant ist es, einen Seitenblick zu werfen darauf, wie sich
die antiken Völker nun tatsächlich bei gelegentlichem Vorkommen
von hermaphroditischen Personen (im medizinischen Sinne ge-
sprochen) verhalten haben. Xun, zunächst glaubten die Alten mit
') Jean Ictis, Les hermaphrodites (ctude paramcdicale). Presse mcdicale igio.
-) Zu diesen Auslegungen erhielt ich noch folgenden Zusatz. ;\Iidrasch Rabbach ; Es
sprach Rabbi Jirmeja ben Elieser: In der Stunde, da Gott den ersten iMenschen schuf, schuf
er ihn androgyn, denn es heißt I. Mos. I. 27: »Männlich und weiblich schuf er sie.« Ral^bi
Samuel ben Nachman sprach: Mit zwei Gesichtern erschuf er ihn, dann spaltete er ihn und
machte ihn zu zwei RĂĽcken , ein RĂĽcken von hier und ein RĂĽcken von dort , denn es heifk
Ps. 139. 15: »Von hinten und von vorne hast du mich geformt.-.
252
ALLGEMEINE KORPERDARSTELLUNGEN.
Bezug auf Plinius und Aristoteles, daĂź es in Atrika ein ganzes
Volk solcher Zwitter gäbe. Griechen und Romer in der Irühesten
Epoche sahen in der Geburt hermaphroditischer Kinder das ominöse
Vorzeichen unglĂĽckseliger Ereignisse; um ihnen zu entgehen, wart
man die abnormen Geschöpfe in das .Meer und die Tiber. Noch
Bauhinius taĂźte im 16. Jahr-
hundert diese Wesen, die halb
Weib, halb Mann waren, tĂĽr
eine Beleidigung der Xatur aut,
die man mit dem Tode be-
straten müßte. i\llmählich aber
erkannte man, daĂź diese MiĂź-
geburten nur unglĂĽckliche Men-
schen wären, und man ließ ihre
Taute zu, verbot ihnen aber
noch zunächst die Ausübung
aller bĂĽrgerlichen Pflichten und
Rechte. A m b r o i s e P a r e
vertrat den Standpunkt, daĂź
sich solche Zwitter tĂĽr das bei
ihnen ausgesprochenere Ge-
schlecht entscheiden sollten, daĂź
sie sich unter Androhung der
Todesstrate nur dieses bedienen
dĂĽrften . \' o 1 1 a i r e '), der gran-
diose Spötter, schuf seinen
Hermaphrodix, Sohn des Inkubus
und einer Benediktinerin, der das Recht erlangte, seine doppelte
Natur, die männliche am Tage und die weibliche in der Nacht, zu
betätigen . . .
Im Altertum war die berĂĽhmteste Statue eines Hermaphroditen
von Polvklet. Die spätere Kunst versuchte nicht nur durch die
Kombination weiblicher und männlichei; Körperteile das Zwitterhatte
Orig.-Fliot. des Deutsch, arch- Inst. Athen, .\'at.-AJnscnni.
Fig. 144. Hermaphrodit (Terrakotta).
La Pu Celle, N'oltaire, Chant. 4 und 17.
HERMAPHRODITISMUS.
253
Orig.-Au/n. Stanibnl, Ottoni. Miiscuu
Fig. 145. Hermaphrodit aus Pergamon.
234 ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN. ^
ZU charakterisieren, sondern sie suchte aus der \'erschmelzung beider
Geschlechtstypen ein harmonisches Ganzes zu schaffen. Nach dieser
Richtung hin ist der stehende Hermaphrodit des Berhner Museums,
der aut ein Originahverk der Schule Polvklets zurĂĽckgeht, muster-
gĂĽltig und, worauf schon Richer aufmerksam gemacht hat (1892 Ic),
eine wirkliche Mischung von Mann und Weib. Ähnlich wirkt eine
Tanagrafigur des Athenischen Xationalmuseums (s. Fig. 144). Noch
tormvollendeter, aber unter viel stärkerer Betonung weiblicher Ver-
hältnisse, ist der zum Teil bekleidete Hermaphrodit aus Pergamon,
der sich jetzt in Konstantinopel befindet (s. Fig. 143).
Viel bekannter durch die häufigen Repliken sind die späteren
J\o/ji, Xat.-Mtiseiim.
Fig. 146. Hermaphrodit. Antike j\Lirmorstatue.
Darstellungen des schlafenden Hermaphroditen (s. Fig. 146). Im
Gegensatz zu der aus Erz gearbeiteten Statue des Polyklet (Plinius
XXXI\^, 80) wird das Original dieses liegenden Hermaphroditen
aus Marmor gewesen sein. Die Vorstellungen sinnlicher Art, die die
Betrachtung dieses in wollĂĽstigem Traume Daliegenden voraussetzen,
werden durch Marmor besser als durch Bronze der Vollendung nahe
gebracht. Amclung') sagt von der Replik im Römischen National-
museum: »Die weiche Drehung des ganzen Körpers, das Fließen der
Formen an dem zarten Rücken ist ganz außerordentlich schön, das
Weibliche in der Gestalt ist stark betont. Das Raffinierte in der
ganzen Auffassung weist das Original in die spätere hellenistische
Zeit. Man kann ohne Rückhalt bewundern, wie die höchste Kunst
') W. Amelung, FĂĽhrer durch die Antiken in Florenz. 1S97
DIE ERSTEN MENSCHEN. 255
einen derartig unpoetischen Stofl" zu adeln vermag.« Was wir vom
ärztlichen Standpunkt besonders betonen zu müssen glauben, ist,
daĂź hier der Orgasmus eine kĂĽnstlerische und doch naturalistische
Darstellung gefunden hat. An diesem in unruhigem Traume sich
bewegenden Körper ist nur das Eine männlich. Durch die Fort-
lassung dieses Teiles (wie bei der Replik im Athenischen Museum)
wĂĽrde bei vorausgesetzter Unkenntnis der anderen Wiederholungen
dieser sich im Traume wälzende Leib für ein richtiges Weib gelten.
Die Attribute weisen diesen antiken Zwitter in den Kreis des Dio-
nysus. Das Pantherfell, oft auch das Tvmpanon, liegen ihm zur
Seite. Vielfach sind uns Gruppen erhalten (wie z. B. in Berlin
und Florenz, Ulfizien), wo sich ein Hermaphrodit der erotischen
Angriffe eines Satyrs erwehrt; verständlicher erscheint uns die
Szene in der Nuance, wie wir sie mehrfach auf pompejanischen
Fresken fanden; an eine schlafende Schöne macht sich heimlich
ein Satyr heran; der komische Augenblick ist geschildert, in dem
der die Schlafende entblößende Lüstling entsetzt über das Spiel der
Natur zurĂĽckfahrt.
ADAM UND EVA.
An dieser Stelle wollen wir noch einen Moment verweilen, um
die Körperdarstellung der ersten Menschen zu betrachten. Zunächst
bietet vom naturwissenschaftlichen Standpunkt die Lrschaflung der
Eva kaum Interessantes. Wir sehen den Vorgang vielfach dargestellt.
Meist ist die Männin selber schon am Leben; aus der aufgebrochenen
Seite Adams wächst die Gefährtin heraus oder Gott entwickelt
den einen Körper aus dem andern (s. Fig. 147 u. 148). Im Dom
zu Orvieto jedoch sieht man, wie der jugendliche Gott dem schla-
fenden Adam eine Rippe herausschneidet (Fig. 149). Gewöhnlich
liegt Adam schlafend auf der linken Seite. Auf den ErztĂĽren am
Dom zu Augsburg zieht aber Gott die Eva aus der linken Seite
des Brustkorbs hervor.
An der Körperdarstellung von Adam und Eva interessieren
256
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
Einzelheiten. Wir wollen hier nicht auf die fehlende Charakteri-
sierung der heiden männlichen und weiblichen Leiber eingehen,
sondern nur die Tatsache feststellen, daß die ostchristliche Mönchs-
kunst es liebte, x'Vdam und Eva zunächst geschlechtslos darzustellen.
Die Weiblichkeit der Eva wird allein durch die längeren Haare
angedeutet. Die Legende und der \'olks\vitz taten sich zusammen
RfHc/ am Citnipauilt' zu Ftcrenz.
Eig. 147. Giotto. Erschaffung Evas.
zu der Behauptung, daĂź dem Ahnherrn des Geschlechtes vor Schreck
ein StĂĽck des verbotenen x^pfels in der Kehle stecken geblieben sei,
und demgemäß bildete die christliche Symbolik zunächst den Adam
mit besonders derber Hervortreibung seines Adamaptels ab.
Eine andere Ăśberlegung entsprang dem naturhistorischen Ge-
wissen der Klerisei. Ein scholastisches Gezanke entstand darĂĽber,
ob Adam und Eva einen Nabel gehabt haben. Als nicht vom
m
ADAM UND EVA.
hl
Weibe geboren, sondern von Gott erschaffen, mĂĽsse ihnen der
Nabel gefehlt haben. Joseph Kirchner') berichtet, daĂź endlich
eine Synode der griechisch-katholischen Kirche den Gegenstand zu-
gunsten der Orthodoxie entschieden habe: der Nabel habe den ersten
Paradiesesmenschen gefehlt. An diese Entscheidung haben sich
jedoch, wie es scheint, nur die frĂĽhen KĂĽnstler des christlichen
Fhrcuz, Ajtdrtct dt'lla RĂĽbbia .-
Fig. 148. Die Erschaffung Evas.
Ostens gehalten. Jene Richtung nahm Adam und liva den Nabel
und gab ihnen datür den Nimbus. Die abendländische Kunst aber
machte es umgekehrt. Hier schlichtete den Streit nach Kirchner
ein französischer Meister, der eine Szene bildete, in der Gottvater
als letzte Tat dem fertigen Adam mit dem Zeigefinger den Nabel
') Joseph Kirchner, Die Darstellung des ersten Menschenpaares in der bildenden
Kunst. Ferdinand Enke 1903.
Holländer, Plastik und Medizin. 17
258
ALLGEMEINE KĂ–RPERDARSTELLUNGEN.
in den Bauch stößt. Unwillkürlich wird man dabei an die gran-
diose Schöpfung und die künstlerische Tat des Buonarotti in der
Sixtinischen Kapelle erinnert. Gottvater, im weiten Mantel, in den
LĂĽften, hat eben den Adam geschaffen, und mit dem Zeigefinger
der rechten Hand läßt er auf den linken Adams gewissermaßen den
Fitot. Aliitari. Kathedrale z'on Orz'ieto.
Fig. 149. Erschaffung der Menschen.
Funken lebendiger Kraft ĂĽberspringen; das Leben erwacht in dem
Manneskörper, und ungeschickt versucht er die ersten Bewegungen
seiner GliedmaĂźen. Konnte die Inkarnation des Geistes oder viel-
mehr das zum Willen werdende l'leisch wundervoller zum Aus-
druck gebracht werden ?
SCHWÄNGERSCHAFT,
ie groben Veränderungen, welche die Schwangerschaft an
dem weiblichen Körper hervorruft und hinterlaßt, sind
in der monumentalen Kunst mit Stillschweigen ĂĽber-
gangen. Mit scheuem Blick wendet sich der KĂĽnstler von einem
Zustand ab, der ein graziöses und graciles Kunstwerk zerstört und
aus einer vollendeten LinienfĂĽhrung eine bizarre Silhouette macht.
Doch nicht nur die Deformation des Körpers ist es, welche das
rätselhafte große Geheimnis öffentlich zur Schau tragt; auch die kolo-
ristischen Veränderungen und vor allem der undetinierbare Gesichts-
ausdruck der Graviden sind Probleme, deren Schilderung ebenso
schwierig wie kĂĽnstlerisch reizlos sein muĂźte. Es ist seltsam, daĂź
gerade ein so ideal veranlagter Maler, wie Raftael es war, diese
charakteristischen Schwangerschaftsmerkmale erfaĂźte und sie mit
seinem Pinsel fixierte. Nach dem Gesichtsausdruck der »Donna
Gravida« aus dem Pittipalast würde der Arzt schon allein die richtige
Diagnose stellen, auch wenn Raffael den körperlichen Zustand selbst
weniger deutlich geschildert hätte. Die klassische Mythologie und
die Geschichte des Marienlebens gaben die \'eranlassung tĂĽr italie-
nische und deutsche Künstler der Renaissancezeit, häufig zwei
SchwangerschaftsvorwĂĽrfe auszufĂĽhren. Das beliebte Sujet aus der
Antike ist die Entdeckung der Schwangerschaft der Nymphe Callisto
durch Diana. Diese mit ihrem Gefolge, von meist neun nackten
Schönheiten, schickt sich an, im heiligen Quell zu baden; die an-
deren haben bereits ihre Gewänder abgelegt, nur die unglückliche
Callisto, welche von Jupiter, als sie vor Monden im Walde schlief,
überrumpelt wurde, zögert. Ihre Genossinnen entreißen ihr, die
den SchoĂź verdecken will, die Gewandung. Vor und nach Tizian
nun zeigen diese Gemälde keinen nennenswerten Realismus, im
26o
SCHWANGERSCHAFT.
Gegenteil, die Schwangere selbst, als unvorteilhaftes Objekt, tritt
in den Hintergrund, während die Vorderszene von jugendlicher
Mädchenschönheit beherrscht wird. Es war Monnot vorbehalten, auf
seinem Marmorrelief im Marmorbade von Kassel den geschwollenen
Leib der Nymphe ostentativ in den \'ordergrund zu stellen.
Der Besuch der Maria bei Elisabeth ist eine häufig gemalte
Jim
Orig.-Ait/n. Berliti, Altes Muscuiit.
Fig. 150. Hellenistische Terrakottafigur. Fig. 151. Dieselbe Figur von der Seite.
Szene. Doch mildern die Mäntel und Kleider den ott nur an-
gedeuteten Schwangerschaftszustand der beiden Frauen. Es kommt
hinzu, daĂź die Tracht der deutschen Patrizierinnen im i6. Jahr-
hundert vielfach den Status gravidus als Mode imitiert, wie dies
die Trachtenbilder Holbeins deutlich illustrieren. Gelegentlich aber
bildete der primitive KĂĽnstler die beiden Frauen auch in der ein-
deutigen Weise, daĂź sie sich gegenseitig betasten oder daĂź in
SCHWANGERSCHAFT.
261
ihrem geschwollenen Leibe die beiden Embrvonen sichtbar werden
(Abbildung s. bei FloĂź Fig. 373).
Der Realismus unserer Zeit sucht nach neuen, auffälligen Motiven,
die des Ausstellungsbesuchers flĂĽchtigen FuĂź stocken lassen. So staute
sich die kleine Zahl der Besucher der Berliner Secession vor der natura-
I 'rii^.-Au/n . Be7-lin , Altes Museum.
Fig. 152. Schwangerschaft. Terrakottafigur.
listischen Szene einer Entbindung. Ein andermal hatte ein eigen-
artiger Genrezeichner selbst diesem dramatischen Vorgang, ich kann
nicht anders sagen als wirklichen Humor abgerungen (Zille). Das
Wagnis der malerischen Darstellung einer hochschwangeren nackten
Frau aber hat meines Wissens bisher keiner unternommen, zu
seinem GlĂĽck. \"om Standpunkt des Bildhauers gar erscheint eine
202
SCHWANGERSCHAFT.
solche Verkörperung beinahe als Unmöglichkeit. Die Ehrfurcht, die
ein solcher Zustand einflößt — selbst dem sonst rücksichtslos stra-
fenden Gesetzgeber — , verbietet scheinbar von selbst seine Paro-
dicrung. Es gehört schon ein gewisses künstlerisches Genie dazu,
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|7I| liJI'VSA
ĂśJH^^^^^^^^^^^^^I -'
Orig. -Alt/n. Berlin, Museum.
Fig. 153. Gravidität. Tanagrastatuette.
trotzdem diese Wirkung hervorzubringen. Die kleine, leider kopf-
lose hellenistische Statuette des Berliner Antiquariums zeigt un-
zweifelhaft die Veränderungen, welche die Gravidität bei einer schon
etwas bejahrteren Frau hervorruft (s. Fig. 131). Das Unschöne ist
SCHWANGERSCHAFT.
26:
besonders betont; die großen hängenden Brüste, der stark vor-
gewölbte Bauch kontrastieren zu der schämigen Beinstehung, in der
sich diese alte Phryne zeigt. Die Tatsache, daĂź diese kleine Terra-
kotta sich mehrfach wiederholt, spricht dafĂĽr, daĂź es Kopien einer
Ori^.-Au/n. Bcrlhi, Mtiseuiit,
Fig. 154. Schwangerschaft. Tanagrafigur. Vorige Statuette im Profil.
größeren, vielleicht im Altertum berühmten Statue sind. Die Ver-
heerungen, die die häufige Wiederkehr dieses Zustandes hervor-
ruft, schildert die Statuette einer Geschlechts- und Zeitgenossin der
Venus von Milo. Obwohl das Weib, Gott sei Dank, in den Falten
.64
SCHWANGERSCHAFT.
des Chiton und des Mantels steckt, werden ähnliche Formen wie
bei der eben besprochenen Griechin sichtbar (s. Fig. 132). Man
kann dieser rohen und flĂĽchtig hingeworfenen Skizze der alternden,
Oyig.-Au/n. Eigener Besitz.
Fig. 155. Gravidität. Hellenische Terrakottafigur.
sich mit ihren drei Kindern schleppenden Frau eine gewisse Bewun-
derung nicht versagen. Dieselbe Darstellung, doch in das Liebliche,
Erfreuliche iibersetzt, spiegelt eine Tanagrafigur (s. Fig. 133 u. 134)
SCHWANGERSCHAFT.
26
â– ')
wieder; bei dem überaus graziösen Spiel mit ihrem kleinen Kind-
chen strafft sich ihr Gewand derartig, daĂź im Profile, namentlich
im Gegensatz zu dem schlanken Bau der anderen Tanagrafigurinen,
ihr Zustand auffällig zutage tritt. Dem Künstler kam es offenbar
Orig.-Au/n. Athen, Nai.-Mjtseuiii.
Fig. 156. Gravidität.
Attische Terrakotta.
Orig.-Anjn, Atiu n, -Wit .-Mi,.\t-n/ii.
Fig. 157. Gravidität (Binde).
Helleoistische Terrakottafigur.
darauf an, vorhandenes und kommendes MutterglĂĽck zu schildern.
Der auf unserer Abbildung weniger, im Original dagegen umso deut-
lichere Zustand der Gravidität der kleinen Tanagrafigur des Athe-
nischen Nationalmuseums (s. Fig. 156) ruft bei der davon Betroff^enen
entgegengesetzte Gefühle hervor, die sie in Schluchzen ausbrechen läßt.
266
SCHWANGERSCHAFT.
Aus Athen stammt eine weibliche Tonligur, welche ihren graviden
Zustand deutlich genug markiert. Die Haltung des Kopfes, die \>r-
legung des Schwergewichtes nach hinten, die Stellung und die
Form der durch das Gewand sichtbaren Schenkel ist von oroĂźem
Realismus (s. Fig. 153). Handelt es sich hier offenbar um die
Darstellung dieses heiligen Zustandes einer Sterblichen, so scheint
dieselbe Lage bei einer Göttin zum Ausdruck gebracht zu sein in
einer ziemlich groĂźen Statuette des Athenischen
Nationalmuseums (s. Fig. 137). Die Zahl sol-
cher Figuren aus der hellenistischen Kleinkunst
laßt sich noch vergrößern.
Die Satire und die Karikatur sind im ganzen
aus einer gewissen Scheu heraus davor zurĂĽck-
geschreckt, diese Detormierung des Körpers
ihren Zwecken Untertan zu machen; wenn sie
es taten, so war Absicht und Zweck durchaus
Irivol. Als Beleg dieser in der antiken Welt
trotz allem beliebten Obszönitäten bringen wir
die Statuette eines hochschwangeren Herm-
aphroditen aus dem Athenischen National-
museum (s. Fig. 138).
Wenn irgendein körperlicher Zustand einen
Bittgang zu den höheren Mächten nahelegt, so
ist es die Schwangerschaft. Es wäre demnach
eine ungewöhnliche und der besonderen Er-
klärung bedürftige Erscheinung, wenn für die
glĂĽckliche Niederkunft nicht besondere Votiv-
opfer dargebracht worden wären; solche müssen massenhaft wir-
kommen. Alles spricht dafĂĽr, daĂź die latino-etruskischen Uteri, die,
wie wir zeigten, neuzeitlich Krötenform annahmen, diesem Zwecke
dienten. Den entsprechenden Ersatz jedoch bei den Griechen auf-
zuspĂĽren, ist bisher nicht gelungen. Allerdings finden wir unter
den hellenistischen Krankheitsdarstellungen auch FigĂĽrchen mit
starkem Leib, so z. B. die kleine Darstellung eines weiblichen Torso
Orig.-Aiifn. Athen, Xat.-Mitscit.
Fig. 158. Schwangerer
Hermaphrodit.
GEBURTSDARSTELLUNG. 267
aus Kos, den Meyer-Steineg fand, und dessen Krankheitsbild
er als Aszites auffaßt (s. Fig. 139). Obwohl die äußere Formation,
die geringe Entwicklung des Oberkörpers und der Brüste, diese
Diagnose befĂĽrwortet, so glaube ich doch, daĂź bei der ziemlich
rohen Arbeit es in erster Linie darauf ankam, einen starken Leib
zu zeigen, und daĂź demnach eher Schwangerschaft in Frage kommt.
Auch andere unzweifelhafte Schwangerschaftsdarstellungen zeigen
nämlich eine auffallend geringe Entwicklung der Brüste.
OWj-. K. P/wt. von Meyer- Fig. I 59. VotivfigUr ?
Steineg, Jena. _^ _ _ aUS KoS.
DIE GEBURTSDARSTELLUNG.
DaĂź es in der antiken Welt ein Erfordernis kĂĽnstlerischen An-
standes war, die Linienform zu mildern, ersehen wir auch aus
den ägyptischen Schwangerschaftsdarstellungen, von denen wir an
dieser Stelle noch das Reliet mit der schwangeren Königin Ahmes,
der Mutter der Königin Hatschepsut, die von den Göttern in das
Geburtszimmer gefĂĽhrt wird, bringen (Fig. i6o). Das Relief ent-
stammt dem Tempel zu Deir el Bahari ^).
Kunstwerke, welche den Moment der Geburt in Stein gearbeitet
testhalten, gibt es als größere Monumente meines Wissens nicht;
dagegen ist dieser dramatische Moment der Trennung der neuen
Existenz von der Mutter mehrfach in der Kleinplastik wieder-
gegeben. Wir finden bei den Inkas bereits eine solche Darstellung
1) Näheres s. Naville, Temple of Deir el Bahari II. Tafel 49.
268
SCHWANGERSCHAFT.
(s. Fig. i6i)'). Das Museum für Völkerkunde in Berlin besitzt auch
aus Bali (Niederländisch-Indien) Terrakottengruppen, welche die
Geburtshilfe veranschaulichen. Ein frĂĽhes Beispiel der Entbindung
auf einem Lager bietet eine antike Kalksteingruppe aus Cypern,
welche in dem Prachtwerke von Cesnola") abgebildet ist, und,
in dem Tempel von Golgoi gefunden, sich jetzt im Metropolitain
Museum of Art in New York befindet.
H. Floß bildet diese Szene mit den ergänzten Köpfen in seinem
Werke (Seite 201) ab. Die Gruppe ist
ĂĽbel zugerichtet, wird von Cesnola
als Votiv aufgefaßt und stand am nörd-
lichen Eingang des (Artemis- ?)Tempels
in Hagios Photios. Cesnola stellte
lest, daĂź die cypriotischen Hebammen
sich noch heute der gleichen niedrigen
StĂĽhle bedienen, wie sie die kleine
Plastik aufweist.
FloĂź bildet (Seite ]C)^) eine inter-
essante spätägyptische Entbindungsszene
nach Witkowski ab. Das Basrelief
aus der Ptolomäerzeit stellt die Nieder-
kunft der Göttin Ritho vor. Die Stel-
lung der KreiĂźenden ist eine sonder-
bare. Sie kniet und erhebt dabei den rechten Arm hoch in die
Lutt, den eine hinter ihr stehende Person stĂĽtzt. Mit dem linken,
nach rückwärts erhobenen Arm hält sie sich am Halse dieser
Dienerin fest. Die vor ihr kniende Hebamme hält den Neu-
geborenen. Dahinter steht eine Frau mit ausgebreiteten Armen.
Eine ähnliche ägyptische Geburtsszene zeigt unsere Abbildung
(s. Fig. 162). Bei dieser Gelegenheit erwähnen wir, daß die eigent-
liche ägyptische Geburtsgöttin Heqt mit Krötenkopf dargestellt wird.
Reproduktion .
Fig. 160.
Die schwangere Königin Ahmes.
') Näheres s. im Inkakapitel.
^) Cesnola, L. P. di, A descriptive .^tlas of the Cesnola Collection of Cypriote Anti-
quities 1885.
GEBURTSDARSTELLUNG.
269
FloĂź erinnert dabei mit Recht an die auch von uns besprochenen
Beziehungen, welche im Volksglauben zwischen Kröte und Gebär-
mutter bestehen.
Ori^. -Alt/n. Berlin { Dahlem^, l\<[kerkundeiniiseu7H,
Fig. 161. Geburtsdarstellung auf einem peruaniscliem Huaco.
Im Neapeler Nationalmuseum fand ich eine antike Eltenbein-
schnitzerei, welche wohl als Verzierung irgendeines Hausgeräts
.\ atli tili)!
akkaiaJ!
Fig. 162. Ägyptische Niederkunft.
gedient haben mag. Ich glaube, daĂź diese Darstellung eine Ent-
bindungsszene vorstellt; die KreiĂźende sitzt im Freien auf einem
Gebärstuhle, ihre Füße ruhen auf einer Fußbank (s. Fig. 163). Die
2^0 SCHWANGERSCHAFT.
Haltung ihrer Arme ist beinahe identisch mit unserer x\bbildung
einer ägyptischen Entbindung aus den Gräbern von Sakkarah in
Fig. 162, sowie der von AVitkowski (FloĂź Seite 199) beschriebe-
nen ägyptischen Entbindungsszene der Göttin Ritho. Die Schwan-
gere, wohl eine Göttin, stützt sich mit der hoch erhobenen Rechten
auf einen Stab; der linke Arm ist maximal nach oben geschlagen
und umklammert den Hals einer hinter ihr stehenden Ferson, welche
ihrerseits mit ihrer Linken die Seite der (jebärendcn stützt. Xor dieser
' ^rig.'Au/n. Neapel.
Fig. 163. Geburtsdarstellung. Antike Elfenbeinschnitzerei aus Pompeji.
sitzt in einer famos getroffenen Stellung die Hebamme, welche in
ihrer rechten Hand einen rundlichen Gegenstand hält (Schwamm ?),
mit ihrer linken Hand aber die entblößten Beine der Frau auseinander-
zudrängen versucht. Das linke Bein der Kreißenden stemmt sich
gegen den FuĂź der Hebamme, hinter der Hebamme steht eine von
Gewändern dicht verhüllte Matrone, welche mit den beiden aus-
gestreckten Händen entweder Segen spendet oder auch das Neu-
geborene zu empfangen bereit ist. Diese als häusliche Szene im
Katalog beschriebene, gut erhaltene Schnitzerei stammt aus Pompeji.
WOCHENSTUBE.
271
Viel häutiger ^Yie der Moment der Geburt selbst ist die Wochen-
stube Gegenstand der darstellenden Kunst geworden. Es bedarf
keiner weiteren Erklärung, daß die Wochenstube dem Künstler m
jeder Beziehung ein erfreulicherer Vorwurf war. DaĂź aber die
Fig. 164. Die Geburt der Jungfrau. Basrelief vom Tabernakal Orcagnas.
Orsanmichele, Florenz.
Vielheit der Personen und die immerhin doch bewegliche Hand-
lung sich besser fĂĽr die Malerei eignete als fĂĽr die Behandlung in
sprödem Stein, das ergibt schon ein Blick in die zusammenfassende
treffliche Arbeit Robert MĂĽllerheims'). Wir wollen hier nur
') Robert MĂĽllerheim, Die Wochenstube in der Kunst. Ferdinand Enke 1904.
272
SCHWANGERSCHAFT.
die schöne Szene von dem Tabernakel Orcagnas in Orsanmichelc
zu Florenz wiedergeben (Fig. 164). Die erfreuliche Szene schildert
uns die Geburt der Jungfrau und, mit der stolzen Betrachtung des
Athen, Xut.-Mi(scu!ii .
Fig. 165. Fig. 166.
Lelcythos, der Tod der Theophante. Lekythos, einen Entbindungstod darstellend.
Neugeborenen, die Liebkosung der Mutter, die ein Lächeln auf den
ZĂĽgen des Kindes hervorrufen will.
Im Gegensatz zu solch froher Familienszene interessieren aber
TOD IN KINDSNOTEN.
273
den Arzt mehr die Darstellungen des Todes der Wöchnerin. Aut
antiken Grabsteinen finden wir solche Darstellungen ziemlich häufig.
Im Athenischen Xationalnuiseum befindet sich unter Nr. 749 eine
Grabstele mit sehr Hachem, beinahe wie ein Bild wirkendem Re-
liet, welches in dem attischen Oropos gefunden wurde (s. Fig. 167).
Stais, der gelehrte Ephore des Museums, beschreibt dieselbe fol-
gendermaßen: »Unsere Grabsiiule reproduziert die autregende Szene
der letzten Momente einer frau in Kindesnöten; die Sterbende ist
dargestellt in dem iMomente, in dem sie, von einer Dienerin unter-
stützt, rückwärts auf ihr Lager fällt. Eine ältere Frau, wahrscheinlich
die Mutter, stürzt zu ihrer Hilfe und hält sie am Arme fest; ein
bärtiger Mann, ohne Zweifel der Gatte, assistiert der Szene, vor
Schmerz gebrochen, das Haupt gestĂĽtzt auf die linke Hand. Wenig
fleiĂźige Arbeit, aber nach der Form der Lettern unter dem Giebel
aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts.« Wir möchten noch vom
medizinischen Standpunkte aus folgendes hinzufĂĽgen. Obwohl das
Lager der Frau eher ein Sessel ist, allerdings hinten ohne Lehne,
und statt dessen mit Kissen, scheint nach der gespreizten Haltung
des rechten Beines die Frau vorher gestanden zu haben, und sie
wirft sich nun in den letzten ZĂĽgen zurĂĽck auf ihr Lager, mit den
Händen überall nach einem Halt suchend. Gerade die Dissonanz
zwischen den Bestrebungen der Dienerin, welche die Frau sacht
auf die Kissen zu ziehen bemĂĽht erscheint, und der vor ihr Ste-
henden, welche sie wiederum zu halten bestrebt ist, ergibt sich
eine aufregende Situation des dramatischen Lebensschlusses. Das
Kind ist offenbar noch nicht geboren, sonst wĂĽrden wir es auf
dem Relief wiederfinden. Leider ist das Gesicht der Sterbenden
total verstĂĽmmelt; wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen,
daß der Mund leicht geöffnet war, um den Todesschrei der Ärmsten
anzudeuten. Die Gebärde des Mannes drückt völlige Gebrochenheit
aus. Er verhĂĽllt sein Haupt und schlieĂźt die Augen, um seinen
Schmerz nicht sehen zu lassen.
Der Gatte auf einer gleichartigen Lekvthos, welche den Tod
der Theophante zeigt, faĂźt sich verzweiflungsvoll an die Stirn.
iS
Holländer, Plastik und Medizin.
274
SCHWANGERSCHAFT.
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Orlg.-rhot. des Deutscli. Arch. Inst. Allu-ii.
Fig. 167. Attisches Grabreliei 4. Jahrh, Tod in Kindsnöten.
TOD IM WOCHENBETT.
•7>
Die junge Frau scheint im Begriffe zu sein, zusammenzusinken
(s. Fig. 165). Älmliche Auffassung zeigt noch eine andere Lekythos
(s. Fig. 166). Ein viel poetischeres Gemälde,
welches noch heute dem Beschauer GefĂĽhle
von Mitleid und Wehmut einflößt über das .<
menschliche Los ĂĽberhaupt und ĂĽber das
grausige Schicksal, das dieses schöne atti-
sehe Weib betroften hat, zeigt uns der Grab-
stein Xr. 819 des Athenischen Museums.
Dieser 1839 in Piräus gefundene pentelische
Marmor gibt sich als hervorragende Arbeit
aus dem Anfange des 4. Jahrhunderts (siehe
Fig. 173). Wir sehen da auf einem reichen
Fauteuil eine auffallend ĂĽppige Frau, umgeben
von klagenden Gestalten, besonders die der
Toten gegenĂĽberstehende drĂĽckt den tiefen
Orig.-Au/n. Berlin.
Fig. 16S. Terrakotta.
Spitzbauch.
Schmerz in ihrer ganzen Haltung aus. DaĂź es
eine Wöchnerin war, die hier im Tode ver-
ewigt werden soll, beweist das Neugeborene, welches eine Dienerin
in den Händen trägt. Auf das kleine Köpfchen des-
selben, welches in einer MĂĽtze steckt, legt eine andere
Frau schĂĽtzend die Hand, welche
allein von dieser noch erhalten ist.
Ob der Gatte noch auf dem Steine
porträtiert war, erscheint zweifel-
haft; auf ihrem Schöße hält die
Verstorbene einen Kasten , der
vielleicht ihre Juwelen enthielt.
Sicherlich sind diese von uns
gezeigten Grabbilder nur Tvpen
aus der groĂźen Zahl e:leicharti2:er.
Orig.-Aii/n. Berlin, Mitseittn.
Fig. 169.
Attische Terrakotta.
in ihrer Einfachheit groĂźartigen
und wirkungsvollen Totensteine.
Das RĂĽhrende, welches in diesen
Orig. -Au/n .
Berlin, Musenui.
Fig. 170.
Von der Seite.
276
SCHWANGERSCHAFT.
marmornen familiären Ahschiedsszenen überhaupt liegt, zeigt sich
dann erst in seiner ganzen Größe und zum Herzen sprechenden
Eindringlichkeit, wenn man die Schilderung solcher Szenen vergleicht
mit einem Meisterwerke aus der Renaissancezeit. Hier steht eine
der Antike angeborene reine Größe des Getühls und des Taktes
Orig.-Au/n. Athen, .Xal.-Miiseum.
Fig. 171. Anlegung einer Brustbinde.
Orig.-Ati/n. Ailieu, Sat,-I\lHscii)ii .
Fig. 172. Attische Terrakotta.
gegenüber der meisterhaften Beherrschung des modernen Könnens.
Auf der einen Seite wird weihevolle Stimmung auch in den Räumen
des Museums noch ausgelöst, während dieselbe Szenenschilderung
uns nur mit Bewunderung erfĂĽllt vor dem Genie eines Verrocchio.
Das figurenreiche Relief (s. Fig. 176) im Bargello in Florenz zeigt
den Tod der Gemahlin des Giov. Tornabuoni, nachdem sie soeben
ENTBINDUNGSTOD.
277
Zwillingen das Leben geschenkt hat. Dieses aus dem Jahre 1477
stammende Kunstwerk des Andrea Verrocchio befand sich ursprĂĽng-
lich als Grabmalschmuck in der
Kirche Santa Maria sopra Minerva;
es besteht aus zwei Pendants, von
denen das eine den Tod der jungen
Mutter veranschaulicht. Sie liegt
halb aufgerichtet aut ihrem Lager,
umgeben von ^^^eibern, welche alle
Grade leidenschaftlicher Erregung
und Trauer zum Ausdruck bringen:
von der zu FĂĽĂźen des Bettes kauern-
den stummen Resignation bis zum
hysterischen Schreikrampf und wil-
den Schmerzparoxvsmus. Das Gegen-
stĂĽck versucht es wenigstens, die
Lotidon, l'ikioria :nid Alhcrt Ahtsa
groĂźe
lösen,
Fig. 173. Bronzeplakette,
kĂĽnstlerische Autgabe zu Bacchantin Milch in ein Rhyton spritzend.
i- Ti T • 1 1 r^ C" \ ^ Donatello zugeschrieben.
die Mischung der Getuhle
zwischen der Freude ĂĽber den Anblick der Neu-
geborenen und der Trauer ĂĽber den Verlust in
ĂĽberzeugender Weise plastisch zum Ausdruck
zu bringen.
Ploß erwähnt in seinem Meisterwerke einige
holländische Grabsteine portugiesischer Jüdin-
nen, denen der Tod bei der Entbindung trau-
riges Schicksalslos war. Die Gläubigen fanden
Trost in der Geschichte ihres ^'olkes und er-
Lomion, viktoriau. Albert Mus. jnnertcn auf deu Grabmonumenten an den Tod
Fig. 174. Die Jungfrau mit u , i r i -i^- 1 t: l .1 /r n 1
dem Jesusknaben. der Rahel aut dem W ege nach hphrath (I. Buch
Von Antonio AbOT^dio aus Mailand, jvioses, jj.Kap.).' »Da Ihr aber die Gcburt so
schwer war, sprach die Wehmutter zu ihr,
fĂĽrchte dich nicht, denn diesen Sohn wirst du auch haben. Da ihr
aber die Seele ausging, daĂź sie sterben muĂźte, hieĂź sie ihn Ben-
Oni, aber sein Vater hieß ihn Ben-Jamin.« Die plastische Dar-
278
SCHWANGERSCHAFT.
stelluno; dieser Szene auf dem Grabsteine ist der einziehe diskrete
und rĂĽhrende Hinweis auf die Todesart der Verstorbenen.
Athfti, S\at.-3lHsctttn.
Fig. 175. Grabmonument einer Wöchnerin. 4. Jahrh.
Wir mĂĽssen an dieser Stelle noch die Verheerungen kurz er-
wähnen, welche die Gravidität an dem Frauenkörper hervorruft.
Ohne daĂź wir berechtigt sind, von Krankheitscrscheinunoen zu
DER. TOD DER RAHEL.
279
28o SCHWANGERSCHAFT.
sprechen, linden wir doch die Verunstaltungen des Frauenkörpers,
namentlich die puerperischen Veränderungen des Bauches und der
Brust vielfach drastisch und selbst in grotesker Betonung dargestellt;
allerdings mit Vorliebe oder beinahe ausschlieĂźlich in der helle-
nistischen Kleinkunst. Uns, die wir gewohnt sind, das körperliche
Schönheitsideal der Aphrodite in tausendfacher Schilderung vor
Augen zu haben, fällt es schwer, beim Anblicke dieser Hängebäuche
und Schlotterbusen (s. Fig. i68 bis 172) daran zu denken, daĂź das
vormals Geschlechtsgenossinnen der Phryne und Aspasia waren.
Die Spitzbäuche und Faltenbildungen suchte man damals wie heute
zu verhindern und ihnen zu begegnen. Wir sahen bereits eine
Göttin mit einer Schwangerschaftsbinde, wir zeigen hier noch
die sich häufiger wiederholende Form einer Brustwicklung bei einer
Tanag-rastatuette des Athenischen Nationalmuseums.
Das Trinken der Kinder an der Mutterbrust ist von alters her
eine beliebte Darstellung; gewesen. Namentlich Isis ist tausend-
fältig in kleinen Bronzestatuetten dargestellt mit ihrem Kinde an
der Brust. Der griechisch-römischen Kunst lag dieses Sujet we-
niger. Die christliche Kunst dagegen sah in dem Nährakt den
schönsten Vorwurf für eine künstlerische Betätigung. Darstellungen
der Madonna mit dem trinkenden Jesusknaben sind Legion.
KRÄNKHEITSDÄRSTELLUNGEN.
s hieĂźe die Grenzen von Malerei und Plastilc bestimmen,
wollten wir uns darauf einlassen, die VorzĂĽge dieser Kunst-
leistungen gegeneinander abzuwägen. Tatsache ist es,
daĂź im Altertume, wenn wir den Schriftstellern und namentlich
Plinius Glauben schenken sollen, die Plastik die Malerei allmäh-
lich verdrängt hat. Zum Schluß, als in Rom die Begierde nach
Luxus den guten Geschmack und kĂĽnstlerischen Sinn vernichtet
hatte, ging man daran, unter Verwendung der verschiedensten
Marmorarten, von Bronze und selbst Gold, plastische Gemälde zu
schaffen. Diese Kombination von Farbenkunst und Plastik, welche
fĂĽr unser Auge durchaus unkĂĽnstlerisch wirkt, ist neuerdings ver-
wendet worden, um realistische Krankheitsbilder herzustellen. Zum
Lernen und Lehren hat man das bunte Bild auf den natĂĽrlichen
körperlichen Untergrund gebracht und die bemalte Moulage ge-
schaffen. Diese gibt beinahe restlos die Vorstellung einer oberfläch-
lich aeleoenen Krankheit mit vollendetem Realismus. Namentlich
die Dermatologie hat aus dieser Form des Anschauungsunterrichtes
schon seit langem Nutzen gezogen und gelegentlich sogar von
Krankheiten, die sich über die ganze Körperoberfläche verbreiten,
statuarische Nachbildungen mit natĂĽrlicher Farbenbildung geschaffen.
SchlieĂźlich aber werden diese Leistungen des Kunsthandwerkes
zwar zum Lehrzweck Anerkennung finden, aber kaum ästhetische
Befriedigung bereiten. Man kann ĂĽber den Naturalismus in der
Kunst denken, wie man will; auch Krankhaftes und Frbärmliches
kann, durch KĂĽnstlerhand gebildet, unsere Bewunderung hervorrufen.
So berichtet schon C. Plinius in seiner Naturgeschichte (Buch 35,
Kap. 36, 19) von dem berĂĽhmten Aristides aus Theben, daĂź er einen
Kranken gemalt habe, welcher unendlich gepriesen wurde. Von dem-
selben Maler stammt auch der rĂĽhrende Zug, der so oft seit jener
282 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
Zeit, namentlich bei der Darstellung von Epidemien Nachahmung
gefunden hat, daß ein Säugling die Brust der toten Mutter verlangt.
Auch die Anatomie hat mit Vorliebe in \\'achs gearbeitete, oft
■mmmiä
Orig.-Aufn. Bet-liu-
F'g- '77- Wachsplakette der mediko-histor. Sammlung im Kaiserin-Friedrich-Haus.
künstlerisch bedeutende anatomische Präparate (s. Fig. 177) geschaffen.
Zur eigenen Belehrung und zum Studium fĂĽr andere haben her-
vorragende Künstler diesen Lehrpräparaten neben der \\'ahrhaftigkeit
und Naturtreue in der Darstellung oft auch kĂĽnstlerischen Wert
zu geben versucht. Wer einmal /. B. die sorgfältigen, wirklich
KĂśNSTLERSTUDIEN. 283
vollendeten anatomischen Wachspräparatc des Florentiner Clem.
Susini aus dem i8. Jahrhundert gesehen hat, wird dies bestätigen.
Es ist aber auch als Ausdruck der historischen Tatsache, daĂź die
Orig.'I'hot LofuioH, i'iktoria u. Albert Micseum.
Fi". 178. Anatomische Wachsstudie von Michelangelo zum Bacchus.
Anatomie ihre eigentliche Wiedergeburt unter Beistand hervorragen-
der KĂĽnstler erlebte, unter denen das Genie des Lionardo da Vinci
voranleuchtet, bedeutsam, daĂź die darstellende Anatomie einen kĂĽnst-
lerischen Einschlag erhielt. Betrachten wir doch nur die anatomi-
schen Druckwerke bis in das iN. Jahrhundert hinein. Da stehen die
284
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Ori^rPhot. London, l'ikt. u. A16. Mus
Fig. 179.
MetallguĂź nach Wachsmodell.
FrĂĽher Michelangelo zugeschrieben als
Studie zu einem Marsyas.
Wahrscheinlich florent. Arbeit des
17. Jahrh.
(Cigoli oder Marco Agrate.)
Skelette und die Muskehiienschen in monu-
mentaler Pose, Ott auch noch in irgendwelche
RĂĽstung oder theatralisches Gewand ge-
kleidet. EigentĂĽmlich berĂĽhrt es uns heute,
die wir die reine Wissenschaft gänzlich ohne
kĂĽnstlerischen Glorienschein lieben , die
Skelette des Vesalius in der Haltung eines
Totengräbers dargestellt zu sehen, oder in
Nachdenken versunken ; oder Muskelmänner
schreiten durch eine heroische Landschaft.
Grotesk direkt wirken die etwas späteren
NachzĂĽgler dieser kĂĽnstlerischen Darstel-
lungsart. Um z. B. den inneren Situs eines
Weibes zu zeigen, zeigt man eine aut ein
elegantes PfĂĽhl gelagerte Frau, die sich selbst
den geöffneten Leib auseinanderhält. Oft-
mals wurden allerdings Holzschnitte anderer
Herkunft verwendet, in die man die ana-
tomische \^orlage einlegte, was dann das
Bizarre erklärt. Diese eigenartige »Kunst-
anatomie« schuf gelegentlich durch die
Meisterhand eines Plastikers Statuen von
Muskelmännern von solcher Schönheit, daß
sie auch heute noch als eine Zierde der
Renaissanceplastik gelten (s. Fig. 178).
Oftmals waren es zunächst nur \'ersuche
von KĂĽnstlern zur eigenen Belehrung; im
Kensington-Museum bewahrt man solche
a-natomischen Vorstudien in Wachs auf, die
man wohl deshalb auf Michelangelo zu-
rĂĽckfĂĽhrt, weil wir von ihm auch sonst
Zeichnungen dieser Art kennen und weil
ihre Haltung mit der ausgefĂĽhrten Statue
ĂĽbereinstimmt (s. Fig. 179).
KĂśNSTLERSTĂśDIEN. 285
Es wäre eine ganz interessante Aufgabe, die plastische Dar-
stellungen dieser Art einmal zu sammeln. SchlieĂźlich handelt es sich
bei ihnen doch immerhin nur um kunstanatomische Studien, die
eben von Meisterhand ausgefĂĽhrt sind, und die deshalb fĂĽr unsere
Aufgabe nur eine Nebenrolle spielen. Mit der ausgesprochenen
Absicht eine Krankheit plastisch zu schildern, nicht als voraus-
setzungsloses Kunstwerk, sondern im Dienste der Medizin, haben
nun sreleq-entlich Bildner auch Krankheitstvpen modelliert und zwar
nicht nur solche, deren Wesen an der Oberfläche hattet. Ich
spreche hier nicht von den erwähnten plastischen ^Abgüssen der
Lepra, Lues oder selbst der Psoriasis, sondern von der Skulptur
der Veränderungen des Skelettes in seiner Haltung und Form, wie
sie angeborene oder auch erworbene Krankheiten hervorbringen.
Hier muß feiner künstlerischer Sinn und großes plastisches Können
zusammengehen mit dem geschulten Blick des Mediziners; wirklich
Vollkommenes wird nur dann geleistet werden, wenn alle diese
Eigenschaften in einer Hand vereinigt sind. Ich denke hier in erster
Linie an die vollendeten plastischen Schöpfungen von Krankheits-
typen durch den Akademiker Paul Rieh er, den berĂĽhmten und
bedeutenden Mitarbeiter des groĂźen Charcot')- Die Fortschritte
auf dem Gebiete der Reproduktionskunst, namentlich aber auch die
bildliche bewegliche Vorführung solcher Anomalien der körper-
lichen Haltung und Bewegung haben aber der medizinischen Beleh-
rung andere Wege gewiesen.
Wir haben schon mehrfach des Skeletons erwähnt, das der
Altmeister unserer Kunst in Kos als Weihgeschenk aufgestellt hat.
Es ist immerhin möglich und von mehreren Seiten auch betont
worden, daĂź sich der auftallige Befund hellenistischer Keramiken
an mehreren Punkten Kleinasiens, namentlich aber in der Gegend
von Smvrna so erklären lassen, daß diese kleinen realistischen
Kunstwerke zu Unterrichtszwecken gedient hätten; namentlich Felix
') S. Nouvelle Iconographie de la Salp. Bd. XI, 1S9S. Henry Meige, Sur une
Statuette representant Linfantilisme myxoedemateux mit einer Statuette von Richer, ferner
Statuetten von primitiver Myopathie, Parkinsonscher Krankheit usw.
286 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
Regnaul t hat die Gau din sehe Sammlung antiker hellenistischer
Terrakotten von diesem Gesichtspunkte aus eitrig studiert und an
verschiedenen Stellen die koroplastischen antiken Darstellungen als
Krankheitstvpen formuliert, nachdem schon vorher der griechische
Kollege Tsakvroglos den Gegenstand zusammenfassend bearbeitet
hatte'). Wenn er auch meines Erachtens in der Deutung dieser
Werke hellenistischer Kleinkunst sowohl in ihrer allgemeinen wie
speziellen Auffassung vielfach zu weit gegangen ist, so bleiben
doch einzelne Terrakotten ĂĽbrig, bei denen man die Idee nicht
vollkommen von der Hand weisen kann, daĂź hier vielleicht auch
zu Lehrzwecken Krankheitsdarstellungen geschaffen wurden. Wir
müssen uns an dieser Stelle mit dem Hinweis auf diese Möglich-
keit begnĂĽgen, da wir noch im Laute dieses Kapitels uns speziell
mit diesen Terrakotten aus Smvrna beschättigen müssen.
ANTIKE EXVOTOS MIT KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Aus der Gruppe der plastischen Krankheitsdarstellungen inter-
essiert uns wohl am meisten das Krankheits-Exvoto; der naive und
gläubige Mensch nähert sich dem Gotte mit der aus ärmlichem
Dasein geborenen Vorstellung eines Bittgeschenkes. Es ist dabei
für den Kundigen betrüblich, daß selbst bei diesem göttlichen Ge-
schäfte sich das alte Sprichwort bewährt »vom Tauschen und Be-
trügen«. Denn wer in Not und Pein der Gottheit eine goldene
Statue oder einen Tempel verlobte, befriedigt geheilt sein Gewissen
durch Stiftung eines vergoldeten FigĂĽrchcns. Am ehesten ver-
ständlich sind diese Beziehungen zwischen göttlicher Macht und
Menschtum im Rahmen der semitischen Weltauffassung; die \^or-
stellung einer strafenden Gottheit hatte als naturgemäße Folge-
rung deren Versöhnung durch Geschenke, die Entsündigung durch
Weihgabe. DaĂź solche Weihgeschenke ĂĽberall , wo sie ĂĽber-
haupt gemacht wurden, Körperform annehmen konnten, das sahen
') 'l7rnciv.f/ativ.ä nprjtiiita -qtoi -r, icdf/'.y.Tj iv Tfi xspajiEiv.r^ z'ffi Sjiypvr);. Athen 1905. 26 S.
151 Abbildungen.
ANTIKE EXVOTOS. 287
wir bereits. Wir fanden solche Objekte aus prähistorischer Zeit
in Cypern, in xMvkene und anderwärts. Daß aber auch krank-
hafte Körperform frühzeitig als \'otivgabe geopfert wurde, dafür
ist uns ein willkommener literarischer Beleg die Geschichte der
Philisterpest.
Um das Jahr lefe^Tbr Chr. nahmen die Philister den Israeliten
die Bundeslade ab und brachten sie in das Haus Dagons und
stellten sie neben ihren Gott. Am nächsten JMorgen aber landen
sie den Gott auf dem Gesicht zur Erde liegen vor der Bundeslade;
nachdem sie ihn auf dem alten Platz wieder aufgestellt hatten,
fanden sie ihn am anderen Morgen mit abgehauenen Händen und
enthauptet zur Hrde; dann schlug die Hand des Herrn die Leute
von Asdod mit Beulen. Und die Philister von Asdod erkannten,
daĂź die Lade Unheil brachte und schickten sie ihren Landsleuten
nach Gath, einer anderen Hauptstadt des Landes.
»Da sie aber dieselbe dahin getragen hatten, ward durch die
Hand des Herrn in der Stadt ein sehr groĂźer Schrecken und schlug
die Leute in der Stadt, beide klein und groĂź, also daĂź an ihnen
Beulen ausbrachen.« Und sie gönnten die Lade einer dritten Haupt-
stadt Ekron. Die aber merkten den Braten und versammelten alle
Fürsten und \'olk und sprachen: »Sendet die Lade des Gottes
Israels wieder an ihren Platz. Und welche Leute nicht starben,
die wurden geschlagen mit Beulen, daĂź das Geschrei der Stadt aut
gen Himmel ging.« Und nachdem die Lade sieben Monate im
Lande der Philister war, berief man die Priester und Weissager
und sie sprachen: »W^ollt ihr die Lade des Gottes zurücksenden,
so sendet sie nicht leer, sondern mit Schuldopfer, aut daĂź ihr ge-
sund werdet, fünf güldene Beulen und fünf güldene Mäuse. So
müsset ihr nun machen Bilder euerer Beulen und euerer Mäuse, die
euer Land verderbet haben . . . Und nun nehmet einen neuen
Wagen, legt die Lade auf den Wagen und die gĂĽldenen Kleinode,
die ihr zum Schuldopfer gebt, tut in ein Kästlein neben ihrer Seite.«
»Dies sind die güldenen Beulen, die die Philister dem Herrn zum
Schuldopfer gaben« (Samuelis I, Kapitel 6).
288
KRANKHEITSDARSTELLUNGEX.
-^
Zweierlei geht aus dieser Geschichte mit Sicherheit hervor, daĂź
ein Krankheits-Exvoto im elften vorchristlichen Jahrhundert aus
Gold gespendet wurde, und daĂź gleichzeitig mit einer Bubonenpest
eine iMäusepIage auftrat. Aus der gleichzeitigen Votivgabe der
Mäuse resultiert, daß die Philister irgend einen inneren Zusammen-
hang zwischen Pest und Mäuseplage angenommen hatten.
Ein größeres \'erständnis für göttliche Gnade setzte die Gepflogen-
heit voraus, dem Gotte das Abbild eines gesunden Gliedes oder
Körperteiles zu stiften, in der Meinung und Hoftnung, dafür selbst
Orisr.-Au/ii. Rom, Etriisk. Alusetnn.
Fig. iSo. Terrakottavotiv einer Brust auf quadratischer Basis.
an dem gespendeten Körperteil zu genesen. Erscheint auch zu-
nächst dieses Geschäft eindeutig und durchsichtig, so gibt es doch
FalltĂĽren und Nebengassen. Nehmen wir z. B. ein Erkranken der
weiblichen Brust an, tür deren Häufigkeit außer unserer ärztlichen
Erfahrung auch die Unmasse der gespendeten Teile spricht, so
finden wir aus jedwedem Material EinzelbrĂĽste und DoppelbrĂĽste.
Schon bei Vorhandensein des ganzen Busens tritt die Frage in den
Vordergrund, sind denn auch beide BrĂĽste krank gewesen? Ich
neige dazu, diese Frage zu verneinen und anzunehmen, daĂź es
KRANKHEITSEXVOTO. 289
Weihgeschenke waren , mit Bezug auf die aUgemeinere Funktion
derselben bei jungen MĂĽttern oder gelegenthch auch auf derselben
Ideenrichtung beruhend, die die Hetären veranlaßte, der Aphrodite
das Abbild ihres Genitale zu opfern. Lehrreich iĂĽr die Auffassung
solcher Spende ist eine Terrakotta aus der Etruskischen Sammlung
in der \'illa di Papa Giulio. Da sehen wir auf einer quadratischen
Basis nur die eine Brust geformt, die entsprechende Stelle der an-
deren rechten Seite jedoch freigelassen, nicht etwa abgebrochen!
(s. Fig. 180}. Hier mĂĽssen wir eine einseitige Brusterkrankung an-
nehmen. Offenbar war die dargestellte linke Brust erkrankt, die
rechte gesund und deshalb auch von der Hilfesuchenden nicht
berĂĽcksichtigt. Hs liegt aber nahe anzunehmen, daĂź absichtlich,
damit der Gott sich nicht irrte, die Kranke diese Darstellung ge-
wählt hat und sich nicht mit der Darbringung einer Einzelbrust
begnügte. Das Dogma von der Allwissenheit göttlicher \"orstellung
existierte noch nicht und deshalb war man bestrebt, sein Leiden
auch ĂĽberzeugend dem Gotte zu schildern, (jing man nun per-
sönlich in den Tempel des Heilgottes, so zeigte man seinen Schaden
und opferte dafĂĽr. Wie wir sahen, schickte man aber auch seine
\"erwandten oder Diener zur Inkubation in den Tempel, und diese
nahmen dann, wie ich annehme, gewissermaĂźen zur Illustrierung
des Krankenberichtes, zur Unterweisung des Heilgottes, die Krank-
heit in efhgie mit. Eine eintachere Erklärung tür die allerdings
wenig zahlreich gefundenen Krankheitsdarstellungen in Heilbezirken
kann ich nicht recht finden. Daß man dann später das kranke
Glied oder Organ als Weihgeschenk aufstellte, dafĂĽr ist einwand-
freier Beweis die kleine 23 cm breite und 13 cm hohe Marmor-
basis, die Gaetano Gigli^) beschreibt und abbildet (s. Fig. 181).
Der Inhalt der Widmung lautet: Neochares Julianus weiht dem
Asklepios, dem größten Gott, dem Retter, dem Wohltäter, durch
seine Hände von einem Milztumor befreit, das xA.bbild der (kranken)
Milz in Silber.
Der besondere Hinweis »durch seine Hände« läßt tür die Ver-
') Gigli, Bulletino della Commissione Archeolog. Communale di Roma, 1S96, Bd. 24.
Holländer, Plastik und Medizin. '9
290
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
mutung Raum, daĂź dieser griechische Freigelassene durch einen
operativen Eingriff gerettet wurde. Wenn auch dieser groĂźe
silberne Milztumor, der frĂĽhzeitig in einen Schmelztiegel ge-
wandert ist, dessen Befestigungsklammern auf der Marmorbasis
aber noch ersichtlich sind, in Wirklichkeit modelliert dastand, so
ist es für mich doch sehr zweifelhaft nach den Befunden ähn-
licher Art, ob hier wirklich das Modell z. B. einer Malariamilz
geweiht war oder nicht vielmehr ein StĂĽck silberner Phantasie.
Diese Phantasie spielt leider auch
eine groĂźe Rolle bei der Diagnosen-
stellung von Krankheitsformen, die
eine oft primitive Kunst, manch-
mal aber auch die flĂĽchtige Ar-
beit eines Kunsthandwerkers schul.
Wir mĂĽssen uns vielfach damit be-
snĂĽoen, mit Bestimmtheit die Ab-
sieht einer Krankheitsdarstellung zu
erkennen und froh sein, Wahr-
scheinlichkeitsdiagnosen stellen zu
können. Eine erfreuliche Ausnahme
hiervon bietet eine Widmung, die
gleichzeitig als erste dieser x\rt be-
schrieben wurde.
A. Keirte') weist in seinem
interessanten Aufsatz »Bezirk eines
Heilgottes« zuerst auf eineKrankheitsdarbringung ungetähr folgender-
maßen hin. »Ein nach links stehender bärtiger Mann umfaßt mit
vorgebeugtem Oberkörper mit beiden Händen ein kolossales Bein,
das vor ihm auf dem Boden steht und ihm bis an die Brust reicht
(s. Fig. 182) . . . An dem Kolossalbein tritt sehr auffallend eine
starke Ader hervor, die sich von der linken Hand des Mannes bis
zum Knöchel erstreckt. Ohne Zweifel soll sie das Leiden andeuten,
von dem der Kranke durch den Gott befreit wurde. Er litt eben
') Mitteilungen des Kaiserl. Deutsch. Archäolog. Institutes. Athen 1893, Bd. 18.
Reproduktion aus Bulletino Arch. di Roma,
Fig. iSi. Votivbasis f. t^eheilte Milzkrankheit,
KRANKHEITSEXVOTO.
291
,<^'
I
Orig.-Au/n. Atheji, Xaf .-Museum Magazin.
Fig. 182. Votivrelief mit Krampfadern Athen. Asklepieion.
292
KRANKHEITSDARSTELLUNGEX.
an Krampfadern. DaĂź die Szene im Heiligtum spielt, lehren die
beiden FĂĽĂźe, welche links von dem Bein in einer Nische aufgestellt
und ebenfalls als Weihgaben autzutassen sind.« Zu diesen Aus-
fĂĽhrungen macht Stieda') die Bemerkung, daĂź der neben dem
Bein stehende Mann das Bild seines kranken Beines dem Gotte
vor der Inkubation darbringt. »Der Mann ist nicht geheilt worden —
solche Leiden waren damals vollkommen unheilbar, sie sind es
auch zum Teil noch heute.«
Über die uns zwar nebensächlich erscheinende Frage, ob als
Dank für die Heilung oder als Bittgesuch zur Heilung das Körper-
idol in den Tempel gebracht wurde, läßt sich doch nicht aut diese
Weise zu Rande kommen; denn wenn Weihgeschenke nur nach reell
erfolgter Heilung gegeben worden wären, so würde wohl die Zahl
dieser Weihgeschenke eine recht geringe sein, und das ist auch
fĂĽr mich das Hauptargument dafĂĽr, daĂź man vorher das Bild des
kranken Gliedes opferte. Und dann noch eins! Die alten Ärzte
und die neueren nicht weniger haben die sonderbare Erfahrung
gemacht, daĂź die Dankbarkeit der Patienten schwindet mit dem
erreichten Ziel, und daĂź die, welche zu Beginn der Kur goldene
Berge ungebeten »verlobten«, geheilt meist in einem Abgrund ver-
schwanden. Sollten Asklepiospriester so divergente Erfahrungen
gemacht haben? Der häufige Hinweis auf Honoraransprüche in
den Heilberichten spricht nicht dafĂĽr. Doch kommen wir zurĂĽck
zu unserem Dedikanten Lysimachides, des Lysimachos Sohn aus
Acharnä. Er hatte Krampfadern, wahrscheinlich an beiden Beinen,
und weihte diese jedenfalls auch schon im Altertume als originell
empfundene Reliefdarstellung. Er sieht sich vielleicht im Geiste
schon geheilt und hat deshalb in der Nische die Abbilder der ge-
heilten FĂĽĂźe angebracht. Absichtlich hat wohl der KĂĽnstler an
diesem FuĂźpaar den Unterschenkel des einen Beines verkĂĽrzt,
um die fehlende Krampfaderbildung auf der Innenseite zu zeigen.
Die Argumentation Kört es, daß wir uns durch die Anbringung
dieser beiden ExvotofĂĽĂźe als in einem Hciltempel befindlich ver-
EXVOTOS.
293
setzt wähnen sollen, wird man wohl nicht autrecht halten können.
Zu welchem Zweck sollte das geschehen sein? Der Votivstein
fand ja im heiligen Bezirk Aufstellung, und jeder Beschauer wuĂźte
den Zweck. Wollte er besonders diesen Eindruck hervorrufen,
so hätte wohl der Kunsthandwerker, der diese Platte schuf, der-
selben, wie wir dies an den anderen Weihreliefs gesehen haben,
--
M
HP
1
London, British Miisciitn.
Fig. 1S3. Die Stele des Xanthippos,
die ĂĽbliche Tempeleinfassung gegeben. Noch ein Wort ĂĽber die
Darstellung selbst. Der moderne Chirurg, der ĂĽbrigens, wie ich
mit Hinblick auf die Bemerkung Stiedas betonen möchte, doch
häutig Gelegenheit hat, solche Zustände durch Operation zu heilen,
wird mir bestätigen, daß eine Krampfaderentwicklung, wie die aut
dem Votivbein geschilderte, kaum vorkommt. Die fehlende Kolla-
teralbildung ist so ungewöhnlich wie die Lokalisation und trotzdem
294
KRANKHEITSDARSTELLUXGEN.
die Krankheitsschilderung so eindeutig, daĂź keine andere Krankheit
in Frage kommt; doch spreche man nicht von realistischer Kunst,
sondern lieber von einer stilisierten \'ena saphena magna. Den-
jenigen, welche diesen interessanten \'otivstein vergeblich im
Athener Museum suchen, die Mitteilung, daĂź er, in zwei StĂĽcke
gebrochen, vorläufig im Magazin aut bewahrt wird.
Es wäre unrecht, an dieser Stelle dem Leser die Stele des
Xanthippos vorzuenthalten (Fig. 183). Wir sehen da in erheblich
besserer Arbeit im Stile des Parthenonfrieses einen Mann von mitt-
leren Jahren sitzen, der in seiner rechten Hand einen Fuß hält,
welchen er mit einer ausgesprochen ostentativen Geste vorzeigt. Die
Dimensionen dieses FuĂźes sind diesmal dieselben wie des eigenen.
Über die Deutung dieses Reliefs besteht schon eine größere Literatur.
Die Bildsäule geht unter dem Namen: »Grabsäule des Schusters Xan-
thippos«. Ich selbst hielt sie zunächst für ein dem vorigen analoges
Votivbild. Der Katalog des Britischen Museums (Xr. 628) gibt diese
Möglichkeit zu, während Fr ie derichs-Wol ters den Stein des
Xanthippos als Grabstele eines Schusters bezeichnet und den in der
Hand befindlichen FuĂź als Leisten ausgibt. Es muĂź unbedingt zuge-
geben werden, daß diese Möglichkeit besteht. Daß aber ein Schuster
mit so feinem Kopt und noch eleganteren Fingern den Ehrgeiz hat,
noch im Tode allen Menschen als Schuster zu gelten, und auĂźer-
dem noch materiell dazu in der Lage ist, das ist schon ungewöhn-
lich, und die Bäckersfrau mit ihren Brezeln auf dem Campo santo
in Genua wird gegen diesen antiken Rivalen Protest erheben. Und
noch eins. Mehr noch wie aut dem Bilde drĂĽcken aut der Marmor-
tatel die beiden Töchter eine staunende \'erwunderung oder Be-
wunderung aus, die sich ausdrĂĽcklich dem VotivfuĂź zuwendet.
Was gegen ein N'otivbild spricht, ist der dem Grabreliet typische
GiebelabschluĂź und ferner, daĂź Xanthippos sitzt. Nun, das letztere
erklärt sich vielleicht aus der Tatsache, daß er wegen seines Fuß-
leidens nicht stehen konnte. Aus diesen GrĂĽnden sind wir doch
vielleicht berechtigt, dies schöne und besonders gut erhaltene Relief
den A'otivsteinen mit ei2:enartis:er Fassun"; zuzuzählen.
VOTIVSTEINE.
295
Im Anschluß an diese \'otivsteine und zur Erläuterung derselben
habe ich in Sniyrna einen Votivstein aufnehmen lassen (s. Fig. 184),
der ein Bein mit Oberschenkel auf freiem Felde zeigt; der zu-
UA':^
Orig.-Att/H. Sinyrfta.
Fig. 184. Votivstein an Urania aus Koula.
gehörige Fuß sieht stark geschwollen aus und wurde auch für er-
krankt angesprochen. Der ^\■)tivstein stammt ungefähr aus dem
I. Jahrhundert n. Chr. und wurde von einem Stifter Lukios der
Urania geweiht für seinen Zögling. Die Annahme, daß es sich hier
1^6
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
um eine Krankheitsdarstellung handeln könne, für deren Heilung
die Urania zu Hüte gerufen wurde, bestätigt sich aber trotzdem
nicht. Obwohl die Urania, die Muse der Astronomie, natĂĽrlich
auch einmal als wirksame Göttin in Anspruch genommen werden
konnte, und die Beziehung des Heilgottes zu den Musen ja bekannt
ist, so finden wir auf einem zweiten Stein, ebenfalls in Koula
\
L...
Orig.-Au/n. Siityrna.
Fig. 1S5. Votivstein an Hermes aus Koula.
gefunden, ein Relief bein in grauem Marmor gearbeitet, welches
irgendwelche Krankheitssymptome aber vollkommen vermissen läßt.
Dieses Votivbild ist dem gerechten und gĂĽtigen Gott Hermes, des
Hypheistos Sohn, gewidmet zugunsten von Philippikos. Die Tat-
sache nun, daĂź wir gelegentlich auch beide FĂĽĂźe rcsp. beide Beine
auf einer Votivstele finden, und daĂź dieselben auch dem Hermes
VOTIVSTEINE.
297
geweiht waren, spricht dafĂĽr, daĂź mit Wahrscheinlichkeit ĂĽberhaupt
gar keine Krankheitsbilder geweiht werden sollten, sondern daĂź
ein steinernes Bittgesuch fĂĽr das gute Gelingen einer langen Reise
der Angehörigen vorliegt. Diesem Zweck entsprachen ja auch
schon ein Teil der zahllosen altitalischen FuĂź-Exvotos aus Terra-
kotta. Unbeschadet dieser Annahme erinnern wir daran, daĂź
Hermes') mehrfach als lokaler Heilgott galt (so in Amorgos).
Im AnschluĂź hieran wollen wir mit einigen Worten der Ano-
malien gedenken, die tatsächlich bei den zahlreichen Votivfüßen
vorkommen, welche in groĂźer Menge vorhanden sind. Die FĂĽĂźe
sind meistens in Terrakotta so gearbeitet, daĂź ein kleines StĂĽck
oberhalb des Knöchels die Tonmasse sich schließt und nur ein
zentrales kleines Loch bleibt. Gelegentlich ist das Ende auch in
abweichender Weise verarbeitet. Wir können als \'otivfüße nur
solche ansprechen, bei denen die Form keine Zweifel läßt, daß nur
der oder die FĂĽĂźe dargestellt werden sollten, da sonst die Annahme
berechtigt ist, daĂź es sich um ein BruchstĂĽck einer Statue handelt.
Solche VotivtĂĽĂźe in natĂĽrlicher oder verkleinerter oder winziger
Form sind so zahlreich, daĂź sie beinahe jeder kleinere Antiquar in
Italien noch heute in seinem Lager vorrätig hat. Meist handelt es sich
um nackte FĂĽĂźe, gelegentlich tragen sie aber auch Sandalen und
r>chuhwerk (besonders in Cypern). Felix Regnault hat (1. c.) hier
aut die \^eränderungen und die Verschiedenheiten der Zehenstellung
hingewiesen ; er hat Füße mit Fächerstellung der Zehen abgebildet,
auch Andeutung von Hammerzehen und PlattfuĂź. Ohne diesen
Darstellungen eine größere medizinische Bedeutung beizumessen,
glauben wir mit diesem findigen Autor besonders darauf hinweisen
zu mĂĽssen, daĂź diese Zehenstellungen zum Teil die Folge der antiken
FuĂźbekleidung sind, ^^'as aber mir selbst auch an den groĂźen, mit
wunderbarer Technik gearbeiteten xMarmorstatuen der besten Zeit
autgefallen ist, das ist die Behandlung der kleinen Zehe, besonders
an den Statuen des Lysippos. Dieser Meister bildet mit \'orliebe eine
ganz verkümmerte kleine Zehe in Kantenstellung und es wäre vielleicht
'~l Es ist auch möglich, daß Hermes hier Personenname ist und der Vater des Philippikos.
298
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
interessant, diesen Stileigentümlichkeiten ähnlich wie bei den Ohren
der verschiedenen Meister in den verschiedenen Epochen nachzugehen.
Im hiesigen Museum befindet sich ein Frag-
ment eines Rumpfes, welches mit Sicherheit ein
altitalisches Donarium ist und auĂźerdem auch
einen erkrankten Körperbau vorstellen soll. Das
eine geht aus der Fundstelle hervor, das andere
aus der Konfiguration des kleinen Bildwerkes.
Obwohl die verschiedenen Drehungen und Ver-
biegungen der W^irbelsäule im Sinne einer Lordo-
skoliose erst deutlich werden, wenn man den
Gegenstand in die Hand ninmit und von allen
Seiten betrachtet, habe ich es doch versucht, eine
oris.-A.^n.B.r,!n.^ruseu,.. Vorstellung dcs Fuudes zu geben (s. Fig. 186).
Fig. 186. Lordoskoiiose. Wir scheu den Rumpf von der Seite, die starke
Terrakottavotiv. i- i i j n • i i i i- i
\ orbucntung der Rippen, welche deutlich mar-
kiert sind und erl;ennen auch noch die Drehung der lordotischen
Wirbelsäule um ihre Achse.
Ein glĂĽcklicherweise unversehrtes GegenstĂĽck fand ich im Anti-
quarium von Rom. \on derselben Größe,
zeigt dieses aut dem Esquilin gefundene Terra-
kottastück dieselben pathologischen Verände-
rungen der Wirbelsäule mit einer sorgfältigeren
Bearbeitung der Rippenbiegung. Das StĂĽck
charakterisiert sich als Votivgegenstand dadurch,
daĂź an der Abgangsstelle von Armen, Beinen
und Hals glatte Ränder mit kleinen runden
Löchern vorhanden sind (s. Fig. 1S7). Unter
der großen Zahl von persönHch von mir unter-
suchten Weihgeschenken konnte ich weitere
Exemplare dieser Gattung nicht mit Sicherheit
feststellen. Dagegen ist die Reihe ungeheuer lang der Darstellungen
von Wirbelsäuleerkrankungen aller möglichen und unmöglichen Art
aus dem Gebiet der Kleinplastik mit divergenter Tendenz. Wir
Ori^.-Aii/ji. Kt'j/i, Atitiquarhim.
Fig. 1S7. Lordoskoiiose.
Votiv aus Terrakotta.
SKELETTVERÄNDERUNGEN,
299
werden diese Buckligen noch zusammenhängend bespreclien. Immer-
hin ist es mögHch, daß unter ihnen sich auch Votivkörper be-
finden. Es ist dies deshalb aber so schwer mit Sicherheit fest-
zustellen, weil die kleinen Terrakottafiguren derartig zerbrochen
sind, daĂź eine sichere Entscheidung ĂĽber den Zweck der Dar-
stellung nicht erbringlich ist. So könnte ja das eine oder andere
ganz vorzĂĽgliche kleine realistische Werk als Votiv einer RĂĽckgrats-
verkrĂĽmmung und als ernste Studie' gelten, wenn wir nicht mit
Sicherheit aus besser erhaltenen ähnlichen Darstellungen diese Stücke
-t
Orig.-An/n. Berlin. Museuu
Fig. 188. Fig. iSg.
Kypholordose. Kypholordose.
Louvre.
Fig. 190.
Lordose.
Fig. 191.
Kyphose.
den Grotesken zuweisen mĂĽĂźten. Jedenfalls zeigen wir hier im
Bilde einige solcher Thoraxanomalien, teilsaus dem hiesigen Museum,
teils auch aus dem Louvre, die möglicherweise als Exvotos gelten
können (s. Fig. 188 — 191).
BRĂśSTE.
Wenn ein Leiden zur plastischen Verkörperung des Krankhaften
prädestiniert ist, so wären es die Tumoren, besonders die der weib-
lichen Brust; diese können ja großen Umfang annehmen und eine
sichtbare Deformierung anrichten. Solche war ja auch im Altertum
schon bekannt und beschrieben; es wäre auch für den Bildhauer
500
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
^
oder den KĂĽnstler ĂĽberhaupt eine ungemein leichte Aufgabe ge-
wesen, diesen Schaden plastisch zum Ausdruck zu bringen. Ein
ganz einwandfreies \'otiv
dieser Art habe ich aber
weder persönlich gefun-
den , noch auch ist ein
^3^-..
derartiges bisher nachge-
\( }(ri Mttjop Utain Museum of Art.
Fig. 192. Traubiger Tumor der Brustgegend.
Marmorvotiv aus Cypero.
;i wiesen. Am ehesten in
i\ Betracht kommt noch der
-f traubige Tumor, der mit
v-l anderen sicheren Votiv-
gegenständen bei Golgoi
in Cvpern ausgegraben
wurde und sich jetzt im
Metropolitain Aluseum ot
Art in New York befindet^)
(s. Fig. 192). Dieses auch von Kronfeld") abgebildete Votiv steht
isoliert da. Der Naturalismus anderer cypriotischer Darstellungen
läßt jedoch erhoffen, daß uns von dieser Stelle alter Kultur noch
Ăśberraschungen kommen. Die BrĂĽste
selbst sind nicht ergriffen ; es liegt
unterhalb derselben ein Tumor von
so exquisit traubiger Beschaffenheit,
daß Krön fei d die Vermutung aus-
spricht, daĂź der KĂĽnstler unwillkĂĽr-
lich diese Ähnlichkeit noch über-
trieben habe. Selbst einen Stiel hat
die Traube. Ganz abgesehen von
der Lokalisation, wĂĽrde man auch
sonst kaum an einen Tumor der
Milchdrüse denken können. Immer-
hin kommt, wenn der Bildhauer sich
«TSE
Orig.-Phpt. von Mcyer-Stcineg, yena.
Fig. 193. Marmorvotiv.
Mammatumor ^
') The Cesnola-Collection of cypriote Antiquities in tlie Metropol. Museum. New Vork.
-) Vortrag in der Gesellschaft der Wiener Ärzte, 1909.
BRUSTTUMOREN.
301
nicht allzusehr verhauen hat, eine maligne Geschwulst dieser
Gegend in Frage.
Ähnlich liegen die \^erhältnisse bei einem Oberkörper aus
Marmor, den Meyer-Steineg in Griechenland gefunden hat. Hier
ist, soweit dies aus der mir von ihm gĂĽtigst ĂĽberlassenen Photo-
graphie (Fig. 193) ersichtlich ist, die linke Brust Sitz eines Tumors.
Es erscheint mir aber bei der Kleinheit des Marmors traglich, ob der
Gegenstand ĂĽberhaupt ein Votiv war, und
zweitens ob der Tumor nicht eine andere
Deutung zuläßt. Es wäre immerhin mög-
lich, daĂź das Abbrechen eines vor die Brust
gehaltenen Gegenstandes ein Trugbild ge-
schaffen hat.
Bedenken dieser Art fallen weg bei einem
weiblichen Körper, der nach Meyer-Steineg
sich in Smvrna in dem Museum der evan-
gelischen Schule befindet'). Hier ist die
kraterförmige Intumeszenz so naturalistisch
zum Ausdruck gebracht, daĂź jede Skepsis
übertrieben wäre. Dagegen fehlt hier wieder
der Nachweis, daĂź es sich um einen Votiv-
gegenstand handelt.
Unter den EinzelbrĂĽsten aus Terrakotta,
sowohl den tegeatischen als auch den etrus-
kischen, die ich sah, hat sich bisher kein
Beweismaterial fĂĽr die Bildung von Tumoren
ergeben. Wohl bildet Regnault eine kleine Sammlung von patho-
logischen Brustformen ab. Wir wollen es dabei in suspenso lassen,
ob die prall gefĂĽllten BrĂĽste mit verstrichener Brustwarze Milch-
stauungen versinnbildlichen. Auch anerkennen wir die verschiedene
Profilierung derselben und die manchmal abnorme Bildung der Warze
und des Warzenhofes. Ob dies aber Bezug auf Funktionsstörung
V/i,-.-/'/^'/. Vi>n .Mtyer-Striiic^, Jena.
Fig. 194. Zerfallener Brust-
tumor, Smyrna.
1) Ich selbst habe ihn nicht mehr dort gefunden. — Museum und Bibliothek der evang.
Schule, Direktor Dr. Polovio A rg yropoul os.
302 KRAXKHEITSDARSTELLUXGEN. §§
hat oder ob hier nur die Phantasie des Töpfers im Einldang mit
den WĂĽnschen der Besitzerinnen die Formvariation veranlaĂźte, er-
scheint fraghch. Nur bei einer exquisiten Hängebrust, die Reg-
nault abbildet, bei der sich ganz exzentrisch am unteren Pol die
Warze befindet, erkennen wir gerne den zu Stein gewordenen
Wunsch einer älteren Dame aut Wiederherstellung jugendlicherer
Formation an; dieselbe Brusttorm zeigt ein analoges StĂĽck im
Neapolitanischen Magazin, dort wird sie als Bauch mit Xabel an-
gesprochen.
GESICHTER.
Unter der großen Anzahl von Witivköpten, welche als gemein-
schaftliche Gabe in fast allen Heiligtümern der verschiedenen Götter,
nicht nur der Heilgötter deponiert wurden, tand ich eigentlich nur
zwei Köpfe mit ausgesprochener Krankheitsbildung. Der eine Kopt
steht im Magazin des Nationalmuseums in Neapel. Er ist ziemlich
roh gearbeitet und im Gegensatz zu der Mehrzahl der Kopte, die
hohl sind, massiv (s. Fig. 193). Der ihn verfertigende Arbeiter war
kein Meister; und es ist nicht ausgeschlossen, daĂź der Kranke sich
selbst porträtierte. Wir sehen einen Mann in mittleren Jahren,
dessen Kopf und Gesicht mit rundlichen, knotenförmigen Erhaben-
heiten bedeckt ist, frei ist nur die Gegend um die Augen und die
Nase, deren vorderer Teil abgebrochen ist. Die Größe der flachen,
rundlichen Warzen schwankt. Die Lippen scheinen zerstört, jeden-
falls ist es ganz besonders auffällig, daß bei diesem Kopt der Mund
offen und die Zähne sichtbar sind, was sonst nicht der Fall ist.
Die Brust und der Hals zeigen gleichtalls pathologische Verände-
rungen. Hier sind die rundlichen Eruptionen durch kreisförmig
angeordnete ringförmige Eindrücke in den Ton markiert. Die
Augenlider zeigen eine deutliche Cilienbildung. Was soll hier dar-
gestellt werden? Ein Krankeitszustand doch wohl zweifellos.
Auffallend ist jedentalls und wohl auch Richtschnur tĂĽr eine even-
tuelle Diagnosenstellung das Freibleiben der haarlosen Gesichts-
haut. Die vergleichende Betrachtung der ĂĽbrigen Gesichter der ver-
GESICHTER.
:)^j
schiedensten Provenienz lehrt zunächst, daß in der überwiegenden
Mehrzahl die Männer bartlos dargestellt wurden; gelegentlich aber
sind auch bärtige Männergesichter abgebildet. Es braucht hierbei
nur daran erinnert zu werden, daĂź die Haartracht und die ver-
^'«^^
Orig.-Aitfti. Neapel, Nat.-Mitseuin.
Fig. 195. Exvoto. Krankheitsdarstellung im Gesicht und an der Brust.
schiedene Bildung der Frisuren mit einer besonderen Meisterschaft
behandelt wurde, um anzudeuten, daĂź auch der Bartwuchs der alten
Kunst Untertan war. Im \'atikanisch-Etruskischen Museum fiel mir
das Porträt eines Rasierten auf, bei welchem an Bart und Lippen
durch zahlreiche Nadelstiche in den Ton der Eindruck frischer Rasur
304
KKANKHEITSDARSTELLUNGEN.
'^1, -
ĂĽberraschend geschildert war. Es ist also kaum daran zu denken, daĂź
diese breiten, linsenartigen Auflagerungen eventuell als ungeschickte
plastische Behandlung von Bart- und Haupthaar angesprochen wer-
den können, dagegen spricht auch die Technik der Augenbrauen
und der Lider. Die Spezialdiagnose dieses Zustandes ĂĽberlassen wir
dem medizinisch geschulten Be-
trachter, warnen aber ausdrĂĽck-
lich vor weitgehenden SchlĂĽssen.
Am ehesten Icäme wohl die para-
sitäre Sykosis in Betracht, wenn
nicht die Eruption der ringförmig
gestellten Ettioreszenzen am Ober-
körper dagegen spräche.
Es ist ein seltsamer Zufall,
daĂź auch der andere von mir ge-
fundene Votivkopf eine ganz aus-
gesprochene Erkrankung der be-
haarten Kopfhaut aufweist (siehe
Fig. 196). Dieser Kopf, dessen xA.b-
bildung deutliche Sprache spricht,
tand sich bei der Durchstechuns:
des Quirinal und befindet sich jetzt
mit den anderen dorther stammenden \"otivgegenständen im Römi-
schen Antiquarium. Wir sehen einen schön gelockten Jüngling, der,
um es kurz zu sagen, an Alopecia areata leidet. Die Haare sind ihm
in typischer Weise ausgefallen, die Basis der Kopfhaut ist glatt und
läßt die von mir genau daraufhin untersuchte technische Herstellung
des Votivkopfes eine andere Deutung (AbstoĂźen der Locken) kaum
zu'). Ob der Kopt des blinden GriechenjĂĽnglings, der sich jetzt
in Orleans befindet und auf den wir bei dem Kapitel der Blindheit
noch zurückkommen, ein Anathem darstellt, ist möglich, aber un-
wahrscheinlich; auch seine Blindheit wird in Abrede »estellt.
Alt/n, Rotn, Aitiiquarhcjii.
Fig. 196. Votivkopf mit Darstellung von
Haarausfall ?
') Dr. Hoffa vom Deutsch. Arch. Inst. Rom glaubt doch laut brieflicher Mitteilung Ab-
stoĂźen der Locken annehmen zu mĂĽssen.
EXTREMITÄTEN.
305
Literarisch vermerkt als Weihgeschenke mit krankhaften Ciesichts-
zügen sind einige Köpfe, welche aus Cypern stammen und in dem
groĂźen Tafelwerke von Cesnola') abgebildet sind. Das masken-
artige Gesicht ()])), auch von Margarete Bi eb er") erwähnt, zeigt
nur in primitiver Kunst etwas auffallend starke Entwicklung der
unteren Gesichtshälfte. Ähnliches kann man von den beiden Dar-
stellungen Xr. 930 und 933 desselben Werkes sagen. Soweit es
die Kleinheit der Abbildung zuläßt, muß die Notiz Augen und ver-
schwollener Mund ohne Nase dahin berichtigt werden, daĂź hier aut
einer Basis die Darstellungen von Augen und Mund in der ĂĽblichen
schematischen Weise erfolgte. Der Mund ist mit allerdings auffallend
dicken Lippen ausgestattet, die auĂźerdem noch rot angestrichen sind.
EXTREMITÄTEN.
In seiner Arbeit ĂĽber die altitalischen Donarien bildet Stieda
unter Nr. 4 der Tafel II eine linke Hand ab, welche an der Volar-
seite eine runde Geschwulst trägt. Es sei dies die einzige unter
allen Händen gewesen, die eine krankhafte Veränderung zeige.
Nachträglich korrigiert derselbe Autor diese Ansicht und hält den
Inhalt der Hand eher fĂĽr eine Lrucht. Ich sah eine ganze Reihe
solcher Votivhände, in denen Kuchen oder andere Optergaben aus
derselben Tonmasse gebildet waren ; solche Hände tragen oft Zapfen,
mit denen sie in die bereits vorhandenen und schon zur Aufstellung
gelangten Körper hineingesteckt wurden^). Die Kuchen oder I'rüchte
waren gelegentlich bemalt. Sonst finden wir auch, daß die Hände
geschlossen waren mit ausgesparter Ă–ffnung, um irgendwelche
Wedel oder Blumen hineinzustecken*). Regnault'') bildet eine
Reihe von Krankheitsveränderungen der Hände ab, die er als zum
Teil atrophische bezeichnet. Denselben Zustand zeigt eine Hand
') Collect, of Cypriot. Antiquities in the Metrop. Museum of Art. New York.
-) M. Bieber, Attische Weihgesclienke. Athen. i\Iitteilungen 1910.
') s. Cesnola, Cypriotische AltertĂĽmer Abb. 732.
*) S. namentlich die Donarien in Modena.
°) L'Homme Prehistorique, Les Exvoto Pathologiques romaines. Paris ig 10, par Dr. Felix
R e g n a u 1 1.
Holländer, Plastik und Medizin. 20
3o6
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
der Berliner Sammlung; die Innenhand ist hohl, die Finger spitz
zulaufend (s. Fig. 197). Anstatt aber in einem solchen Bildwerk
die Darstellung einer gelähmten und atrophischen Hand zu sehen,
finde ich es viel näher liegend und vor allem ungesuchter, hier die
dürftige und oberflächliche Arbeit eines Stümpers anzunehmen.
DatĂĽr spricht schon mit Sicherheit die
miserable Zeichnung des Handgelenks.
Auch ĂĽber die anderen AttitĂĽden und
Handstellungen, die Regnault als cha-
rakteristischen Ausdruck und Wiedergabe
der »Paralysis agitans« anerkennt, läßt sich
nur mit der größten Vorsicht urteilen. Ich
halte diese oftmals auttälligen Darstellun-
gen nicht iĂĽr Krankheitsbilder, sondern
tür häufig wiederkehrende svmbolische
Handstellungen (s. oben). DaĂź jedoch
tatsächlich auch unter den Handvotiven
Krankheitsdarstellungen vorkommen, datĂĽr
spricht die Tatsache einer Votivhand mit
sechs Fingern, welche Dautresne in
einer Doktorthese beschreibt'). Die von
L. S am hon") erwähnte Hand mit kno-
tenförmigen Tumoren und eine andere mit oftenbar abgerissener
Strecksehne habe ich nicht zu sehen bekommen. Dagegen be-
fanden sich unter den FundstĂĽcken aus dem Athenischen As-
klepieion Marmorfinger, welche in rechtwinkliger Stellung und
Knickung geformt waren; diese von mir als Fingerkontraktur an-
gesprochene Darstellung mag ja auch entsprechend ihrem Fundorte
als Votivgegenstand von einem Patienten verwandt worden sein;
es muĂź aber festgestellt werden, daĂź solche abgeknickten Finger
mit nach unten sich etwas verbreiternder Basis als Reibsteine fĂĽr
Orig.- Ali/n. Berihi, Aites Musi'iiiit.
Fig. 197. Votivhand.
') Epidaure: These doctorate. Paris igog.
^) Luigi Sambon, Donaria of Medical Interest in the Oppenheimer Collection of
Etrurian and Roman Antiquities British Medical Journal, 1895.
EXTREMITÄTEN.
JU/
Orig.-Anft!. Athen, Askiepieiou.
Fig. 198.
Kontrakter Finger.
Farben und andere Dinge vieltach vorkommen
und auch von mir beobachtet wurden. Die
etruskischen Donariensammlunoen enthahen
auch vielfach EinzeIHnger; diese kommen in
verschiedener Größe und Stellung vor. Ein wohl
unzweitelhatt krankes Glied mit stark kolbig
verdrĂĽckter Handphalange sah ich in der Samm-
lung der \'illa di Papa Giulio (s. Fig. 199).
Unter den sicheren Votivgegenständen befindet
sich ein Bein mit SpitzfuĂźstellung aus Terrakotta
(Berlin. Museum), welches von unten bis oben ge-
wickelt ist (s. Fig. 200). Oben ist ein kleines Loch
daran, um dasselbe aufzuhängen. Leider sind die
Zehen abgebrochen. So unscheinbar der Gegenstand
auch ist, so redet er doch eine deutliche Sprache.
Leider können wir das nicht sagen von zwei Bruch-
stücken, die meines Erachtens zusammengehören und
sich auch an derselben Stelle befinden (Antiquarium
Rom). Den Ellenbogen mit einem StĂĽck Ober- und
Unterarm hat schon Sambon (1. c.) abgebildet und
beschrieben. Er bezeichnet die rundlichen
x\uflagerungen als diskusähnliche, erwähnt die gesunde und - ♦^
normal aussehende Zwischenhaut und glaubt die Diagnose J^^
auf ein multiples Exanthem, mit Wahrscheinlichkeit Psoriasis
stellen zu sollen. Diese Möglichkeit wächst durch den Fund
eines Knies, welches dieselben rundlichen Erhabenheiten aul-
weist. Obwohl die Bruchstellen keinen RĂĽckschluĂź ge-
statten auf das Aussehen und den Zustand des Weihge-
schenks vor der Zertrümmerung, läßt sich doch aus dem
gemeinschaftlichen Fundort vermuten, daĂź Knie und Arm
vielleicht einem Körper angehören, der eine sehr intensive f,"i^Äu'Mus
Hauterkrankung zeigte. Dem Beschauer der /\bbildung Fig. 200.
wird schon von selbst die Ähnlichkeit auttallen mit dem tes Bein.
Gesichtsausschlage im Neapler Nationalmuseum. Wir Terrakotta.
Orig-. - A iijn . Kam,
Villa di Papa Giulio.
Fig. 199.
Panaritium.
3o8
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
müssen uns bescheiden und können als nur teststehend betrachten,
daß hier eine intensive Hautveränderung, welche mit Knotenbildung
über den ganzen Körper verläutt, zur Darstellung kommen sollte.
Weitere SchlĂĽsse haben nur einen hypothetischen Wert. Hier an
dieser Stelle erĂĽbrigen sich diagnostische Ăśberlegungen, die wir
im einzelnen bei den altperuanischen Terrakotten anstellen mĂĽssen;
man kann allerlei Gelehrsamkeit verfechten, aber nichts objektiv
Sicheres beweisen. Spekulationen aber aut diesem Gebiet fĂĽhren
ins Märchenland. Wie vorsichtig man sein muß, das lehrt die
J
,v
Fin. 201. Elleiiboaen mit Knoten besetzt.
Ori^.-Aii/n. Rom, Aittiquariiiin.
Fig. 202. Knie mit Tumoren besetzt.
Betrachtung eines Silen aus der \\\\\ Albani (s. Fig. 203). Die
rauhe Haut, die auch sonst namentlich die Bauch- und die Streck-
seite solcher Waldmenschen einnimmt, hat hier den ganzen Körper
überzogen. Fände man einen solchen Ober- und Unterschenkel
isoliert, so ist die pathologische Diagnose fertig.
AUGEN.
Obwohl wir in einem besonderen Kapitel die Skulptur der
Blindheit noch ganz ausführlich abhandeln müssen, erwähne ich
die Augen aus dem Museum von Capua, die Regnault abbildet,
welche sich dadurch vor der Unmasse von Finzelaugen aus Terra-
kotta auszeichnen, daĂź nicht nur die Lidspalte und die Pupille ge-
bildet ist, sondern auch eine Anzahl hochgezogener Faltenbildungen
der Stirn. Diesen auffallenden Befund erwähnt Regnault be-
sonders, ohne ihn zu erklären. Wir werden später bei der Skulptur
AUGEN. OHREN.
309
der Blindheit auf diese Faltenbildung zurĂĽckkommen. AuĂźerdem
aber werden von demselben Autor zwei Köpfe erwähnt, von denen
der eine einen Strabismus convergens, der andere einen extremen
nila Albani.
Fiy
205. bĂĽen.
Hochstand der Pupillen und eine auffallende Kleinheit der linken
Lidspalte erkennen läßt.
OHREN.
Die Struktur des Ohres ist so verschieden nuanciert wie die der
Nase; nur pflegen wir die b'orm derselben weniger genau zu be-
achten wie im Leben so auch in der Kunst. Ist aber erst einmal
die Aufmerksamkeit auf dieses Gebilde gelenkt, so flndet man bald
:io
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
die gröberen und feineren Unterschiede in der Größe und Form.
So gelang uns schon in der Ohrform des jugendlichen Asklepios
im Vatikan eine StĂĽtze fĂĽr die Auffassung zu finden, daĂź hier eine
Porträtstudie vorliegt. Wir besitzen aber auch eine Reihe von Dar-
stellungen erkrankter Ohren aus der klassischen Antike. Wie heute
die sportlichen Sieger sich einer großen Popularität erfreuen, so
Ori^.-Aii/it. Athen, Xat.-Miisfitiii.
Fig. 204. BronzebĂĽste eines olympischen Siegers im Faustkampf.
auch und dies in noch erhöhtem Maße in der alten Welt. Die
Sieger in den t)lympischen Spielen wurden in Stein und Bronze
verewigt. Beim Faustkampf aber, dem beliebten Vorbild unseres
modernen Boxkampfes, waren Ohren und Nasen besonders in
Gefahr. Denn man verminderte nicht der Fäuste W'ucht durch
Polsterhandschuhe, sondern erhöhte ihre Durchschlagkraft durch
scharfe dicke Lederriemen. Die brutalen Einwirkungen des Faust-
kamptes, namentlich auch auf Augen, Nase und Ohren, zeigt am
OHREN. . I j
besten die berühmte Bronzestatue des ausruhenden Faustkämpfers
in dem römischen Thermenmuseum. An dieser vorzüghch er-
haltenen Statue sind selbst die frischen Verletzungen, das Springen
der Haut und die Hämatome zum Ausdruck «-ebracht.
Orig-Au/,,. /V . ■,,'•- ... .', ,':toin. Museum.
Fig. 205. Antikes Original eines ausruhenden laustkämpfers (Lebensgröße).
Wir bringen hier das weniger bekannte, ganz hervorragende
Porträt eines olympischen Siegers aus Athen deshalb, weil die
Othämatome so vorzüglich an dem Kopf betont sind. Die Bronze
eignet sich zur Darstellung dieser Veränderungen besser wie der
312 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
Marmor. l'rt)tzdeni sind dieselben Veränderungen auf der schönen
Marmorfigur des ausruhenden Kämpfers in Konstantinopel so deut-
lich, daß sie zur Erklärung der ganzen prachtvollen Schöpfung der
besten griechischen KunstblĂĽte die Unterlage bilden.
GENITALIEN.
Ein paar \\\)rte sollen wenigstens gesagt werden ĂĽber krank-
hafte Veränderungen an den Genitalien'). Zunächst die \'or-
bemerkung, daß eine Unzahl männlicher Genitalien als offenbare
Votivgegenstände gespendet wurde. Nachweisbar wurden sie dabei
nicht nur einer Gottheit gestiftet, sondern man fand sie auĂźer in
den etruskischen Nekropolen auch in den verschiedensten Tempel-
bezirken. So fand ich sie in dem Tempel der Fortuna im alten
Präneste. Es ist nun ja schon vielfach darauf hingewiesen worden,
daĂź die antiken Statuen, auch der besten griechischen Zeit, die ab-
norme Bildung des I-'räputiums zeigen, die wir als Phimose be-
zeichnen. Eeider sind wir ja in vielen xMuseen durch die unan-
ständige Anbringung grotesk wirkender Feigenblätter an der Be-
obachtung dieses Körperteiles verhindert. Es kann aber als ab-
solut ausgeschlossen gelten, daĂź durch diese Bildung ein Krank-
heitszustand markiert werden sollte, oder daß die tatsächlichen
Körperzustände in jener Zeit so beschaffen waren; das griechische
Schönheitsideal sollte vielmehr nur zum Ausdruck gebracht werden.
Die Reihe der Darstellungen abnormer \'erhältnisse dieser Sphäre,
und nicht nur bei Objekten hellenistischer Kleinkunst, ist eine sehr
groĂźe. Es ist nicht ausgeschlossen, dai}> das eine oder andere Mal
der KrankheitsprozeĂź eine ernsthafte Schilderung erfahren sollte; in
der ĂĽberwiegenden Mehrzahl aber handelt es sich um groteske Bil-
dungen mit ausschlieĂźlich erotischer 'Fendenz.
Obwohl sich dieser Gegenstand kaum fĂĽr eine Besprechung in
einem Buche mit breiterer Basis eignet, so mĂĽssen wir doch mit
') F. Regnault, Les Maladies des Organs genito-urinaires dans Ticonographie antique.
Annales des Mal. des Org. genit. urin. XXVL
BUBONEN.
TT"»
einigen Worten noch aut die krankhafte Verbildung der männhchen
GenitaHen bei einer Gruppe statuarischer Werke hinweisen. Als
Beispiel hierfĂĽr eignet sich besonders der berĂĽhmte Pugillatore im
Thermenmuseum. Die gespreizte Beinhaltung ermöglicht, wohl
nicht ganz ohne Absicht des KĂĽnstlers, eine genaue Inspektion der
Gegend. Wir konstatieren hier eine besonders naturalistisch aus-
geführte \'erunstaltung desMembrum; dasselbe ist spiralförmig nach
oben geschlagen und zeigt ein deutliches Ödem des Präputiums.
\'on irgendeiner Inhbulation oder einer Ligatur, wie sie z. B. auf
der berĂĽhmten Ficoronischen Cyste vorkommt, ist nichts zu be-
Orig^.-Au/n. J-'lori-iiz. Eirusk. Musennt.
Fig. 207.
Sog. Bubonen (von oben gesehen).
merken. Einen ganz ähnlichen Zustand, der mit Sicherheit etwas
Unedles, Häßliches bedeuten sollte, zeigen viele Darstellungen von
Faustkämpfern und Flötenbläsern. Über das Wesen und die Er-
klärungen der verschiedenen Formen der Inlibulation bei Griechen
und Römern sind die Ansichten nicht einheitlich'), ihre Deutung
nicht befriedigend. Jedenfalls beruhen alle diese Veränderungen
auf bleichen Voraussetzungen.
Es sind dann von allen Autoren , die ĂĽber diesen Gegenstand
gearbeitet haben, die Körper erwähnt und abgebildet worden, welche
') Ludwig Stieda, Anatomiscli-Archäolog. Studien: Die Inlibulation bei Grieclien und
Römern. Wiesbaden 1902.
314
KRANKHEITSDARSTELLUNGEX.
als sogenannte Bubonen angesprochen wurden. Diese kegel- oder
pyramidenförmigen Körper, die an ihrer Basis einen Kranz von Er-
habenheiten oder Höckern tragen, sind seit Stieda als krankhafte
Veränderungen der Genitalsphäre rubriziert (s. Fig. 206 u. 207).
Die Bedienten der römischen Museen nannten sie Bubone. Dieser
erste Autor meint aber, daß es sich eher um eine krankhaft veränderte
Eichel gehandelt haben möge; spätere x\utoren, wie Alexander,
halten sie tatsächlich tür Bubonen, resp. Drüsenschwellung vor dem
Aufbruch der Eiterung. Kronteld geht sogar so weit, an diesen
Körpern Anhalt zu suchen tür eine Motivierung der antiken Sv-
philis. Ich habe diesen Körpern eine besondere Aufmerksamkeit zu-
gewandt und gefunden, daĂź ihre Darstellungsart ungemein variiert.
Orig -.-111/11. Rotit^ Aniiqtiariutn.
Fig. 208. Sog. 1 Bubonen':, stilisiert in verschiedener Form.
Es wechselt die Höhe der Pyramide von einer flachen Erhebung
bis zu zuckerhutartiger Form, fast stets aber zeigt die Oberfläche
keine gleichmäßige Rundung, sondern meist drei bis vier flache,
nach der Spitze zu laufende Einkerbungen. In der Sammlung der
Villa des Papstes Julius finden sich auch solche ganz platte Körper,
also gewissermaĂźen nur der Kranz von Erhabenheiten ohne jeden
pyramidenförmigen Autbau; teilweise sind diese angeblichen Infil-
trate, um mich ganz allgemein auszudrücken, rot gefärbt. Zunächst
tchlt jegliche Sicherheit ĂĽber die Organbestimmung ĂĽberhaupt,
bloĂź der Charakter als Weihgabe scheint nach dem gemeinschaft-
lichen Fundorte auĂźer Frage. Die Meinung der Kustoden ist wert-
los, sie waren nach meiner Beobachtung ĂĽber analoge andere
Körpergaben gänzlich ununterrichtet. Am ehesten glaube ich noch,
daĂź es sich um die Darstellung von Ăśpferkuchen gehandelt
TRUGBILDER.
313
.^•'
haben mag, dafĂĽr sprechen die getlirbten Phitten und die wech-
selnde Form der Pyramiden. Bei anderen wird man unwillkĂĽrHch
an die Darstellung von FrĂĽchten denken. Einen Anhalt ĂĽber den
Sinn dieser Pyramiden bietet eine Kollektion solcher Körper, die
sich bei der Durchstechung des Quirinals gefunden hat. Es läßt
sich hier eine Entwicklung der Form von der beschriebenen Pyra-
miden- und kegelförmig ansteigenden Spitze und der unregelmäßig
höckertörmigen Basis zu einem Gebilde
von gleicher Größe und Form, aber
von rein architektonischem, regelmäßi-
gem Bau, feststellen (s. Fig. 208). Die
Knospe wächst aus einem Kranz von
Blättern heraus wie bei einer Frucht.
Es liegt um so näher an eine stilisierte
Frucht oder etwas Ähnliches zu denken,
weil solche glatt gehaltene Pinienzapfen
mit verzierter Basis in größerer Form als
häufige Autsätze auf Gräbern gefunden
wurden. Ob es sich also hier um
O p f e r k u c h e n oder die Darstellung
von O p f e r fr ü c h t e n oder etwas Ähn-
liches gehandelt hat, oder ob vielleicht
ein menschliches oder tierisches Ge-
bilde durch diese Weihgabe versinnbild-
licht werden sollte, das läßt sich zurzeit nicht feststellen; es aber
als Bubonen zu charakterisieren, dafĂĽr tehlt meines Erachtens bis-
her jeder Anhalt.
Der Herr Kollege M ey er-Steineg-Jena hat mir aus seiner
schönen Sammlung den Marmortorso einer Frau zur Veröffentlichung
gegeben, der vielleicht an diese Stelle gehört. Es hat in der Tat
die Auffassung von geschwollenen LeistendrĂĽsen mit geschwĂĽrigen
Prozessen in der Nähe der Vulva zunächst etwas Bestechendes an
sich; ich persönlich glaube aber, daß hier ein Trugbild dadurch
zustande kam, daĂź ein Gewandzipfel, welcher von der HĂĽfte zur
Orig.-Phot.vofi Meyer-
Steifieg, Jena.
Fig. 209. Exvoto?
5 1 6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
Innenseite des Oberschenkels ging, an der Marmorfigur abriĂź; durch
diesen Zipfel war eine detaillierte Behandlung des Schoßes unmög-
lich (s. Fig. 209).
PORTRÄTSTATUEN.
Gelegentlich finden wir ein plastisches Krankheitsbild im Porträt.
Doch dies zunächst grenzenlos erscheinende Gebiet engt sich bei
näherer Betrachtung erheblich ein. Das liegt teils im Wesen der
Plastik, teils in der Natur der menschlichen Psyche begrĂĽndet.
Der veredelnde, verschönende Trieb läßt Runzeln glätten und
Häßlichkeiten mildern. Der Porträtist wird meistens seinen Kunden
eher befriedigen, wenn er die Züge verjüngt; der Schieläugige stellt
sich dem Photographen im Profil. Wie weit der Ausgleich von
Defekten geht und der nivellierende \\'unsch , datĂĽr bietet ein
klassisches Beispiel das Grabdenkmal des Götz von Berlichingen
im Kreuzgang des Klosters Schöntal. Von dem, was diesem
Ritter den berĂĽhmten Beinamen gab, sieht man nichts; im Gegen-
teil: der Geharnischte hat beide nackten Hände betend gefaltet. Statt
dessen kniet der Ritter als Hinweis auf seine sterblichen Tage aut
einen großen eisernen rechten Handschuh. Vielleicht verkörpert
diese Darstellungsweise den Gedanken der Auterstehung.
Nicht umsonst gilt Rafiaels Porträt des schielenden Kardinals
Inghirami als auffällig und einzig. Doch gab es Zeiten, wo die
Moderichtung der Kunst den Naturalismus aut den Thron ge-
hoben hatte. In dieser Zeit kam auch die Häßlichkeit, das Ab-
norme zum Wort. Da wurden Körper geschildert, die dem Arzt
gelegentlich ein Interesse bieten. Auch die Tradition schut Krank-
heitstypen, und der Bildner nahm dann gelegentlich wohl seine
Zuflucht zu wirklichen Modellen. In der klassischen Skulptur sind
Beispiele dieser Art besonders Homer und Asop. Ob beide je
gelebt, darĂĽber brauchen wir an dieser Stelle nicht die Meinungen
o
wiederzugeben, es genĂĽgt der Hinweis, daĂź beider bildliche Dar-
stellungen offenbar freie Erfindungen sind, wie dies fĂĽr Homer schon
Äsop. 3 1 7
Plinius betont. Ăśber die vielen BĂĽsten des groĂźen griechischen
Sängers werden wir bei der Slailptur der BHndheit sprechen.
Auch die berĂĽhmte Statue des Fabeldichters in der Villa Albani
ist vom ärztlichen Standpunkte aus vieltach untersucht und be-
sprochen worden. Ist doch dieses Kunstwerk auch prädestiniert,
medizin-artistische Studien zu veranlassen. Seitdem Charcot und
Dechambre') mit ihrer eingehenden Kritik das medizinische
Studium solcher Gegenstände der Kunst inaugurierten und test-
stellten, daß es sich hei der Wiedergabe dieser kranken Körperlich-
keit um ein offenbares Porträt eines Menschen mit Malum Pottii
handelt, ist der Gegenstand namentlich in Frankreich weiter verfolgt,
und ich erinnere nur an die zusammenfassende bedeutende Arbeit
von Henrv Meige") ĂĽber diesen Gegenstand. Paul Richer hat
nicht ohne Grund in seinem Werke »L'Art et la Medecinecc diese
bis in das Einzelne gehende wissenschaftliche Analyse des dar-
gestellten Krankheitsfalles wörtlich wiedergegeben. Wenn ich meine,
daĂź diese Beschreibung einer meisterhaften klinischen Vorlesung
gleichkommt, so ist das zu wenig gesagt, denn die Augen des
KĂĽnstlerarztes erfassen erst ganz Architektur und Detail dieser
Büste. Die wechselvolle Ausbiegung der Wirbelsäule in den
verschiedenen Segmenten, die Kopfhaltung, vor allem aber die
Bilduno; des Brustkorbes sind von brutaler Wirklichkeit. Ich habe
versucht, die Zerstörung, welche diese meisterhafte Naturabschrift
durch die Aufkleisterung und A'erunstaltung der Schamgegend er-
litten hat, am GipsabguĂź wieder gut zu machen, aber die Photo-
graphie des Gipses versagt. Obwohl, wie Charcot schon be-
merkt, die Stelle der lokalen Wirbelsäulenkaries nicht ersichtlich
ist, hat offenbar doch eine isolierte Knocheneinschmelzung die
ganze Deformierung veranlaĂźt. Durch ein Spiel des Zufalls kam ein
2;anz analoĂź-er Fall, der fast in allen Punkten mit dem vielleicht
von einem Lvsipp geschilderten Krankheitsbilde ĂĽbereinstimmt, mir
') Charcot und Dechambre , Gazette hebdomadaire de medecine et de Chirurgie, 1857.
-) Henry Meige, Le Mal de Pott dans l'Art antique. Travaux de neurologie chirur-
gicale, 1897, t. II, p. 98 et suiv. und in der »Nouvelle Iconographie«.
3 1 8 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
gerade in diesen Tagen unter die Augen; auch dieser Mann zeigte
auftällig genug den Kontrast zwischen Kopfbildung und Körper-
Pkot. Alinari. RĂĽin, l'iila Albani,
Fig. 210. .4sop. Antike Marmorskulptur.
torm, der bei dem antiken Meisterwerke, an dem ĂĽbrigens nur die
rechte Schulter ergänzt ist, so sehr das Ganze beherrscht. Sicher-
lich gingen viele an dem Porträt vorbei, ohne darüber zur Klarheit
® Äsop. 3J9
gekommen zu sein, daĂź hier das Bildnis eines entsetzlich verkrĂĽp-
pelten Menschen meisterhaft geschildert wurde. Angezogen durch
Phot. AUiiari. Ront, l'iUa Albttni .
Fig. 211. Äsop. Antike Marmorskulptur (von der Seite).
das Geistvolle des klugen Kopfes, haftet der Blick des Beschauers
an den listigen Aueen des Erzählers, und er hält das Ganze für
320
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
eine Porträtbüste. Der Charakter der griechischen Fabel äußert
sich didaktisch. »Das Lehrhatte erreicht der Fabeldichter durch eine
gewisse schlaue Verschlagenheit. Das ist auch die Wafi'e dieses
schwachen KrĂĽppels, aus dessen Augen kluge Ăśberlegenheit kraft-
Xt-apel.
Fig. 212. .\ntike BronzebĂĽste des Scipio .\fricanus.
voll uns entgegenleuchtet. (c Hinter diesem Meisterwerk verschwinden
die anderen auf Äsop bezogene Bildnisse.
Aus der Anzahl von Porträtköpfen, welche Abnormitäten zeigen,
wollen wir nur das eine oder andere Beispiel erwähnen. Beson-
ders sinnfälliges Material liefern die langen Reihen der Porträt-
SCIPIO AFRICANUS.
!2I
köpfe aus der späteren griechischen und namenthch römischen
Epoche nicht.
r'u't, AĂĽiuir
-\ t-apti. Xat.-Mttseutn.
Fig. 213. Porträtbüste aus Bronze des Lucius Cäcilius Jucundus (Fibroma pendul.).
Es ist schon eine für die römische Porträtkunst bemerkens-
werte und auch auffälhge Tatsache, daß z. B. die angebliche Biciste
des Scipio Africanus tiefe Narben auf der linken oberen Schläfen-
Holländer, Plastik und Medizin. 21
322
KR AN KHEITSDARSTELLUNGEX,
partie zeigt, die er im Kampfe rühmlich erworben. Diese Säbel-
schmisse, welche auf allen Wiederholungen vorkommen, am deut-
lichsten auf einer marmornen Replik in der MĂĽnchner Glypto-
thek, bieten sogar mit ein Hilfsmittel die angebliche Identität
des Besiegers Hannibals festzustellen. (Siehe auch die Marmor-
bĂĽste im Kapitolinischen Museum zu Rom.) Unsere Abbildung
(s. Fig. 212) zeigt eine antike Bronze aus dem Nationalmuseum
Floreuz.
Fig. 214. Basrelief des Herzogs von Urbino Friedrich von Montefeltro.
15, Jahrhundert.
in Neapel, welche aus Herkulaneum stammt. Dasselbe Museum
bietet auĂźerdem noch eine uns interessierende Herme mit einem
ganz vorzüglich realistischen Porträt. Nicht nur der nußgroße
aus der linken Wangengegend hervorspringende glatte Tumor
stempelt sie zu einem sehr naturalistisch gehaltenen Kunstwerk.
Die Porträtähnlichkeit ergibt sich beinahe aus jeder Falte, vor
allem auch aus der auffallend häßlichen Bildung der Ohren. Wir
sehen den jovialen Herren lebendig vor uns. »Der freigelassene
PORTRÄTSTATUEN.
323
Felix setzte diese Statue dem Genius des Lucius Cäcilius Jucundus«
(s. Fig. 213).
Erwähnenswert ist, daß die antike Plinthe unten einen bronzenen
.!>: w-;/;, Cojist'r-'atoren/'tilast,
Fig. 215. BronzebĂĽste des Michelangelo Buonarroti.
Phallus zeigt. Gesicht, Augen und Mund namentlich drĂĽcken eine
gewisse Selbstzufriedenheit verknĂĽpft mit Schalkheit aus. Man
kennt die Persönlichkeit dieses Mannes aus seinen Rechnungs-
bĂĽchern, die man in seinem Hause in Pompeji gefunden hat. Die
324
KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN.
Geldgeschäfte, die er gemacht hat, scheinen nicht so ganz sauber
gewesen zu sein; er gab Darlehen zu einem ZinstuĂź von 2 Prozent
pro Monat mit ungemein schneller \'erfallzeit. Während die Porträt-
bildnisse der guten Zeit solche Auswüchse und Unregelmäßigkeiten
in der Gesichtsbildung ignorieren, werden sie von den späteren
Porträtisten eitrig kopiert; sie passen
in die veristisch ausgefĂĽhrten Gesichter
eines Cicero, eines Seneca, während
sie z. B. in dem glatten Renaissance-
kopf des Herzogs von Urbino wirken
wie die Nägel an seinem Harnische
(s. Fig. 214).
Am glanzvollen Mediceerhote er-
weckte der junge Michelangelo den
Neid seiner MitschĂĽler, einer von ihnen,
Pietro Torrigiano, versetzte ihm im
Garten von S. Marco einen so hef-
tigen Schlag ins Gesicht, daĂź das
Nasenbein des jungen Meisters zer-
trĂĽmmert und er dauernd entstellt
blieb. Die breite Nase ohne Profil
kam auf fast allen Bildnissen realistisch
zum Ausdruck, die in der Engelsburg
gelegentlich der Jubelteier vereinigt
Orig.-Aufji. Berliner l'olkerkuTtdemiiseutn
Fig. 216. Porträt eines Häuptlings
aus Kamerun. Ascites.
waren. Wir bringen die bekannte
Bronze aus dem Conservatorenpalast
in Rom (Fig. 213). Wir begnĂĽgen uns mit dem kurzen Einblick
in diese Seitengasse und wollen nur noch als vortretl^liches Beispiel
solcher realistischen Porträtierkunst aut ein naives Werk der Neger-
kunst') hinweisen. Die Figur eines Häuptlings aus Bangulap (Ka-
merun) (Fig. 216) zeigt die unzweifelhaften Symptome des Ascites.
Im Gegensatz zu großer Abmagerung der Extremitäten ist der Bauch
tonnenartig geschwollen, selbst der typische Nabelbruch ist markiert;
') Berliner Museum für Völkerkunde.
BĂ–SER BLICK.
323
das Gesicht verrät eine gewisse Ängstlichkeit; der Mund ist weit
geöffnet als Symptom des Lutthungers, und in der Rechten hält
der Dargestellte ein Trinkhorn als Ausdruck des unstillbaren Durstes,
der wohl als Krankheitsursache gilt.
BĂ–SER BLICK UND BUCKEL.
Es hieße an einer Unzahl von Zeichen und Gegenständen des
Altertums ohne Erkenntnis vorbeigehen, und das Leben in seinen
täglichen kleinsten Ausschnitten verkennen, wenn man dem ver-
schiedenartigen Ausdruck abergläubi-
scher Vorstellungen tremd gegenĂĽber-
stände. Noch in den heutigen Ländern
um das Mittelmeer herum ist der Ge-
danke der Abwehrmittel gegen allerlei
Unheil und MiĂźgeschick so lebendig
wie in der späteren Antike. Hals- ^l|^
bänder und Amulette jeglicher Gat-
tung schĂĽtzten damals wie heute, be-
sonders wenn sie den Namen oder
das Emblem eines Gottes (Tvche,
Sarapis, Harpokrates) trugen. Das
Studium solcher Abwehrmittel, welche
aus dem Erdreich, Pflanzen- und
Tierreich stammen, ist eine Wissen-
schaft für sich. Wir erwähnten bereits
die groĂźen Augen aus ALu'mor, welche
das Schiff des Odvsseus sicherten und seitdem viele andere. Im
Athenischen Nationalmuseum werden solche Marmoraugen auf-
bewahrt, die aus dem Piräus als nicht verwesbare Reste von
Schiffen gefunden wurden. \'or und nach Admiral Nelson trugen
Kriegsschiffe Hufeisen am AList. Besonderen Schutz gaben
Steine und namentlich Edelsteine, Krötenstein, Achat, Katzen-
auge, Malachit, Smaragd, TĂĽrkis usw. Der Augenarzt Selig-
(2i^
Orig.-Aufn .
Berlin, Altes Museum.
Fig. 217. Buckliger.
Antike Bronze.
Orig.'Au/n.
Bttlin, Altes Museum.
Fig. 218. Buckliger,
Aotike Bronze.
326
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
man^) erwähnt eine Unmenge von Pflanzen und Bäumen, die
bösen Zauber wehren: Aloe, Baldrian, Eisenkraut, Knoblauch,
Kampler, Waldrebe, Rosmarin, Meerzwiebel, Nachtschatten, Ein-
beere, Eberesche und wie sie alle heiĂźen. Wir sahen schon, daĂź
auch menschliche und tierische normale Körperteile, vor allem aber
das Auge, Hände mit und ohne bestimmte Gesten gegen die Jetta-
tura von groĂźer Wirksamkeit sind. Ein Teil solcher Abbilder wurde
vielfach mit Körper-Exvotos zu Heilzwecken verwechselt. Als eins
der bekanntesten Abwehrmittel dieser Art galt
das Gorgoneion, welches mit Vorliebe auf Schil-
dern und Gefäßen angebracht wurde oder auch
als Stirnziegel auf Tempeln und Gebäuden. Die
Geste der herausgestreckten Zunge, offenbar vom
offenen Maule eines wilden Tieres hergenommen,
hat heute noch drohende Bedeutung.
Unter der Unzahl von solchen Abwehrbildern
figurieren nun in der antiken Gedankenwelt
allerhand menschliche MiĂźgestalten, Zwerge,
Bucklige und ĂĽberhaupt Krankheitsdarstellungen
in grotesker Form, vor allem auch alles das, was
heute bei den Antikenhändlern des Orients unter
dem Xamen des »Satvrs« geht. l:in solches
Apotropaion wandelt sich aber von selbst in die
Wirstellung des Portc-bonheurs. Es ist mĂĽĂźig, der Herkunft solcher
Ideen nachzugehen, sie kommen und gehen und wachsen wie die
Blumen auf dem Felde. Wenn auch Erziehung nach dieser Richtung
hin wieder ihrerseits apotropäischen Einfluß hat, so sollte doch die
gebildete Welt die Bedeutung solcher Vorstellungen nicht unter-
schätzen; besonders in romanischen Ländern sind diese fetischisti-
schen Ideen unausrottbar. Katastrophal wirken solche Anschauungen
in der Hand von Kurptuschern. Daß auch heute noch körper-
liche MiĂźgestalten solche Zauberkratt ausĂĽben, erfuhr ich jĂĽngst
durch eine operationsscheue Spanierin. Sie drängte sich auf der
Orig.-Au/n. Berlin, Altes Mus
Fig. 219. Buckliger.
Antike Bronze.
') 1. c.
APOTROPÄISCHE MISSGESTALT.
327
Straße an einen Buckligen, berührte ihn im Gedränge und bat mich
nun um schleunige Vornahme einer Operation, die sie bisher ver-
weigert hatte, mit der Motivierung, daß ein zutällig gesehener
Buckliger verheiĂźungsvoll sei, seine BerĂĽhrung aber glĂĽckbringend.
Seligman erwähnt, daß der Dramatiker Pierre Wolft aus Aber-
Ori^.-Aitrn.
Fig. 220. Buckliger auf einem Tiere. Hellenistische Terrakotta. Apotropaion.
glauben und um den Erfolg seiner StĂĽcke zu garantieren, in jedem
derselben einen Buckligen vorkommen lieĂźe. Ăśber analoge Vor-
stellungen in der antiken und späteren Komödie müssen wir noch
besonders abhandeln.
Von diesem Standpunkte aus wird man die Anhäufung buckliger
Figuren in der hellenistischen Kleinkunst betrachten mĂĽssen. Es
328
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
waren Nippes und glĂĽckbringende gern gesehene und vielleicht auch
gern verschenkte Kleinigkeiten, wie heute die MeiĂźener Engel aus
Porzellan. Schon den ersten Bearbeitern dieser kleinen statuarischen
Werke war die Häufigkeit derselben autgetallen. Sie haben vom
Orig -An/n.
Fig. 221. Buckliger auf einem Tiere. Hellenistische Terrakotta.
pathologischen Standpunkt aus alle diese \'er\vachsenen studiert;
besonders intensiv und liebevoll hat sich mit ihnen Henry Meige
abgegeben ').
Die Wiener Sammlung; sowie auch der Louvre weisen eine
') Henry Meige, Les Xains et les Bossus dans l'Art. Xouv. Icon. de la Salp. 1S96.
Charcot u. Richer, Les Difformes et les Malades dans l'Art. Paris, Lecrosnier 1889.
E. Garnier, Nains et Geants. Bibl. des Merveilles 1S84, p. 57.
APOTROPÄISCHE BUCKEL.
329
ganze Kollektion solcher kleinen antiken Bronzen von Buckligen
und \'erwachsenen aut; Richer hat die aus der Pariser Sammlung
in seinem Werke abgebildet; es berechtigen die Kampfstellungen,
in denen sich ein Teil solcher Buckligen befindet, auch zur Be-
zeichnung Pvgmäen. Auch die Berliner Sammlung besitzt einige
interessante Dokumente dieser Abart darstellender Kunst. So
zunächst einen knickbeinigen
Verwachsenen mit dĂĽnnen
Beinchen und einem kahlen
Schädel, der gleichfalls difform
ist. Das unzufriedene Ge-
sicht ist teilweise auch auf
das Konto der Lädierungen
zu setzen. Mit der rechten
Hand bearbeitet sich der arme
Schelm mit einer Strigilis (siehe
Fig. 218).
Bei einem Pendant sind
die Arme verloren gegangen
(s. Fig. 217). Medizinisch
interessanter ist eine kleine
Bronze derselben \^itrine (siehe
Fig. 219). Da linden wir einen
bizarreiT Körper, der erstens
eine \'erbiegung der Wirbel-
säule, außerdem aber noch den
Verlust des rechten Beines und Armes zu beklagen hat. Der Bein-
stumpf erscheint auf dem Bilde oberhalb des Oberschenkels. Im
Gegensatz zu dem auf die Brust gelegten kräftigen linken x^rm ist
der rechte atrophisch und wie kontrakt. Auf dem Bilde unsichtbar
ist noch eine Betteltasche, die der Kleine trägt. Ein famoses Bei-
spiel dieser Art fand ich bei Smyrna; aut einem kleinen Pterdchen
sitzend, reitet eine groteske Figur. Der Kopt zeigt difTorme Verhält-
nisse, außerdem aber springt ein mächtiger Buckel vor. Es scheint.
Orig.'Aufn. Berlin, Museum für Völkerkunde.
Fig. 222. Buckliger. Altmexikanische Steinplastik.
330
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
/-Ol
als wenn dieser eine Lähmung der unteren Extremitäten herbei-
oeführt habe (s. Fig. 220 u. 221). Jedenfalls machen im Verhältnis
zum übrigen Körper die kleinen Beinchen diesen Eindruck. Eine
ähnliche Terrakotta besitzt das Berliner alte Museum. Wir werden
noch Gelegenheit haben, von der apotropäischen Kratt der Genitals-
sphäre und ihrer pathologischen Veränderung zu sprechen. Der An-
blick dieses buckligen Reiters weist schon darauf hin. Diese Figur
erwähne ich schon deshalb, weil diese kleinen Grotesken sehr selten
intakt gefunden werden, während
es groĂźe Sammlungen von iso-
lierten Köpfen gibt.
Von einem gewissen Inter-
esse muĂź die altmexikanische
Darstellung einer Wirbelsäule-
erkrankung bei einem Volke sein,
ĂĽber dessen Krankengeschichte
uns wenig bekannt ist. Im hie-
sigen Museum für \'ölkerkunde
befindet sich eine uralte Stein-
plastik, welche oftenbar einen
Buckligen, vielleicht mit Läh-
mungserscheinungen an den FĂĽĂźen
darstellt. Dafür, daß der kleine Mann an den Beinen gelähmt ist,
spricht die enorme Entwicklung der oberen Extremitäten und die
Haltung der Beine. Die Stellung des Kopfes, der sich mĂĽhevoll
aus dem Thorax heraushebt, scheint trefflich nach dem Modell
gearbeitet zu sein (s. Fig. 222). Bucklige kommen ĂĽbrigens in
mehreren altmexikanischen Kodizes vor. Dem freundlichen Nach-
weis von W. V. d. Steinen verdanke ich die Originalzeichnung
eines solchen aus dem Mixtekischen Kodex Colombino (s. Fig. 223).
Ausdrücklich wird auch für die primitive ägyptische Kunst die Bei-
gabe difformer Körper in Gräbern bestätigt, angeblich um die Toten
zu erfreuen').
') Des Dt-buts de I'Art en Egypte par Jean Capart. BrĂĽssel 1904, S. 21-t.
A'atr/i einer Originalzeichnung von v. d. Steinen.
Fig. 223. Buckliger aus altmexikanischem Kodex.
GROTESKKOPFE.
331
GROTESKKĂ–PFE.
Felix Regnault hat die Unmasse solcher Köpfe, deren Kör-
per verloren gegangen ist, vom medizinischen Standpunkt unter-
sucht und an ihnen eine ganze Reihe von Erkrankungen statuieren
Or;'^ -All/n. Atlun. \at â– Miiscittii.
Fig. 224. Groteskköpfe. Hellenistische Karikaturen.
wollen'). Fr hat Lähmungszustände angenommen, Erblindungen,
einseitige Augenerkrankungen, Akromegalie, Idiotie, Verwundungen,
Tumoren und ähnliches. Ich bringe hier einige solcher asymme-
trischer Köpfe mit allerlei Abnormitäten sowohl aus der Stambuler
(.hii;. Au/ii SiaiiU'icl, J\Iust-!int.
Fig. 225. Groteskkopf. Hellenist. Karikatur.
Orig -Aiit'ii . Staiitl'ul. Mu.fiiui.
Fig. 226. Groteskkopf. Hellenist. Karikatur.
als der x\thenischen Sammlung (s. Fig. 224—232). Es sind Pracht-
stücke darunter und bei fast jedem ließe sich eine schöne Diagnose
') F. Regnault, L'oeuvre pathol. de Coroplastes de Smyrna. Congres de Clermont-
Ferrand 190S.
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Athen, Xat. -Museum.
Fig. 227. Serie von GroteskkĂĽiifcii.
zurechtzimmern. Ich glaube aber, daĂź solchen Studien nur dann
Wert beizulegen ist, wenn sie sich auf Figuren beziehen, bei
denen der ganze Körper miterhalten ist und aus ihm mit Sicherheit
Orig .-Aii/n. Staiubttl, Mitsetim.
Orig.-Au/n. Stambut, Museum.
Fig. 22S. Groteskkopf. Fig. 229. Groteskkopf.
hervorgeht, daß hier eine reale Körperschilderung beabsichtigt wurde
und nicht dessen karikaturistische Verzerrung. Es ist ja nicht in
Abrede zu stellen, daĂź gelegentlich auch wirkliche Krankheits-
Orig.-Au/n, Athen, Nat. -Museum.
Fig. 230. Groteskküi.fe. Hellenistische Terrakotten (das dritte Bild ein Skelettschädel).
GROTESKKOPFE.
333
zustände für diesen Zweck kopiert wurden, aber wer ist schon auf
die Idee gekommen, die Illustrationen des Simplizissimus oder
Kladderadatsch medizinisch zu sondieren! Hins der schönsten Stücke
der Gaudinschen Sammlung im Louvre zeigt einen ausgesprochenen
»doppelten Buckel«, wie wir Rheinländer die tuberkulöse \'er-
I h ! ^.-.l!(l n . StiiDii'iil, Mrtsciiiit.
Fig. 231. Groteskkiipf.
Ijifii. S/,iiji/-ii/. Muifiiiii
Fig. 232. Groteskkopf.
biegung des Rumpfes nach vorne und hinten humoristisch be-
zeichnen; die riesenlange Nase und die kautschukartige Verzerrung
der GesichtszĂĽge zeigt den wahren Charakter des kleinen Kunst-
werkes'). Für diejenigen aber, denen die Autlösung solch diagno-
stischen Rätselspieles Freude macht, habe ich eine ganze Serie
solcher pathologischen Köpfe aufnehmen lassen.
MASKEN UND VERWANDTES.
Unter dem Gesichtswinkel der Abwehr, der Beschwörung, der
prophylaktischen Gegengeste mĂĽssen wir noch eine sonderbare
Form der Ornamentik betrachten. Wir sahen bereits auf TĂĽrmen
und Toren ausgestreckte Hände, deren Finger zu einer »Feigen«
geballt waren. Ähnliche Wirkung hat seit den Tagen des Gor-
gonenhauptes die ausgestreckte Zunge. Es ist ein Schutzmittel aus
') S. auch; Die antiken Terrakotten, im Auftr. d. Arcli. Inst, des Deutschen Reiches her-
ausgegeben von R. Kekule v. Stradonitz. Die Typen der figĂĽrhchen Terrakotten von
Franz Winter. 1903.
334
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
den Tagen der Kindheit des Menschen. FrĂĽhe kleinere bemalte
Terrakotten, einst als Stirnziegel verwandt, betinden sich im Mu-
seum der Akropolis. Schon bei Homer trägt Agamemnon solch
Schreckbild mit heraushängender Zunge, großer Nase und hervor-
quellenden Augen auf seinem Schild. Es ist das Bild des Löwen,
welcher den Rachen aufreißt. Für die Universalität solcher Ideen
bietet die ganz identische Darstellung bei den Altperuanern Zeugnis
und Beweis. Da nun auch alles Mißgestaltete und Obszöne schützte,
ist es nicht schwer, dem Ideengang zu folgen und von der Kom-
bination der Drohgeste mit xMiĂźgestalt oder dem Genitale eine ge-
steigerte Wirkung zu erwarten. Unter dieser Voraussetzung formte
man die »Oscilla«, Verbindungen von Phallus und Gesicht, oder
ließ Verwachsene die Fikagebärde machen. Mit solchen Phylakterien
schmückte man allerlei Gerät des täglichen Lebens bis hinunter zu
den Grabsteinen (siehe Seligman). Es bedarf keiner besonderen
Motivierung, daĂź solche eingewurzelten Volksvorstellungen den
Regierungswechsel einer Religion ĂĽberdauern. Nach Sturz der
Götteroligarchie, mit der Entthronung der Schutzgötter schüttete
man die bösen Geister alle in den einen Höllenkessel, und jegliche
Kraft und Zaubermittel wirkten nun gegen Teufel und Antichrist.
Und man ging dem Bösen zu Leibe mit Vorstellungen aus der
Antike. So findet man an frĂĽheren Kirchen solche Schreckbilder
mit herausgestreckter Zunge, die als eine einfache Groteske an
einem Gotteshause keinen Sinn haben. R icher (1. c.) erwähnt eine
ganze Reihe solcher Köpfe und bildet einige von den Fassaden der
Kirchen in Reims und Semur ab; die berühmten »Chimeres« an
der Notre Dame zu Paris, wo man mit dem Teufel den Beelzebub
austreibt, zeigen gleichfalls die lange ausgestreckte Zunge.
Hier erinnert man sich an den Ideengang der Alten von dem
tötenden Blick des Fabeltieres »Basiliscus«, gegen das es nur die
eine Rettung gab, die Vorhaltung des Spiegels. Es wird durch
den Anblick der eigenen Scheußlichkeit getötet.
Medizinisch am interessantesten ist der Maskaron an der Santa
Maria Formosa in Venedig. Die greuliche Verzerrung dieses Schreck-
MASKEN.
335
bildes gab nämlich dem großen Charcot schon frühzeitig Ver-
anlassung, als erster in die Beziehungen zwischen Plastik und
Medizin einzudringen. Er erkannte in dieser Fratze nicht ein
Phantasiegebilde, sondern die ausgesprochenen Symptome des hyste-
richen Hemispasmus glossolabialis (s. Fig. 233). Solcher ornamen-
taler Fratzen mit irgendwelcher Tendenz gab es und gibt es viele^),
z. B. am Magdalen College in Ox-
ford"). Ein besonderes Beispiel seit-
wärts herausgestreckter Zunge ferner
an der Kirche Strattord-sur- Avon.
In frĂĽhchristlicher Zeit schreckte man
sooar vor ganz obszönen Darstellun-
gen als Abwehr- und Schreckbildern
an Kirchen nicht zurĂĽck. An wen-
dischen Kirchen, am SchloĂź von
Blois, an der Kathedrale von Ronen
befinden sich Gesimse mit solch ein-
deutigen Darstellungen, daĂź keine
Baupolizei der Welt solchen selt-
samen Schmuck heutzutage durch-
gehen lassen wĂĽrde. Auch die dra-
matischen Masken der Alten wurden
als Abwehrmittel verwandt. Den
Schrecken, den solche auslösen kön-
nen, zeigt eine niedliche Kinderszene
auf einer Freske in Resina, Abbildung s. bei Thom. Wright')
Flg.
Ri-prodiiktioti nach Charcot.
Maskaron von der Santa
;\Iaria Formosa in Venedig.
S.
Das Wort Maske soll ĂĽbrigens nichts zu tun haben mit
dem arabischen Maskara = PossenreiĂźer, sondern kommt von Baska
aus dem griechischen Baskania = Fascina, d. h. Mittel gegen die
Faszination (s. bei Sei ig man S. 307).
Wähnte man so durch Anbringung häßlicher und satirischer
') Thomas Wiight, Histoire de la Caricature et de la Grotesque. Paris 1867, L. IX.
^) Abbildung s. bei Eduard Fuchs, Das erotische Element in der Karilcatur. Beriin 1904.
^) Thomas Wriyht, Histoire de la Caricature et de la Grotesque. Paris 1S67, Ch. IX.
336
KR AN KHEITSDARSTELLUNGEN.
Masken Mißgunst, Neid und Zauberei zu bannen, so erklären sicli
aus dem Kreis solcher Wahnvorstellungen heraus auch religiöse
öffentliche Zeremonien, bei denen solche Masken Verwendung
fanden. Namentlich dort, wo ursprĂĽngliche Volkssitten und \'olks-
charakter sich rein erhalten konnten, linden wir geeignetes Material.
So bei fast allen australischen und afrikanischen Naturvölkern.
Ein Teil der Possenspiele bei christlich-kirchlichen Festen, bei
denen Masken getragen wurden, gehört auch hierher. In einigen
Volksmuseen werden solche Volksmasken aufbewahrt, und finden wir
Orig.-Aufn, Berlin, Museum fiir l'blkerkunde.
Fig. 234. Maske aus Ceylon mit Darstellung
des typhösen Fiebers.
Stadium der Blindheit.
Orig.-Au/n. Berlin, Museum Jiir l "ölkerkufide.
Fig. 235. Maske aus Ceylon mit Darstellunj;
des typhösen Fiebers.
Stadium der Lähmung.
manchmal interessante Spezimina unter denselben; so naive Toten-
schädelmasken oder auch solche mit großen Gesichtsauswüchsen.
Es wäre aber verlorene Arbeit, diese Fastnachtsscherze medizinisch
zu klassifizieren; dagegen interessieren singhalesische Masken des
hiesigen Völkermuseums, die ich dem Nachweis des Herrn Professor
GrĂĽnwedel verdanke. Es sind zwei aus einer Reihe von 18 Sannis
oder Sannvä, welche Stadien eines tvphösen Fiebers darstellen sollen
(s. Fig. 234 u. 233). Die Ă–ffnungen unter den Augen zeigen, daĂź
die Masken vorgehalten wurden. xMaske Fig. 234 stellt das Stadium
Kanasanniyä vor, in welchem dem Kranken das Gesicht versagt.
Die nächste Maske zeigt das Stadium Korasannivä, in welchem er
MASKEN.
337
sich einseitig gelähmt fühlt. Die plastische Verkörperung der Blind-
heit und der einseitigen Lähmung bedarf keiner besonderen Illu-
stration. Ähnliche Masken finden wir vielfach auch in Japan; bei
der mir vorliegenden ist die Blindheit durch geschlossene und vor-
getriebene Augenlider markiert; der Mund und selbst die Zahnreihe
hängen links tief herab; es soll sich um die Darstellung eines
blinden iVIasseurs handeln, die vielfach auch jetzt noch mit ihren
langen Stöcken die Straßen durchwandern und häufig dargestellt
werden. Der Freundlichkeit des Direk-
tors der asiatischen Abteilung im
Völkerkundemuseum, Dr. Kümmel,
verdanke ich auch eine japanische
Maske eines blinden Sängers und ihre
Erklärung. iMehrere Sagen beschäf-
tigen sich mit diesem Sänger, eine
davon macht ihn zum Sohne des
Kaisers Daige (regierte 898 — 930).
Dieser verbannt den Blindgeborenen
in die Berge, wo er ein mächtiger
Lautenspieler wird. Dort findet ihn
seine Schwester, die wegen ihrer Wahn-
sinnsantälle gleichfalls vom Hofe ver-
bannt wird. Diese Geschichte ist der
Inhalt eines Schauspiels (Nospiel),
welches angeblich von Kwanze Motokijo (1373 1433) verfaĂźt
oder doch wenigstens von ihm eingerichtet wurde. In diesem lyri-
schen Drama wurde eben diese Maske verwendet (s. Fig. 236). Die
Phthisis der Augen wird durch die ringförmige Delle der oberen
Lider ausgedrĂĽckt.
In der Kunsthalle zu Basel befinden sich sechs Groteskmasken,
die zu einer gewissen BerĂĽhmtheit gelangten, weil der groĂźe Maler
A. Böcklin sie geschaffen hat; uns interessieren diese modernen
NachzĂĽgler alter Tonbilder besonders auch deshalb, weil der KĂĽnstler
unter ihnen verschiedentlich Krankheitszustände mit Humor porträ-
Holländer, Plastik und Medizin.
Orig.-Au/n. Asiat AU. d. Berlin. Mus./, l'ölkerk.
Fig. 236.
Jaiianische Maske eines blinden Sängers.
338
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
tierte, so namentlich das scheuĂźliche Zahnweh mit vollkommener
Verschwellung einer Gesichtshälfte, sodann die volkstümlichen
angeblichen V^eränderungen des Riechorgans durch chronischen
Alkoholismus.
ZWERGENWUCHS.
Demselben Ideengang zufolge hatten auch die Zwerge eine
amulettartige Wirkung. Die Vorliebe fĂĽr diese Darstellungen tritt
besonders bei Betrachtung der pompejanischen Kunstschätze hervor.
.Vfa/'i-/. -Vtit -Museittii.
Fig. 237. Zwerg mit Hahn, i\Iosail< aus Pompeji.
Es wäre sonst nicht ohne weiteres verständlich, daß der rein satirische
Sinn eine so häutige Veranlassung gewesen wäre zur Darstellung
solcher Verunstaltungen (s. Fig. 237). Gerade bei den Zwergen
aber kommt das Erotische wie von selbst dadurch zur Betonung,
daß mit der Verkleinerung des übrigen Körpers eine scheinbare starke
Vergrößerung des Genitale verbunden ist. Wir haben schon mehr-
fach darauf hingewiesen, daß gerade die Nudität eine besonders
starke Wirkung als Abwehr hatte. Die VerkrĂĽppelungen bilden eine
ZWERGE.
339
lange Kette von Darstellungen in der Kleinkunst des Altertums
und reichen bis hinauf in die Renaissance, und zwar wurde die
Bronze als Material besonders bevorzugt. Es war Mode, dieser
Darstellung noch einen humoristischen Ausdruck dadurch zu ver-
leihen, daß man diese kleinen Ungeheuer in Stellungen verkörperte,
die in Kontrast zu ihrer MiĂźgestalt standen, z. B. krummbeinige
Knirpse als Gladiatoren und Faustkämpfer, Tänzer usw. Im übrigen
Orig.-Anf>i. Athen, l\at.-Mi(S.
Fig. 238. Weiblicher karikierter Zwerg.
Orig.-Phot. vom Deutsch, äg. arji. liist. Kairo, Museum.
Fig. 23g. Zwerg Khnoumhotpou.
sei betont, daĂź der gute Geschmack und eine gewisse Scheu vor
dem weiblichen Geschlecht es nicht zulieĂź, solche weiblichen MiĂź-
gestalten zu bilden. Es kommen aber Ausnahmen vor (s. Fig. 238).
Der Kampf der Pygmäen mit den Kranichen gab fernerhin den Vor-
wurf, gelegentlich Krankheitsbilder eigener Art zu schaffen. Eine
Vase des Berliner Museums zeigt diesen Kampf, und die hier ge-
schilderten Pvgmäen haben alle das Aussehen kongenitaler Lues, wie
340
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
man sie nicht schöner malen könnte. Henri Aleige') hat diese
antiken KrĂĽppel einer interessanten medizinischen Analyse unterzogen
und dieselben eingeteilt in solche von rachitischem, idiotischem,
mikrozephalischem, hydrozephalischem, myxödematösem, infantilem,
skrofulösem, adipösem Habitus mit Gelenkdeformitäten (Spitzfuß,
Genu valgum), und solche mit atrophischen oder hypertrophischen
Zuständen der Muskulatur. Dabei kann natürlich ein Individuum
Orj^.-Au/'ii- Berlin, Altes Museum.
Fig. 240. Zwerg. Hydrozephal. Typus.
Antike Terrakotta.
London, Victoria and Altert Museum.
Fig, 241. Achondroplast. Zwerg.
Renaissancebronze.
gleichzeitig mehreren Gruppen angehören; tür alle diese Möglich-
keiten gibt es antike Beispiele in der Kunst. Wir beschränken uns,
auf diese medizinische Systematisierung hingewiesen zu haben und
bringen nur einige Beispiele, die von allgemeinem Interesse sind:
plastische GegenstĂĽcke zu den berĂĽhmten Zwergen des \'elasquez.
Zunächst das Bildnis des Zwergs aus dem Museum von Kairo,
welches schon Charcot heranzog und den Rieh er abbildete (siehe
') Henri Meige, Les Nains et las Bossus dans lArt. Nouv. Iconogr. de la Salp. 1S96.
ZWERGE.
341
Fig. 259). Der Mediziner wird sofort erkennen, daĂź hier ein typi-
scher Achondroplast porträtiert wurde. \'on diesem Zwerge Khnoum-
hotpou wissen wir, daß er \\-)rsteher der Partumabteilung des Königs
war. Ein weiteres Beispiel ägyptischer Zwerge bildet Rieh er nach
Rosselini') ab. Neben einem Zwerg steht ein Mann mit aus-
,ifi'
Ort^.-Au/n . Berlin, Altes Alust'iint .
Fig. 242. Zwerg. Hydrozephalischer Typus.
Orig.-Au/n. Berlin. Altes Museum
Fig. 243. Fig. 242 von links.
Antike Terrakotta.
gesprochen beiderseitigen KlumpfĂĽĂźen. Hinter diesem befindet sich
aber noch ein Buckliger, der bisher nicht beachtet wurde. Auch
Maspero"), den Rieh er zitiert, erwähnt diesen Buckligen aus
der Umgebung des Prinzen Minieh nicht. Diese Gesellschaft am
') Rosselini, Monuments de l'Egypte et de la Nubie.
°) Maspero, lArchcologie egypt. p. 205.
342
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Pharaonenhofe gibt davon Zeugnis, daĂź die Neigung der GroĂźen,
sich mit menschlichem MiĂźwachs zu umgeben, uralten Datums ist.
Bei solcher Sitte konkurriert offenbar die Vorstellung einer Kon-
trastwirkung mit der der Blitzableitung.
Ein noch trefflicheres Beispiel eines solchen Zwerges, dessen
Gliedmaßen durch vorzeitige Verknöcherungen seiner Knorpel-
scheiben miĂźgestaltet wurden, bietet die
schöne Renaissanceplastik aus dem
^'ictoria and Albert Museum, die unter
dem Namen desÄsop geht (s. Fig. 241).
Unsere Aufnahme läßt besonders die
\'erkrĂĽppelung des Oberarms deutlich
genug erkennen. Dem hvdrozephali-
schen Typus gehören mehrere antike
Terrakotten des Berliner Museums an
(s. Fig. 240). Man sieht, der eine Kleine
ist sehr vergnĂĽgt und hat bei guter
Nahrung schon ein höheres Alter er-
reicht. Das andere Exemplar ist me-
dizinisch interessanter. Der enorme
Wasserkopf scheint nach der Nasen-
bildung ein Porträt eines Neugeborenen
zu sein; der übrige Körper, in eine
Toga gekleidet, ist karikaturistisch hin-
zugefĂĽgt (s. Fig. 242 u. 243).
Als weiteres Bild eines Achondroplasten bringe ich dann noch
die als Gewicht dienende antike Bronze eines Zwerges mit der
Strigilis (Fig. 244). Der Henkel setzt sich aus zwei FĂĽchsen zu-
sammen und läuft unten in Schwanenhälse aus. Die Mehrzahl
solcher MiĂźgestalten ist nicht wiederzugeben wegen der enormen
Hypertrophie ihrer Genitalien. Ich erinnere hier besonders an die
Tanagraiiguren des Athenischen Nationalmuscums, welche often-
bare Karikaturen römischer Imperatoren vorstellen. Bekannt ist
die in Aviijnon befindliche ähnliche Zwergenkarikatur aut Caracalla.
Orig.-Au/n. Xeapel. Aat.- Museum
Fig. 244. Zwerg. Achondropl. Typus,
Antike Bronze aus Pompeji.
ZWERGE.
)4)
Salomon Reinach^) bildet auĂźerdem noch in seinem Repertoire
ĂĽber ein Dutzend solcher Pvgmiien und Zwerge ab.
Auch Richer hat sich eingehend mit den kleinen Statuetten
beschäftigt, welche Zwerge, Buffonen und Idioten vorstellen. Er
bringt in seinem großen Werke (1. c.) die schönen Exemplare aus
dem Louvre, denen er die Bezeichnung von Pygmäen gibt. Die
Mehrzahl zeigt ausgesprochen achondroplastischen Typus, der sich
durch den groĂźen Kopf und groĂźen Rumpt und KĂĽrze der Extre-
j:':../. AlhiaH. Florenz. Xal ,1/;, .,■•■,;<,■.
Fig. 245. Zwerg von Valerio Cioli da Settignano (1530 — 1602).
mitäten auszeichnet; doch auch rachitischen Mißwachs zeigen viele.
Nächst dem Louvre besitzt die Wiener Sammlung die schönsten
Exemplare*). Gelegentlich tragen diese Figurinen, die meist in
leidenschaftlicher Bewegung dargestellt sind, auch die Bezeichnung
eines Silen. Solch krummbeinigen, alten, flötenblasenden Silen,
dessen Zwergenhattigkeit besonders absticht gegen den schlanken
Wuchs der Nymphen, finden wir z. B. auf einer dionysischen Pro-
') Repertoire de la Statuaire. Paris 1S98.
^) E. V. Sacken, Die antiken Bronzen des k. k. MĂĽnzenkabinetls in Wien, 1S71.
344
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Zession in der Villa Albani (s. Fig. 246). Ein naher Verwandter
dieses Wesens ist der flötenblasende geschwollene Zwerg aus dem
Kensingtonmuseum , der mit dem Stock seine Beleibtheit stĂĽtzen
muĂź; er korrespondiert wieder vollkommen mit der antiken Sta-
tuette, Silen bezeichnet, aus dem Louvre- Museum, die Rieh er
abbildet; nur trägt dieser Zwerg Trauben und Trinkbecher; sein
Mvxödemtvpus ist von R icher detailliert geschildert. Es inter-
essiert vielleicht noch die Mitteilung, daĂź auch in der Sammlung
FSwt. Alinari. Mihi AllHtui, Rctn.
Fig. 246. Dionysische Prozession. Antil<es Relief.
Goethes in Weimar sich ein Zwerg mit infantilem Charakter vor-
fand^). \'iel seltener begegnen wir Groteskdarstellungen, bei denen
die umgekehrten Proportionen zu einer körperlichen Karikatur ver-
halfen, kleiner schmächtiger Körper und kolossal lange Extremi-
täten. Dieser Typus wird mit Recht als der Eunuchentypus be-
zeichnet. Hier wie dort aber bleibt stabil die gleichmäßig große
Form des Membrum. Charakteristische Exemplare dieser Art, die
trotz ihres seltsamen Vorwurfs groĂźe KĂĽnstlerschaft verraten, birgt
') Jahrbuch des Kaiserl. Deutsch. Arch. Instituts. Berlin 1S97, S. 49.
BES— PATAIKOS-PTAH.
345
das Gabinetto segreto im Neapeler Museum.
Sie zeigen übrigens ganz ähnliche Verhältnisse
wie der infibulierte Sänger und Lautenspieler
des Museo Kircheriano in Rom (s. Fig. 248).
Interessant ist, bei allen
diesen Veränderungen
die Schädeltorm zu
studieren ; sie zeigt, daĂź
wir es hier ott mit
wirklichen Beobach-
tungen zu tun haben,
nicht mit Phantasie-
gebilden der KĂĽnstler.
Entsprechend ihrer
Körperlichkeit haben
viele dieser Figurinen „ ,, ... , .
O Korn, Mitseuin hirdifrianum.
nämlich die typischen Fig. 24s. Antike Bronze.
Infibulierter Eunuch.
begleitenden Verände-
rungen des achondroplastischen oder rachitischen Schädclbaues.
London, Victoria and Albert Museum.
Fig. 247. Zwerg. Adipose Form.
Antike Bronze.
BES— PATAIKOS— PTAH.
Wir haben bisher die Abbilder dieser Zwergen und MiĂźgestalten
unter dem Gesichtswinkel ihrer Zweckdienlichkeit betrachtet; nicht
allein die Freude am Grotesken veranlaĂźte ihre beinahe fabrik-
mäßige Herstellung, sondern sie dienten, wie wir sahen, als Apo-
tropäa gegen bösen Blick und allerlei feindliche Gewalt. Fs liegt
nun auf der Hand, daĂź eine besondere Kraft einem miĂźgestalteten
Zwerg beiwohnen mußte, der selbst göttlicher Herkunft ist. Da die
griechische Mythologie keine geeignete derartige Persönlichkeit aut-
weist, so adoptierte man ägyptische Gottheiten. In erster Linie spielt
hier der Gott der alten Ägypter B e s eine allerdings wenig klare Rolle.
Seine Gestalt wird als zwerghaft und verkrĂĽppelt angegeben. An-
geblich war er ein Gott der Kunst, des Gesanges und der Freude,
346
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
doch sollte er später auch bei den Entbindungen eine Rolle spielen
und vermöge dieser Eigenschaft in den Tempeln besondere Gemächer
beherrscht haben, welche man Mommisi nannte. Er wird auch dar-
gestellt, wie er die Laute schlägt. Adolf Er man') sagt von diesem
Gott, daß er nur einer sei aus einer Schar von Volksgöttern, die man
etwa den Satvrn der Griechen gleichsetzen könnte. Sie sind halb
Tiere, halb Menschen, die die Götter durch Musik und Tanz er-
freuten ; sie bieten aber auch Schutz gegen böse Wesen. Die
Orig.-Aiiflt.
Bt-rlin, Altes Museum, ägypt. Abt.
Fig. 249.
Fig. 250.
Fig. 251.
Der Gott Bes.
Pataikos.
Pataikos auf Krokodilen stehend
Hauptkonkurrentin des Bes in der Volksgunst ist die Toeris, ein
auf den HinterfĂĽĂźen stehendes weibliches Xilpterd, dessen Wesen
durch das Schriftzeichen für »Schutz«, welches sie mit den mensch-
lich gestalteten Armen festhält, deutlich signalisiert wird. In der
griechischen Zeit Ägvptens scheint Bes an Bedeutung zugenommen
zu haben. Seine verkrĂĽppelte Gestalt hat er zwar beibehalten, er
tritt aber als Schutzkrieger mit einem Schwerte aut und beschĂĽtzt
jetzt auch die Toten. Zum SchluĂź, mit dem Auttreten des Christen-
tums, galt er als böser Dämon, der nach den Vorübergehenden
schlug, die davon blind, taub, lahm oder stunun wurden. Die
') Adolf Erman, Die ägyptische Religion. Handbücher der Kgl. Museen zu Berlin.
PATAIKEN.
347
Betrachtung der merkwĂĽrdigen Figur des Gottes zeigt, daĂź er
eigentlich nichts VerkrĂĽppehes an sich hat; sein Gesicht mit dem
stets vorhandenen seithchen Backenbart, vor allem aber das um-
gelegte geschwänzte Löwenfell, auch die oft breit ausladenden und
kurzen gebogenen Extremitäten erinnern an eine autgerichtete Tier-
ligur. Als Zeichen seiner apotropäischen Kraft streckt er die Zunge
Orig.-Aufn. Berlin, Altes Museum, (igypt. Al't.
Fig. 252. Pataiken.
heraus: ein besonderes intermvthologisches Zeichen. Die Ver-
schmelzung seiner Person mit anderen Dämonen führt zu Misch-
figuren; als charakteristisches Attribut sollte ihm die Federkrone nie
fehlen. Von diesem Gott Bes und seiner monströsen Form ist nun
frĂĽhzeitig schon behauptet worden, daĂź er der Typus eines Achon-
droplasten sei^) und von einem solchen Form und Figur habe").
') Literatur; Virchow, Verhandl. der Berl. Ges. fĂĽr Anthropol. 189S. Die Phokomelen
und das Bärenweib. Parrot, Sur l'origine d'une des formes du dieu Ptah. Rec. de trav. rel.
ä Ja Philologie et rarcheol. egypt. et ass. II. 18S0. Kiffer, l'Achondroph. Corresp. medic. VI
120. 1899. Außerdem bei Richer, Äleige.
-) Ähnlicher Ideengang bei Friedrich Schatz, Die griech. Götter und die menschl. Miß-
geburten. Wiesbaden 1901.
348
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Viel mehr aber wie dieser Gott Bes, der eigentlich doch nur
eine tierische Figur zeigt, interessiert uns eine ägyptische Götter-
figur, ĂĽber die wir so gut wie gar nichts wissen , da Literarisches
ĂĽber sie, auĂźer durch eine Stelle bei Herodot III, 37, nicht bekannt
ist. Dieser berichtet, daĂź Kambyses in den Tempel des \'ulkan
ging und sehr über das Götzenbild lachte, denn das Bild des Wilkan
sei den P a t a i k i s c h e n Göttern der Phönizier sehr ähnlich,
welche dieselben an den Vorderteilen der Galeeren anzubringen pfleg-
ten. »Wer diese aber nicht gesehen hat,
dem will ich anzeigen, daĂź sie die Ge-
stalt eines Zwerges haben.« Man nennt
nun Patäke (Pataikos) einen kleinen
Volksgott, der die typischen Erschei-
nungen und Veränderungen des Ske-
lettes zeigt, wie sie bei rachitischem
Zwergenwuchs vorkommen. Diese
Figuren, meistens der Kleinplastik an-
gehörend, oft mit einem Ring zum
Aufhängen versehen, müssen eine ganz
auĂźerordentliche Verbreitung gehabt
haben, wie man aus der Unmasse der
vorkommenden FigĂĽrchen schlieĂźen
kann. Die spätere Magie benutzte diese
Volksgötter sowohl als Schutzmittel in
orig.-phot. Form von Amuletten oder indem man
Fig. 253. :2iahr. Perser mit überein- ^j^ .^j^ HaUSgötter aufstellte. Da UUU
stimmendem Korperbau wie Fig. 252. ^
auch das H o r u s k i n d selbst vor den
bösen Tieren errettet worden war, so scheint Bes, Patäke (Pataikos)
und Horuskind die Trias der Kardinaldämonen gegen bösen Blick,
böse Tiere und wohl auch böse Krankheiten gewesen zu sein. So
sehen wir z. B. auf unserem Bilde einen Pataiken auf zwei Krokodilen
stehend (s. Fig. 231). Nach Art der AmulettschĂĽsseln und der pan-
theistischen Hände glaubte das naive Volk ein Allerheiligenmittel in
der Zusammenfügung und Verschmelzung dieser apotropäischen
PATAIKEN.
349
Dämone zu haben , und man schuf Mischgestahen aus Bes, Isis,
Horus und anderen Göttern.
Der Gott Ptah ist an und fĂĽr sich von durchaus normaler
Struktur, er ist der Vater aller Götter; eine \'erwirrung ist nur
in seiner Autfassung anscheinend dadurch gekommen, daĂź Pataiken
z. B. der Berliner Sammlung am FuĂźende noch das Zeichen des
Gottes Ptah tragen.
Rieh er nimmt nun mit anderen an, daĂź die kleinen Pataiken
als juvenile Form des Ptah angesprochen werden sollen und weist
auf deren Schädelbildung hin, die eine gewisse Übereinstimmung
mit Neugeborenen zeigt. Auf unserer Abbildung zweier Pataiken
aus der Berliner Sammlung sehen wir, daß der größere tatsächlich die
Locke trägt, die allen jugendlichen Göttern eigentümlich war (siehe
Fig. 252).
Wenn wir nun das Material zusammenfassen, so können wir
folgendes sagen, ohne wohl zu weit vom Ziele zu visieren. In
Ägypten existierten eingeborene oder wohl auch von den Phöni-
zieren ĂĽbernommene Gottheiten, die miĂźgestaltet waren. Diese
MiĂźgestalt war teils nach tierischer Schablone geformt, teils beruhte
sie auf wirklich zwergenhafter Bildung, oder auch embryonenhatter
und dem ersten Säuglingsalter entnommener Gestaltung. Schon im
eigenen Lande traten Verschmelzungen der mythologischen Vor-
stellungen ein. Allen diesen in der Volksgunst hochstehenden
Dämonen wohnte eine Schutzkraft inne, zunächst gegen böse
wilde Tiere, später aber auch gegen bösen Blick und böse
Krankheit.
Diese ägyptische Gottesfigur scheint nun auch in Hellas und
den Inselkolonien Eingang gefunden zu haben, wenn auch die
Figur falsch verstanden und fitlsch reproduziert wurde. Jedenfalls
finden sich massenhaft in Griechenland ausgegrabene Objekte der
Kleinplastik, die allerlei Zwergenwuchs zeigen und ziemlich miĂź-
gestaltet sind, und die als Pataiken bezeichnet werden. Wir bilden
eine solche hockende kleine Figur ab (s. Fig. 234). Diese beson-
dere Stellung wiederholt sich oft. Die Arme sind meist bei den
>)
o
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
hockenden Gestalten auf dem Bauch zusammengelegt; die PerĂĽcke
weist nach Ägypten. Andere zwergenhafte Gestalten zeichnen
sich durch kolossale Fettentwicklung aus; sie sitzen dann meist
mit gespreizten Gliedern, so daĂź die Genitalien deutlich sichtbar
werden.
Allen diesen Abnormitäten und Scheußlichkeiten, die als Gegen-
sätze z. B. zu den sonstigen Sujets einer Tanagraindustrie beson-
ders auffallen, muĂź starker Heilzauber innegewohnt
haben. In Ägypten jedenfalls überdauerten auch
diese kleinen Heilpatrone die triumphierenden Stel-
lungen der großen Götter, wie auch des Askle-
pios Macht über alle anderen hellenischen Götter
triumphierte.
Erman schließt seine »Ägyptische Religion«
mit ungefähr folgender melancholischer Betrach-
tung: Das Heidentum nahm ein trauriges Ende,
die Tempel standen verödet, oder man baute sie
zu Kirchen um. Ein böser Dämon spukte in den
Tempelruinen, den man Bes nannte, aber der
heilia;e Moses wußte ihn zu beschwören. So
Orig.-Aufn.
Fig. 254. Hellenischer ^.^^^^ jjg Götter des alten Glaubens die Gespenster
Pataikos.
des neuen geworden. Doch einen Zufluchtsort
fanden sie noch bei den Zauberern und Quacksalbern. Wenn diese
auch von den neuen christlichen Formeln Gebrauch machten , so
lebte in ihnen doch die alte Tradition. Wenn ein Kind Eeibweh
hat, so denkt der Mann, der es besprechen soll, noch immer an
das Horuskindchen, und wenn er auch mit dem Herrn Jesus endet,
so beginnt er doch seinen Zauberspruch unter Anrufung dessen, der
die Sonne zum Westen trägt und den Mond zum Ost, und der
die sechs Sühnsterne trägt. Oder der christliche Magier rutt bei
Schlaflosigkeit die beiden Schwestern Isis und Nephthys an, die
betrĂĽbt und traurig sind.
So sind denn die Quacksalber und Scharlatane in Ägypten zu-
letzt noch die Träger einer Religion, die die Tempel von Karnak
SATYRSPIEL UND KOMĂ–DIE.
351
und Memphis baute und ein groĂźes Volk Jahrtausende lang
leitete. Und Kastor und PoUux tauchten in die Seelen und Körper
der arabischen christlichen Ärzte, der Märtyrer Kosmas und Damian.
Und der Buckel ist heute noch ein Porte-bonheur.
SATYRSPIEL UND KOMĂ–DIE.
Als Begleiter des Dionysos belustigten das Volk auf dem
Lande grotesk komische Gesellen. Später kam der Satyr auf die
athenische BĂĽhne und erfreute durch seine komische Figur und
drolligen SprĂĽnge das gemeine Xolk, wie er durch versteckte
tiefsinnige Weisheit Ernsteren und Gebildeten GenuĂź bot. An-
geblich um das große Publikum zum Anhören der Tragödien zu
veranlassen und seine ausharrende Geduld zu unterstĂĽtzen folgte
als Zugabe das Satyrspiel. Um die 70. Olympiade herum wurden
nun tĂĽr die Schauspieler Larven und Masken eingefĂĽhrt, welche
teils den tragischen, vornehmlich aber auch den lächerlichen Ein-
druck verschärten sollten. Zunächst waren solche komischen Larven
aus Baumrinde, Leder oder Stoff, später aber wurden sie von Bild-
hauern verfertigt nach Angabe der Dichter. Alle aber hatten ĂĽber-
triebene Züge und einen meist gräßlich großen Mund mit dem
Sprachrohr (Chalkophonos). Über diese lächerlichen Masken macht
sich schon Lukianos lustig. Im alten Lustspiel, wo man noch
lebende Personen kopierte, richtete sich die Maske auf Porträt-
ähnlichkeit ein. Es kam vor, daß ein Schauspieler wechselnde
Stimmung in einem StĂĽck an den Tag legen muĂźte, dann bildete
man die Maske so, daĂź das eine Profil vergnĂĽgt, das andere
ernst dreinschaute, und je nach dem Spiel zeigte der Schauspieler
die eine oder die andere Seite. Die Anfänge der dramatischen Kunst
in Rom waren etruskischen Ursprungs. Zunächst Tänze nach der
Melodie der Flöte, daraus entwickelte sich ein heiteres Spiel mit Ge-
sang und Tanz. Die römischen Histrionen betonten das übertrieben
Lächerliche und benutzten große lederne Anhängsel. Auch sie
trugen zunächst Larven mit aufgesperrtem Munde. Unter den
352
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Lustigmachern in den mimischen Zwischenspielen werden bucklige
Stock narren mit unförmlichen Köpfen erwähnt. Eine ziemlich
feststehende Figur in den Atellanen (Possenspiele , die nach dem
kampanischen Atella genannt sind) war der M i m u s a 1 b u s oder
Maccus; er war weiß gekleidet mit unförmigem Kopfe, einer großen
herabhängenden Nase, hinten und vorne trug er einen großen Buckel.
Ori)^.- All/n.
F'g- 255. Buckliger aus einem Satyrspiel.
Antike Terrakotta aus der Gegend von Smyrna,
FlögeP) bildet einen derartigen Histrionen ab, der 1727 in der
Nähe von Rom ausgegraben wurde mit großer Nase, die allerlei
Verbiegungen zeigt und der seine bucklige Gestalt in einem hemd-
artigen Gewände zu verbergen sucht. Die Bronze hat silberne
Augen und in beiden Mundwinkeln »Sannae«, silberne Kügelchen;
die übergroßen Füße stecken in Sandalen, Schädel und Haarbildung
') Geschichte des Grotesk-Komischen von Friedrich W. Ebeling. Leipzig i8S6.
SATYRSPIEL UND KOMĂ–DIE.
353
wiederholt sich auf ähnlichen Figuren in der \\'eise, daß der X'order-
kopf eine Glatze zeigt und nur in der Mittellinie eine Haarlocke
vorspringt. An dem Antlitz selbst ist es natĂĽrlich nicht sichtbar,
daĂź eine Larve das Gesicht bedeckt.
Von diesem Maccus, von dem in der Umgebung von Neapel
eine zweite Bronze ausgegraben ist, soll der sĂĽditalienische Pulci-
nella abstammen. Ăśber die Herkunft des Wortes Pollichinelle
oder PuUicinelle gibt es mehrere Erklärungen'). Uns kann es
gleichgĂĽltig sein, ob sich das Wort aut das bei Lampridius vor-
kommende Pullicenus (HĂĽhnchen) bezieht, oder aut einen zur Zeit
Karl von Anjous tätigen Paolo Chinella.
1683 erschien der Policinello zum ersten
Male auf der französischen Bühne in einer
italienischen Truppe; gegen Ende der Re-
gierung der Stuarts trat er als Punchinello
in England auf, um bis zu dem heutigen
Tage als Punch eine fĂĽhrende Rolle in der
satvrischen Literatur zu spielen. Uns inter-
essiert besonders die Mitteilung, daĂź Cam-
panien heute noch vornehmlich solch mon-
ströse Menschen hervorbringe, die den alten
römischen ALicci ähnlich sehen, und welche
nach ihrer Körper- und vor allem Schädelbildung eine ausge-
sprochene \'erwandtschaft zu der Akromegalie haben'). AuĂźer
diesen tvpischen 'Lheaterhguren kommen bei Griechen und
Römern Popanze vor mit gräßlicher Gestalt, womit auch die
Kinderwärterinnen ungehorsame Kinder schreckten und bedrohten.
Ich erinnere nur an die Mormo und ähnliche Erscheinungen.
Lessing sah in dem »Parasitus«, dem Schmarotzer der alten
Komödie, den späteren Harlekin^). Seiner Kleidung nach ist
dieser Nachfolger des römischen Histrionen »Hundertfleck« Cen-
Fig. 256. Antikes Vorbild des
Policinello.
Antike Bronze.
') Riccoboni, Histoire du thcatre italien II, 317.
') Maccus Polichinelle et lacromegalie, par le Dr. A. Souques, Xouvelle Iconogr. 1S96.
') Lessings Dramaturgie I, 138.
Holländer, Plastik und Medizin. 23
5 r A KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
tunculus, dessen Gewand sich aus verschiedenfarbigen Lappen zu-
sammensetzte.
Des Parasitus Tracht war typisch, er trug einen Stecken, Striegel
und Öliaug. Die Parasiten — der Hofstaat des reichen Mannes —
teilen sich nach Flögel in drei Unterarten: Spaßmacher, die sich
selbst durch Mißhandlungen jeglicher Art zum Gespött bieten,
solche, welche ewige Speichellecker ihrer Gönner sind, und dann
die dritte Schattierung, die Therapeutiker, GegenstĂĽcke zu den
»Femmes d'Intrigue«, welche sich zu allerlei Lug und Betrug ge-
brauchen lassen. Alle drei in der ausgesprochenen Absicht, sich
am reichen Tische ihrer Gönner satt zu fressen. Aus diesen und
ähnlichen Vorstellungskreisen entsprangen allerlei typische Figuren
mit Mißgestaltung aller Art, welche dem zeitgenössischem Leser
und Theaterbesucher gute Bekannte waren. Unter den kleinen
antiken Figurinen m i t p a t h o 1 o g i s c h e n Ăź i 1 d u n g e n be-
findet sich nun zweifelsohne auch eine Reihe von
Reminiszenzen an die Bühne. Der \'erdacht der Zugehörig-
keit zur Schaubühne verträgt aber keine medizinische Analyse. Es
mögen ja immerhin Originale gelegentlich Modell gestanden haben,
die beabsichtigte Lächerlichkeit aber entkleidet die Gestalt des
wissenschaftlichen Interesses und wirft sie in den Puppenkasten.
DÄMONISCHE KRANKHEITEN. WAHNSINN.
ALKOHOLISMUS.
Den Kennern der Medizingeschichte ist es bekannt, daß die dämo-
nischen Krankheiten zuerst im Mittelpunkte mediko- artistischen
Interesses standen. Das lag daran, daß zufällig ein großer Nerven-
arzt es war, der mit seinen KĂĽnstleraugen dieses Gebiet zu seinem
SpezialStudium gemacht hatte. »Les Demoniaques dans L'Art«, Paris
1887 von J. M. Charcot und Paul Richer ist das grundlegende
Werk, in welchem die konvulsivischen Darstellungen Besessener in
der Kunst unter die medizinische Lupe genommen wurden. Die
Darstellungen des Exorzismus fallen meist in eine trĂĽbe Zeit, und
DÄMONIE.
j)3
SO linden wir mit Vorliehe solche Teufelsaustreibungen al fresco
gemalt oder in Mosaik gearbeitet. Unter der groĂźen Masse des
illustrativen Materials finden sich eigentlich nur ganz unbedeutende
Arbeiten in plastischer Form. Wenn solch hgurenreiche Szene sich
höchstens für Reliefdarstellungen
eignet, so muĂźte die leidenschaft-
liche Bewegung des Einzelkorpers
den Künstler zur \'erkörperung rei-
zen. In der Antike waren es die
wilden dionysischen Feste und ZĂĽge,
welche exaltierte Körperhaltung
hervorriefen. Zustände äußerster
Erregung, teils hervorgerufen durch
ĂĽbertriebenen WeingenuĂź, teils auch
wohl durch die Autosuggestion des
Tanzes; orgiastisch sinnliche \'or-
stellungen förderten Körperstellun-
gen, die den hysterischen Konvul-
sionen verwandt sind. Die Antike
bildete die rasenden Bacchantinnen
mit Vorliebe in der Weise, daĂź sie
in erregter Stellung mit wallenden
Gewändern, die zum Teil den Kör-
perentblößen, und mit zurückgewor-
fenem Kopfe und fliegenden Haaren
den Thyrsusstab schwingen und sich zum wilden Zimbelschall
korybantisch bewegen. Oft halten sie dabei in der Hand einen
Teil eines Opfertieres. BerĂĽhmt sind die Reliefs im Louvre und in
MĂĽnchen. Aus der groĂźen Zahl dieser mit Vorliebe auch als Vasen-
schmuck verwendeten Darstellung bringen wir das schöne Relief
zu Rom aus dem Konservatorenpalast (s. Fig.237). Die Unruhe,
die dieses schöne junge Weib erfaßt hat, drückt sich hier mehr durch
die fliegenden Gewänder aus und die in wildem Bewegungstriebe
geschwungenen Arme. In der Rechten hält sie das Opfermesser,
J'-io: Aihuiri. Rom. Konse*~z-atorenpalast.
257. Menade. Antikes Relief.
3^6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
während die Linke ein Mertel des soeben geopferten Tieres schwingt.
Diese hacchische Raserei nimmt alle Formen an. Aut einem Floren-
tiner Relief (Uffizien) sehen wir auch das erschöpfte Hinfallen
nach dem rasenden Taumeltanz. Aut anderen zeigt man uns, wie
.Männer voll des süßen Weines hinstürzen oder auch ihre Trink-
Koiii. latikan.
Fig. 258. Griechisches Puteal mit dem berauschten Satyr.
gefäße verlieren. Im Gegensatz zu diesen Wirkungen des Rebensaftes
auf Halbgötter und Menschen finden wir den Dionysos selbst meist
in göttlicher Ruhe, nur gelegentlich auf Ampelos, den schönen Jüng-
ling (Weinstock) gestĂĽtzt. Nur Satyrn und Silene und das ganze
Gefolge des Gottes wird berauscht vom Weine. Eine solche Szene
schildert ein berĂĽhmtes griechisches Puteal im Vatikan (s. Fig. 238).
Allen diesen bewegten Szenen des Rausches, sowohl des Sinnen-
rausches als auch des Tanz- und Weinrausches entgegengesetzt
BACCHISCHE RASEREI.
357
ist die sich in verschiedenen RepHken wiederholende Darstellung
dessen, was man richtig eigentlich nur mit dem technischen Volks-
ausdruck »stiller SufF« bezeichnen könnte. In voller Seligkeit umarmt
die Alte den Riesenweinkrug, den sie liebend auf dem Schoß hält. Mit
Phot. Alinari. Rom. Musruin KapilnL
Flg. 259. Trunkenheit. Antiker Marmor.
frĂĽhzeitig gealterten GesichtszĂĽge blickt die Alte beseligt nach oben
und ihr zahnloser Mund singt das hohe Lied auf Bacchus (s. Fig. 239)').
Doch solche Seligkeit dauert nicht allzu lange, die Stimmung
schlägt auch bei Trinkfesten um und dann ereignet sich das, was
auf griechischen Trinkvasen gelegentlich dargestellt wird (s. Fig. 260).
') Bei der kapitolinischen Statue ist der Kopf ergänzt.
338
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Mit einem erfrischenden Naturalismus hat der Vasenmaler die Szene
geschildert, auf der bei einem Symposion einer der Gäste nicht
weiter kann und er fĂĽhrt sich mit dem rechten Zeigefinger ein
Instrument') in den Rachen, nachdem ihm bereits vorher vor seinem
Lager eine groĂźe Ăźrechschale hingesetzt ist. Eine Tischgenossin
hält ihm dabei lächelnd den Kopf. Solche Wirkungen des Trinkens
Koiti, Museitm Grt'gorian.
Fig. 260. Szene eines Symposion.
waren als Zierde von rotfigurigen Schalen beliebt. Hine ähn-
liche Szene einer vomierenden Ägypterin aus Theben bildet
Thomas Wright") ab.
Wir wollen diese Reminiszenzen aus frĂĽherer Zeit verlassen
und einige plastische Darstellungen nervöser und psychischer Er-
') Auf vielen andern Vasenbildern wird nur der nackte Finger eingefĂĽhrt.
-) Th. Wright, Fig. i aus Sir Gardener Wilkinson , Manners and Customs.
NAUSEA.
3)9
3 6o KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
krankungen vorfĂĽhren. Gelegentlich finden wir ja auf Sarkophagen
oder auch bronzenen KirchentĂĽren oder elfenbeingeschnitzten Buch-
deckeln plastisch geschildert, wie Teufel ausgetrieben werden. Es
befinden sich dabei auch die glĂĽcklich Befreiten oftmals in inter-
essanten Stellungen. Meist sieht man dann auch einen kleinen Teufel
entweder schon in der Lutt oder auch aus einer Körperöffnung
sich flĂĽchtig entfernen. Auf der ErztĂĽr zu Verona in der Kirche
des heiligen Zeno befindet sich so z. B. eine Figur mit einem voll-
kommenen Cercle. Der Bogen, der hier angeblich von der Salome
gestellt wird, die sogenannte groĂźe hysterische Attacke, ist ein wirk-
lich kreisrunder Clownismus. Bei Gelegenheit der Heiligenbehand-
lung werden wir weitere Darstellungen dieser Art wiederfinden.
Wegen seiner tvpischen Stellung des hysterischen Zirkels fĂĽhren
wir aber schon an dieser Stelle das Relief des Niccolö Pisano aus
Bologna vor. Links und rechts geschehen Heilwunder von den
SchĂĽlern des heiligen Domenikus. Bei der zurĂĽckgeworfenen
Krampfstellung der Mittelfigur mit nach auswärts gerolltem Arme
und stark kontrahierter Fingerstellung mĂĽssen wir ĂĽberzeugt sein,
daĂź der KĂĽnstler Gelegenheit hatte, solche hysterische Krisen zu
beobachten (s. Fig. 261).
FrĂĽher im Garten des Amsterdamer Irrenhauses, jetzt im Staats-
museum befindet sich die Statue eines Weibes, welche den Wahn-
sinn, den akuten Ausbruch maniakalischer Verwirrung darstellt
(s. Fig. 262). OhneZweifel hat der KĂĽnstler, der diese Statue Anfangs
des 17. Jahrhunderts modelliert hat, Studien im Irrenhause gemacht.
Die AttitĂĽde, die dieses wahnsinnige Weib einnimmt, ist von un-
glaublich kĂĽnstlerischer Geschlossenheit. Obwohl sie sitzt, ist alles
an ihr in leidenschaftlicher Erregung. Der Kopf mit dem weit aut-
gerissenen Munde und den schmerz- und angstverzerrten ZĂĽgen
wird von ihr selbst durch Zug und Gegenzug an ihren langen
Haaren in schräger Balance gehalten. Nachdem sie sich die Kleider
vom Leibe gerissen, scheint sie eben im Begriff, in wilder Erregung
aufzuspringen. Doch der Körper wird von einem Bewegungs-
drange beherrscht, welcher keine koordinierten Muskelbewegungen
HYSTERISCHE KONVULSIONEN.
361
Orig.-Aii/tt. Amsicrtiain, Staaismuseuni.
Fig. 262. Wahnsinn {frĂĽher im Garten des Irrenhauses),
362
KRANKHEITSDARSTELLUXGEN.
zuläßt. Dr. C. E. Daniels, der die Güte hatte, dieses Monument
mit den Köpfen am Sockel lür mich photographieren zu lassen,
datiert das Denkmal frĂĽher als 1591. Der KĂĽnstler ist unbekannt.
Meige und R icher glauben das Werk Hendrick de Kijeser
(1565 — 1621) zuschreiben zu dürfen. \'on den vier Sockel-
Fig. 263. Detail vom Amsterdamer Denkmal.
köpfen sind zwei leider sehr verstümmelt. Auch diese Masken
stellen porträtierten Wahnsinn vor. Leider ist die Erhaltung eine
schlechte. Die Köpfe sind aber in der Weise angebracht, daß es
dem KĂĽnstler offenbar vorschwebte, als wenn sich hier Wahn-
sinnige aus dem Kerker ihres Irrenhauses befreien wollten. In
dieser Weise aufgefaĂźt erscheint das Denkmal als eine Tendenz-
WAHNSINN.
363
Skulptur, wĂĽrdig als Vorbild fĂĽr die Malereien eines Wiertz. Das
Hinauswollen aus der Luke markiert hei dem verbundenen Kopfe
des alten Mannes die unter dem Kinn sich vordrängende Hand
(s. Fig. 263). Geradezu aber von einem ĂĽberraschenden Natura-
lismus und von imponierender Größe ist der Kopf Fig. 264, den
Orrt;.-Ait/'>i_ Amsterdam.
Fig. 264. Detail vom Amsterdamer Denkmal.
ich fĂĽr einen Frauenkopf halten wĂĽrde, wenn nicht ausdrĂĽcklich
die Denkmalsbeschreibung Daniels von Männerköpfen spräche.
Dieser Kopf hat eine ganz auffallende Ähnlichkeit mit dem Frauen-
kopf auf dem großen Rubensschen Gemälde in Wien, »der heilige
Ignatius Besessene heilend und Kinder erweckend«. Es zeigt nun
aber eine Studie des Rubens, welche sich im Wiener Museum be-
3 64 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
findet und von Ch a reo t- R icher in ihrem Buche (1. c.) wieder-
gegeben wird, eine derartige Ăśbereinstimmung, daĂź die Annahme
berechtigt ist, daĂź Rubens vielleicht von diesem Denkmale be-
einfluĂźt worden ist; weniger ist das meines Erachtens bei dem
Gesichte der Statue selbst der Fall, wie dies Rieh er 1. c. S. 108
annimmt.
Im Verhältnis hierzu ist der Giebelstein der Jan van Arckel-
Stiftung in 's Hertogenbosch, die Arbeit eines Anonymus aus dem
Jahre 1686, eine schwächere Leistung. Jedenfalls sehen wir Wahn-
sinnige vor uns, von denen drei hinter SchloĂź und Riegel sich
befinden und ofifenbar gemeingefährliche Kranke vorstellen sollen,
während zwei andere Entfesselte gewissermaßen als wilde Männer
das Stiftungswappen halten. Den Sinn der Darstellung restlos
zu enträtseln ist schwierig; die beiden großen Figuren werden
essend dargestellt, allerdings beiĂźt der eine in seinen Arm mit ge-
fletschten Zähnen, obwohl er in der Rechten, wie es scheint, etwas
Eßbares hält; es soll wohl die Sinnlosigkeit seiner Handlung aus-
drĂĽcklich betont werden. Die ĂĽbrigen Gesichter sollen wohl die
verschiedenen Formen schwerer psvchischer Krankheit vorstellen.
DaĂź es sich um TobsĂĽchtige handelt, verraten die schweren eisen-
beschlagenen TĂĽren mit den kleinen Luken und die eisernen Ketten,
die frĂĽheren Panaceen gegen die Tobsucht.
Im Boboligarten in Florenz stehen drei Steinfiguren , welche
dem Dadda zugeschrieben werden und als PossenreiĂźer bezeichnet
werden. Dem Mediziner ist es bald klar, daĂź diese Figuren Studien
aus dem Narrenhause zur Voraussetzung haben. Wir erinnern ims
dabei mit einer gewissen Beschämung, daß im 16. und selbst im
17. Jahrhundert Geisteskranke im gĂĽnstigsten Fall als Narren be-
handelt wurden und zur Belustigung und zum Gespötte des Publi-
kums dienten. Wir erwähnten bei Betrachtung eines holländischen
Irrenhauses') den Gitterkasten, in dem Maniakalische gewisser-
maßen wie die wilden Tiere öffentlich ausgestellt wurden. Gegen
Entree konnte man dann durch Stochern die Eingesperrten zur Wut
') S. Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin. S. 121.
WAHNSINN.
365
366
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
bringen. Jene Zeit hatte an solclien seltsamen Genredarstellungen eine
offenbare Freude; muten doch diese drei »Mattaccini« wie zu Stein
gewordene Figuren des berĂĽhmten Jacques Callot an. Die mittlere
Figur mit dem scheußlichen Profil und totenähnlichem Kopfe er-
DER BLICK. 367
scheint als ein gefesselter Maniakalischer, die beiden anderen sind
Gegenstücke. Die Haltung der kontrakten Arme und der gelähmten
Hände ist eine von den Künstlern seit alters beliebte Darstellung.
Auch aus dem Altertume besitzen wir eine Reihe solcher atro-
phischer Armstellungen, wie sie infolge einer schweren nervösen
Störung vorkommen'). Der Kopf des einen Possenreißers erinnert
mit der seitwärts ausgestreckten Zunge an den Hemispasmus
hystericus und korrespondiert hiermit auch der maximale Schulter-
hochstand (Fig. 266).
Gern erinnern wir uns bei diesen Florentiner Figuren , daĂź es
gerade ein Florentiner Arzt war, \'incenzo Chiarugi, der als leitender
Irrenarzt als einer der ersten fĂĽr eine freiere Behandlung von
Geisteskranken eintrat. Sein Werk »Della Pazzia in genere e in
specie« erschien 1793. In seinem Hospital waren Schläge streng
verboten. Er war ein Pionier fĂĽr die bessere Krankenpflege und
Behandlung von Geisteskranken und TobsĂĽchtigen.
DIE SKULPTUR DER BLINDHEIT.
Es liegt in dem Wesen der Plastik, daĂź die Darstellung des
lebendigen Blickes ein Hauptproblem der Porträtkunst ist. Nicht
nur das Farbenspiel der Regenbogenhaut, welches in Verbindung
mit der sonstigen Pigmentierung den brĂĽnetten oder blonden
Tvpus bestimmt, fällt für die Skulptur weg, sondern auch die
vielfachen Lichtreflexe und die dem individuellen Auge eigentĂĽm-
lichen Krümmungsverhältnisse des Augapfels. Wenn wir die Skulp-
tur der primitiven Völker betrachten, so linden wir, daß zunächst
die Wiedergabe einigermaßen anatomisch richtiger \'erhältnisse des
Auges mĂĽhsam gelernt werden muĂźte. Sowohl die Behandlung
der inneren und äußeren Lidwinkel als auch des Raumes zwischen
Braue und Lid, die Lage des Augapfels im Skelett, machen der-
artige Schwierigkeiten, daĂź der KĂĽnstler noch gar nicht daran
')S. Felix Regnault, Une Collection de Terres cuites pathologiques de rEpoque
Alexandrine.
368
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
denken kann , an die Wiedergabe der Wirgänge im Augeninnern
zu gehen. Wenn wir unser angewöhntes Übersehen solcher Dar-
stellungsfehler in Abzug bringen, so mĂĽĂźten wir einen groĂźen
Teil archäischer Gesichter eigentlich tür blind erklären, jedenfalls
fehlt noch in den hochgelegenen Augäpfeln mit geringer Aus-
arbeitung der umgebenden Weichteile jede Andeutung des Blickes.
Die Augen erscheinen vorstehend und ausdruckslos; der antike Be-
\
^
Orig.'Phot . Stant/'ul , Ottt^m . Museiijn,
Fig. 267. Augenausdruck. Detail vom sog. Ale.xandersarkophag.
trachter konnte sich durch die nachgewiesene Bemalung der Augen
an einem lebendigeren Ausdruck erfreuen. Das gilt namentlich
auch tür Holzskulpturen. Die späteren Epochen, vielleicht seit
des Phidias Zeit, bestreben sich, die anatomische Lage des Auges,
das Verhältnis des Apfels zum oberen Orbitarande anatomisch
richtig zu gestalten und die Glotzaugen zu vermeiden, und nament-
lich auch tĂĽr die umgebenden Lidspalten eine tvpische Form zu
finden. Noch in der Zeit der ersten BlĂĽte ist der Augapfel selbst
fiist immer glatt gehalten, und wenn auch die umgebenden Weich-
DER BLICK.
369
teile in ihrer lebendigeren Gestaltung schon den Versuch unternehmen,
dem Auge einen Ausdruck zu verleihen, so ist doch noch eine groĂźe
ZurĂĽckhaltung nach dieser Richtung zu verspĂĽren. Die Augen des
Praxiteles, Skopas und Lvsipp erstreben schon eine Nachahmung der
Regenbogenhaut und der Pupille. Die Charakterisierung der GefĂĽhle
von Schmerz und Zärtlichkeit wird durch den Gesichtsausdruck zart
und weich angedeutet und reflektiert auf das Auge; die ausdrucks-
vollere Stirnbildung, die Darstellung der Augenbrauen, der Nasen-
wurzel, die verschiedene Wöl-
bung des Auges selbst, geben
dieser Epoche ihre charakteri-
stische Note. In der späteren
Zeit werden alle diese Momente
leidenschattlich gesteigert, die
Falten, Buchten, Höhen und
Tiefen in der Umgebung des
Auges ertahren eine größere
Betonung; Pupille imd Iris er-
fahren eine eindringliche Bear-
beitung: der Blick ist jetzt im
Willen der Meisters. Keusch
und jungfräulich kann er ge-
geben werden, ängstlich und
lĂĽstern; die plastische \'er-
körperung sucht immer mehr
die xA.ufgaben der Darstellung
von Schmerz und Wut, den letzten Blick vor dem Versinken in das
Dunlcel und alle psvchischen Erregungen zu bilden. Welche Meister-
schaft in der Wiedergabe solchen Augenausdruckes erreicht worden
ist, dafĂĽr ist der sogenannte Alexandersarkophag ein Zeugnis. Es
fehlen die Worte der Bewunderung und der Schilderung solcher
imposanten Leistung. Jeglicher Kopt enthĂĽllt mit den Augen seine
Gedanken. Wir sehen die Angst vor der Walle des Feindes, das
x-\bschiedswort von der sonnigen Natur und der liebenden Frau vor
Holländer, Plastik unil Medizin. -4
Neapel.
Fig. 268. Kopf eines Ringers (Lysippisch).
Antike Bronze.
370
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
dem Empfang des Todesstreiches und den Triumph des Siegers,
LUid alles dies nur in den Augensternen, da das ĂĽbrige Gesicht
durch die Tracht der Barbaren verluillt ist. Hin Blick auf den ab-
gebildeten Kopf (s. Fig. 267) wird davon eine Wirstellung geben,
die natĂĽrlich die Betrachtung des Originals nicht ersetzen kann.
Denn die Farbengebung, die an dieser einzigen Alarmorarbeit treff-
lich erhalten ist, erhöht noch die Lebendigkeit des Ausdrucks.
Alle diese Momente, die hier nur schematisch angedeutet werden
konnten als \'orbemerkungen, haben eine intime ^^Tirdigung ge-
iimden durch die Untersuchungen von Hugo Magnus'). Dieser
kunstgelehrte Augenarzt stellt sich in dieser Studie aut die Seite
Herders (Plastik 1862, Bd. 13, S. 48): »Einige Statuen haben Aug-
äptel. ^^'o es erträglich sein soll, muß er nur angedeutet sein, und
die meisten und besten haben keinen. Es war schlimmer Geschmack
der letzten Jahrhunderte, da man, statt schön zu machen, reich machte
und Glas und Silber hineinsetzte. Ebenso war's Jugend der Kunst,
die noch aus hölzernen Denkmälern hervorging, da man die Statuen
tärbte. In den schönsten Zeiten brauchten sie weder Röcke noch
Farben, weder Augaplel noch Silber; die Kunst stand wie \'enus
nackt da, und das war ihr Schmuck und Reichtum.« Die Be-
strebungen, den Skulpturen die Lichteflekte des Auges zu er-
obern, verfolgten die verschiedenste Technik ; wir sahen schon den
Ersatz der Regenbogenhaut durch Bemalung. Man nahm auch
in der antiken Skulptur farbige Smaltsteine; man hat Augen ge-
funden, die aus Bernstein und Hörn gebildet waren, und nicht
nur begnĂĽgte man sich, Iris und Pupille aut diese Weise leben-
diger zu geben, sondern man umgab auch die gedrehten Aug-
äpfel mit einer Schicht von bearbeitetem Silber, um das feucht
Schimmernde der Skleren herauszubekonunen. Wer die aut uns ge-
kommenen Werke der antiken Porträtkunst gesehen hat, und nament-
lich die farbigen Büsten aus römischer Zeit und die Bronzen mit
den silbernen Augen, wird von diesen Bestrebungen keinen be-
'i Hugo Magnus, Die Darstellung des Auges in der antiken Plastik. Leipzig, .\. See-
mann 1892.
HOMER.
371
sonderen Eindruck gewonnen haben; zugeben aber mĂĽssen wir wohl,
daĂź an den berĂĽhmten Gold-Elfenbeinstatuen mit diesen Mittehi
wahrscheinHch ein ganz anderer Effekt erzielt wurde als z. B. mit
den Silbereinlagen bei Bronzeköpfen (s. Fig. 268). Wenn wir uns
diese Situation vergegenwärtigen und dabei auf die hellenische
Plu^t. Aiinari. Xcapi'l, Nat .-Museum.
Fig. 269. Homer.
Skulptur als den Höhepunkt rekurrierten, so haben wir schon die
ganze Schwierigkeit der Skulptur der Blindheit entwickelt. Schon
die Tatsache, daĂź erst von der ersten BlĂĽtezeit dieser Kunst an der
Versuch gemacht wird. Blick, Richtung und Augenausdruck in-
dividuell zu gestalten, zeigt die Unmöglichkeit, in hocharchaischer
Zeit die Blindheit ĂĽberhaupt plastisch zu gestalten. Nachtragen
müssen wir dabei, daß die Ausfüllung der Augenhöhle als solche
572
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
oftmals ĂĽberhaupt unterblieb. Die Wirkung der leeren Augen-
höhlen bei einer Plastik ist eine derartige, daß mit diesen tech-
nischen Hilfsmitteln beinahe dieselbe Wirkung erzielt wird, wie
mit der Behandlung der ausgefüllten Augenhöhle durch einen
glatten Augapfel. Der Ausdruck wird erst in beiden Fällen
durch das Mienenspiel gewährleistet, zu dem die Wirkung
Fig. 270. Hdmer von der -Seite. Antiker MaLiii.ii. Aus Herkulanum.
der Beleuchtung hinzukommt. Die antiken BĂĽsten des
Homer geben uns die breiteste Unterlage fĂĽr die Betrachtung
der Frage, wie die griechische Plastik die Blindheit charakterisierte.
Wenn auch die 17 Büsten, die Hugo Magnus aufzählt, offenbar
auf dasselbe Original zurĂĽckgehen, so ist doch bei den Iiinzel-
köpfen von den Bildhauern so viel künstlerische Freiheit ver-
wandt, daĂź das Problem der Skulptur der Blindheit mit ganz ver-
HOMER. 3 y 3
schiedenem Erfolge gelöst wurde. Außer den Büsten sind uns
noch figurenreiche Reliefs und Statuen erhalten, welche meist die
Apotheose des Dichters verkörpern. Auf diesen aber und auf
Medaillen und Gemmen wird das Gesicht des Dichters im Profil
eingestellt, eine für die Blindendarstellung höchst ungünstige Rieh-
tung. Die antike Vorstellung verlangte bei der Darstellung des
Homerkopfes in erster Linie die Porträtierung eines hochbetagten
Mannes mit ausdrucksxollem gewaltigem Kopfe, dessen Haupt eine
bedeutende Haartülle umgab. Der Mund ist wohl in allen Fällen
halb geöffnet, da aus ihm die berühmten Gesänge flössen. In ein-
zelnen, sonst wohlgelungenen Köpfen vermissen wir aber auch den
\'ersuch einer Blindencharakterisierung, in anderen (namentlich den
Kopten in Neapel und Rom Palazzo Doria [s. Fig. 271], ferner auch
in der BĂĽste aus Sanssouci) ist die Blindheit realistisch zum Aus-
druck gebracht. Das charakteristischste Symptom, welches bei dem
Neapler Hcmier (s. Fig. 269 u. 270) auch dem naiveren Beschauer
autfällt, ist die Kleinheit der Augäpfel. Fs ist, als wenn tat-
sächlich die Spannung des Bulbus verloren gegangen wäre, gleich-
zeitig scheint das ganze Fettpolster der Augenhöhle beträchtlich ge-
schwunden, was seinerseits wieder eine tiefe Faltenbilduna: der um-
gebenden Weichteile, namentlich am oberen Augenlid und dessen
Übergang zu dem Orbitalrande hervorgerufen hat. Erhöht dies den
greisenhaften Ausdruck im allgemeinen, so erregt die auffallend
kleine Lidspalte die Aufmerksamkeit im besonderen. Es kommt
noch hinzu, daĂź diese Lidspalte an dem linken Auge des neapolitani-
schen Kopfes kleiner ist als die rechte, wodurch dieses Auge schein-
bar weiter geöffnet erscheint als das linke. Der Künstler hat da-
durch dem Greisengesicht einen matten erloschenen Augenausdruck
gegeben. Die genauere Betrachtung zeigt aber, daß auch die Wölbung
der glatt gehaltenen Augäpfel eine nach außen etwas stärker ab-
fallende ist, so daĂź gewissermaĂźen eine Divergenz des leeren, in die
Unendlichkeit gerichteten Blickes herauskommt. Ähnliche \'erhäli-
nisse, wenn auch nicht so prägnant zum Ausdruck gebracht, finden
wir bei dem kapitolinischen Homer (s. Fig. 273). Zu dieser Ver-
374 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
körperung kommt bei dem Homer des Pahizzo Doria noch eine
ausgesprochenere Leerheit der geschrumpften Augäpfel hinzu mit
stärker vorspringenden Lidern. Wir haben es bei dieser Bhnden-
Anderson. Kont, Falazzi^ J'oria.
Fig. 271. Homer. Antiker IMarmor.
darstellung offenbar mit einer reahstischen Naturkopie zu tun.
Der Meister des Originals hatte ein iModell zur Hand, aber nicht,
wie manche annahmen, einen staarblinden Alten, denn diese Krank-
HOMER. 375
hcit in ihren verschiedenen Formen bringt keine Schrumpfung der
Augäpfel und der Lider zustande. Das anatomische W'rhahen der
FItot. Aiinari. Kotn, Museum Kapital.
Fig. 2-2. Homer. ."Xntiker Marmor.
Augen deutet mehr darauf hin, daĂź eine erworbene schwere Ent-
zündung des \orderen Auges zur Bhndheit führte. Die Häufigkeit
376
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
von Augenent/ĂĽndungen dieser Art hat sich bis heute in den
Mittehncerländcrn gehalten.
Fig 273. Homer. Antiker Marmor.
Museum Kapitoi.
Unter den Rephken , welche individuelle EigentĂĽmlichkeiten
zeigen, ist der antike Bronzekopf aus dem archäologischen
HOMER.
377
Museum in Florenz erwähnenswert; einmal zeigt hier der Kopt
eine leichte Senkung, sodann verrät die Behandlung der Augen
eine besonders realistische Auffassung. Die Phthisis der Bulbi
ist besonders ausgesprochen, die Augenlider hängen über bei-
nahe leeren Augäpfeln, Haare und Bart sind in ihren Pro-
portionen verändert, und der ganze Kopf sieht eher wie der eines
«iäMni^
Fliot. Alinari. Mttseum Kapitol.
Fig. 274. Homer, .\ntiker Marmor.
weisen Rabbi aus (s. Fig. 275). Das imponierend GroĂźe des
Kopfes ist ganz geschwunden aus einer TerrakottabĂĽste der italieni-
schen Renaissance, die ich bei einem Florentiner Antiquar fand; ich
erwähne dieselbe ausdrücklich, weil von allen mir bekannten Homer-
köpfen hier die Blindheit einen mehr abstoßenden als großartigen
Ausdruck gefunden hat. Er erscheinen auf diesem Original die
Augenhöhlen wirklich leer. Der weit geöffnete Mund und das
378
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Tragische des Gesichtsausdruckes geben dieser Komposition etwas
Fremdes (s. Fig. 276).
Auf zwei Punkte noch, als charakteristische Ăźegleitsymptome der
Bhndheitsdarstellung, mĂĽssen wir unsere besondere Aufmerksam-
keit lenken. Das erste ist die
gehobene Haltung des Kopfes,
welche angedeutet fast alle
Homerköpte zeigen, am meisten
der der Galleria Doria, und
dann die I-altenbildung an der
Stirn. Man hat frĂĽher in dieser,
dem Himmel zugewandten
Stellung den Ausdruck der Ent-
zĂĽckung sehen wollen, der be-
geisterten \'isionen des Sehers
und Dichters. Augenärztlich
(s. Magnus) wird nun be-
richtet, daĂź nur S(.)lche Hrblin-
dungsformen zu einer Hebung
des Koptes nach oben fĂĽhren,
deren Ausgang vom hinteren
Pol und durch die lichtem-
phndenden resp. leitenden Or-
gane bedingt ist. (Gleichzeitig
sollen bei derartigen Frblin-
dungstormen die Brauen nie-
mals beschattend nach unten
zusammengezogen sein, im
I-toreiiz. Anhiipl. Museum,
I*'g- 275. Antike BronzebĂĽste des Homer.
Gegenteil, solche Erblindete heben die Brauen derartig
daĂź
bogenförmige Falten auf der Stirn entstehen. Umgekehrt zeigen
aus einer Erkrankung der vorderen AugapfelhĂĽlse Erblindete das
umgekehrte Verhältnis; das Haupt wird gesenkt, die Brauen werden
stark nach unten gezogen, die Stirnhaut zwischen den Brauen zeigt
senkrecht verlautende Falten. Alles AusdrĂĽcke der Lichtscheu.
KĂśNSTLERISCHE KOMBINATION.
379
Nehmen wir diese Maximen von Hugo Magnus als richtig an,
so kontrastiert tatsächhch die Haltung des Homerkopfes und die
Mimik seines Gesichtes mit der Darstellung des Augapfels. Es ist
also ein Unterschied zwischen rein ärztlicher Beobachtung und
kĂĽnstlerischer AusfĂĽhrung. \\'ie sollen wir uns diesen Kontrast
erklaren? Wollen wir den fachmännischen Ausführungen des Augen-
arztes folgen und hier in der gehobenen Kopfstellung und den
aufwärts gezogenen Brauen die Entzücktheit des Dichters dargestellt
hnden, oder sollen wir lieber an-
nehmen , daĂź Beobachtungsfehler
vorliegen , und der KĂĽnstler zwar
persönliche Studien an Erblindeten
machte, aber die verschiedenen
Svmptome bei den verschiedenen
l'>krankungen zusammcnwarl und
zu einem Bilde vereinigte.
Wir stoĂźen dabei wieder auf den
Punkt, der manchen Bearbeiter in
dem Grenzgebiete zwischen Kunst
und Medizin zu IrrtĂĽmern und
TrugschlĂĽssen Veranlassung gab.
Die voraussetzungslose Kunst schafft
ja gelegentlich veristische Natur-
abschreibungen auch krankhafter
Körperlichkeit, die nachträglich me-
dizinische Gelahrsamkeit bis in die feinsten Nuancen als richtig
beobachtet nachweisen konnte. Im allgemeinen aber kombiniert
der KĂĽnstier menschliche Eorm aus einer Summe von Beobach-
tungen, und auf dem Wege zu einem Idealkanon schafft er sich
seinen Idealtypus. Wo finden sich Praxitelische Epheben und Götter,
wo Michelangeleske Hirten und Herzöge? Die häufige Betrachtung
einer solchen kĂĽnstlerischen Einheit wird zur Gewohnheit und zum
Schema. Aus Lichtblindheit und Lichtempfindlichkeit, Reizung
und Lähmung prägt der Künstler sich meines Erachtens die Blind-
â– UMta
Orii;;;.-AfiJ'n.
Fig. 276. Renaissance-Terrakotta.
38o
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
heitshieroglyphe gleichsam wie ein musikalisclics Moti\' fĂĽr die Blind-
heit. Die Beobachtung zeigte ihm, daĂź Erblindete gelegentlich mit auf-
wärts erhobenem Kopte sich vorwärts tasten, und daß hierbei, wie
überhaupt bei angestrengtester nervöser Konzentration eine heftige
und leidenschaftliche Aktion der Stirnmuskulatur eintreten kann,
dann besonders, wenn der Blinde, aus der Lethargie seines Daseins
erwachend, eine Handlung begehen will. Er wandte fehlerhaft aber
Florenz.
Fig. 277. Kopf des Schleifers. Antike Marmorstatue.
diese Kopfhaltung auch in der Ruhelage an und bei der Darstellung
von Erblindeten, bei denen eine noch vorhandene Lichtscheu eine
Senkung des Kopfes hervorrufen muĂźte.
Es mag ein Beobachtungstehler von mir sein, aber ich habe den
sogenannten Schleifer von Florenz (Fig. 277) immer fĂĽr blind ge-
halten. Die in steilem Bogen parallel mit den Stirnfalten aufstrebenden
Augenbrauen, das erhobene Augenlid, die weitgeötinete Lidspalte,
die leichte Koordinationsstörung, die maximal nach oben gewandten
FARBENWIRKUNG. 3 8 1
Pupillen hei erhobenem Kopte sind alles Symptome tĂĽr eine Er-
krankung des lichtlcitenden Gewehes. Nimmt man hierzu den
wehmütigen Ausdruck seines vernachlässigten Gesichtes, so spricht
das ftir das Mienenspiel eines Erblindeten oder fast Erblindeten.
Hierzu kommt der Kontrast zwischen der Handlung und der Körper-
haltung. Der Mann schleift ein Messer; er soll nach der Erklärung
der Archäologen zur (iruppe des den Marsyas schindenden Apoll
gehören. Er, der Skvthe, soll »grinsend sein Opfer betrachten mit
dem rohen Ausdrucke stumpfer Neugier«. Nun, er wird sich dabei
in die Einger schneiden, wenn er nicht autpaĂźt. Meines Erachtens
sieht hier ein erblindeter Messerschieiter (ein jetzt noch tĂĽr Er-
blindete beliebter Berut) nicht aut das Messer, weil diese Kopt-
haltung zwecklos ist; er fĂĽhlt ja mit den Eingern der linken Hand,
die wir uns statt ihrer talschen Ergänzung leicht gekrümmt denken
müssen, die Schärte des Instrumentes; sein (jesichtsausdruck verrät
dabei nur den angespannten Grad des inneren Sehens und des
EĂĽhlens. Dem realistisch bildenden KĂĽnstler, der die harte Haut an
den Ealten knochiger Glieder und Gelenlce naturalistisch betonte,
ist die Unmöglichkeit zweier sich ausschließenden Handlungen
(dem angeblich blutgierigen Betrachten des Opfers und gleich-
zeitigem Schleifen des Messers) nicht zuzutrauen. Wenn diese
Rundskulptur ĂĽberhaupt der Marsvasgruppe zuzuschreiben ist, so
ist die Eigur nur in der von mir geschilderten Eorm auttaĂźbar,
daĂź er das Messer schleift, welches Apollo selbst benĂĽtzen wird.
DaĂź eine der Ealtenbildung der Stirn des Schleifers analoge
Form fĂĽr die Blindheit charakteristisch und typisch war, das er-
sehen wir aber ohne Zweifel auch aus den Anathemen. Wir haben
bereits bei den etruskischen Weihgeschenken auf die Häufigkeit der
Augenexvotos hingewiesen; meist sind es schematische Darstellungen
der ganzen Orbitalgegend, es werden aber auch Einzelaugen aus
Terrakotta gefunden, bei denen eine bisher unaufgeklärte, ganz
intensive Ealtenbildung des oberhalb der Augenbraue mit zur Dar-
stellung kommt. Regnault bildet zwei Augen aus dem Museum
von Capua ab, bei denen diese Ealtenbildung eine exzessive ist.
38:
KRANKHEITSDARSTELLUNG.
Hier handelt es sich oflenbar um die Darbringung erbhndeter
Augen, fĂĽr die man Heilung erbat.
.\<-„/,-/, Nal.-Mnseinil.
Fig. 27S. Schidone. Die Nächstenliebe.
Die Flächenkunst hat es ja mit ihrer Farbenwirkung leichter,
das Blinde zu verkörpern , aher der Wirwurf als solcher ist nicht
reizvoll.
INDIREKTE SCHILDERUNG. 383
Unter den häufigen Blindendarstellungen illustriert solch direkt
koloristische Schilderung ohne Beiwerk ein berĂĽhmtes Bild, welches
wir als äußersten Gegensatz zu den Leistungen der Skulptur im
Bilde zeigen. Um diesen Effekt zu erzielen, malt Schidone einen
indianerhaft braun gefärbten Jüngling, der dem Beschauer sein
Gesicht voll zuwendet mit weit aufgerissenen Augenhöhlen, in
denen mit scheuĂźlichem Naturalismus die diffusen weiĂźen Leukome
uns statt einer Pupille entgegenstarren; namentlich an dem linken
Auge scheinen unter der Narbenmasse noch Irisreste durch. Im
Gegensatz dazu sind die sehenden Augen der anderen Figuren,
welche die christliche C^aritas verkörpern sollen, vollkommen
beschattet, nur der Bambino zeigt entzĂĽckende italienische Kinder-
augen. Die Verbreitung und die BerĂĽhmtheit dieses Bildes des
Schidone, von der auch die Wachsbossierung im Braunschweiger
herzoglichen Museum Zeugnis ablegt, steht in keinem Verhältnis
zum Wert der recht gesuchten und theatralischen Komposition mit
ihrem ungesundem Naturalismus.
Solchem grausamen Attentat auf den guten kĂĽnstlerischen Ge-
schmack gegenĂĽber, versuchte schon IrĂĽhzeitig die echte Kunst die
indirekte Schilderung der Blindheit und hat das Problem auch mit
wechselndem Glück gelöst. Zunächst erinnern wir uns hier an die
häufige Darstellung der Blindenheilungen durch göttliche Kraft.
Aus der Flut solcher Darstellungen tritt kein Werk hervor mit
besonders geistvoller Lösung des Vorwurls. Meist kniet der Licht-
arme vor dem Heiland, und dieser legt spendend die segnenden
Finaler aut dessen last immer geschlossene Augen. Charcot und
Richer haben schon in ihrem Beitrag ĂĽber die Blinden in der Kunst')
einiger geistreichen Lösungen dieser Autgabe Erwähnung getan.
So der Raff'ael-Karton in South Kensington, darstellend wie Bar Jesu
(Elymas) mit Blindheit geschlagen wird (siehe Apostelgeschichte 13,
6 — 12). Die von Raffael dargestellte Szene, wie der plötzlich durch
die Hand des Herrn Erblindete die Hände tastend vorstreckt, einen
Führer suchend, lehnt sich aber präzis an die Darstellung an : »und
') Les Aveugles dans Tart, Nouvelle Iconogr. de la Salpctr. iSSS.
384 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
von Stund an fiel aut ihn Finsternis und Dunkelheit und ging um-
her und suchte Handleiter.«
Es wird kein Zufall sein, daĂź sich ein Rembrandt an die
groĂźe Aufgabe machte, die Tobiasgeschichte zu illustrieren. Die rea-
listische Schilderung der Blindenheilung des Alten versuchte er in einer
ganzen Reihe von Studienblättern und Gemälden: in Gegenwart des
Engels läßt der große Realist an dem Alten eine Staroperation vor-
•nehmen^). Aber weitaus die kühnste und einfachste Schilderung
glückte ihm in der Radierung »Tobias geht seinem Sohne ent-
gegen«; der autgeregte Alte wirft das Spinnrad um und will den
wohlbekannten Weg zur TĂĽr hinaus. Dabei verfehlt er den Weg
und läuft tastend gegen den Türrahmen.
Die Holländer haben den Vers des Evangelisten Lukas: »Kann
wohl ein Blinder einen Blinden fĂĽhren, fallen nicht beide in eine
(jruber« wörtlich aufgefaßt, und namentlich der alte Breughel hat
aut diese von ihm mehrfach gemalte und radierte Szene seinen
köstlichen goldigen Humor ausgeschüttet: man vergißt bei dieser
Leinwanderzählung das Grauen der aufwärts gerichteten, das Licht
suchenden leeren Augenhöhlen.
Felix Regnault widmet einen Artikel (»La Presse Medicale«
Nr. 22, 191 1) den Augenerkrankungen in der antiken Kunst. Die
Abbildungen, welche er bringt, beziehen sich, wie auch seine Spezial-
untersuchungen im wesentlichen auf die Arbeiten der antiken Koro-
plasten und die FundstĂĽcke, die beim Ăźahnbau in der Umgebung
von Smyrna gemacht wurden. Wir haben schon an anderen Stellen
darauf hingewiesen, daĂź uns diese Fragmente einer auf das Gro-
teske gerichteten Kunst nicht so einwandfrei erscheinen, daĂź wir
hier die Verkörperung krankhafter Bildung rückhaltlos anerkennen
können. Überlegungen dieser Art bestimmen uns besonders bei
dem Thema der i\ugenkrankheiten. Die Köpfe, die da Reg-
nault abbildet, mögen gewisse entfernte Ähnlichkeiten aut-
weisen mit den von Regnault statuierten Krankheiten (Glaukom,
Synechie, Chemosis, Blindheit). Es mag auch das Krankheitsbild
') Greeff, Remhrandts Darstellungen der Tobiasheilung. Ferd, Enke.
BLINDE MUSIKER.
385
offenbar unbeabsichtigt die Symptome der gestellten Diagnose
rechtfertigen; die Tatsache allein, daĂź diese zerbrochenen Kunst-
werke auĂźerdem andere grobe Verzerrungen und Verbildungen des
Gesichtes aufweisen, vermindert ihren diagnostischen Wert auĂźer-
ordentlich.
Der treue Begleiter des Erblindeten ist wohl immer sein Hund
gewesen. Zahlreiche Darstellungen zeigen, wie unter seiner klugen
l-'ührung sich die Blindheit vorwärts tastet; vielleicht ist auch die
unter dem Namen Diogenes segelnde antike Statuette aus der Villa
Albani in Rom so aufzufassen. Sollte das wirklich der nudus
Cynicus sein? Der Stab mit beiden Armen ist neu (s. Fig. 279).
Die Körperhaltung des robusten Mannes mit der eingesunkenen
Halswirbelsäule, dem mühevollen gehobenen Kopfe und den kleinen
ausdruckslosen Augen, das Unbeholfene, Unsichere seiner Haltung
sprechen meines Erachtens eine deutliche Sprache. Das Vorhanden-
sein des Hundes, dessen Extremitäten antik sind, hätten der Re-
konstruktion einen anderen Weg zeigen sollen. Man gebe den
Stab in die rechte Hand und schaffe eine Verbindung der Linken
mit dem Hunde durch eine Leine.
Das Problem der Blindheitsdarstellung ist auch in der neueren
plastischen Kunst mehrfach angegriffen. Das k. k. Blinden-
er Ziehungsinstitut Wien hat seit langem eine Sammlung
kĂĽnstlerischer Blindendarstellungen begonnen, und der jetzige ge-
lehrte und kunstsinnige Leiter desselben, Alexander Meli, hat diese
Sammlung auf eine unglaubliche Höhe gebracht. Es gibt wohl
kaum irgendein größeres Kunstwerk mit Blindendarstellung, welches
wenigstens als Reproduktion hier nicht vertreten ist. Die groĂźe
Sammlung wird, wie ich höre, selbständig herausgegeben werden,
ihr Leiter und dessen kunstliebender Sohn hatten die GĂĽte, fĂĽr
mich allein 63 plastische Blindendarstellungen zu sammeln. Aus
der Zahl dieser erwähne ich zunächst den großen Grabdenkstein des
blinden Orgelvirtuosen Konrad Paumann'); derselbe befindet sich an
der Außenseite der Münchener Kirche »Zu unserer lieben Frau«.
') Alexander Meli, Enzyklopäd. Handbuch des Blindcnwesens, Wien 1900.
Holländer, Plastik und Medizin, 25
386
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
\'or seiner Anbringung an der 1488 beendeten Frauenkirche war
das Original in der Wand der St. Michaelskirche eingelegt. Wir
sehen auf demselben inmitten von anderen Musikinstrumenten, wie
Laute, Harfe, Flöte, den blinden Musiker, mit der rechten Hand
Ă–rig,-Aufn. nach Gipsaiy^itjs. Rom, l'illa Aiduiii.
Fig. 279. Der sog. Diogenes.
die Orgeltasten rührend, mit der linken das Gebläse handhabend.
Die Blindheit ist durch LidschluĂź zum Ausdruck gebracht.
Ein prachtvolles GegenstĂĽck hierzu ist der Grabstein des blinden
Musikers Francesco Landini in der Basilika di San Lorenzo zu
BLINDHEIT.
387
Florenz; der 1323 zu Fiesolc yeboren und 1397 gestorbene Meister
verlor als Kind durch die Blattern das Augenlicht; von ihm haben
sich noch Kompositionen erhalten. Diesen schönen Grabstein be-
nutzte man 100 Jahre später, drehte ihn herum und machte aus
ihm den Denkstein fĂĽr den gelehrten Arzt Bernardo Torni, der
1497 starb.
Es befinden sich in der Sammlung des Institutes ferner die Ab-
Orig .-Aicfn. nach Gipsabgu/s im Kaiseriti-Friedrich-Hatis, Berlitt.
Fig. 280. Grabstein des blinden Orgelvirtuosen Konrad Paumann von NĂĽrnberg 1473.
gĂĽsse berĂĽhmter BlindenbĂĽsten, so Aliltons Kopf, ferner die
Porträtbüste des einäugigen Hussiteniührers Z i s k a. Die »Ö d i p u s«-
darstellung als Plastik von I. B. Hugues, ferner »Belisar« von einem
Knaben gefĂĽhrt, Originalgruppe von Laporte, die Statue des er-
blindeten berĂĽhmten Naturforschers Lamarck, sowie ein Relief-
porträt des großen Holländers Georg Eberhard Rumphius,
1627 — 1702, wie der erblindete Naturforscher mit seinen Händen
388
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
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Fig. 281.
Orig.-F/iot. äfs k. k. Bltnä,n-j:rzii-k - 1 mt . . I! .,■■.
Grabstein des durch Blattern erblindeten Musikers Landini (gest.
1397)-
Schaltiere abtastet. Auch von dem Philosophen Asklepiades aus
Phlius existiert ein Bildnis nach einer antiken BĂĽste. Von diesem
Asklepiades berichtet Cicero (Tusc. V, 39), er habe auf die Frage,
BLINDHEIT.
389
welchen Vorteil ihm die Blindheit gebracht habe, geantwortet, daĂź
er dadurch einen Knaben mehr in seiner Begleitung habe. Es
fehlen in der Sammlung nicht die Porträts des blinden und letzten
Königs von Hannover, Georg V., und der berühmten Ameri-
kanerin Helen Keller. Erwähnen will ich, daß die Schutzpatronin
der Musik, besonders der Kirchenmusik, Cäcilia, welche wahr-
scheinlich 210 hingerichtet und in den Katakomben des Calixtus
an der Via Appia bestattet wurde, angeblich blind gewesen ist. Die
Sammlung enthält jedenfalls zwei solche Darstellungen; es ist aber
ja bekannt, daß fast alle Hauptgemälde, welche an Berühmtheit
und Schönheit wetteifern, unter andern die von Raftael in der Pina-
kothek von Bologna und von Dolci in der Dresdner Galerie, diesen
Zustand nicht berĂĽcksichtigen. Die Verinnerlichung, die eine offen-
bare Folge der Erblindung ist, legt es nahe, diejenige Kunst zu
betreiben und auszufĂĽhren, zu deren vollem GenuĂź auch die Hell-
sehenden die Augen schlieĂźen.
Ist das die innere BegrĂĽndung fĂĽr die Bevorzugung der Musik
durch Erblindete und Blinde, so hat auch praktische Lebens-
betätigung schon seit alters beides zusammengeführt. Mehrfach
führen uns altägyptische Reliefs solche blinde Musikanten vor.
Bekannt ist das im GipsabguĂź auch im Kaiserin-Friedrich-Hause
befindliche Denkmal blinder Musikanten aus einem Grabe von Teil
al Amarna (c. 1373 ante Chr.), s. Davies Rock Tombs of el tmarna I,
Taf. 23 (laut Mitteilung von G. Steindorff). Weniger bekannt
und besser erhalten ist das Relief aus Sakkärah.
Unsere Abbildung (s. Fig. 282) entstammt einem Originale eines
oberägyptischen Tempels aus Sakkärah ungefähr 1300 v. Chr.
Sänger werden von einem blinden Harfenisten unter Lautenschlägen
begleitet. Die Charakterisierung der Augen ist in sehr einfacher
Weise erfolgt. Die Lidspalte erscheint im Gegensatz zu den mandel-
förmigen Öffnungen der Sehenden stark verengt.
Angeblich wird ja durch den Verlust eines Sinnesorgans eine
Verschärfung der anderen beobachtet; dies wird auch vom Ge-
schmack behauptet. Im Garten der Champagnerfabrik des Hauses
390
KRAXKHlilTSDARSTELLUXGEN".
^
Fig. 2S2. Blinde iNIusikanten. Relief vom Tempel in Sakkärah.
Moet und Chandon erhebt sich die Statue des blinden Dom Perie;-
non (1638 — 1715), des berühmten Erfinders des Weins der Cham-
pagne, durch dessen feine Zunge Weinmischungen vollkommenster
DAS TOTENFELD VON ANCON.
391
Art bestimmt wurden. Erwähnen wollen wir noch, daß unter den
modernen Skulpturen, die viellach auch die Blindenanstalten ver-
schönen, die verschiedenen Beschäftigungsarten, welche die Blinden-
pädagogik mit so bewundernswürdiger Geduld geschaffen hat,
plastisch zum Ausdruck kommen. Als Gipfel solcher Leistungs-
fähigkeit empfehlen wir die plastischen Arbeiten zu betrachten,
die in dem Wiener Blindenerziehungsinstitut aufbewahrt werden,
als SchĂĽlerarbeiten von Blinden.
DIE ANTHROPOMORPHEN TERRAKOTTEN MIT KRANK-
HEITSDARSTELLUNG AUS DEM ALTEN INKAREICHE.
In vielfacher Beziehung nehmen die Funde aus den altperuani-
schen Totenstädten in der Kunstarchäologie eine Sonderstellung ein.
Sie berichten uns von einem alten Kulturlande, dem Reiche der
Inkas, und diese Erzählungen in gebranntem Ton, Silber und Gold
oder auch tarbig in TĂĽcher gewirkt, wissen uns, die wir, als
Erbteil einer humanistischen Erziehung, ein Vorurteil haben gegen
alles, was außerhalb des gräko-romanischen Kreises steht, durch
ihren sonderbaren Reiz zu fesseln. Als im Jahre 1893 Ashmead
der Berliner Gesellschaft fĂĽr Anthropologie die Photographien von
KrĂĽgen mit Krankheitsdarstellungen ĂĽbersandte, war man sich ĂĽber
die Bedeutung dieses sonderbaren Fundes zunächst nicht klar.
Die ĂĽberraschende Tatsache, daĂź die Gesichter auf diesen Gesichts-
krügen eine vom Künstler beabsichtigte Nasenzerstörung auf-
wiesen, leitete die Diskussion sofort auf den Abweg einer speziellen
Diagnose, und es ist bedauerlich, daĂź man sich aus diesem Irrweg
im Laufe der erregten Debatte eines Dezennium nicht befreien
konnte. Die Hoffnung, durch diese Hinterlassenschaft aus der
präkolumbischen Zeit in erster Linie eine Aufklärung zu erhalten
ĂĽber eine Frage, welche die GemĂĽter der Medikohistoriker seit
langem beschäftigte, die Frage nach dem amerikanischen Ursprung
der Syphilis, drückte mit der erhofften Lösung von dieser un-
erwarteten Seite aus auf das Tempo der Erledigung und Lösung
3C)2 KRANKHEITSDARSTELLUXGEX. ig
dieses Rebus und lieĂź das Studium dieser Objekte am falschen
Ende beginnen.
Wir haben in den Weltmuseen die verschiedenen Arten von Ge-
sichtsurnen aus allen Zonen und aus allen Zeiten vor uns; wir
fanden sie in den mykenischen Gräbern so gut wie in der nordischen
Erde. Wir sahen Getäße mit der Verkörperung des hellenischen
Schönheitsideals und solche mit grotesker Gesichtsverzerrung. Wir
fanden als zweifelhafte Votivgaben allerlei keramische Kunstwerke
aus hellenistischer Zeit, bei denen zum mindesten pathologische
Bildungen Modell gesessen, nirgends aber landen wir die Krankheit
als solche, die Blindheit, den SchlagfluĂź, so realistisch dargestellt
wie auf den Huacos aus dem Inkareiche. Das muĂź einen be-
sonderen Grund gehabt haben. Und diesen hätte man zunächst ver-
folgen mĂĽssen, bevor man an die Unterscheidung bestimmter Krank-
heitstypen ging. Dieser Schatz an Krankheitsdarstellungen hat aber
fĂĽr die vorliegende Arbeit einen so besonderen Wert, daĂź er eine
Behandlung des Gegenstandes in voller Breite begrĂĽndet; denn wollte
man ein Paradigma aufstellen oder die Vorbedingungen zurecht-
rücken für die Wertschätzung der Skulptur der Krankheit, man hätte
keine bessere theoretische Unterlage finden können. Ein Volk ohne
Schrittsprache, welches, bevor es von dem grandiosen Höhepunkt
einer erdständigen Kultur durch eine Handvoll Abenteurer, die
aus einer anderen Welt kamen, gestĂĽrzt wurde, hat uns ohne weitere
Erklärung eine keramische Sittenschilderung hinterlassen. Die kleinen
Kunstwerke liegen vor uns, unter diesen massenhafte Krankheits-
darstellungen. Nun zeigt uns, was ihr damit anzulangen wiĂźt.
Sind das, was da auf den KrĂĽgen plastisch hervortritt oder auch
gemalt erscheint, mvthologische Phantasien, sind es die Zeichen
grausamer Bestrafung oder VerstĂĽmmlungen Kriegsgefangener? Ist
es Krankheit, Lepra oder Lues oder Lupus; ist es vielleicht nur das
wiederkehrende Bildnis eines Märtvrers? An der Hand dieser Ton-
bilder kann man den Wert oder den Unwert dieses ganzen Grenz-
gebietes der Medizingeschichte abhandeln. Wir werden sehen, wie
naive Forscher, auf ihrem Gebiete groĂźe Gelehrte, ĂĽber die entlernte
GESCHICHTLICHES.
393
Ähnlichkeit stolperten und sich zu unberechtigten Schlüssen ver-
leiten ließen; wir werden aber auch sehen, daß Fachmänner sich
täuschen ließen in der Scheidung von Echtem und Unechtem, der
Beurteilung von Tatsächlichem, Wahrscheinlichem und Möglichem.
Bevor wir aber den SchlĂĽssel zu dieser Kunstsprache des Inkavolkes
suchen und vom mediko- historischen Standpunkt das Erbe dieses
Kulturvolkes in den Resten, die spanischer Goldhunger ĂĽbrig ge-
lassen, prĂĽfen, mĂĽssen wir zur Erkennung des Bildes Vorbemer-
kungen machen.
Das alte Kulturvolk der Inkas, welches ungefähr im Anfang des
13. Jahrhunderts mit Manco-Capac als dem ersten Inka das Reich
von Cuzko offenbar auf den Trümmern einer älteren Kultur auf-
baute, erlebte unter der absolut regierenden Dvnastie der zwölf
Inkakönige einen Hochstand der Kultur, der namentlich in staats-
geschichtlicher und sozialer Beziehung ohne Beispiel ist; das Staats-
wesen der Inkas, das Reich Tahuantinsuyu auf dem sĂĽdamerikani-
schen Hochplateau, dart als wirklich sozialistisch regierter GroĂźstaat
mit rein theokratisch-absolutistischer Spitze betrachtet werden. Uns
interessiert nur die nichtpolitische Seite ihres Kulturlebens, und ein
gütiges Schicksal, die Gunst klimatischer Verhältnisse, hat es be-
wirkt, daß trotz der vandalischen Zerstörungen der spanischen Kon-
quista Pizarro und seine Abenteurer noch so viel von der technischen
Seite ihrer originellen Kultur ĂĽbrig lieĂźen, daĂź wir uns ein ursprĂĽng-
liches Bild von dem Volke und seinen Gewohnheiten machen können.
Der Salpeterreichtum der Erde und die Trockenheit der Luft hat an
vielen Stellen der Gräberfelder uns wirkliche Totenstädte hinterlassen;
und da die Inkas auf den Totenkultus und die Art der Bestattung:
eine ungewöhnlich große Sorgfiüt verwandten und die Toten in ihren
Kammern mit einer ganzen AusrĂĽstung fĂĽr ein Jenseits ausstatteten,
so spricht aus diesen Gräberfunden wirkliches Leben zu uns. Es ist
ein besonderes Verdienst der deutschen Regierung, sowohl an Ort
und Stelle, aut den Totenfeldern von Ancon, die geeigneten Nach-
forschungen angestellt zu haben, als auch die groĂźen Sammlungen
für das Berliner Museum für Völkerkunde erworben zu haben.
394
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Durch die UnterstĂĽtzung von Exzellenz Bode und das Ent-
gegenkommen des Herrn Prot. Sei er konnte ich den Bestand des
Berliner Völkerkundemuseums eingehend studieren, sowohl die
Sammlung Graetzer als auch Baessler; des weiteren habe ich das
Material des Britischen Museums und des Louvre sowie den etwas
größeren Bestand der Wiener Sammlungen und die Keramiken des
Museum Kircherianum in Rom untersucht. Mittlerweile ist, wie
Orig.-Au/n. Bfrthi, l'citkcrkitnjemuseicin.
Fig. 283. Gesichtskrug mit der Darstellung eines normalen Altperuaners.
es scheint, ein nationales Interesse im eigenen Lande erwacht, und
wie ich aus den neuesten Publikationen des in dieser ganzen Frage
fĂĽhrenden Kollegen Albert S. Ashmead') entnehme, sind mittler-
weile neue interessante Funde gemacht, neue Kollektionen angelegt").
Unter den Fundstücken aus den Gräbern zeichnen sich neben
den wunderbaren Produkten einer vollendeten Webekunst, einer be-
') American Journal of Dermatol. St. Louis 1909/10.
'-) Privatkollektion von M. Velez Lopez, von Salinas Jimenes, s. in der Presse Medicale
Nr. 85, 1909 bei M. VOlez.
GESCHICHTLICHES.
395
sonders hohen JuweHertechnik, die FĂĽlle der sogenannten Huacos
besonders aus. Der Huaco ist eine Art von Bierkrug, der, wie alle
Gegenstände, die zum Gebrauch des täglichen Lebens bestimmt
waren, kunstgewerblich geschmĂĽckt und verziert war. \'on diesen
KrĂĽgen, in denen das Maisbier (die Chicha) aufbewahrt und aus
denen der Met wohl auch getrunken wurde, gab man den in
TĂĽchern eingewickelten Toten oft zahlreiche mit in die Grabkammer.
Die goldenen und edelsteingeschmĂĽckten und mit zierlichen Mosaik-
Fig. 284.
Orig.-Phot. Beriin, Altes Mnsein/i.
Fig. 285.
Archaisch-attische Gesichtsvasen.
arbeiten und sonstigem JuwelierfleiĂź montierten PrachtstĂĽcke fielen
der Goldgier der spanischen Konquistadoren zum Opfer und wurden
meist eingeschmolzen; aus dem spärlichen Rest des aut uns Ge-
kommenen ersehen wir noch die Größe und die Kunst des Zer-
störten. Das gewöhnliche Material war der gebrannte Ton; das
ganze Leben und Treiben des Volkes lernen wir durch die plastische
Bearbeitung des Tones kennen, und bilden diese plastischen
Schilderungen eine willkommene Ergänzung zu den unzuver-
396
KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN.
lässigen mündlichen Überlieferungen der späteren Inkahistorie von
Freund und Feind.
Betrachten wir zunächst, um uns die Züge eines normalen Alt-
peruaners vorzustellen, einen Gesichtskrug (s. Fig. 283) aus der
Berliner Sammlung, wie ein solcher in vielen Variationen häufig
vorkommt. Dabei können wir aus der Charakteristik der Züge mit
Sicherheit annehmen, daĂź wir
einen Porträtkrug in der Hand
haben. Die Ähnlichkeit wird
wohl noch durch das mit der
rötlichen Hautfarbe des In-
dianers ĂĽbereinstimmende Ko-
lorit des Tones eine gesteigerte
gewesen sein. Obwohl nun
solche JPorträtkrüge zunächst
vielleicht nach dem Modell ge-
arbeitet waren, so finden wir
doch auch Gefäße von einer
mehr schematisierenden Arbeit.
Weitere Unterschiede bringt der
hundertfältig variierte Kopt-
schmuck. Die seitlichen Falten
des weiĂźen Gewandes verdecken
die künstlich durch Ohrpfiöcke
vergrößerten Ohren. Nach
diesen Kennzeichen des adligen Inkageschlechts nannten die Spanier
die ganze Sippe Orejones, die GroĂźohren. Besonders weisen wir
mit Rücksicht auf die späteren Gesichtsveränderungen auf die kühn
gebildete Nase hin, den scharf geschnittenen Mund mit breiter Ober-
lippe und ausgeprägter Medianfurche.
Zum Vergleich mit der Technik dieser Gesichtsdarstellung be-
trachten wir den schönen archaisch-griechischen Krug der Berliner
Vasensammlung; hier ist nur Komposition, keine Natur (s. Fig. 284
u. 285). Eine auftallend ähnliche Gesichtsbildung dagegen zeigt ein
Orig.-Phot. l'ictoria and Albert Miiseiitn.
Fig. 286. Gesichtskrug.
Flämische Arbeit des 13. Jahrh.
GESCHICHTLICHES.
397
Bronzekrug aus dem Kensingtonmuseum in London (Fig. 286). Dieser
wolil der Renaissance angehörende Krug erinnert von neuem daran,
wie der menschliche Geist auch ohne irgendwelche gegenseitige Be-
einflussung zu den verschiedensten Zeiten zu ähnhchen \^orstellungen
und damit auch zu ähnhchen Leistungen kam. Die figürhche Ent-
wickhing des ganzen Gefäßes überhaupt oder einzelner Teile des-
selben in der Richtung von Körper- und Gesichtsform finden wir
übrigens schon als Ornament prähistorischer Tongefäße; dieselbe
Erscheinung kehrt bis zum heutigen Tag immer wieder.
Als Ăśberleitung zu den Darstel-
lungen von Krankheitsveränderungen
betrachten wir nun einen Huaco, der
eine bei den Inkas vielfach vorkom-
mende Schädeldetormität plastisch zum
Ausdruck bringt, den sogenannten
1 n k a t u r m s ch ä d e 1. Ich mache
dabei noch besonders aufmerksam auf
die eingedrĂĽckte Stirngegend und die
auffallende Konvergenz der Orbitae
und die Schielstellung der Augen.
Ein Wort an dieser Stelle ĂĽber die
Schädelform! Die Ansicht Rankes,
daß sie das zufällige Produkt der Hal-
tung des Kindes in der Wiege sei,
mag für gewisse Volksstämme zutreffen, für die Inkas scheint eher
die hippokra tische Erklärung der Skythenschädel, die absichtlich
den Neugeborenen Kopfbinden anlegten und die weichen Knochen
nach der Geburt formten, zuzutreffen. DafĂĽr spricht neben den
anderen körperlichen Abzeichen der Kaste, den Ohrpflöcken und
Tätowierungen , auch die seltsame Art der Kopfbedeckung gerade
bei den Trägern solcher Deformität (s. Fig. 287).
Um nun den Leser gewissermaßen an der Auflösung dieses
Rätsels zu interessieren und seine geübte Diagnosenstellung in den
Dienst dieser Frage zu stellen, beabsichtige ich zunächst eine Reihe
Fig
0>ig.-A:i/n.
2S7. Schielender Altperuaner
mit Turmschädel.
398
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
charakteristischer Krankheitstypen hier im Bilde vorzufĂĽhren mit
einem kurzen Hinweise auf die bestehende Veränderung. Hat sich
dann der Leser eine Vorstellung gemacht von der xA.rt dieser Krank-
heitsdarstellung, so wollen wir die historische Diagnose entrollen
und die Ansichten der Autoren hören. Zum Schluß dieses Inka-
kapitels werde ich in dieser strittigen Frage meine vielfach ab-
f
Fig. 2S9.
Derselbe Kopf im Profil.
Fig. 2S8. Huaco mit Gesichtsdeformation.
weichende Ansicht zu begrĂĽnden versuchen und das Beweismaterial
vorfĂĽhren.
Als GegenstĂĽck zu unserer ersten Abbildung finden wir auf
Fig. 288 das durch Krankheit veränderte, aber in seinen Trümmern
noch edle Antlitz. Das Charakteristischste ist der kleine starrwandige,
schiefgestellte Mund und der Verlust der Vordernase.
Auch nach Abzug der Tätowierungen und der Beschädigung
der Oberfläche dieser immerhin mindestens 300 bis 600 Jahre alten
Keramik bleiben an der Gesichtshaut deutliche Narben erkennbar.
KRANKHEITSFALLE.
399
10
Betrachten wir diesen Kopf im Protil, so ist der Grad der ver-
zerrenden Entstellung der zentralen Gesichtspartie ein noch mehr
in die Augen fallender (s. Fig. 289).
Wenn wir in der Betrachtung weiterer Krankheitstypen fort-
fahren, so greifen wir einen Kopfkrug heraus, bei welchem eine
direkt grauenvolle Realistik zutage tritt. Ein Zw^eifel, daĂź hier eine
zielbewuĂźte Krankheitsschilderung vorliegt, kann ĂĽberhaupt nicht
aufkommen. Wir sehen einen
mit einer Art von modernerer
MĂĽtze bekleideten jĂĽngeren
Menschen, bei welchem das
rechte Auge fehlt; die Lidspalte
ist angedeutet, der Orbitalrand
springt mächtig vor; dahinter
die leere Augenhöhle. Im Ge-
gensatz dazu drängt sich aus
der erweiterten linken Lidspalte
gewissermaĂźen der Bulbus her-
aus; das Symptom der fehlen-
den Schließfähigkeit der Lider ist
dadurch stark betont; der Mund
ist breit, die linke Unterlippe
stark hängend, die ganze linke
Seite starr und gelähmt (siehe
Fig. 290). Als GegenstĂĽck hier-
zu erscheint uns die xMundbil-
dung des Blinden interessant, welcher trotz seiner gleichtalls bei
ihm vorhandenen linken Fazialislähmung und dem vollkommenen
Schwund seiner beiden Augen die Zeichen lebendiger Mitteilsamkeit
in sich trägt (s. Fig. 291).
Auf dem folgenden Bilde (s. Fig. 292) haben wir einmal einen
ganzen Krug abgebildet. Wir können auf ihm die Beobachtung
machen, daĂź das Gesicht dem KĂĽnstler beinahe die einzige reizvolle
Aufgabe ist, daß er den übrigen Körper, namentlich Hände und Füße,
Orig.-Aii/u. Berlin, WĂĽki-rkundfmuseum.
Fig. 290. Huaco mit Darstellung linkseitiger
Fazialislähmung und einseitigen Augenverlustes.
400
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
nur skizzierte, manchmal auch nur farbig andeutete. Wir sehen hier
einen alten Blinden mit erloschenem Blick und deutlich sichtbaren
Ohrpflöcken, mit über Kreuz gelegten Beinen dasitzend und die
Flöte blasend. Um die Reihe dieser so ungemein häufigen Blind-
heitsdarstellungen zu vervollständigen, bringen wir noch die Ab-
bildung eines Huaco, der einen Blinden in hockender Stellung
zeigt, mit einer geradezu ver-
blĂĽffenden Wiedergabe des Blind-
heitausdrucks (s. Fig. 293).
Wir haben bei der Skulptur
der Blindheit ĂĽber die Schwierig-
keiten ihrer technischen realen
Wiedergabe gesprochen; hier an
diesem kleinen wertlosen Werke
einer primitiven Töpterkunst ist
das Problem des in die Ferne ge-
richteten inneren Blickes und des
trostlosen Dahinstarrens restlos
gelöst. Will man sich eine Idee
machen von der KĂĽnstlerschaft
dieser Inkatöpfer, so betrachte
man die bei ihnen häufigen Dar-
stellungen des behäbigen satten
Schlafes. In dem Kontrast zwi-
schen diesen beiden Typen liegt die ganze Skala leidenschaftslosen
Mienenspieles.
Die nächsten Abbildungen zeigen nun Tvpen aus dem so viel um-
strittenen Gebiet der Nasen- und Munddefornfität. Wir wollen uns
an dieser Stelle noch nicht auf eine differentielle Diagnose ĂĽber-
haupt einlassen, sondern zunächst an charakteristischen Beispielen die
Art der sich vielfach wiederholenden und in allen möglichen Varianten
vorkommenden Veränderungen zeigen. Da sitzt vor uns mit unter-
geschlagenen Beinen ein Mann, der eine schwere Zerstörung der
zentralen Gesichtspartie hat. Der Mund und die Xase sind gewisser-
Orig.-Aufn. Berlin, Völkerkujtdemuseurn,
Fig. 291. Huaco mit Darstellung von
Blindheit und Lähmung.
KRANKHEITSFÄLLE.
401
maĂźen zu einer Ă–ffnung geworden, wobei sich allerdings die seit-
lichen Mundpartien intakt erhalten haben. Die Nase selbst erscheint
nicht etwa wie abgeschnitten, sondern man bekommt den Eindruck,
daĂź ein geschwĂĽriger KrankheitsprozeĂź Nase, Scheidewand und
Nasenknorpel von innen vernichtet hat. Diesen geschwĂĽrigen Zer-
fall von Lippe und Naseninnerem mit der so eklatanten kailösen
Schwarte in der Umoebune; demonstriert
noch deutlicher der nächste Huaco (siehe
Fig. 293).
Die Konsumtion hat hier alle Gewebe
rĂĽcksichtslos ergriffen, und es scheint zum
mindesten noch fraglich, ob in dem hier
dargestellten Status der phagadenische
ProzeĂź noch im Gange, oder ob be-
reits eine Vernarbung vorhanden und die
Krankheit erloschen ist. Die nächsten
Bilder bringen weitere Tvpen solcher De-
struktionen. Der l'opt (Fig. 296) zeigt
auĂźer der Nasendestruktion noch Schnitt-
narben im Gesicht, die wie Operations-
wunden aussehen. Bei dem Huaco (siehe
Fig. 297) fällt neben der Zerstörung der
Nase die Infiltration der Lippen ganz besonders auf, und wĂĽrde
zunächst jeder gerade diesen fiuaco tür eine unzweifelhafte Lupus-
darstellung halten. Einen Schwellungszustand des ganzen Ge-
sichtes zeigt Fig. 298. Die starre Infiltration hat dem Antlitz
einen geradezu kläglichen Ausdruck verliehen und zu einer Ver-
schwellung der Augen gefĂĽhrt. Aus der Unsumme von immer
wiederkehrenden Typen, von denen sich etwas anders nuancierte
Exemplare in allen Sammlungen befinden, bringen wir die Ab-
bildungen zweier Tongesichter, die zunächst wie karikierte Couleur-
studenten aussehen. Die Kopfbildung erinnert stark an unser
zweites Bild mit Turmschädelbildung. Depression der Nasenwurzel
und der Stirngegend; an ihrem Kopfputze ist ein rundes StĂĽck
■^.•Aufii. P-i-rlhi, l'olkerkintdciHUS .
Fig. 292.
Blinder Flötenspieler.
Holl.Tnder, Plastik und Medi:
26
402
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
ausgespart, welches die nackte Haut zutage treten läßt: ein Hin-
Aveis darauf, daĂź es sich wohl um eine absichtliche Kopfdefor-
mierung handeln soll. Diese Gesichter zeigen ziemlich regelmäßig
die bizarrsten Mundstenosen und Nasenverluste. An den beiden
vorliegenden Beispielen (s. Fig. 301 u. 302) erkennen wir noch
ganz auffallende Tätowierungen, die gelegentlich den studentischen
W^
Oyig.-Au/u. Berliti, Vblkerkttndemuseum .
Fig. 293. Blindheit.
Orig.-Aii/n. Berliit, V'ölkerkitndentusejnn.
Fig. 294.
GeschwĂĽrsbildung der zentralen
Gesichtspartie.
Eindruck steigern. Obwohl wir ja wissen, daĂź die Schriftsprache
diesem Kulturvolke unbekannt war und daĂź sie nur in Knoten-
bildungen an Kordeln und Seilen gewisse mnemotechnische Hilfen
hatten, so glaube ich doch in der verschiedenartigen Tätowierung
einen Hinweis zu linden, daĂź durch deren /\.nordnung bestimmte
Vorstelluns:en oewissermaĂźen schriftlich zum Ausdruck gebracht
KRANKHEITSFÄLLE.
403
werden sollten (vielleicht Abstammungs- und Kastenzeichen, De-
korationen, Strafen).
Von Anbeginn haben dann die folgenden Typen, namentlich
den Spezialisten fĂĽr Syphilis, Veranlassung gegeben zu gelehrten
Auseinandersetzungen. Das Besondere dieser Typen ist der Nasen-
schwund, das Klaffen des Mundes, die Sichtbarkeit groĂźer, oft
defekter Zähne und der Schwund der Oberlippe. Diese hat sich
Orii^.-.i '■•'/, l'ölkerkiindeuiuscittn.
F'g- 295. GeschvvĂĽrsbilduny der zentralen Gesichtspartie.
meist so retrahiert, daĂź nur noch eine feine Linie vorhanden ist,
die sich auf der Photographie deshalb geringer von dem prominenten
Oberkiefer scheidet, weil am Original der Farbenunterschied zu Hilte
kommt. In noch grandioserer Form zeigt angeblich die Schreck-
nisse dieser Erkrankung ein Topftypus, der der Häufigkeit nach an
erster Stelle hätte genannt werden sollen. Es sind das Figurinen,
die einen Topt krönen, meist in der hockenden Stellung eines Tam-
404
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
bourschlägers. Die Gesichter dieser Personen zeigen alle beschrie-
bene Mutilationen im stärksten Grade (s. Fig. 296, 299 u. 500).
Aus der noch erheblich zahlreicheren Folge von Gesichtsver-
änderungen, welche zwischen diesen verschiedenen Formen hin und
her schwanken, werden wir später bei der spezielleren Betrachtung
noch Gelegenheit haben, die eine und die andere Variante kennen
Fig. 290. Operatiunsnarben.
Orig.-Aufn. Berlin, l'olkerkundt'fnttseutii.
Fig- -97- Lupusähnliche Defigurationen.
ZU lernen. Wir müssen nun noch die Auflösung des großen Rebus
durch weitere Zugaben erschweren, denn neben den Gesichtsver-
änderungen finden wir Erkrankungen des Körpers, vor allem Ex-
tremitätenverluste, die oft mit den beschriebenen Gesichtsverände-
rungen zusammen vorkommen. Zur Erhärtung dieser Tatsache
zeigen wir einen Huaco des Berliner Museums, der einen liegenden
Mann darstellt (s. Fig. 303); beide Beine fehlen vom unteren Drittel
abwärts. Statt dessen sieht man
ein sich häufig wiederholender
KRANKHEITSFALLE.
405
Befund — am linde des Stumpfes eine Einkerbung. Das Ende
sieht aus wie ein Amputationsstumpt mit eingezogener Narbe.
In ähnlicher Weise sind die unteren Gliedmaßen vieler Tam-
bourinschläger behandelt. Ausgeschlossen ist bei diesen Füßen die
mehrfach ausgesprochene Annahme, die sonst zutreffen kann, daĂź
es sich nur um eine skizzenhafte Behandlung der Extremitäten ge-
handelt haben könne. Wir werden in folgendem den Beweis er-
bringen, daĂź es sich hier um den Verlust der GliedmaĂźen handelt.
Ori^ -Aiiftt. Berlin, i olkerkiniticninseiin
Fig. 298. Diffuse Gesichtsscliwellung.
Ein sehr interessanter Huaco, dessen Henkelkrug abgerissen ist, zeigt
uns die nächste Abbildung (s. Fig. )04u. 303). Über den ganzen Körper
des UnglĂĽcklichen sind Tumoren oder, um uns noch vorsichtiger
auszudrücken, Beulen zerstreut, nur das Gesicht und die Hände sind
frei. In der einen Hand hält der Patient ein Instrument, welches
ich mir, da die Photographie im Stich läßt, noch einmal besonders
habe zeichnen lassen. Sonderbarerweise hat der Wiener gelehrte
Professor J. Neu mann') in diesem Ausschlage mit Bestimmtheit
') über die an den altperuanischen Keramiken und anthropomorphen Tongefäßen darge-
stellten Hautveränderungen mit besonderer Rücksicht auf das Alter der Syphilis und anderer
Dermatosen von Prof. J. Neumann, Wien 1905.
40 6
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
unter Ausschluß ähnlicher Affektionen das l'ibroma molluscum
sehen wollen.
Es sei noch erwähnt, daß zahlenmäßig solche Körperschäden
viel seltener vorkommen, als die Gesichtsveränderungen.
Orig^.-Au/it. Berlin, l\ilkvrku>i(ieinusfiu)i.
Fig. 299.
Literatur'). Ăśber die altperuanischen Tonliguren existiert bereits
eine stattliche Literatur, und mit der Deutung dieser pathologischen
Darstellungen haben sich gelehrte Forscher abgegeben. Soweit ich
ersehen kann, hat im Jahre 1893 Albert S. Ashmead Canadensis
die Diskussion in der Berliner Gesellschaft fĂĽr Anthropologie, Eth-
nologie und Urgeschichte durch ein Schreiben an Virchow er-
öffnet, in dem er an den mit peruanischen Mumien ausgegrabenen
Töpfen Veränderungen und Verstümmlungen im Gesichte der
Porträtierten beobachtete, die seiner Meinung nach, im Gegensatz
zu der von Dr. xMuniz ausgesprochenen Ansicht, auf keinen Fall
»the work or consequence of leprosy« waren. Fr fragt nach
') Buchangabe s. im Literaturverzeichnis.
DIAGNOSE.
407
Knochenfunden mit Mutilationen. In der Diskussion hierzu sagt
Rud. Virchow, daĂź er bisher noch nie unter seinem groĂźen
Knochenmaterial aus präkolumbischer Zeit einen amerikanischen
Knochen mit Syphilis gefunden habe. Später wiederholt er die-
selben Bemerkungen in noch prägnanterer Form, anerkennt jedoch,
daß die geschilderten pathologischen Veränderungen bei den Inkas
auf Lepra, doch auch auf Syphilis bezogen werden könnten. So
sehr er den originellen Versuch, auf diese Weise aut die Geschichte
der Syphilis Licht zu werfen, billigt, vermiĂźt er bisher wirkliche
BeweisstĂĽcke.
1897 war dieser Gegenstand in die Diskussion der internationalen
Leprakonferenz eingefĂĽgt. Unter Wie-
derholung der bisherigen ^Tatsachen
teilt Virchow mit, daĂź Mr. Ash-
mead als wehere Argumentation sei-
ner Verneinung der präkolumbischen
Lepra an die Konferenz zehn peru-
anische Tongefäße in photographischer
Reproduktion ĂĽbersandt habe, bei
denen nicht nur dieselben, bereits be-
schriebenen VerstĂĽmmlungen der Vor-
dernase und der Oberlippe vorhanden
waren, sondern bei denen auch vier
Figuren amputierte Füße zeigten. »Was auch die an den Gesichtern
dargestellte Krankheit war,« sagt er, »sie muß sehr häufig von einer
Krankheit der FĂĽĂźe begleitet gewesen sein, welche die Amputation
nötig machte, und zwar nicht eines Fußes, sondern beider.«
Virchow konnte der Konferenz eine Reihe ähnlicher Tongefäße
aus dem Museum für Völkerkunde vorlegen, bei denen Wilhelm
V. d. Steinen dieselben VerstĂĽmmlungen der Nase, Oberlippe
und Unterschenkel konstatiert hat. Virchow erkannte an, daĂź
diese Darstellung ein starkes Argument dafür abgäbe, daß es sich
um lepröse Verhältnisse handele, für Syphilis sprach seiner Ansicht
nach nichts. Der Kongreß selbst trat in keine Erörterung über den
OriÂŁ.-Au/n. Beriin, Volkerkiindfmusemu .
Fig. 300-
4o8
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Gegenstand ein. nur Polakowsky betonte, daĂź er bei seinen histo-
rischen Studien ĂĽber die Geschichte der Entdeckung und Eroberung
des spanischen Amerikas nie eine Andeutung gefunden habe, wonach
die Spanier die ihnen wohlbekannte Lepra bei den Eingeborenen
vorgefunden hätten. Die Nachricht, die einzige, die nach dieser
Richtung hin von Wert sei, daĂź jimenez de Quesada, der Eroberer
uiuu'inusetiiii
Ori^.'Aii/tt. /),'/;/,-, )' .
Fig. 301. Schwere Schädel- und Gesichtsveränderung.
von Kohunbien, sich die Lepra von den Eingeborenen zugezogen
habe, bestreitet Professor CarrasquiMa aus Bogota auf Grund der
Originaldokumente der Geschichte des Eroberers. Nach diesen ging
der Eroberer etwa zwölf Jahre nach der Gründung Bogotas nach
Spanien zurĂĽck, holte sich von dort etwa 1350 sowohl Svphilis wie
Lepra. Unter der Motivierung, daĂź die Lepra bei ihren Mutilationen
mit Vorliebe die Hände ergreife, was auf den Vasen bisher nicht
DIAGNOSE. 409
beobachtet sei, deutet er die VerstĂĽmmlungen in Ăśbereinstimmung
mit Carras q u illa als Zustände bestraften Verbrechertums, um so
mehr als die grausame Justiz der alten Peruaner bekannt sei. In
der weiteren Diskussion über diesen Gegenstand läßt sich aber zu-
nächst hierfür keine sichere und einwandfreie literarische Begrün-
dung linden, und entspricht es auch durchaus nicht dem Charakter
dieses Volkes, sich durch zahlreiche VerstĂĽmmlungen mit unbe-
quemen, nichts verdienenden Müßiggängern zu belasten. Die
Nachfrage, welche in konsequenter Verfolgung dieser Angelegenheit
Polakowsky anstellte, ist interessant und wichtig genug, um
hier in ihren Resultaten niedergelegt zu werden. Er wandte sich
an die besten Kenner der altperuanischen Verhältnisse, die über-
einstimmend das Vorkommen einer präkolumbischen Lepra ab-
lehnen. Dr. Middendorf, der 25 Jahre im Lande selbst gelebt
hat, das ganze Land kennt, hat in diesen Jahren nur drei Fälle von
Lepra, und nur bei Ausländern, beobachtet. Während er die Ver-
stĂĽmmlungen als Abbildungen bestrafter Verbrecher betrachtet, er-
klärt Dr. A. S tu bei sie unbedingt für Krankheitserscheinungen.
Die ausfĂĽhrlichste Auskunft und die wichtigste erteilt Dr. Jimenez
de la Espada. Der Kernpunkt seiner Auseinandersetzung ist,
daĂź die schreckliche VerstĂĽmmlung von Nase und Oberlippe, welche
mit bewunderungswürdiger Genauigkeit an den alten Gefäßen ko-
piert sei, das Produkt weder von Lepra noch von Svphilis, son-
dern eine spezielle Krankheit sei, an der man frĂĽher und teilweise
auch noch jetzt, besonders in jenen Tälern Perus leide, wo die
Coca gewonnen wird. Die Krankheit laute bei den Peruanern
»Llaga« und unter den Quichuas »Uta« oder »Uutta«. Das
Verbum Huttuni bedeute das Zernagen des Mais durch die ALade.
Diese Krankheit zerfresse das Gewebe der Oberlippe und Nase, des
Schlundes und Gaumens und sei ein wahrer Lupus. Aus der de-
taillierten Beschreibung des Mr. Barraillier sei erwähnt, daß eine
allmählich gangräneszierende Entzündung mit Vorliebe die zentrale
Gesichtspartie ergriffe, unter Umständen aber auch Hände und
FĂĽĂźe. Das Volk glaube, daĂź die Krankheit nicht ansteckend sei.
4IO
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
aber durch den Stich von FHegen herrĂĽhre und ĂĽbertragen werde.
Es scheint, daß Santillan eine ähnliche Krankheit (Mal de los
Andes), eine Art von Krebs, erwähnt, die die Leute bekommen,
welche in den Bergen die Coca einernten. Aut Grund dieser
Mitteilungen statuiert nun P o 1 a k o w s k y unter Revision seiner
frĂĽheren Ansichten drei Gruppen. Die eine Gruppe, die eine Art
Trommel in der Hand haben, ein bittendes und demĂĽtiges Ge-
sicht angenommen haben, seien Bettler, zum Teil blinde Bettler;
da nun nach Aussage aller namhaften
Amerikanisten, die ĂĽber Peru geschrieben
haben , Bettler im alten Peru durch-
aus nicht existiert haben, da ferner die
Idee, daĂź es sich um bestrafte Ver-
brecher gehandelt habe, endgĂĽltig fallen
2:elassen werden mĂĽsse, so nimmt er
einfach und seltsamerweise an, daĂź diese
Gruppe aus der nachkolumbischen Pe-
riode stamme. Bei der zweiten Gruppe,
die er für Kopien lebender Vorbilder hält,
ist der Kopf kĂĽnstlerisch veranschaulicht,
Rumpf und Füße aber vernachlässigt und
schematisiert, daher manchmal auch das
Fehlen der Unterschenkel (!). Die dritte
Gruppe behandele die Nasenveränderung; er bestreite nach dem Ur-
teile von Leprakennern, daĂź die dargestellten \'erstĂĽmmlungen lepra-
ähnlich wären. Der Nasenrücken senke sich, die Nasenoffnungen
verschlössen sich, die Flügel schwellen gewaltig an und ähnelten
einem Operngucker. Er schlieĂźt mit dem Hinweis, daĂź Lepra,
Syphilis und Lupus in eine Krankheitsgruppe gehörten und erwähnt
das Wort des Kopenhagener Dr. Ehlers, daĂź diese Krankheiten
so verwandt seien wie in der Chemie die Elemente Chlor, Brom
und Jod; ein Stadium heilloser Verwirrung in dieser Frage!
Herr Wilhelm v. d. Steinen hatte 17 Henkeltiaschen aus-
gesucht mit VerstĂĽmmlungen, und er wendet sich unter besonderer
Ibi: ĂĽttWtfW'
Orig. â– AhJh . Berlin, Volkerhrntdeniuseuin .
Fig. 302.
DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG.
411
BerĂĽcksichtigung der amputierten Unterschenkel gegen die Ansicht
derer, die darin nur eine ungenaue skizzenhafte Wiedergabe der
unteren Körperhälfte sehen würden. Virchow begegnet dem Ein-
wand des Herrn Polakowsky, welcher behauptet, daĂź die muti-
lierende Form des Aussatzes eher die Hände wie die Füße ergreife,
daĂź aber keine HandverstĂĽmmlungen auf den peruanischen Ton-
gefäßen vorkommen, mit dem Hinweis, daß die Mutilation als solche
keine direkte lepröse Erkrankungsform sei, sondern eine durch Er-
frierung, Verbrennung und mechanische Einwirkung hervorgerufene
Oriff.-Aufn. Berlin , l lytlcerkutidetniiseunt ,
Fig. 303. Amputationsnarben an beiden Beinen mit Gesiclitsveränderung.
neuroparalytische EntzĂĽndung, welche je nach Lebensweise und Ge-
brauch einmal mehr die untere, ein andermal mehr die obere
Extremität schädigen könnte. Die Diskussion über diesen Gegen-
stand verliert sich nun in eine uferlose Bahn. Der Gelehrte Leh-
mann-Nitsche nimmt in der Revista del Museo de La Plata
1898 unter dem Titel Lepra Precolombiana das Wort und spricht
sich über die in Amerika häufig diskutierte Frage nach dem Alter
der amerikanischen Lepra dahin aus, daĂź er sowohl wie andere
Ärzte mit Bestimmtheit die dem ersten latino-amerikanischen Kon-
greĂź Buenos-Ayres 1898 vorgelegten zehn StĂĽck altperuanischer Ge-
fäße nicht für Darstellungen von Lepra halte, daß er überhaupt die
Existenz einer präkolumbischen Lepra verneine. Auch er neigt dazu,
412 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
die Verstümmlungen für Bestrafungen zu halten. Im »Journal of
Cutaneous and Genito-Urinary Diseases« spricht Herr Professor
Bandelier in einem Autsatze »Views on Huaco Pottery Defor-
mations and precolumbian Syphilis« seine Ansicht dahin aus, daß
die geschilderten VerstĂĽmmlungen der Ausdruck von Syphilis und
Lupus seien, welche im präkolumbischen Amerika existiert und ge-
blüht hätten, während es keine Anzeichen für Lepra gäbe. Wichtig
ist auch, daß dieser an Ort und Stelle tätige Gelehrte sich über die
Uta dahin ausspricht, daĂź sie im Innern Perus endemisch sei. \'on
dieser besonderen Form der Tuberkulosis werden Spezialarbeiten
der Herren Orrego Ugaz und Villa r erwähnt und ihre bazilläre
tuberkulöse Herkunft betont. Virchow, der von Zeit zu Zeit
aus diesem Streite der Meinungen und Hypothesen positive Ergeb-
nisse zu ziehen versuchte, stellte fest, daĂź C a r r a s q u i 1 1 a s Ansicht
von den VerstĂĽmmlungen definitiv fallen gelassen werden soll.
Ashmeads Ansicht, daĂź die geschilderte Krankheit nicht Lepra,
sondern Lupus, Syphilis oder Uta gewesen sei, sucht er durch
folgende Einwände zu stürzen. Die Natur der Uta sei ihrer
Stellung nach im pathologischen System schwankend. Die Um-
gebung der zerstörten Nase und der Oberlippe spreche nicht für
den Lupus; das Vorkommen aber einer präkolumbischen Syphilis
sei unentschieden und werde durch die Tonfiguren schwerlich ent-
schieden werden. Auch die inzwischen eingetroffene detaillierte
Verhandlung aus Buenos-Ayres und die gleichzeitigen Mitteilungen
von Carrasquilla bringen wenig Positives. Auch dieser For-
scher lehnt in Verbindung mit Hansen, Brinton, Ashmead,
GlĂĽck, So m m er, V a 1 d e z M o r c 1 die Lepra ab und bringt von
neuem eine Reihe von literarischen Belegen fĂĽr die grausamen Ver-
stĂĽmmlungen. Jedenfalls bezweifelt Le h mann-Nitsche mit
Ashmead den Zusammenhang der FuĂźverstĂĽmmlung mit den
pathologischen Gesichtsprozessen, weil erstens immer beide Ex-
tremitäten gleichzeitig getroffen seien , und zweitens , weil nach
Rivero und Tschudi die damaligen Inkas von operativer Chir-
urgie keine Vorstellung gehabt hatten. Des weiteren wird betont,
DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG.
413
daĂź das Won Llaga nur \\\inde im allgemeinen Sinne bedeute und
keine besondere Krankheit sei. Demnach ist der augenblickliche
Stand (1S98) der Angelegenheit, daĂź es sich wahrscheinlich um
Krankheitsprozesse handele, bei denen Llaga und Lepra auszu-
schlieĂźen seien. Durch eine fleiĂźi2;e
historische Arbeit sucht Iwan Bloch
von neuem in der Februarsitzung 1899
die Theorie von der amerikanischen
Lepra zu beleben. Er stĂĽtzt sich dabei
auf literarische Beweise und auf die
korrespondierende Ähnlichkeit der von
den italienischen Malern Giotto und
G a d d i gemalten offenbaren Leprapor-
träts mit diesen Darstellungen. Er sieht
den Fehler, den die frĂĽheren Beobachter
gemacht haben, darin, daĂź diese sich auf
den Knotenaussatz beziehen, während
den peruanischen Tonfiguren Nerven-
lepra Modell saĂź. FĂĽr ihn besteht kein
Zweifel, daĂź es sich um Lepra handele,
und er ist geneigt, eine Reihe von Haut-
erkrankungen als Ăśberreste der alten
Lepra anzusehen, indem er betont, daĂź
die »Carate« oder »Caracha« Krank-
heitserscheinungen verursache, welche
entschiedene Ähnlichkeit mit Lepra
hätten. Virchow rechnete von neuem
mit der Möglichkeit, daß es sich um
den Aussatz handele und betonte, daĂź
tür ihn die Frage der präkolumbischen Lepra genau so offen sei wie
die der präkolumbischen Syphilis. Im Jahre 1900 nimmt nun ein
Dr. Richter aus Peru das Wort. Auch er beweist, daĂź die Lepra
unter den Eingeborenen Perus unbekannt gewesen, daĂź ihnen ein
Wort dafür gefehlt habe, und daß sie bei dem späteren Import der
Orig^.-Au/jt . Berlin , l'olkcrkuudt'museuju.
Fig. 304.
Juckender Ausschlag.
414
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Krankheit statt dessen das Wort Caracha angewandt haben, was
eigenthch Krätze bedeute. Auch er gibt interessante Mitteilungen
ĂĽber die Utakrankheit, welches Wort die FreĂźkrankheit bedeute,
also identisch mit Lupus sei. Dieselbe Krankheit fĂĽhre noch eine
Reihe anderer Namen, darunter auch Llaga. Die tuberkulöse Natur
des fressenden GeschwĂĽrs sei allerdings nur in einem Falle von
Dr. Flor es (Lima) durch den Nachweis der Tuberkelbazillen be-
stätigt. Der Verlauf dauere monatelang; Ugaz habe sogar versucht,
die Krankheit zu inokulieren, bisher ohne Erfolg. Ăśbereinstimmend
nehme man an, daĂź die Ăśbertragung durch
Insekten geschehe, und daĂź ausnahmslos
die unbedeckten Körperstellen ergriffen wür-
den. Innerhalb von sechs Monaten erfolge
nach Barros teilweise oder völlige Zer-
störung der Nase, Perforation des Gaumens,
vollständige Verstümmelung der Lippen,
narbiges Ektropion. Von den beigefĂĽgten
Huacoabbildungen werden einige als un-
zweifelhafte Fälle von Uta bezeichnet. Nach
den Angaben Dr. Richters erfolge durch
Verschorfung mit dem GlĂĽheisen eine nar-
bige Ausheilung meist ohne Rezidiv.
Das letzte Wort hat wieder Albert xA.shmead. In dem
American Journal of Dermatology von St. Louis legt er in einer
Artikelserie, das Wissenswerte noch einmal zusammenfassend, seine
Ansicht klar und spricht jetzt von Utosic Syphilis. AuĂźerdem bringt
er Illustrationen neuer Typen aus neuen Sammlungen und immer
neue Hypothesen fĂĽr die Entstehung der Erkrankung und der
Krankheitsbilder. Auch erwähnte er eine mehrfach sich wieder-
holende Darstellung einer Kartoffel (Solanum tuberosum) mit fol-
gender Allusion. Aus den Knollen der Kartoffel wachsen zwei
Gesichter mit den geschilderten Gesichtsmutilationen (Nasen- und
Lippenschwund). AuĂźerdem zeigen die Knollen aber an vielen
Ecken die tvpischen Augentriebe. Betrachtet man diese genau, so
'^^P'^>>^'^
Orig.- Zeichnung von v. d. Steinen.
Fig. 305. Detail.
^ DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 415
findet man statt der Wurzeltriehe, daĂź hier die Kartoffeischale von
spitzen Nasen durchbohrt wird, manchmal wird auch der ganze
Nasenansatz mit der Augenpartie schon sichtbar. Die gegebene
Erklärung für diese seltsame Bildung ist gewunden und wenig ein-
leuchtend. Ich meine aber, daĂź eine Deutung dieser Formverbin-
dung der Kartoftel mit angeblicher Krankheit eine ungezwungene sein
muĂź, wenn sie Anspruch auf Wahrscheinlichkeit machen soll. Nichts
ist aber schwerer, wie aus Form und Emblemen sich mythologische
Vorstellungen zu rekonstruieren. Das sehen wir ja z. B. auch bei
der ägyptischen Religionsgeschichte. Und neue Schwierigkeiten
erwachsen aus den volkstĂĽmlichen Vorstellungen , die oft abseits
von der offiziellen Regierungsreligion liegen. An derselben Stelle
bildet dieser gelehrte Autor Koitusszenen ab, bei denen der aktive
Teil NasenverstĂĽmmlungen zeigt. Ein Zweiter ist offensichtlich
auch noch blind. »Why depict this act at all, if not to show con-
nection with thc diseased face?« Nun, wir hoffen, für all diese
Dinge ziemlich einwandsfreie und weniger gewagte Antworten zu
geben, deren BegrĂĽndung nicht in Fragezeichen liegt, sondern in
dem Beweismaterial der Töpfe selbst und analogen Vorstellungen
anderer primitiver Völker.
Die Aufgabe, die sich uns bietet, und die besonders reizvoll
ist fĂĽr jemand, der sich mit Vorliebe auch als Operateur mit den
Destruktionen des Gesichtes beschäftigt hat, gestaltet sich demnach
folgendermaßen. Es wäre lächerlich, durch vergleichendes Bilder-
material den Behauptungen so bedeutender Männer mit autoritativen
Ansichten irgendein Superarbitrium hinzuzufĂĽgen, denn das hieĂźe
da ein Gutachten geben, wo ein Wahrspruch nötig ist. Doch vor
diesem Spruche ist es Vorbedingung, einmal klipp und klar es aus-
zusprechen , daĂź eine behauptete Klassifikation einer E r-
k r a n k u n g aus einer bildlichen D a r s t e 1 1 u n g keine n
w i s s e n s c h a f 1 1 i c h c n W e r t beanspruchen kann. Die Diagnose
kann richtig, sie kann aber auch falsch sein, einen positiven Wert
wird sie auf keinen Fall haben. Wir können immer nur von einer
Wahrscheinlichkeit, von einer Ähnlichkeit sprechen. In medizi-
41 6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
nischer Beziehung ist man vorsichtiger; deshalb muĂź man es auch
sein auf unserem Gebiet, wenn wir den Wert unserer mediko-
artistischen Studien nicht ganz kompromittieren wollen. Nehmen
wir an, unsere amerikanischen TongefaĂźe sind von so verblĂĽffender
Naturtreue, daĂź sie dem Werte einer modernen Naturaufnahme,
wie sie die photographische Platte ermöglicht, gleichkommt, und
gern gebe ich zu, daß im Rahmen des Möglichen die Inkakünstler
diesem Ziele nahekamen. Da betrachte ich solche Photographien
mit ganz ähnlicher Gesichtszerstörung von Negern aus Neu-Guinea
und dem Bismarck-Archipel. Grauenvolle \'ernichtung der zen-
tralen Gesichtspartie, welche unseren Huacogesichtern vielfach ganz
analog ist. \\\\\ irgendeiner, und wenn er ein noch so intimer
Kenner ist, die wissenschaftliche Verantwortung ĂĽbernehmen, auf
Grund dieser Abbildungen allein eine Spezialdiagnose zu stellen r
Der objektive Forscher untersucht weiter. Prof. Dr. Friedrich
FĂĽlleborn vom Institut fĂĽr Tropenkrankheiten, der diese Aut-
nahmen machte, läßt die Diagnose trotz körperlicher, wenn auch
oberflächlicher Untersuchung offen, und bezeichnet als ursächlich
in Betracht kommend: tertiäre Syphilis, Frambösie, Lepra, Rhino-
sklerom, Lupus und die Buba Brasiliens. Ihm selbst ist schon die
Ähnlichkeit mit den von mir publizierten Zerstörungen auf peru-
anischen Gefäßen aufgefallen. Er nennt diese Erkrankung der
SĂĽdseeinsulaner Rhinopharyngitis mutilans oder gangraenosa. Dieses
wissenschaftliche, einzig zu rechtfertigende Vorgehen verbietet, allein
aus dem Anblick eines Kunstwerkes eine Diagnose zu stellen, und
deshalb haben auch autoritative Urteile, wenn sie nicht alle ĂĽber-
einstimmen, keine GĂĽltigkeit. Oder soll hier der Hammelsprung
entscheiden? Um also positive Resultate zu erzielen, mĂĽssen
die Begleitumstände geprüft werden; wir müssen Indizien haben,
Analogien ziehen, um endlich zu einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose
zu kommen. Vor allem ist es nötig, daß der Forscher sich nicht
durch gefällte Urteile blenden läßt, und im ganzen empfiehlt es
sich, so unhistorisch es auch klingen mag, eigene Wege zu gehen
und die Vorarbeiten erst dann zu studieren, wenn man selbst die
DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG.
417
eigene Forschungstätigkeit abgeschlossen hat. Die Geschichte der
Medizin kennt eine Reihe von Beispielen, daĂź gerade dieser Weg
zu dem schönsten Resultat getührt hat. Die Schulmedizin wurde
von Zeit zu Zeit aus ihrem Geleise geworfen und in neue Bahnen
gelenkt durch Outsider, die ohne historische Belastung dem alten
so oft angegriffenen Feinde mit neuen, bisher unerprobten Waffen
beikamen. Ohne die Kenntnis der endlosen Debatten und literari-
schen Kämpfe ging ich an die Untersuchung der Huacos und suchte
mir zunächst die Frage zu beantworten : handelt es sich hier bei
diesen a n thropomorphen Keramiken ĂĽberhaupt um
K r a n k h e i t s d a r s t e 1 1 u n g e n ? und diese so wichtige Frage kann
ich nur t ü r einen b e s c h r ä n k t e n Teil bejahen , um dies
vorweg zu nehmen. Und die zweite Frage, deren Beantwortung
fĂĽr die Beurteilung des Ganzen ausschlaggebend sein muĂźte, und
die seltsamerweise von den Fachleuten ĂĽberhaupt gar nicht aut-
gerollt wurde, lautete: Welchen Sinn hatte diese seltsame Dar-
stellungsart, zu welchem Zweck schufen die Inkaleute solch wider-
liches Kunsthandwerk? Aus der Beantwortung dieser Probleme
hoffte ich dann RĂĽckschlĂĽsse auf das Wesen der Krankheit
ziehen zu können und der Frage näher zu treten: Spricht diese
dem Boden S ĂĽ d a m e r i k a s a b g e \v o n n e n e k e r a m i s c h e
Kunstsprache nur von ei n er K ra n k h ei t, einer spezi-
fischen, die GemĂĽter beherrschenden Volksseuche, oder besteht die
Möglichkeit, daß hier Krankheiten \- e r s c h i e d e n s t e r Ä t i o-
logie geschildert wurden? Wenn ich in folgendem die Resultate
meiner Untersuchungen mitteile, so glaube ich, in vieler Beziehung
positive Schlüsse ziehen zu können, die der Wirklichkeit nahe
kommen. In anderen Beziehungen aber muß man doch vorläufig
noch ein Xon liquet verzeichnen und auf die Weiterarbeit der Fach-
leute hoffen.
Zu w e 1 c h e m Z ^^• e c k , in welchem Sinne schulen die
KĂĽnstler ĂĽberhaupt diese T o n b i 1 d e r ? Um ein e Beant-
wortung dieser Frage zu erhalten, können wir nicht die Literatur
der Inkas zu Hilte nehmen , denn dieses eigenartige \'olk hat uns
Holländer, Plastik und Medizin. -7
41 8 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
nichts Schriftliches hinterlassen, was aus der vorkolumbischen Zeit
stammt. Die späteren Berichterstattungen sind gefärbt und ungenau.
Bei der BerĂĽhrung mit den Spaniern ging das primitive Kolorit ver-
loren, die spanische TĂĽnche verwischte den ursprĂĽnglichen Cha-
rakter. Man muß es demnach versuchen , die Lebensbetätigung,
die Lebensauffassung dieses hochbegabten Volkes aus seinen Kultur-
denkmälern zu studieren. Der Schleier, der seine Religionsvor-
stellung, seine Märchenwelt dicht verhüllt, wird vielleicht dadurch
etwas gelĂĽftet werden. Das wertvollste Material besitzen wir nun
in ihren kunsthandwerklichen Leistungen; sie liebten es, ihre
Webereien mit schönen Farben und Ornamenten auszustatten und
Szenen des täglichen Lebens hineinzuweben ; sie bemalten mit
diesen die Keramiken und bildeten plastisch aus Ton, gelegentlich
auch in wertvollem Material, in KrĂĽgen, Tellern und SchĂĽsseln
aus reinem Gold, das ganze Szenarium ihres Lebens. Ihr letzter
König versprach sich loszulösen durch ein Lösegeld aus Gold,
welches den weiten, groĂźen Saal, in dem er stand, so hoch vom
Boden erfĂĽllte, wie er mit der Spitze seiner erhobenen Hand
reichen konnte. Schnell fĂĽllte sich der Riesenraum mit goldenen
Geräten, und das betrügliche Herz des Pizarro und seiner Genossen
bebte vor Freude. Alle diese Kostbarkeiten verschwanden im
Schmelztiegel bis auf geringe Reste. Manches birgt wohl noch
die amerikanische Erde. Wir mĂĽssen uns an die Keramiken halten,
die natürlich in gröberer Arbeit uns von diesem Volke, manchmal
in grausamer Naturtreue, manchmal in poetischer und symbolischer
Form erzählen. Neben mythologischen Figuren linden wir auf
diesen Töpfen die Tier- und Vogelwelt dargestellt, die Bevölke-
rung von Meer und FluĂź, Berg und Tal, das Leben von Freund
und Feind. Wir sehen die Inkas abgebildet, wie sie zur Jagd aus-
ziehen, wie sie Fische fangen, ihre Häuser, ihre Spiele und Kriegs-
tänze und neben realistischen Schilderungen des Einzelindividuums
finden wir den Tierleib, Schneckenwindungen und Muscheltorm zu
kĂĽnstlerischen Ornamenten verwendet. Das Geschwinde des dahin-
schieĂźenden Fisches, das Schwammige der Qualle, das Schleichen
® DIAGiNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 410
des Fuchses ist ihrer Kunst Untertan. Auf einem Krug, dessen
AuĂźenseite sich organisch und farbenfreudig aus einem Muschelpaar
zusammensetzt, ist z. B. folgende Szene geschildert. Eine Gruppe
von Mäuschen schleppt auf einer Trage eine kranke Maus. Die
Maus ist schwer, und die Träger mühen sich weidlich ab. Ein
Mäuschen putzt sich den Angstschweiß vom Gesicht, die Invalide
selbst fürchtet herunterzufallen und hält sich krampfhaft an der
Bahre lest. Neben solchen reizvollen Darstellungen, von denen
manche leicht verständlich, hnden sich oft auch solche mvthischen
und unverständlichen Inhaltes. Was uns aber sofort einleuchtet,
das sind die Schilderungen ihrer Lebensbetätigung. Sie zeichneten
das Szenarium des Daseins von der Geburt bis zum Tode.
Eine der bekanntesten Huacodarstellungen ist die mit der Ge-
burtsszene (s. Fig. 161). In sitzender Stellung findet die Entbindung
statt, die Hebamme entwickelt das Kind; der Mann, wie es scheint,
stĂĽtzt die KreiĂźende. Neben solchen Geburtsdarstellungen finden wir,
wie das bei einem derartigen Volke beinahe selbstverständlich, die
intime Darstellung des Liebeslebens, oft auch arger Perversitäten.
Die Phantasie der Pompejaner ist gegen diese Inka-Erotik einseitig.
Wir finden sie als Bildner der täglichen Gewohnheit des Essens,
Schlafens, Toilettemachens (besonders hĂĽbsch ist ein Berliner Krug,
aut dem eine junge Dame ihr langes Haar kämmt). Wir begegnen
auch Szenen, die mehrdeutig sind, wie /.. B. die folgende (s. Fig. 306).
Einer, voll des sĂĽĂźen Mets, oder auch ein Kranker, und dafĂĽr
sprechen die kleinen Augen und eingefallenen Wangen, wird von
zwei Kumpanen gestĂĽtzt. Kann es da auffallend erscheinen, wenn
in dieser allgemeinen plastischen Lebensbeschreibung die
Nachtseiten des Lebens, Krankheit und Tod, eine Rolle
spielen ?
DaĂź die InkakĂĽnstler mit diesen Darstellungen von Krankheit
und Tod aber in besonders umtangreichem MaĂźe einem BedĂĽrfnisse
nachkamen, datĂĽr wird eine innere BegrĂĽndung vorhanden gewesen
sein, die wir in folgendem zu erklären versuchen.
Schon allein die Tatsache, daß wir in den Höhlengräbern die
420
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
eingesackten Leichen umgeben linden mit Huacos, welche die di-
vergentesten Szenen schildern — stammt doch unser ganzes Material
aus solchen Totenstädten — , spricht mit Sicherheit gegen die Ansicht
einiger Forscher, welche ohne Kenntnis der anderen Huacos diese
Krankheitsdarstellungen als Witivgaben auffassen. Von nichts der-
gleichen kann die Rede sein. Die mitgegebenen Gefäße waren die
symbolischen Beigaben für ein anderes Leben; die Kindergräber
umgab man mit Spielzeug; den ganzen Webeapparat und Körb-
chen mit Instrumenten fĂĽr
allerlei Handarbeit legte man
in die Frauengräber.
Der Inkamann war, das geht
aus allem hervor, ein zech-
Iroher Geselle, und wie er seine
ganze Umgebung und alle Ge-
genstände seines täglichen Ge-
brauchs kunstgewerblich ver-
zierte und mit Vorstellungen aus
seiner Märchenwelt schmückte,
so auch besonders seine ver-
schiedenen Trinkgeräte. Wenn
er aber nun den Krug zum
Munde fĂĽhrte und er sah auf
ihm Krankheit oder Tod ab-
gebildet, so konnte das zwei verschiedene GemĂĽtserregungen her-
vorrufen. Die Stellung, die der einzelne und ganze Völker dem
Tode gegenĂĽber einnahmen, war zu verschiedenen Zeiten verschie-
den und ist auch im Laute des eigenen Lebens dem Wechsel
Untertan. Zwischen dem mittleren Ruhestadium eines maĂźvollen
Indiflerentismus pendelt die Auffassung zwischen den Extremen :
das Leben nur eine W^rbereitung zum Tode — tut während des
Lebens BuĂźe, betet, kasteit euch und denkt jede Stunde, daĂź sie
eine Vorbereitung sei für die Seligkeit nach dem Tode — und der
vollendeten Lebensbejahung. Was trennt diese lebensverneinende
Orig , - A u/n . Berlin , l 'ölke rk u « de m u seit »
Fig- 306. Gruppe mit Krankem.
ZWECK DER DARSTELLUNGEN.
421
melancholische Anspannung der menschlichen Seele von dem Ăśber-
springen des Gedankenbogens in den gegenteiligen GefĂĽhlrausch?
EĂźt und trinkt und liebt und jubiliert, denn der morgige Tag, die
nächste Stunde kann und wird vielleicht den Tod bringen!
Das Emblem für diese beiden konträren Lebensauffassungen, die
Allegorie fĂĽr Lebensfreude wie fĂĽr Sterbensseligkeit, war bei den
verschiedenen Völkerstämmen das Gerippe, das
Totenskelett, der Totenschädel. Drohte bei
den opulenten Gastmählern des alten Roms die
Trinklust nachzulassen, so lieĂź wohl der Gast-
geber ein kleines Gerippe aus Silber »antanzen«.
Dieser Ausdruck ist wohl deshalb der richtige,
weil wir uns nach Petronius vorstellen mĂĽssen,
daĂź ein solches bewegliches FigĂĽrchen wie
eine ALirionette arbeitete. Larvam argenteam
attulit servus sie aptatam, ut articuli eins verte-
braeque laxatae in omnem partem verterentur
(Petronius . in der cena Trimalchionis). Das
Original aus dem Dresdener Antiquarium (siehe
Fig. 307) zeigt noch die Vorrichtung der be-
weglichen Extremitäten. Dem Geiste klassi-
scher Lebensauffassung entsprechend, galt
sicherlich solch Skelett nicht als Warnung vor
Unmäßigkeit und Diätfehlern, sondern: sie
erimus cuncti, postquam nos auteret orcus;
ergo vivamus, dum licet esse bene. Plutarch erzählt in seinem
»Gastmahle der sieben Weisen« , daß man in Ägypten ein Skelett
in das Gastzimmer stellte, das anreizen sollte, wenngleich nicht zum
Schwelgen und Saufen, so doch zu gegenseitiger Freundschaft
und Liebe. Die diametral entgegengesetzte Vorstellung verband die
frĂĽhchristliche Kunst mit der Todesvorstellung. Mit wenigen x\us-
nahmen erfĂĽllte das Geklapper der Menschenbeine mit Mollakkorden
ganze Jahrhunderte. Schädel und Gerippe, halbtaule Leichname
(schon voller Gewürm, Mäuse und Schlangen, und der Tod als
Orig.'Aufii. Dresden, Albertinnm.
Fig. 307. Antikes Skelett.
422
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Hautknochenmensch) wurden das beliebteste Thema der frĂĽhen
Kunst, das in allen Tonarten variiert wurde. Als besondere Aus-
schmĂĽckung des Gedankens war der Totentanz zu einer
kĂĽnstlerischen Lieblingsidee geworden. Der Tod , die Fiedel
spielend oder die Flöte blasend oder irgendein anderes Musik-
instrument handhabend, fĂĽhrt im Reigen dem gleichen Ziele zu:
l'icot . Aiinari. ^r'a^c'i. Museum.
Fig. 308. Skelettmosaik.
Äbtissin und Troßdirne, König und Wegelagerer. Dieses ewig
gleiche Thema zu paraphrasieren, ihm neue Seiten abzuge-
winnen, war kĂĽnstlerischer Ehrgeiz; bis zu welchem Grade das
gelang, möge man bei der Betrachtung des Holbeinschen Toten-
tanzes erkunden. (Auch die Entgleisungen dieser Geschmacks-
richtung sind bekannt. Schöne Frauen, gemalt oder als Atrappen,
ZWECK DER DARSTELLUNGEN.
423
die sich bei näherem Zusehen als Knochengerippe entpuppen.) Ist
nun aber ein solches Emblem des Todes auf einem Trinkbecher
angebracht, so kann es diese asketisch-kirchliche Bedeutung nicht
haben, auch nicht die Bedeutung des Giftzeichens, »trink nicht,
oder du bist ein Kind des Todes«, und so ist auch der Vasentorso
(siehe Fig. 309), den Schliemann in Pergamon ausgegraben, nur
so aufzufassen, »trink bei Zeiten«. Auch die trunkene Haltung
Orig.-Aitjn. Bfrlin, Schlieiiiann-Santinl.
Fig. 309. Hellenistischer Trinkkrug aus Pergamon.
des Skelettes auf der hellenistischen Vase und die durch Musik-
instrumente und Weinbehälter bestrittenen Verzierungen deuten
nach dieser Richtung. Angeblich als Ausdruck einer epikuräischen
Lebensauffassung finden wir 'allerorten Skelettdarstellungen mit dem
Hinweis auf das Vergängliche und das Ewige.
Könnte nun der Anblick eines Mosaikbildes, namentlich,
wenn es vielleicht an einer (jräberstelle oder in einem Baderaum
(siehe Fig. 308) angebracht, die negierende Seite menschlicher
GrĂĽbelei betonen, so kann die Anordnung der Skelette auf einem
424
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Trinkkrug oder auf einem EĂźtisch nur in der Richtung des Ge-
nusses gehen'). AuĂźer dem SchHemannhecher sah ich solche mit
schönen Skeletten verzierte im Louvre. E. Caetan i-Lo vat el 1 i
beschreibt ähnliche (Monumenti antichi public, per cura della Acca-
demia dei Lincei; Vol. V. 1895 [s. Fig. 310]) silberne und bron-
zene Skelettlarven und fĂĽgt die hier wieder-
holten Fragmente von Trinkgefäßen bei, die in
ihrer AusfĂĽhrung sehr an die Trinkbecher von
Boscoreale erinnern (s. Fig. 311 u. 312). Alle
.AJUH^f^I diese Dinge sind Umschreibungen des Lebens-
â– r'^^^^F 1 prinzips: \'itam dum vives, vive oder amici,
• ...?'•» 1 jy,-,-, vivimus vivamus ; oder comedamus et bi-
bamus, cras enim moriamur.
Unter den Silber- und Goldtunden aus an-
tiker Zeit nimmt der 1893 bei Pompeji ge-
fundene und von Baron Edmund v. Roth-
schild^) dem Louvre ĂĽberwiesene groĂźe Schatz
von Boscoreale eine Sonderstellung ein. Uns
interessieren zumeist die beiden nach ihrer Form
»modiolus« genannten Trinkbecher: illustrieren sie
doch nicht nur in vollendetster Form die von uns
angezogene Art der Schädel- und Skelettbecher,
sondern beinahe überflüssigerweise erklärt die
antike Legende aut den Bechern Zweck und
Sitte. Der erste Becher, der die Katalogmarke
7 trägt, ist in Hochreliefform mit einer Rosen-
girlande geschmĂĽckt. Darunter sind groĂźe und kleine Skelette in
lebendiger Pose dargestellt. Zwei Skelette stehen meist in engerer
Beziehung. So das Paar neben dem DreifuĂź. Es sind zwei Philo-
sophen, die Skelette tragen noch deren charakteristischen Attri-
bute: den Schultersack und den langen Stab. Der links stehende,
Roi>[, Mus. Kircherianunt.
Fig. 310.
Antike Skelettlarve.
') Siehe auch das Pompejanische Skelettmosaik in Neapel als Zierde eines Speisesaales,
welches in jeder Hand Trinkgefäße hält.
-) Argenterie du Tresor de Boscoreale, par Heron de \'illefosse. Paris lyo.;.
ANTIKE SKELETTMARIONETTEN.
425
als Zeno der Athener bezeichnete, zeigt auf den anderen im Bettel-
sack, der die Beischrift Epikur der Athener hat. Seine Geste ist
eine beschimpiende. Ăśber dem auf dem DreifuĂź Hegenden Opfer-
gebäck steht eingeritzt: »Der Genuß ist weitaus das Höchste«;
andere Sprüche auf den Bechern kiuten : »Genieße während du am
Leben bist, denn der morgige Tag ist ungewiß« — »Das Leben
ist ein Theater«. Alles wiederkehrende Paraphrasen über das »Carpe
diem«. Als Persönlichkeiten werden noch bezeichnet Moschion,
Dcmetrius von Phaleron , der Athener Monimus, Menander und
Archilochus und Sophokles.
>'»""tHIW»W?>l* •
Fig- 311-
Antike Trinkoefäße mit Skelettdarstellungen
Reproduktion aus Caeiaiti-Lovaielli .
Fig. 312.
Ăśbersetzen wir diese klassische Formel der philosophischen
Spötterei in das Peruanische, so liegen hier Vorstellungen ideo-
logischer Art so nahe beieinander, daĂź wir den engen Kreis mensch-
licher Vorstellung wieder einmal bewundern. Wenn beide Völker,
die eine Welt trennte, und die wirklich auf zwei verschiedenen
Sternen hätten wohnen können , zu so verwandter mvthologischer
Formenbildung kommen konnten, auch Gorgoneion, einem Schreck-
bild mit herausgestreckter Zunge und übereinandergreifenden Zähnen,
so kann die Gemeinsamkeit anderer Lebensvorstellungen nicht
wundern.
Wir mĂĽssen nun nach dieser notwendigen Abschweifung den
426 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ®
Beweis erbringen, daĂź ein Teil der trĂĽber als Krankbeits-
darstellung aufgefaßten Gesicbtsverändcrungen offen-
bare T o t e n k r ĂĽ g e waren, d. b . KrĂĽge, auf denen der
Tod dem Trinker entgegengrinste und ibn zum GenuĂź
aufforderte.
Als unzweifelbaftes Beweisstück wird man den Scbädelkrug
der Fig. 3 1 3 anerkennen.
An diesem Schädel tällt allerlei aut; zunächst der nocb vorhandene
Zusammenhang der Kiefer; ja es scheinen nocb Tätowierungsstriche
f
^"^iH
Fig. 313-
sichtbar. Dann aber zwei jederseits in der Schlätengegend an-
gebrachte dunkle Vertiefungen, für die ich keine Erklärung habe.
Sie wiederholen sich auf anderen KrĂĽgen. Besondere Aufmerk-
samkeit verdient die Nasen-Mundpartie, deren Schwund und Kon-
figuration schon entfernt an die beschriebenen Mutilationen erinnert.
Daß hier, wie auch in den anderen Fällen der Schädel ungenau
wiedergegeben ist, hängt wohl weniger, wie bei den Skelettzeicb-
nungen des frĂĽhen Mittelalters, mit der Verkennung seiner anatomi-
schen Beschaffenheit zusammen, als mit der Tatsache, daĂź die Luft
und der Boden dieser Gegenden zu einer spontanen Mumifikation
der Gewebe fĂĽhrt. Und ganz abgesehen von dem groĂźen Toten-
kult, den dieses merkwĂĽrdige Volk betrieb, hatte es auch sonst noch
MUMIEN.
427
häuhg Gelegenheit, mumifizierte Tote zu sehen. Ich erinnere nur
daran, daß sie den Mumien ihrer auf Thronen sitzenden Inkakönie;e
bei Festen Reverenz bezeigten und es auĂźerdem Hebten, den Mu-
miensäcken, in denen ihre Toten, manchmal mehrere auf ein-
mal , steckten , falsche Köpfe aufzusetzen , die sie kunstvoll mit
eingelegten Augen und Xasen herzustellen wuĂźten. Wiederum ein
Analogen zu den Gesichtsdarstellungen der ägyptischen Mumien-
behälter und den goldenen mykenischen Totenmasken.
Aut dem nächsten Kruge (s. Fig. 314) ist das Skeletthafte des
Kopfes noch deutlicher, obwohl der Schädel noch ganz in der um-
fl
Orig.-Aufn. Berlin, l'ĂĽlkerknndcnmseitm.
Fig. 314. Skelettkrug.
Ori^.'Ati/u. Berlin, lolkerkuniieiniiseum.
Fig. 315. Mumie.
hĂĽllenden Kopfbekleidung steckt und namentlich auch noch die
Ohren mit den Ohrpflöcken, den Abzeichen der Adelskaste, er-
halten sind.
Hat man sich die Nasen- und Mundpartie dieser TotenkrĂĽge
gemerkt, so wird es nicht schwer, einen Teil der angeblichen
Gesichtsmutilationen als Todesdarstellungen, als die Por-
trätierung der Mumien anzuerkennen. Dieses gilt z. B. auch
von folgendem Kopfe (s. Fig. 313).
Ein Nasenrest ist noch vorhanden. Der Mund ist klein rins-
428
KRAXKHEITSDARSTELLr.NGEN.
förmig geschrumpft, die Backen eingefallen, das Leben fehlt in den
eingelegten Augen. Das Ganze steckt noch in der Uniform.
Dieses Starre, Leblose, Mumienhafte wird hervorragend geschil-
dert durch die folgenden KrĂĽge (s. Fig. 316 u. 317).
Die starren Augen sind hier eingelegt. Das hiesige Völker-
kundemuseum besitzt solche kĂĽnstliche Augen. Dasselbe gilt von
Orig.-Aii/tt. Bt'rlitt, lölkerkuitdfiituseum.
Fig. 316. Mumie.
den übergroßen Zähnen. Hier wird ein Mumienkopt geschildert, wie
er durch die Beschaffenheit von Lutt und Boden hervorgerufen wird.
Zur Erhaltung des menschlichen Äußern wurden nur die erloschenen
Augen wieder eingesetzt. Der Nasenschwund ist ĂĽbereinstimmend
mit demjenigen auf dem unzweifelhaften Totenschädel. Bloß die
Gestalt der Oberlippe macht der Deutung Schwierigkeiten. \\'ir
finden zwar hier einen Schwund derselben, wie er tatsächlich in
MUMIEN.
429
Wirklichkeit vorkommt. Die Lippe trocknet ein und zieht sich
zurĂĽck, den Oberkiefer mit der Zahnreihe freilegend (man ver-
gleiche ägyptische Mumien und die peruanischen Mumien des
Museums). Der feine Saum , den hier die Töpfer regelmäßig
markiert haben, sieht oft so aus, als wenn man dem Toten mit
einem Schnitt zur Nasenwurzel die Oberlippe gespalten hätte (viel-
leicht zu irgendwelcher Zeremonie oder Veranstaltung). Dieser
Gedanke wird gestĂĽtzt durch einen Topf, den ein Unkundiger sofort
als Porträt eines Mannes mit
Wolfsrachen oder Zwischen-
kiefer auffassen möchte. Auch
hier handelt es sich um den
Kopt eines nicht mehr Leben-
den, der in unerforschter Ab-
sicht in dieser Weise verän-
dert ist. Im Wiener Museum
sah ich eine ähnliche Schnitt-
fĂĽhrung an der seitlichen Ober-
lippe. Doch wir wollen nicht
in das Stoppelfeld von Hypo-
thesen uns verlaufen, sondern
nach weiteren Beweisen su-
chen, daĂź ein Teil der anthropomorphen KrĂĽge als Krankheits-
darstellung ausfallt und zu den Toten- oder SkelettkrĂĽgen rechnet.
Einen solchen bringt meines Erachtens die ganze Gruppe der soo-.
blinden Bettler.
Wir betrachten zunächst die Gesichter der Figuren, die mit
tamburinschlagender Pose auf den KrĂĽgen sitzen. Diese Figur ist
so typisch, die Haltung und der Gesichtsausdruck trotz aller Varia-
tionen so wiederkehrend, daĂź man erst durch die Nebeneinander-
betrachtung sich überzeugen läßt, daß hier keine Gußform ver-
wandt wurde, sondern daĂź alle diese Darstellungen immer nur
Wiederholungen desselben Vorwurfs, vielleicht auch desselben Vor-
gangs darstellen. Mund, Nase, vorspringende Backenknochen, oft
•Aufn. Berlin, l'olkerkundeimcseutn.
Fig- 317-
430
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Schwund der Oberlippe charakterisieren diese Gesichter unabänder-
Hch als Mumien, Verstorbene, Hautknochenmänner im mittelalterlichen
Sinne, die genau, wie diese musikmachend, den Totenreigen an-
fĂĽhren und zum Totentanz aufspielen. Und da sind wir wieder
in der Auffassung fĂĽr die gegenseitigen Beeinflussungen durch
verschlagene Schiffe und Kommunikationen unbekannter Art, im
schönsten Fahrwasser: denn diese Figuren krönen vielfach
einen Krug, auf dem in einem
R e 1 i e f b a n d tatsächlich der
schönste Totentanz im mittel-
alterlichen Sinne abgebildet
ist (s. Fig. 318 u. 319).
Gemalt und in Basrelief ge-
formt, finden wir da an den beiden
im Bilde vorgefĂĽhrten KrĂĽgen
Tote, die Musik machen. Zwei
groĂźe Krieger mit fliegenden Ge-
wändern blasen auf der richtigen
hellenischen Panflöte, die größte
l'igur auf einem länglichen Blas-
instrument. Dazwischen stehen
ChichakrĂĽge; eine ganze Toten-
familie — die ganze Gesellschaft ist
nasenlos — tanzt nach ihrer melan-
cholischen Weise einen Schrittanz.
Den Beweis, daĂź diese noch
im Gewand steckenden Tänzer
Tote sind, den erbringen ähnliche Darstellungen, auf denen die
nackten Tänzer ihr Gerippe zeigen. Grausig ist z. B. eine Ver-
storbene charakterisiert, die ihr hohläugiges Kind mit sich schleppt.
Dabei sind alle diese Toten so gedacht und so gebildet, wie sie
im Leben handelten und wandelten, ganz im Bilde der klassischen
Antike. Ihre Gesichter korrespondieren mit den Darstellungen, die
man als Mutilation bisher bezeichnete, vollkommen.
Orig.-Au/n. Berlin. \'olk,-rk, .,:,:,:„::,,, :,„!_
Fig. jiS. Totentanzdarstcllunu im Relief.
TOTENTANZ.
431
Von dem einen Relief krug (s. Fig. 320) habe ich einige Tvpen
zeichnen hissen, welche ein besonderes Interesse verdienen. So
den einen edlen Toten mit dem Federhelm, weil dieser un-
zweifelhaft eine Prothese trägt und sich mit seinem amputierten
Bein ungeschickt und hinkend tortbewegt; sodann noch einen
Totenkopf, der noch in seinem Helm steckt, und das ganze Relief-
band des Totentanzes (s. Fig. 321).
Ich meine, der Beweis, daĂź ein Teil dieser meist als Syphilis
angesprochenen Gesichtsveränderungen sich als die Porträtierung
des Todes, der Mumie nachweisen lieĂź, ist
damit einwandsfrei erbracht.
K r a n k h e i t s d a r s t e 1 1 u n g e n. Es hieĂźe
das Kind mit dem Bade ausschĂĽtten, wenn
wir durch die Erkenntnis der Mumien- und
Totendarstellung die Krankheitsporträtierung
als solche ĂĽberhaupt in Abrede stellen
wollten. Ganz im Gegenteil betonen wir
ausdrĂĽcklich, daĂź die InkakĂĽnstler auch auf
diesem Gebiete Hervorragendes geleistet
haben und alle konkurrierenden Plastiker
anderer Zonen aus dem Felde schlugen.
Nachdem wir nun aber diesen Einblick in
jTi !• t TTII I Ot ig.- All/n. Berlin, l olkerkn}tdeini(sett>n.
das Leben dieses seltsamen Volkes taten, und
t'g- 3 IQ. lotentanzkrug.
ihre Sitte der kunstgewerblichen Verzierungen
wĂĽrdigten, brauchen wir nicht lange mehr darĂĽber zu diskutieren,
welche Krankheitstorm der Gegenstand ihrer Schilderungen war.
Gelegentlich haben sie alle möglichen Schicksalsschläge aufgenommen.
Es würde auch sonst eine unverständliche Vergewaltigung sein, die
von uns allein schon wiedergegebenen Krankheitstormen in ein
System zu pressen. Es wird die Aufgabe einer Spezialarbeit sein,
namentlich unter Zuhilfenahme der uns nicht zugänglichen Samm-
lungen in SĂĽdamerika alle vorkommenden Erkrankungen zu regi-
strieren und abzubilden. Unsere Aufgabe ist eine wesentlich be-
scheidenere; wir sahen schon, daĂź sie Meister waren aut dem
432
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Gebiete der Blindendarstellung, wir sahen den merkwĂĽrdigen Fall
von einseitiger Fazialislähmung mit X'erlust des anderen Auges.
Dieser Kopf kommt ĂĽbrigens auch ohne begleitende Blindheit
vor und mit umgekehrter Darstellung in Florenz. Es liest nahe,
anzunehmen, daß das erste Original, nach dem diese Töpfe ge-
arbeitet waren, einen bekannten Fall aus der Geschichte der Inkas
repräsentierte, nach welchem später Kopien gemacht wurden ; dieser
Kopf nahm unter den Inkaleuten vielleicht die Stellung ein, wie bei
uns z. B. das Martyrium irgendeines Heiligen. Wenn wir uns
noch einen Augenblick mit der Diagnose des Mannes mit univer-
Orig.-A»/n. Berlin, l'blkerkuftdemuseutn.
Fig. 320. Typen vom Relief.
sellem Ausschlag beschäftigen wollen, so muß man sich hüten,
selbst in den gemachten Fehler einer Spezialdiagnose zu verfallen
oder wenigstens eine solche mit Bestimmtheit auszusprechen. Wir
sehen nur einen Körper, der über und über besät ist mit Protu-
beranzen. Diese stehen nicht auf intakter Haut, sondern sie haben
im Gegenteil eine entzĂĽndliche Schwellung veranlaĂźt. Der Kontrast
der befallenen FĂĽĂźe und der atrophischen freien Arme ist in die
Augen springend. J. Xcumann motiviert seine Diagnose Fibroma
molluscum nicht eingehend und schlieĂźt nur weiter, daĂź der Patient
in seiner rechten Hand keinen RĂĽckenkratzer, sondern ein Salb-
TOTENTANZ.
433
instrument halte. Ich will an die Stelle des höchst unwahrschein-
lichen Fibroms keine gelehrte Gegendiagnose setzen, sondern nur
meinen, daĂź hier eine akute juckende, vielleicht skabiose Krankheit
zum Ausdruck gebracht werden sollte, denn der Patient schneidet
eine jämmerliche Grimasse; er ist nicht angezogen, sondern hat
sich eine An von Schurzfell umgehängt, und sucht sich mit der
rechten Hand in verzwicktester Körperstellung an einem Punkt zu
kratzen, den er partout nicht erreichen kann. Als unterstrichener
Hinweis hätte ein witziger Künstler auf den Bauch des Kruges ein
entsprechendes Zitat gesetzt. Der schriftunkundige Inkamann wuĂźte
sich noch anders zu helfen. Das ursprüngliche Doppelgefäß gab
if. .^tt-;iiefi. Bt^rliit, l'oUit'rl^uiniiiiiust'un
Fig. 321. Totentanz.
beim Ein- und x\usgieĂźen einen pfeifenden Klagelaut von sich, wie
solche Flötenkrüge in Peru beliebt waren.
Extremitätenerkrankungen müssen nicht häufig gewesen sein. Ich
habe allerdings als Krug gearbeitet nur einen unförmig geschwol-
lenen Fuß in Erinnerung; um so häufiger sind aber Verluste der
GliedmaĂźen bekannt geworden. Wir sahen bereits bei Fig. 303
einen Mann ohne Füße. Das Berliner Völkerkundemuseum besitzt
einen Reitersmann, der auf einem liegenden Lama sitzt, ohne Beine
mit der typischen eingezogenen Narbe. Beide Leute tragen im
Gesicht die Krankheitsnarben, doch kommen auch Amputierte mit
gesundem Gesicht zur Darstellung. Desgleichen erwähnten wir
bereits, daß oftmals die Tamburinschläger fußlos dargestellt sind.
Zu der Summe dieser Beobachtungen mĂĽssen wir noch den hin-
kenden Toten mit seiner Prothese in Erinnerung bringen, und
einen Fall, den Ashmead publiziert aus Chicama, bei dem ein
Hollander, Plastik und Medizin.
28
434
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
sitzender, groĂźohriger Mann Nasendestruktionen, Ausschlag im
Gesicht und eine doppelseitige hohe Amputation aufweist. Wir
finden also in groĂźer Anzahl und bei verschiedenen Tvpen Verluste
der unteren Extremitäten und nicht nur beider, wie dies bisher
behauptet wurde, sowohl am Unter- wie am Oberschenkel. Gleich-
falls ĂĽberholt ist die Behauptung vom ausschlieĂźlichen Verlust der
unteren Extremitäten. Im Berliner Museum befindet sich ein Krug
mit offenbarer Handerkrankung, und Mr. Ashmead publizierte
einen schönen Huaco mit sicherem Armvcrlust
ohne Gesichtsmutilation^) (s. Fig. 322).
Die Kombination der Gesichtserkrankung
mit dem Gliederverlust war es, welche der Be-
hauptung der präkolumbischen Lepra zunächst
ihre HauptstĂĽtze gab. Nach Abweisung dieser
tritt die Anschauung des bestraften Verbrecher-
tums oder der ZĂĽchtigung Kriegsgefangener mit
Abschneiden der Nase und Abhacken der Beine
wieder in den Vordergrund. Nachdem wir aber
sehen werden, daĂź die Wundmale im Gesicht
Krankheitseffekte sind, mĂĽssen wir auf die
Suche auch nach anderen GrĂĽnden gehen, welche
dieses Bild erklären. Dazu ist es aber nötig,
den interessantesten Teil dieser Inkafrage zu-
erst zu diskutieren, den der Zerstörung der mittleren Gesichts-
partie.
Um zu einer klaren Vorstellung ĂĽber den Charakter der Er-
krankung, welche zu einer Zerstörung des Mittelgesichtes
fĂĽhrt, zu gelangen, mĂĽssen wir uns einige charakteristische Spezi-
mina aussuchen, bei denen der Krankheitsprozeß möglichst rein
und zweifelsohne zutage liegt. Denn es bleiben in der groĂźen
Sammlung naturgemäß immerhin zahlreiche Objekte übrig, deren
Klassifikation fraglich ist. Bei der Ăśberlegung, ob hier der Tod,
die Mumie porträtiert wurde, oder ob vielleicht doch an einen
Fig. 322.
Reprodiilitioii .
Amputierter.
') New Yorl: Medical Journal 1909, Okt.
UTA PERUANA.
435
Krankheitstall zu denken ist, bleibt die hypothetische Möglichkeit
bestehen , daĂź wir es mit der Darstellung eines Todesfalles zu
tun haben, der vielleicht durch diese Krankheit hervorgerufen wurde.
AuĂźer den bereits wiedergegebenen Typen bringen wir nun in
folgendem noch einige neue Huacos, auf denen diese besondere
Krankheit kraĂź zutage tritt.
Der Absicht des Bildners, den Trinker zu erinnern »Genieße
bei Zeiten«, entsprachen im wesentlichen die tertiären späten Krank-
heitsformen; es wird infolgedessen schwer sein, das initiale Sta-
dium dargestellt zu finden. Mög-
licherweise repräsentiert das Gesicht
(s. Fig. 298) mit den vollkommen
verschwollenen GesichtszĂĽgen ein sol-
ches. Jedenfalls muĂź dem Zerfall der
Nase eine Intumeszenz in dieser oder
ähnlicher Art vorangegangen sein. Der
Beginn des Leidens und sein Aus-
-ö
Ml IIA
J •'<''■// it , I olkcrkundcmust K»
Fig. i^l-
bruch ist offenbar ein lokaler, und
die gesunde Umgebung macht den
Versuch, sich gegen das Umsichgreifen
der Herderkrankung durch entzĂĽnd-
liche regionäreSchwellung zu schützen;
indem ihr dies gelingt, restiert ge-
legentlich eine Persistenz des hypertrophischen Gewebes, an der sich
offenbar auch der Knochen auffällig beteiligen kann. Das zeigen
zur Evidenz die ganz grotesken Bildungen der Mundgegend (siehe
Fig. 323 u. 324). \\'ir sahen schon, daĂź im wesentlichen die Ge-
lehrten zu einer negativen Beurteilung gekommen sind, und wenn
wir unsere klinischen Erfahrungen zusammenfassen, so können wir
sagen, daĂź alle lokalisierten destruktiven Prozesse wie Noma, Car-
cinoma, lokaler Rotz, Lupus, Syphilis und Lepra gelegentlich ein-
mal solche Zerstörungen anrichten können, aber sie tun es nur
ganz ausnahmsweise und auch nur annähernd. Wenn sich aber
solche Darstellung mit einer derartigen Häufigkeit und
436
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
Ăśbereinstimmung vorfinden, so muĂź natĂĽrlich eine immer
wiederkehrende ordinäre und jedem bekannte Krankheits-
form Modell gesessen haben — nicht ein ausgefallenes Krank-
heitsbild. I:in Wort noch ĂĽber die Massenhaftigkeit der Funde.
Man könnte einwenden, daß alle diese Darstellungen auf mehrere
Einzelfälle Bezug haben, ein Martyrium eines bekannten Heiligen
oder ähnliches. Dagegen aber spricht mit Sicherheit das Indi-
viduelle des Einzeltalles, sowohl nach Alter, Stand, (jeschlecht und
Sippe. Die einzelnen Töpte nun haben, wie gesagt, jeder für sich
eine wechselnde Verwandtschaft zu den verschiedenen genannten
Krankheiten. So erinnert ja das Prohl des Reitersmannes auf dem
Lama am ehesten an tertiäre Lues.
Die Fig. 297 an Lupus. Die Be-
trachtung des Cjcsamtbildes aber lehnt
die Beziehungen mit Entschiedenheit
ab und lehrt, daĂź eine uns unbekannte,
von auĂźen eindringende, schnell zum
Verfall fĂĽhrende, prognostisch aber
nicht so ungĂĽnstige Krankheit zu
diesem Bilde tĂĽhrt, welches mit der
R h i n o p h a r \' n g i t i s m u t i 1 a n s der
SĂĽdsee Verwandtschaft hat. Diese
Krankheit muĂź einen endemischen Seuchencharakter getragen haben.
Es ist hier nicht der Platz, in eine spezifisch medizinische Kon-
troverse einzutreten, und die angefĂĽhrten, uns bekannten Krank-
heiten für den Einzeltall in den Bereich der Möglichkeit zu bringen,
fĂĽr das Ganze aber, als nicht in Betracht kommend, abzulehnen.
Wir mĂĽssen nur nach \\ ĂĽrdigung aller Tatsachen eine spezifische
Krankheit annehmen, die wir ruhig als Uta oder Llaga
bezeichnen mögen, um so mehr, als wir neuerdings durch die
Publikationen mit dem ähnlichen Krankheitsbilde dieser noch
jetzt in Peru ^â– orkommenden Krankheit vertraut gemacht sind.
Diese Abbildungen zeigen einen Verlauf, der den keramischen
Schilderungen entspricht: massige Infiltrationen von Nasen, Lippen
Orig.-Aujn. Dtrlin, I 'olkcrkundeviuscnin .
Fig- 324. Prognathie.
â– gg UTA PERUANA. ^^y
und Rachen , schneller phagadenischer Zerfall und \'ernarbungs-
tendenz nach AbstoĂźung der erkrankten Teile unter oft grotesker
Narbenhildung.
Es sind uns nun durch die Publikationen Ashmeads Töpfe
zur Anschauung gebracht, auf denen die InkakĂĽnstler die noch
heute gĂĽltige Volksvorstellung, daĂź Insekten oder Eidechsen diese
Krankheit verursachen, zum Ausdruck brachten. In der Umeebune
der angetressenen Körperteile, namentlich an der Nase, sitzen
nagende, skorpionähnliche Tiere. Ich finde in dieser Darstellung
nur den Ausdruck einer vt)lkstĂĽnilichen Vorstellung einer fressenden
Krankheit.
Die größte Schwierigkeit für eine einigermaßen plausible Deu-
tung machen aber die vieltachen Am p u tation s darstellungen.
Die Erklärungen der Autoren, daß die spezihsche Schädlichkeit mit
Vorliebe die unbedeckten Körperteile, also Gesicht und Füße ergriffe,
hat entschieden etwas fĂĽr sich, aber dann vermissen wir doch die
Darstellung des geschwĂĽrigen krankhaften Prozesses auf den Glie-
dern; dasselbe gälte natürlich auch bei der Annahme von Lepra.
Es macht hier viel eher den Eindruck, als wenn der Verlust der
GliedmaĂźen betont werden sollte, nicht eine Erkrankung der-
selben. Die unregelmäßige, oft bizarre Fußdeformation, wie sie bei
der Lepra vorkommt, wäre dem darstellenden Naturalisten eine will-
kommene Aufgabe gewesen, die er sich sicher nicht hätte entgehen
lassen. Wir bedauern, tür die häuhge Verbindung zwischen dem
Verluste der Extremitäten und der Krankheitsschilderung im Gesicht
eine befriedigende anatomisch-pathologische Erklärung nicht rinden
zu können; es müßte denn bloß der Gipfelpunkt erreichbaren
menschlichen UnglĂĽcks hier eine Schilderung erfahren haben , fĂĽr
die eine uns unbekannt gebliebene Historie einer peruanischen
Berühmtheit ein N'orbild abgegeben hätte. Was wir aber mit
Bestimmtheit behaupten können ist, daß dieses Volk chirurgisch
fortgeschritten war, und daĂź die so oft notwendige Abnahme der
Glieder ihnen keine besonderen technischen Schwieria^keiten se-
macht haben kann. Die vielen gut aussehenden Amnutations-
438 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^
StĂĽmpfe, die Kenntnis der Prothesen und last not least die groĂźe
Zahl der vorgenommenen Trepanationen, fĂĽr die die Berliner
Sammlung zahlreiche BeweisstĂĽcke besitzt, bringt dafĂĽr den Beleg.
Denken muß man noch an eine komplizierende Gangrän der Füße
durch KokagenuĂź oder im Sinne der peripheren Arteriosklerose
russischer Zigarettenraucher. Die neuen l'unde^) haben tĂĽr den
Verlust der Beine die Annahme grausamer Bestrafung doch wieder
näher gerückt; jedenfalls interessiert in der Mitteilung von Velez
die Abbildung der Mumie, deren UnterschenkelstĂĽmpte in Holz-
beinen stecken.
Es hat uns also insofern diese Untersuchung der altperuani-
schen Terrakotten eine Enttäuschung gebracht, als wir durch diese
Funde keine neuen Beweisstücke für das Bestehen einer prä-
kolumbischen Svphilis oder Lepra erhielten. Wir können nur
umgekehrt den SchluĂź ziehen, daĂź die Lues mit Wahrscheinlich-
keit den Inkavolkern unbekannt war, da sie sonst wohl auch Ver-
änderungen an den Genitalien geschildert hätten, und die Krank-
heitsschilderungen als solche nicht tĂĽr Lues sprechen. Anderseits
aber war uns diese etwas breiter angelegte Betrachtung ĂĽber
Deutung von Kunsterzeugnissen doch insofern von Wert, als sie
den ungefähren Weg und die Schwierigkeit einer Diagnosen-
stellung zeigte unter Ablehnung naheliegender naiver und kritikloser
Beurteilungen.
Wir waren durch das Studium der Töpfe selbst, durch die Be-
trachtung ihrer Stellung im Rahmen der anderen plastischen Schil-
derungen der Altperuaner und durch die gezogenen Parallelen mit
Gewohnheiten und Anschauungen anderer Völker in der Lage, eine
größere Anzahl dieser angeblichen Mutilationen als Todesdarstel-
lungen testzulegen. Auf Grund dieser Erkenntnis ergibt sich wie
von selbst die Lösung des Kartotfelproblems. Die nasenlosen Alten
repräsentieren keine Erkrankung, sondern die toten Eltern, die
faulende Frucht; die spitzen Nasen, die an Stelle der Keime die
') La Presse mOdicale , 23. Oktober igog; Les vases Pcruviens anthropomorphes von
M. Vclez-Lima.
DIE KARTOFFELALLEGORIE.
439
Schale durchstoĂźen, sind die jungen Triebe. WahrHch, in aller Ein-
tachheit ein uns bisher verschlossener schöner Vergleich vom Kommen
und Gehen in der Natur. Die Mutterkartoffel vergeht, und aus
ihrem toten Leibe sprieĂźt neues, vielfaches Leben (s. Fig. 325).
Alles in allem fĂĽhrte uns die Betrachtung dieser realistischen
kleinen Kunstwerke in das GemĂĽtsleben eines ebenso seltsamen wie
eigenartigen Kulturvolkes ein. Dieser Staat, der seinen Untertanen
einen persönlichen Besitz verbot, und den Bürgern zur Aufgabe
Ori^.-.-itt/'ri. Bcrtin, l\>lkcrkitndemusÂŁuu
Fig- 325. Kartoffelknollen mit den Mumiengesichtern der Eltern und den spitzen Nasen
als jungen Trieben der Kinder.
machte, die Lebensunterhaltung durch den Dienst und verteilte Ar-
beitsleistung zu erkämpfen, schuf Männer mit einer Lebensfreudig-
keit, die in ihrer Art einzig ist. Die Geschichte ihres Unterganges
aber lehrt auch ihre Todesverachtung und ihr mutiges Sterben auf
dem Felde der Ehre. Doch diese Hingabe an König und Reich
war verknĂĽpft mit einer vollendeten Lebensbejahung. Dies trink-
frohe Volk war erfĂĽllt von klassischem Lebensgeist mit dem Motto
»Carpe diem«.
440
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
VERLETZUNGEN UND VERWUNDUNGEN.
Fig. 326. Sterbende Löwin vom Palaste des Assurbanipals (Kujundschik).
Obwohl der Arzt die Untersuchung und Behandlung von
Wunden und \'erletzungen zur täglichen Aufgabe hat, so sind wir
doch eigentlich Laien auf dem Gebiete der Verwundung selbst.
Für die antike Kunst , die tausendfältig \'erwundungen in der
Schlacht schilderte, ist nur der Moment der \'erwundung von Inter-
esse und die Reaktion des Körpers auf dieselbe. Der Arzt aber
erscheint aut dem Schauplatze, ^venn die \'orstellung zu Ende ist,
er sieht nicht den Moment der Verwundung, sondern nur die
späteren Folgen. \\\x können also vom medizinischen Standpunkte
aus, die wir keiner Reiterschlacht beigewohnt haben, die alten
Kunstwerke nicht kritisieren, sondern nur von ihnen lernen. Der
antike Bildhauer dagegen hatte Kampf und Tod vor Augen, und
selbst dann, wenn er nicht als ruhmreicher Krieger am Kampfe
selbst teilgenommen, waren ihm die blutreichen Gladiatorenkämpfe,
die Spiele in der Arena und der Palästra Studienplatz. AW-nn ich
von diesem Gesichtspunkte aus auf eigene Beobachtungen mich
VERLETZUNGEN.
441
Kolli, ^Uistitin Kapitol.
Fig. 327. Sterbender Gallier. .Antiker Mnrmor.
StĂĽtzen darf, so habe ich von den antiken Darstellungen dieser Art
erst ein größeres Verständnis bekommen, seitdem ich den Ring-
.\IuiÂŁiun !\itptiol -
Fig. 32S. Sterbender Gallier, etwas mehr en face.
AA2 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
kämpf studiert und namentlich den Boxerkämpfen beigewohnt habe.
So ist es fĂĽr mich eine ausgemachte Sache, daĂź ich vorher den
sogenannten »Sterbenden GaUiercc und den »Sterbenden Ghidiator«
vollkommen falsch beurteilt habe. Die Größe dieses Meisterwerkes
wird nur demjenigen offenbar, der die Stellungen studiert hat, in
denen der durch »Knock out« zu Boden geworfene Boxer bestrebt ist,
sich wieder aufzurichten. Das noch halb UnbewuĂźte, das Unkoor-
dinierte seiner Bewegungen und dabei das Kraftlose wird in diesen
tig- 329. Sterbender Gladiator.
Kompositionen mit derselben wundervollen Realistik wiedergegeben,
wie der immanente Wille, wieder auf die Beine zu kommen; beide
kräftige Männer streben wieder in die Höhe, sie würden nach einigem
Taumeln wohl auch wieder sich aufrichten beim gewöhnlichen
Faustkampfe; hier aber traf sie das tödliche Eisen. Es ist bei der
Beurteilung dieser grandiosen plastischen Leistung ziemlich belang-
los, daĂź die Schwertverletzung an einer Stelle sitzt, welche kaum
einen sofortigen Tod herbeifĂĽhren kann. Bei der Skulptur aus dem
Kapitolinischen Museum in Rom trifft der SchwertstoĂź die rechte
VERLETZUNGEN.
443
Mamillarlinie und dĂĽrfte eine Leberverletzung hervorgerufen haben.
Den sterbenden Kämpfer in Neapel, eines der Weihgeschenke des
König Attalus, traf der Todesstoß handbreit unter dem Herzen.
Hier wie dort ist am Körper heftiger Blutverlust angedeutet. Aut
die Ähnlichkeit der Komposition dieser beiden macht schon O ver-
beck') aufmerksam. Er sucht den römischen sterbenden Gallier
Fig- 330- Verwundeter Kämpfer.
aber so zu erklären, daß er auf den Knien liegend sich selbst in
sein Schwert gestĂĽrzt habe, und daĂź er in schwerem Todeskampfe
ringe, während der andere gelassener sein Ende erwarte und auf
das Ermatten des Sterbenden der kĂĽnstlerische Nachdruck gelegt
sei. Ich glaube die Figuren in der Weise aufzulassen, daĂź beide
') J. O verbeck, Geschichte der griech. Plastik, Leipzig iSSi.
444
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
sich im nächsten Moment noch einmal erheben werden, daß dann
aber der kapitohnische Krieger auf die Brust, der neapolitanische
auf den RĂĽcken stĂĽrzen wird. Der Vergleich der in etwas ver-
änderter Stellung zweimal autgenommenen Photographie (s. Fig. 327
Mailand.
Eig. 331. Archaische Niobide (Mitte des 5. Jahrh.i.
u. 328) erweckt den Eindruck, als ob der \'ersuch des Aufrichtens
bereits eine Idee fortgeschritten sei.
Im ĂĽbrigen besitzt das Ludovisische Museum in Rom die
schöne Gruppe des Gallierpaares, die sich selbst den Tod bei-
bringen; angstvoll ausschauend, nicht aus Todesfurcht, sondern
ob er noch zeitig genug vor Ankunft des Feindes handelt, stößt
VERLETZUNGEN.
445
sich der Krieger sein Schwert dorthin , wo er dem Leben sicher
ein Ende bereitet. Aus der großen Zahl ähnlicher Darstellungen
und gleichfalls ein Teil der attalischen Weihgeschenke ragt die
Pariser Statue des nackten Kämpfers durch realistische Behand-
lung der Wunde hervor (s. Fig. 330), ein LanzenstoĂź hat die
J lorriiz, l'jĂźzieit.
Fig. 332. Verwundeter Niobide, von der groĂźen Niobidengruppe (4. Jahrh.j.
groĂźe Schlagader des linken Oberschenkels getroffen, das Blut
stĂĽrzt massenhaft hervor, er ist auf die Knie gesunken und sucht
sich vor dem TodesstoĂźe des offenbar berittenen Gegners durch
Vorhaltung des (verloren gegangenen) Schildes zu schĂĽtzen; der
rechte Arm ist ergänzt. Alle diese und ähnliche Darstellungen
von Kampfszenen, Verwundungen, Abwehrbewegungen verblassen
446
KRANKHEITSDARSTELLUNGEN.
vor den Schilderungen dieser Art aut dem sogenannten Alexander-
sarkophag in Konstantinopel. Es ist zwecklos, hier die Details be-
schreiben zu wollen, jede Einzelligur ist nach dem Leben studiert.
Ist es oft aus der Situation der kämpfenden Paare aut diesem
Meisterwerke noch unentschieden, wer Sieger ist und wer im
nächsten Moment den Boden bedecken wird, ein Blick in den Aus-
druck der Augen zeigt dem Betrachter, aut welcher Seite der Sieg
sein wird.
Die Niobidengruppe sucht in den verschiedensten Positionen
den unverhoti'ten tötenden Streich zu schildern, welche göttliche
Kraft den schutzlosen Menschen zutĂĽgt.
Wir bringen zwei Niobidenstatuen aus verschiedenen Kunst-
epochen; eine Tochter und einen Sohn der Tantalustochter, beide
im RĂĽcken getroffen; die Mutter, ĂĽber das Furchtbare ihres Schick-
sals erstarrt, wurde bekanntlich zu Stein und in die einsamen
KlĂĽfte des phrygischen Sipylos versetzt.
Den Betrachter der Florentiner Niobidenplastik aber erfaĂźt kein
gleichartig innerliches Schauern, kein grausiges Weh ĂĽber die Ver-
gänglichkeit alles Irdischen, die Todgeweihtheit auch der eignen
Kinder, sondern nur ästhetischer Genuß über die Schönheit der
Abwehrstellung. Statt Erschauern ĂĽber selbsterlebtes Schicksal, nur
theatralische Bewegung ĂĽber dramatische Flandlung.
Hellenische Kunst wandte sich ab von der brutalen Wirklichkeit.
Eine solche aber zeigt mit geringen Mitteln ergreifend uns natĂĽr-
lich die frĂĽhe assyrische Kunst an dem Palaste des Assurbanipals,
dem Sardanapal der Griechen.
Die berühmte Löwin von Kujundschik traf eine Lanze, welche
die Wirbelsäule derartig verletzte, daß das Tier brüllend vor Wut
und Schmerz zu entweichen sucht, die gelähmten hinteren Ex-
tremitäten nach sich schleifend (s. Fig. 326).
Einen noch realistischeren Tod stirbt der große Löwe, er hat
den TodesstoĂź in die Lunge erhalten mit Verletzung der groĂźen
Lungengefäße, und ein aus dem Rachen hervorquellender enormer
Blutsturz macht seinem Leben ein Ende (s. Fig. 333).
VERWUNDUNGEN.
447
Das sind jagdliche Beobachtungen erfahrener Weidmänner, die
wohl wissen, wo die Lanze oder der Pfeil sitzen muĂź, um das
wilde Tier unschädlich zu machen.
**>««i|Wi
""•"«PINM
i
'■'i^■^v.\;ig•>•»l^•i
British Museuit
^'^g- ll3' Assyrischer Löwe vom Palaste Assurbanipals
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN
UND DER SCHRĂ–PFKOPF ALS ANTIKE WAHR-
ZEICHEN ÄRZTLICHER TÄTIGKEIT.
n einer unscheinbaren Stelle des Berliner Alten Museums
und ziemlich unauttindbar tür den gewöhnlichen Besucher
hängt in einem Gange, der zur Bibliothek führt, ein helle-
nistisches, im \'erhältnis zu den anderen besser erhaltenes Relief.
Die Mitte desselben nimmt ein mit Bukranion und Girlande ver-
zierter Altar ein. \'or demselben sitzt aut einem erhöhten Stuhle
mit RĂĽckenlehne und FuĂźstĂĽtze ein mit einem Chiton und Hima-
tion bekleideter Mann. In seiner stehen Pose, ohne daĂź er sich an-
lehnte, sieht er nicht aut die sich ihm Nahenden, sondern mehr aut
den Betrachter des Denksteines. In der linken Hand, deren vierter
Finger einen Ring trägt, hält er eine Schrittrolle, die rechte streckt
er aus, so daĂź man die innere Hand sieht, die sich in Schwurstellung
befindet und unverhältnismäßig groß erscheint. Ihm nahen eine
Matrone und ein JĂĽngling, vielleicht Gattin und Sohn, und ein Diener
fĂĽhrt in einer etwas merkwĂĽrdigen Haltung ein gesatteltes Pferd
heran. Zwischen diesen Figuren erhebt sich ein Baum, an dem
sich eine armdicke Schlange herautwindet, um sich gleichtalls dem
Thronenden zuzuwenden. Wir haben es also bis hierher mit einem
ganz gewöhnlichen, uns vielfach aus besserer Zeit edler und voll-
kommener dargestellten X'organg, nämlich der \'erehrung eines
heroisierten Toten, zu tun. Dieser Heros wird nun aber dadurch
fĂĽr uns besonders interessant, daĂź derselbe durch ein chirurgisches
Besteck als x^rzt charakterisiert ist^). Dieses chirurgische Besteck
ist einfach und ohne jede weitere Motivierung oben angebracht,
ähnlich wie wir das sonst mit Pferdeköpfen gewohnt sind. Es ist
') Das Relief ist publiziert bei O. Jahn, Sitzungsberichte d. Königl. Sachs. Ges. d.
Wissenschaften, Leipzig iS6i.
HEROISIERTER CHIRURG.
449
fĂĽr uns eine besondere Freude, daĂź die Instrumente auf demselben
ganx ausgezeichnet erhalten sind. Die Deutlichkeit dieser sechs
Instrumente liegt auch daran, daĂź sie erhaben aus dem Marmor
herausgearbeitet in der aufgeschlagenen Pyxis liegen. Die Scharniere
des Kastens zeigen dessen Schlußfähigkeit. Vier schneidende In-
strumente füllen das Besteck, zwei davon haben ein sichelförmioes
Orig.-Au/„. nach Gipsabgii/s. Berlin, Alles Museum.
Fig- 334. Adoration eines heroisierten Arztes. Hellenist. Relief.
Aussehen, zwei andere mit breiterem Handgriff laufen hackmesser-
ähnlich aus. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir diese letzteren
als die Kataschasteres der Alten, als Schröpfmesser ansprechen. In
der rechten Hälfte des Bestecks ruhen dann noch zwei Zangen mit
verschiedengestaltetem Griff und BiĂź. Gerade diese Beschaffenheit
ihrer langen Beißflächen macht es unwahrscheinlich, daß dies Zahn-
zangen sein sollen. Letztere waren nach den in unserem Besitz
Holländer, Plaätik und Medizin.
29
450
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTEN KASTEN.
befindlichen Kopien mehr rabenschnabeltörmig. Wir haben es hier
offenbar mit einem Arzte zu tun, der die groĂźe Chirurgie aus-
geĂĽbt hat.
Zu einem ähnHchen Schluß führt uns die Betrachtung eines
Sarkophages, der sich in der Nähe von Rom befindet. Ein in
einen Philosophenmantel gehĂĽllter Arzt, dessen FĂĽĂźe Sandalen
tragen, sitzt da auf einem Sessel und studiert in einer Schriftrolle.
Die Schlagschatten lassen den Kopf übermäßig groß erscheinen.
Vor ihm steht ein schlanker Schrank, durch dessen geöffnete Doppel-
tĂĽren wir einen Einblick in denselben gewinnen; das untere Fach
ist leer, in ihm ruhte offenbar der Instrumentenkasten, der aut-
Fig- 335- Antiker Sarkophag eines Arztes.
geklappt oben auf dem Schranke steht. Der Inhalt dieses Kastens
ist leider nicht mehr so deutlich sichtbar, immerhin erkennen wir
mit Sicherheit ein lanzettförmiges Messer rechts und ein hebelartig
geformtes Instrument links, über welches wir später noch sprechen
werden. Im mittleren Fache erkennen wir ein schalenartiges Geläß,
welches der erste Beschreiber dieses Sarkophags E. Petersen')
als den Geldkasten anspricht. Doch ist auch immerhin möglich,
daß das Gefäß medizinischen Zwecken diente. Als Griechenarzt
gibt sich unser Kollege aus spätheidnischer, resp. frühchristhcher
Zeit nicht nur durch seine Kleidung zu erkennen, sondern auch
durch das Distichon, welches den Rand des Sarkophages und die
') E.Petersen, Mitteil, des Kaiserl. Deutschen Archäol. Instituts in Rom, Band 15, 1900.
ANTIKER INSTRUMENTENSCHRANK
451
Mittelptosten, welche die Kannclierung unterbrechen, ausfĂĽllt. Der
Anfang dieses stand offenbar auf dem verloren gegangenen Deckel.
Auf alle Fälle bietet es einen Genuß, hier auf jener marmornen
HĂĽlle, die den Leib eines gelehrten Arztes aus der antiken Zeit
beherbergte, dargestellt zu sehen, wie ein Kollege in seiner Studier-
\adH
ĂśtMMiAi
IBBlĂĽdiitoMirlr liWiiiitr'ĂĽ'-r
Fig- 33('- Detail des vorigen.
Orig.-Aujfi.
Stube dasitzt und eine Operation, die er im Begriff" ist vorzunehmen,
noch einmal ĂĽberliest. Bibliothek und Operationsinstrumentarium
faĂźte damals allerdings noch der kleine Raum dieses Schrankes.
Wir haben es bei diesem Operationsschrank mit einem Unikum
zu tun; ich kenne nur noch eine ähnliche Darstellung eines
452
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN.
Medizinschrankes auf einer pompejanischen Freske lier; hier ist
der Schrank noch reicher und enthäk zu oberst ein »Heihgenbildcc
(JQ
C
3
â–şxl
p
3
(JQ
Eine weitere autgeschlagene Pyxis finden wir auf einer Basis,
welche im Jahre 1877 ii^i athenischen Asklepieion gefunden
CHIRURGISCHER INSTRUMENTENKASTEN.
45 3
wurde'). Der Inhalt dieses Instrumentenkastens unterscheidet sich
jedoch von dem unseres GrabreHefs in autfallender Weise dadurch,
daĂź in diesem Etui sich nur schneidende Instrumente befinden; auĂźer-
dem dadurch, daĂź die einzelnen Instrumente nach Art der modernen
Verpackung in ihrer Lage durch ZwischenstĂĽcke festgehalten werden.
Drei von den Messern mit stark gebogener Schnittfläche sind voll-
kommen gleich gestaltet, auch die beiden anderen mit einer etwas
sichelförmigen Schnittfläche stimmen in der Form iiberein, liegen
aber in umgekehrter Richtung. Das sechste Instrument dagegen
stellt einen stumpfen doppelseitigen Haken dar. Die Erklärung
dieser Instrumente und zwar der besonderen Auswahl der-
selben finden wir in den zu beiden Seiten des Besteckes an-
gebrachten Körpern. Es sind das ohne jeden Zweifel Schröpfköpfe,
wie wir solche in ziemlicher Auswahl zum Beispiel in Neapel im
Nationalmuseum als pompejanische FundstĂĽcke sahen und auch
andersher kennen (s. Fig. ^^c/^. An dem einen Schröpfkopf ist
der Haltring umgeklappt, bei dem anderen steht er aufrecht. Wir
haben es hier also mit einem Schröpf besteck zu tun. Mit Wahr-
scheinlichkeit nahm der Operateur, um die mehrfache Wirkung bei
demselben Eingriff zu haben, gleichzeitig zwei oder drei Messer
in die Hand, um die Haut zu ritzen. Die schmäleren Messer sind,
wie auch Professor Anagnostakis ĂĽberzeugend nachweist, zur
Hautritzung bestimmte Messer an schwerer zugänglichen Stellen.
Das hebeltörmige Instrument, das beinahe wie ein Geburtshaken
aussieht, hatte nur den Zweck, den Schröpfkopf zu halten , resp.
auch die Abnahme desselben durch Unterschieben zu erleichtern.
Dieses Instrument ist dasselbe, welches wir, allerdings undeut-
licher, schon auf dem Sarkophag gesehen haben und noch weiter
beobachten werden. Offenbar diente diese Basis dazu, wie auch
ihre Höhlung an ihrer Oberfläche beweist, eine Weihgabe auf-
zunehmen. Wir dĂĽrfen dabei aber schon wegen der Fundstelle
nicht an ein Grabmonument denken, sondern an eine \'otivgabe.
') A. Anagnostakis, Bulletin de correspondance hellenique. i annee 1S77, p. 212;
ferner bei Gurlt, Geschichte der Chirurgie abgebildet. Sybel 3279. Arch, Zeit 1S77, p. 166
454
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN.
irgend ein Weihgeschenk eines Arztes, der Spezialist im Schröpfen
war, vielleicht an einen silbernen großen Schröpf köpf. Eine Porträt-
statue wird dagegen wegen der Kleinheit dieser Marmorbasis, deren
MaĂźe 44x28 cm sind, weniger in Frage kommen als eine BĂĽste.
Auf alle Fälle ist uns bekannt, daß im athenischen Asklepieion
sich Statuen von Ärzten befanden, so von Hippokrates, dem hier
und in Kos göttliche Ehren erwiesen und geopfert wurde. Über
die große Bedeutung, die das Schröpfen in der altgriechischen
Medizin hatte, erfahren wir durch Galen und Herodot'). Auch
Athen, Ashlepieiou. Reprcdiiktioit.
Fig- 33^- Basis mit Scliröpfköpfen und Schröpfkopfetui.
in Plutarchs Gastmahl der sieben Weisen findet sich eine Stelle mit
Bezug auf diese Heilhandlung der Alten (134 B, C);
»Kannst du sagen, was das ist; Einer setzte dem anderen Erz
mit Feuer an den Körper? Nein, antwortete Kleodor, ich brauche
es auch nicht zu wissen! Und doch ist niemand, sagte Äsop, der
es besser wissen und machen könnte; willst du es leugnen, so
nehme ich die Schröpfköpfe zu Zeugen. Kleodor lachte darüber,
denn unter allen Ärzten seiner Zeit bediente er sich der Schröpf-
köpfe am meisten, und durch ihn war dieses Mittel zu dem größten
Ruhme gekommen.«
Ein weiteres derartiges Besteck, allerdings ohne Schröpfköpfe
') S. Näheres K. B. Lampr OS, Chirurg, nepl aiy.uiüv xal cixuaa;«); itapct Toi; äpyaio;? 1895.
DAS SCHRĂ–PFEN.
455
und auch mehr mit Instrumenten der groĂźen Chirurgie, linden wir
auf einem Grabrehef eines x^rztes bei Palestrina.
Jahn') bildet auf Tafel 9, Fig. lo den aufgeschlagenen In-
strumentenkasten ab, der auf diesem Grabstein angebracht ist. Die
Inschrift lautet: D. AI. P. Aelio Pio Curtiano medico amico bene
merito Curtius Crispinus Arruntianus. Der Instrumentenkasten war
zwischen zwei Rollen angebracht. Jahn bemerkt trotz dieser ein-
deutigen Inschrift, daĂź Kundige die Instrumente als nicht chirurgische
..<Bfci~,
\
^^^^^K^- ^
jĂź
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V
j^BPlr^
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t <^
0
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Urs
BB
\'eapel, Xat.-Must'ttiii.
l'ij^. ,vi9. Oiiginalschrüpfköpfe aus Bronze, dazwischen Arzneikästchen.
erkannt hätten, sondern als solche zum Polieren und Glätten. Die
Abbildung jedoch, die dieser Autor von dem sonderbaren Inhalt
des Instrumentenkastens gibt, und die von vielen Autoren ĂĽber-
nommen wird (S v o r o n o s ; Nikolaus G e r z e t i c "), berechtigte zu
der Annahme, daĂź ein Teil dieser Instrumente unrichtig: daroestellt
war und daĂź es sich doch um chirurgische Instrumente handelt.
Diesen gut erhaltenen Grabstein suchte und fand ich in einem
Korridor des Hauses derBarberini in Palestrina und machte Aufnahmen
(s. Fig. 340) sowie einen GipsabguĂź von der Instrumententafel.
') Jahn, Darstellungen antiker Reliefs, welche sich auf Handwerk und Handelsverkehr
beziehen. Abhandlungen d. Königl. Sachs. Ges. d. Wissenschaften, Leipzig iS6i.
^) Nikolaus Gerzetic, Ăśber aufgefundene chir. Instrumente des Altertums in Vimi-
nacium (Serbien!, Karansebes 1S94.
456
DER CHIRURGISCHE IXSTRUÄIEXTEXKASTEX.
Möglich, daß es sich bei dem Kollegen, der in dem alten Präneste
praktizierte, um die antike Spezies »Badearzt« gehandelt hat. Die
Grotten mit den schönen Mosaiken, über die QuelKvasser fließt,
sind noch erhalten, ebenso wie die Reste des alten Fortunatempels.
In deren Umgebung hat man allerlei Körperexvotos gefunden, die
für den Charakter des Platzes auch als einer Heilstätte sprechen.
Was unter den Zeichnern der Instrumente die \'er\virrung hervor-
gerufen hat, das sind die ersten
schlanken, in der Mitte verdickten,
beiderseits umgebogenen Hebelin-
strumente, aus denen Jahn unter
Benutzung der tolgenden sonden-
ähnlichen Cauterien eine Art von
Fiedelbogen gemacht hat. G e r-
zetic hält diese Dinge für eine
Anzahl von Strigiles. Wir sehen
sofort, daĂź hier die beiden ersten
Instrumente links und rechts iden-
tisch sind mit den uns bereits be-
kannten Schröpfhebeln. Interessant
ist, daĂź beide vorkommenden Arten
abgebildet sind, sowohl die in ein
und die in zwei Enden auslaufende
Form. Dann folgen jederseits
Sonden resp. Cauterien. Auf der
einen Seite erkannte man sodann
eine Pinzette und vier Messer mit
verschiedenen Schnittflächen sowohl in der tvpischen Schröpt-
messerform wie auch solche, die wir als Bruchmesser bezeichnen
wĂĽrden. Leider ist das obere SteinstĂĽck verwittert, so daĂź nicht
mehr zu erkennen ist, welches Ende die Myrtenblattsonde hat.
Aus der zweiseitig ausgearbeiteten Form der anderen Instrumente
mĂĽssen wir schlieĂźen , daĂź alle doppelseitig benutzbar waren und
gearbeitet im Sinne auch der modernen EtuistĂĽckc.
Fig. 340. Grabstein eines .Arztes
aus Palestrina mit Instrumentenpy.xis.
INSTRUMENTENKASTEN.
457
Der Vollständigkeit halber wollen wir an dieser Stelle noch
einen 1902 in Ungarn gefundenen Grabstein eines Soldaten der
legio XI. erwähnen, welcher dadurch ganz besonders charakterisiert
wird, daĂź unterhalb der Grabinschrift (siehe Fig. 341) ein chir-
urgischer Instrumentenkasten eingehauen ist; dieses Kriegsinstru-
mentenetui unterscheidet sich von den bisherigen durch die
Querleisten, in denen die Instrumente (wie noch heutzutage)
festgefĂĽgter und sicherer lagern. Zweifellos zu erkennen ist ein
r/\hÄSv'y\
■K NN- XXX] II- ST! PX^r«
-ASVViVS-CP. F:.rfrv;v '^
ReproäuJUiou nacJt Habfrling.
Fig. 341. Grabstein eines röm. Legionärs (mit chir. Instrumentenkasten).
Skalpell, ein scharfer Haken und eine Zange mit verschiedenen langen
Branchen (Reproduziert nach Dr. Haberling, Die altrömischen
Militärärzte). Liebe!'), der diesen Stein zuerst veröffentlicht,
nimmt, wie auch Haberling, an, daß Satrius Rufus ein Militärarzt
war; auffallend ist es aber immerhin, daĂź er schlechtweg als miles
bezeichnet wird, ohne den Zusatz Medicus. Die Buchstaben C. P. F.
hinter der XI. Legion bedeuten den Ehrennamen dieser Legion,
Claudia pia lidelis; diese Legion stand von Augustus bis Vespasian
') Liebel, Zum Sanitätswesen im röm. Heer. Wiener Studien 1902.
458
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW.
^
^-j-»
in Dalmatien und hatte in Burnum ihr Lager; der Grabstein stammt
demnach noch aus dem i. Jahrhundert n. Chr.
SCHRĂ–PFKOPF.
Wie heutzutage das Rasierbecken das Wahrzeichen der Barbiere
und frĂĽher der an der TĂĽr festgestecine Wedel die Signatur der
Badestube war, so war die aufgeschlagene Instrumentenpyxis das
Ori^.-Ait/it, ttack Gipsabgii/s.
Flg. 342. Fragment eines athen. Giebelsteines vom Grabmal des Arztes Laberios.
offenbare Wahrzeichen für den Operateur und der Schröpf köpf tür
den Mediziner ĂĽberhaupt. Obwohl ich dafĂĽr weiter keinen litera-
rischen Nachweis linde, kann man doch annehmen, daĂź groĂźe, vor
der Haustür stehende Nachbildungen eines Schröpfkoptes die Woh-
nung des x\rztes bezeichneten ; daĂź sie die letzte Wohnung eines
solchen gelegentlich schmĂĽckten, dafĂĽr sprechen mehrere in Athen
gefundene Grabsteine; so das BruchstĂĽck eines Giebelfeldes, auf
dem rechts oben gewissermaßen das Wappen des Arztes, ein Schröpt-
kopf, die frĂĽhere bĂĽrgerliche Stellung des unter ihm begrabenen
»Laberios« anzeigt (s. Fig. 342).
Denselben quergestellten Schröptkopt als ärztliches Wappen finden
wir auf einem Grabstein eines Ehepaares im Athen. Nationalmuseuni
SCHRĂ–PFKOPF.
459
(Nr. 1193). Über dem Manne befindet sich ein großer Schröpfkopf
quergestellt; oberhalb der mutilierten Inschrift sehen wir ein auf-
fallendes Bandornament (s. Fig. 343), das beinahe wie eine Ader-
Orig, -All/u. Athen. Xat.-MuscNm.
Fig. 343. Antiker Grabstein eines Arztes mit Schröpfkopf.
laĂźbinde aussieht: die heraldische Verzierung der Badergilde im
Mittelalter.
Ähnliche Verhältnisse ersehen wir auf dem berühmten Steine
des Britischen Museums, der einstmals das Familiengrab des Arztes
460 DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. ^
Jason deckte, welcher von Fauvel in Attika gefunden wurde (siehe
Fig. 344). Nach dem Gesagten Hegt die Deutung dieser Szene auf
der flachen Hand, und es ist kaum verständlich, wie man über dieses
große Gerät und seine Bedeutung im Zweifel sein konnte. Da sitzt
in bequemer Stellung der Arzt auf seinem Sessel und untersucht
einen vierschrötig gebauten Patienten, der ihn ängstlich und doch
vertrauend betrachtet, die flache Hand mit ausgestreckten Fingern
ruht aut der Magengegend; es ist dies iibrigens eine Fingerstellung,
die allein das feine GefĂĽhl der beweglichen Bauchdecke ĂĽbermitteln
kann; zur Seite steht ein riesig großer Schröpfkopf. Natürlich nicht
zum Gebrauch fĂĽr diesen Klienten oder in einem anderen Falle,
sondern als rein attributives Emblem: ein Aushängeschild des Arztes,
die Hausmarke seiner Tätigkeit. Früher erklärte man dieses In-
strument, von dem ĂĽbrigens im Wiesbadener Museum ein StĂĽck aus
der Zeit aut bewahrt wird, als bronzenen SchluĂźzapfen des Hypo-
kaustum und als Svmbol des Schwitzbades.
Der Schröpfkopt (Sikya) wurde in dem Maße das medizinische
Wahrzeichen par excellence, daĂź wir es auf vielen MĂĽnzen antiker
Heil- und Bäderstädte wiederfinden. Es ist das Verdienst von
Lambros, dies nachgewiesen zu haben, was zunächst zwar von
Becker und Fried län der bestritten wurde; auf der Vorderseite
finden wir aut Münzen von Epidauros, Ägiale und anderen den
lorbeerbekränzten Kopt des Äskulap oder auch eines römischen
Kaisers, aut der Rückseite entweder einen Schröpfkopf in der
Mitte und darunter, zum Emblem vereinigt, Schröpfmesser und
ĂĽber Kreuz gestellte Hebel (s. Fig. 64); auf anderen wieder
finden wir zwischen zwei großen Schröpfköpfen ein wie ein Drei-
zack aussehendes Instrument, von dem ich annehme, daĂź es viel-
leicht einen Apparat darstellt, um gleichzeitig drei Schröpfwunden
auf einmal zu machen. Der Schröpfkopf war das heilige Symbol
des Asklepioskultes dieser Gegenden, und nahm zuletzt als wirk-
same Potenz göttliche Gestalt an. Diese Kraft übernahm die
Glockenform des Instrumentes und wurde zum Gotte Telesphorus
erhoben. Eine StĂĽtze fĂĽr diese zuerst von Svoronos ausgesprochene
DER SCHRĂśPFKOPF.
461
'/• I A ^k;..
Loiiuoii, i^rit. Mu^t-itm. .\ uch einer ^hot. des Leipziger Inst, fĂĽr Geschichte der Medizin.
Fig. 344. Hell. Relief. Der Arzt Jason untersucht einen Kranken, daneben Schröpfkopf.
Hypothese ergibt die MĂĽnzenkunde. Dieselben kleinasiatischen und
insularen MĂĽnzen fĂĽhren bald den Schropfkopf, bald den Teles-
phorus als Zeichen. Und auch das kann man hinzutĂĽgen, daĂź
462
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW.
sich noch bis heute die Sitte strichförmiger blutiger Schröpfung bei
den Völkern dieser Zone besonders erhalten hat.
Vielleicht werden sich gelegentlich Funde mehren, bei denen
durch die Embleme Schröpfkopf und Instrumentenkasten der ärzt-
liche Stand des Spenders eines Weihgeschenks oder ein Grabdenkmal
Orig.-Aufn, Oaiieria iapidaria. V atikmi.
F'g- 345- Werkstatt eines Messerschmiedes.
charakterisiert wird. Ein einzigartiges Dokument aber dĂĽrtte ein
groĂźer in der Galleria Iapidaria des Vatikans befindlicher Cippus sein,
der uns in die Werkstatt und den \'erkaufsladen eines römischen
Messerschmiedes tĂĽhrt (s. Fig. 343 u. 346).
Das erste Bild zeigt die Werkstatt. Ein junger Mann sitzt auf
einem Block vor einem Ofen, in dem man das Feuer flackern sieht,
daneben ein Blasebalg, davor ein AmboĂź. Mit der linken Hand
hält er ein Metallstäbchen, welches ein vor ihm stehender Gehilfe
DIE WERKSTATT.
463
mit einem Hammer bearbeitet. Hier wird kaltes Eisen getrieben,
da der sitzende Meister dasselbe ohne Zange anfaĂźt. Ăśber der
Arbeitergruppe hängen an einem Winkelhaken vier fertige Instru-
mente, ein Hackmesser, eine Zange und ein Strigilis (s. Fig. 345).
Ong.-Aufn. Rom.
tig- 346. Verkaufsladen eines Messerschmiedes.
Die Gegenseite zeigt uns den \'erkaufsladen. In einer unge-
gürteten Tunika bietet der Verkäufer einem Bürger in der Toga einen
Gegenstand an. Unter der Theke befindet sich ein Schubkasten.
DarĂĽber erhebt sich ein FlĂĽgelschrank, der die Ware beherbergt und
zur Schau bringt. Die unterste Reihe ist mit Futteralen ausgefĂĽllt.
464 DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. ®
Dann kommt eine Reihe von IVlessern, die scheinbar Klappmesser sind,
wie solche im Original z. B. das Britische Museum aufweist. Zu oberst
hängen sichelförmige Schneidemesser. Jahn, der diesen Grabstein
zuerst beschreibt, nimmt an, daĂź hier nicht grobes Handwerkszeug
gefertigt und verkauft wurde, sondern daĂź es sich in erster Reihe um
chirurgische Instrumente, namentlich Fistelmesser, gehandelt hat.
â– X.
.jc
'jMi!SJi.U,.
-^ A^- â– fe
Xaclt der/t Xc'ffaih' 7>on Bassetigc,
Fig- 347. Relief vom Tempel von Köm Omboi in Ägypten, Instrumentenkasten.
Nun, der feine Messerschmied der damaligen Epoche wird mit
Sicherheit auch die Herstellung dieser besorgt haben, ohne daĂź es
Spezialisten dieser Art gegeben hat. Die Beobachtung jedoch, daĂź
der Handgriff mehrfach in Tierköpfe auslauft, spricht dafür, daß
auch das Instrumentarium für Schlächter und Opferschlächter in
dieser Werkstatt hergestellt wurde. Allerdings erinnere ich daran,
daĂź die Sammlung im Kaiserin-1-ricdrich-Hause z. B. einen chirur-
gischen scharfen Haken besitzt, der in einen Eidechsenkopf ausläuft.
ÄRZTLICHE BESTECKE.
465
Ähnliche Grabrehefs mit der Darstellung von Handwerkern bei
der Arbeit gibt es mehrere. Bas senge') bildet einen chirurgisch-
medizinischen Instrumentenschrank aus dem Tempel von Korn
Omboi in Überägypten ab. Dieser Tempel, erst 1893 aus dem
Schutt geborgen, gehörte dem krokodilköphgen Gotte Sobk, der mit
dem Sonnengott identifiziert wurde. Wenn wir in diesem Arma-
Orig.-Au/n. B.-rlhi. Altes Miiseiiii
Fig. 34S. Ärztliche Besteck. Antike Bronze.
mentarium nun auch viele Gegenstände finden, die ein Mediziner
wohl gebrauchen könnte, z. B. Zangen, Waagen, Instrumente, die
wie Cauterien aussehen, Haken und sondenähnliche Instrumente,
so hat sich mir gegenüber doch Professor Schäfer als Fachmann
datür ausgesprochen, daß hier mit größter Wahrscheinlichkeit das
Instrumentarium von Goldschmieden oder einer verwandten Be-
rutsart zur Darstellung kommen sollte; ähnlich urteilen andere
') Medizinische Eindrücke auf einer Winterreise nach Ägypten von Oberstabsarzt Dr.
R. Bassenge, Zeitschrift f. Balneol., Klimat. und Kurorthygiene 1910, Nr. iS.
Hollander, Plastik und Medizin. -o
466
DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW.
Ägyptologcn; doch hat die Darstellung für uns auf alle Fälle
Interesse.
Die groĂźen komplizierten Instrumente, die z. B. den pompeja-
nischen Funden entstammen, haben zur \'oraussetzung der Auf-
bewahrung Schränke oder große Kästen. Solche hat uns bisher die
Erde nicht wiedergegeben, wohl aber eine Reihe kleinerer Etuis,
Aujn. Xt'ii/'el, Xiit -Museitn
Fig. 34q Deckel eines InstiuiTientenl<astcns mit eingelegten Figuren.
in denen römische Ärzte das Instrumentarium tür den täglichen
Gebrauch und namentlich auch Medikamente mit sich tĂĽhrten.
Als Tvpus dieser oft schön verzierten Kästchen zeigen wir den
kleinen Bronzekasten des Berliner Antiquariums, auf welchem der
Heilgott, in einem Tempel stehend und auf einen Schlangenstab
sich stützend, erscheint. Ob die Kästchen im Innern richtig
verteilt sind, ist fraglich, vielleicht war seitwärts noch Platz tür
eine Elfenbeinröhre mit Sonden.
TASCHENAPĂśTHEKEN.
467
Den fast gleichen Kasten fand ich in Neapel unter den pom-
pejanischen Funden aus Bronze, mit Silber die Figuren Asklepios
und Hvgieia eingraviert; es scheint aber nur noch der Deckel er-
halten (s. Fig. 349).
Einen ähnlichen Kasten aus Elfenhein bildet der bekannte Sammler
Reh er aus Genf ab aus dem Museum in Lyon'). Mit riesigen
Schlangen ausgerüstete Heildämonen verzieren den Deckel des
Kastens, der einstmals Taschenapotheke eines Heidenarztes war und
dann zum Reliquienschrein der Valeriuskirche erhöht wurde. In
Mainz und Xanten und bei Köln tand man im Flußbett ähnliche
Kästen, zum 'Feil noch mit Inhalt.
') B. Reber, Phaimacie de poche dun mCdecin romair. Bull, de la Socictc frangaise
d'Histoire de la medecine, I'aris 1903.
HYGIENE UND HEILHÄNDLUNG.
s bleibt als reizvolle Aufgabe medizinischer archäologischer
Betrachtung die Frage, ob wir in den Resten der antiken
äj Plastik und Skulptur verwertbare Hinweise finden auf die
Methodik und die Anwendung der Heilhandlung selbst. Schon aus
den voraufgegangenen Betrachtungen beantwortet sich diese Frage
mit Hinweis aut den sogenannten Krankenbesuch des Asklepios. Denn
obwohl der Inkubationsgott seinem eigentlichen Wesen nach zunächst
persönlich Heilhandlungen nicht begeht, hnden wir doch solche
wenigstens in seiner Nähe, unter seinem Patronate gelegentlich dar-
gestellt. A\ ir werden unter Zuhiltenahme namentlich des Vasen-
schmucks eine Reihe von Darstellungen aus der primitiven Volks-
chirurgie kennen lernen; aber alle diese gelegentlichen plastischen
Schilderungen treten weit zurĂĽck nach Zahl und intimer AusfĂĽhrung
gegenĂĽber den Schilderungen aus dem Gebiet der prophylaktischen
MaĂźnahmen. Entsprechend der fehlerhaften oder tehlenden Erkenntnis
physiologischerBeobachtungen und den ĂĽberaus mangelhatten anato-
mischen Erfahrungen schwankte zunächst die Medizin zwischen Philo-
sophie und Beredsamkeit, und das ^'olk zeigte zunächst das instinktive
Bestreben, sich von den Medizinern unabhängigzu machen. Dies stei-
gerte sich in der katonischen Zeit zu einer ausgesprochenen Aversion
gegen die Ärzte. W'n zeigten'), daß einer der größten Ärztehasser aller
Zeiten, Petrarca, sich auf diesem Gebiete merkwĂĽrdigerweise hei Pli-
nius Rat holt. Zu Beginn seiner kurzen Zusammenstellung medizin-
geschichtlicher Entwicklung weist Plinius darauf hin, daĂź die Heil-
kunde die Mittel, welche so leicht zu haben und zweckmäßig waren,
veralten lieĂź. Er meint damit das, was wir heutzutage vielleicht mit
einer naturgemäßen Lebensweise bezeichnen würden. Schuld daran
') Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin, Seite 54.
DER ZENSOR CATO. 469
seien die Ärzte mit ihren wechselvoilen Ansichten. Nachdem er
dann in ziemHch weitschweifiger Manier die Gewinnsucht der Ärzte,
ihre Schwatzhaftigkeit, ihre Reklamesucht, ihre Unmenschlichkeit
rlwt. Alinari. Rom, Vatikan,
F'g- 35°- Apoxyomenos, Marmorkopie einer Statue des Lysipp.
im Schneiden und Brennen abgehandelt hat, freut er sich, die eigenen
Worte des Zensors Cato an seinen Sohn anführen zu können,
deren Schlußsatz lautet: Der Umgang mit Ärzten ist dir unter-
sagt. Er kommt dann bald auf diejenigen Punkte zu sprechen,
470
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
"mmi^i^' ^iMmf^§
welche uns an dieser Stelle interessieren: »Das Mischen von Arz-
neien beträfe das Wohl des einzelnen, die Einfuhr aber jener
Dinge, welche wir uns bei gesundem Leibe gefallen lassen, ver-
derben allgemein die reinen Sitten des
Landes. In dieser Hinsicht bemängelt er
die RingĂĽbungen, das Nacktsalben, welche
man der Gesundheit wegen eingefĂĽhrt
haben will, ferner die heißen Bäder, wo-
durch, wie man vorgibt, die Speisen im
Körper verdaut werden, aber so, daß jeder
weniger gesund herauskommt und die
Gehorsamsten herausgetragen werden; fer-
ner das Trinken bei nĂĽchternem Magen,
das Erbrechen und das abermalige Trin-
ken, ferner die unmännliche, durch Harze
bewirkte Enthaarung und die gleichfalls
durch 1-nthaarung zur Schau gestellten
Geschlechtsteile der Frauen. So sei Catos
Ausspruch, daĂź durch nichts mehr als
durch die Heilkunst die Sittenverderbnis
befördert werde, zur Wahrheit geworden«
(Plinius, 29. Kapitel, Vll u. Vlll).
Das griechische Streben nach voll-
kommener Gesundheit und Schönheit des
Körpers, die hellenischen Sitten der Ring-
schule, der Bäder, ja vielfach auch der
Kleidung, haben trotz Cato und Plinius
im römischen Reiche festen Fuß gefaßt;
ja wir können wohl die Behauptung wa-
gen, daß diese griechisch-römische Körperkultur in vieler Beziehung
heute noch für uns vorbildlich ist. Bei dieser präventiven Stählung
des Körpers spielte natürlich die Kleidung eine große Rolle, mehr
noch wie die Kleidung die Entkleidung und deren leichte Mög-
lichkeit. Nur in dem, was wir heutzutaue mit dem modernen
Orii^.-Au/n. Athen
l*'g- .i5'- WeiĂźgrundige griech.
Lekythos mit Darstellung eines
JĂĽnglings mit der Strigilis.
DIE KRANKHEITSVERHĂśTUNG.
471
Schlagworte der Nacktkultur bezeichnen, liegt aber eine Gewähr
fĂĽr die dauernde Kontrolle des eigenen Leibes.
Die antike Zeit war mehr auf die \'erhĂĽtung von Erkrankungen
angewiesen und sah auch in der Stählung des Körpers, im Ver-
bot bestimmter Nahrung und in ähnlichen Dingen ihre beste Pro-
phylaxe. Die Leistungen der alten Welt nach dieser Richtung dem
M»«PZ'»*Wfc!'iJ^6wrf^t3ffik^?X^
sstAbt ;
s
At/teti. Xat.-MiisfK
F'g- 352- Das Bad des Udysscus. Antikes Relief.
Publikum einmal vor Augen zu führen, ist eine der schönen und
groĂźen Bestrebungen der Dresdener Hygiene- Ausstellung.
Karl Sudhoffs Name bĂĽrgt dafĂĽr, daĂź dies Ziel trotz der enormen
Schwierigkeiten in der Sammlung und \'orlĂĽhrLing des xMaterials rest-
los erreicht werden wird')! Mehr aber wie Beleuchtung, Heizung,
') Anmerk. bei der Korrektur. Unter dem Beifall der ganzen Welt vollzog sich mitt-
lerweilen die Lösung dieser großen Kulturaufgabe.
472 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ®
Abortanlagen, Gewandung und Kleidung, die antike Wasserver-
sorgung interessiert uns an dieser Stelle das Badewesen und die
technische Seite der Gymnastik. Alle diese Körperübungen wie
Ringkampf, Faustkampf, Diskus- und Speerwurf, Lauf und
Sprung, Reiten und Schwimmen und alles, was heute ungefähr
unter den Begriff der Leichtathletik fällt, finden wir nun zerstreut
auf kunstgewerblichen Arbeiten aller Art geschildert. Terrakotten
im Stil der bekannten Tanagrafiguren zeigten uns hiervon schon
allerlei, gelegentlich auch der Schmuck von Gräbern und Weih-
geschenken; die Dominante aber aut diesem Gebiet ist die Ver-
zierung der Keramiken, die \'asenbilder. Karl S u d h o ff hat diese ')
intimen und reizvollen Schilderungen des antiken Bades in seiner
Vielgestaltigkeit studiert und uns gewissermaĂźen lebendige Photo-
graphien des antiken Bades gegeben. Die Jahrtausende konnten der
Frische dieses Einblicks keinen Abbruch tun; wir sehen hier FuĂź-
bäder, teils in der Form wirklichen Reinigungsbedürtnisses, teils auch
als Illustrationen der berĂĽhmten FuĂźwaschung des Odysseus (siehe
Fig. 332) oder der des Skiron. Dieser Unhold zwang an felsiger
KĂĽste vorbeiziehende friedliche Wanderer, ihm die FĂĽĂźe zu baden.
Den so Beschäftigten schleuderte er mit einem Fußtritt ins Meer.
Theseus war es, der den Skiron homöopathisch behandelte, er warf
den Burschen selbst ins Meer, resp. er erschlug ihn mit seiner
eigenen ehernen FuĂźbadewanne. Sudhott zeigt uns an einer
großen Reihe von \'asenbildern die Pflege der Füße, der die größte
Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wir sehen da z. B. aut einer Vase
aus dem Louvre eine bronzene niedere Wanne mit verziertem
DreifuĂź und Henkel; ein junger Mann ringt soeben den Schwamm,
mit dem er sich gewaschen hat, aus; an der Wand hängen die
Sandalen, gegenüber hängt der Aryballos, d. i. die Ülflasche mit
der Strigilis, mit welcher er sich geölt und geschaht hat. Das
Pendant dazu linden wir in der Berliner Sammlung, wo gezeigt
wird, wie ein iunues Mädchen sich nach dem Fußbade die San-
') Karl Sudhoff, Aus dem antiken Badewesen, Berlin niio. Allg. Medizinische
Verlagsanstalt.
BRAUSEBAD.
473
dalcn anbindet. So kann man den intimen Toilettegeheimnissen
der griechischen Frauen beiwohnen; wir sehen die grĂĽndhche
Remigung, auch des Unterkörpers, mit dem Schwamm, die be-
sondere Sorgfah in der Behandlung des Haares, welches zu-
nächst hochgebunden, dann gelöst, gewaschen, später aber aus-
gerungen wird, nachdem eine Genossin aus einem o;roĂźen Kruse
Wasser ĂĽber den Kopf gegossen hat. Wird das Brausebad,
Ori^.'Aufn. Bt-rlin. Altt-s Museum,
Fig. 353. Brausebad, (jiicchisches Vasenbild.
eine Vorahnung des Lassars eben, benutzt, wobei das W^asser
aus allerlei Tierköpfen heraussprudelt, so zog man eine Bade-
kappe an oder die Haare wurden in kleinste Flechten gewickelt
(s-Fifv33 3)-
hm im antiken Leben derartig zur Gewohnheit gewordener
Gebiauch, der so häufig auf Vasenbildern vorkommt, hat natürlich
auch die Plastik beschäftigt. Schon Sud hoff (1. c.) bildet eine
474
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
kyprische Terrakotta ab , mit einer kleinen dicken tetten Person,
die sich die FĂĽĂźe reinigt.
Das Toiletteinstrumentarium , von dem die Originale nament-
lich in Neapel und London in groĂźer Auswahl vorhanden sind,
finden wir auch plastisch auf Grabsteinen geschildert.
Die Grabplatte im Berliner Museum Nr. 791 mit den weiblichen
Toilettegegenständen, Kamm, Fläschchen, Spiegel mit Grift, stammt
V
Xeaf>ei.
FiE
Das Instrumentarium des Bades.
zwar aus später Zeit (271 n. Chr.), wir wissen aber aus \'asen-
bildern und aus mykcnischen Funden, daĂź dieselbe doppelseitige,
heute noch moderne Elfenbeinkammform schon sehr frĂĽhzeitig
vorkam.
Es existiert eine Reihe statuarischer Werke, auf denen die Be-
nutzung der Strigilis gezeigt wird. Das berĂĽhmteste unter ihnen
ist das Meisterwerk des Lvsippos aus dem Museum des Vatikans
(s. Fig. 350). Wir müssen uns vorstellen, daß der »Apoxyomenos«
genannte /Athlet seine Kämpfe beendet hat und im Begriff ist, sich mit
TOILETTEINSTRUMENTARIUM. in r
dem Salböl allen Staub zu entfernen, abzuseifen, wie wir uns modern
ausdrücken würden. Über die Formenschönheit dieser Statue ist
so viel geschrieben, daß wir darauf verzichten können, näher in die
Betrachtung dieser fĂĽr den Meister typischen Bildung einzutreten.
Wir erwähnen nur, daß es sich um eine überlebensgroße Kopie der
berĂĽhmten Erzstatue handelt; das Original stand in der Portikus
des Agrippa beim Pantheon; gefunden wurde unsere Statue in
einer kleinen NebenstraĂźe von Trastevcre, die seither den Namen
X'iccolo dcir Atleta erhielt. Die Handhabe des Schabeisens ist
antik, im ĂĽbrigen ist das Wort Schabeisen fĂĽr den antiken Strieoel
unzulässig, da derselbe aus Bronze hergestellt war. Es finden
sich zahlreiche Formen des Striegels; in verschiedensten Größen,
mit verschiedenen KrĂĽmmungen. Oft ist die Handhabe kunst-
handwerklich verziert. Der Striegel gehört zu den tvpischen
Weihgaben in Alännergräbern , und besitzt die Sammlung des
Kaiserin-Friedrich-Hauses unter anderen ein schönes Exemplar aus
Terrakotta mit der Aufschrift »Anakletu«. Die antiken Statuen von
Athleten, Badenden und ähnlichen nackten Figuren haben vielfach
ihre Arme eingebĂĽĂźt. Bei der Restauration hat man ihnen dann mit
Vorliebe in die Hände einen Striegel oder die Ölflasche gegeben.
Besser erhalten finden wir dieselbe Darstellung auf den Vasenbildern.
Wir sahen schon in dem schönen Werke von Karl Sudhoff dieses
Instrument ziemlich regelmäßig in der Hand der Männer oder an der
Wand hängend zum Gebrauch. Auf einer schönen weißsrundieen
Lekythos der athenischen Sammlung sehen wir die Zeichnung eines
Jünglings, der in der Linken das grazile Instrument hält (siehe
Flg. 33 1). Das Instrument selbst kommt vom 6. Jahrhundert
V. Chr. bis zum 3. n. Chr. vor, und wir erwähnten bereits, daß der
Name der Besitzer gelegentlich auf ihnen eingeschrieben war. DaĂź
auch die Frauen sich des Striegels bedienten, beweisen die silbernen
StĂĽcke, welche sich in dem berĂĽhmten Sarkophag einer etruskischen
Edlen Seianti Thanunia vorfimden (jetzt im Britischen Museum).
Die Tatsache aber, daĂź mehrere solcher Striegel mit Aryballos und
Schale zum Auffangen des abgeschabten Stauböls an einem Rino-
476
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
sich vorfinden (s. Fig. 354), spricht dafür, daß späterhin dieses
Geschäft von Badedienern besorgt wurde. Auch auf Grabsteinen
Bcrlbi, Altes Museum.
Fig- 355- Attisches Grabrelief (4. Jahrb.).
finden wir das Instrumentarium der Palästra und des Gvmnasiums
mehrtach. Beweis dafĂĽr, daĂź man diesen antiken Badeapparat mit
sich nahm aut dem Wege zur Ringschule. DaĂź dies nicht nur
DIE TECHNIK DES BADES.
â– 477
die jüngeren Menschen taten, zeigt uns ein schönes attisches Grab-
relief (jetzt Berlin) aus dem 4. Jahrhundert (s. Fig. j)^). Hier
sehen wir die Szene dargestellt, wie der Mann, in der Linken Salb-
tiasche (Arvhallos) und Striegel haltend, sich von seiner Frau, der
offenbar Verstorbenen, verabschiedet. Der tägliche Gang, der tägliche
Abschied symbolisiert hier den ewiiren.
Fig. 356. Silberner Eimer mit Badeszenen in Basrelief.
Die Instrumente selbst, welche solchem Badezwecke dienten,
sind vielfach mit unerhörtem Reichtum und künstlerischem Auf-
wände gefertigt. Namentlich das Neapeler Nationalmuseum zeigt
nach dieser Richtung hin die kostbarsten Exemplare; es sind dort
ganze Sammlungen von Flaschen und Gefäßen zum Salben und
478
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
fĂĽr Balsam mit g-oldcnen Inkrustationen oder aucli aus seltenem
Glas mit erhöhter oder geschnittener Arbeit. Die Darstellungen aut
diesen sind meist mythologischen Inhaltes, gelegentlich aber beziehen
sie sich auch auf den Zweck des Gefäßes. Transportable Wasser-
gefäße, die wahrscheinlich auch mit warmem Wasser getüllt waren,
Orig.-Phot XeafcL
Fig. 357. RĂĽckseite von Figur 355.
sahen wir in Originalen und auch auf Vasenbildern vielfach. Es
wiederholt sich die Szene des Ăśbergusses von Wasser ĂĽber die
«rereinieten Locken eines sich hinhockenden Weibes. Ein besonders
schöner silberner Eimer aus Neapel gewährt uns in getriebener Arbeit
einen Einblick in ein antikes Frauenbad (s. Fig. ^-^G u. 337); aut
der Vorderseite sitzt eine vornehme Dame, deren linker l'uĂź von
BADESZENEN.
479
,â– ; -o
13
5
480 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ®
einer Dienerin getrocknet oder massiert wird. Eine andere bringt
ihr, wie es scheint, eine Flasche mit Balsam, während eine dritte in
einem Gefäß, dessen seltsame Form uns noch heute in Unteritalien
begegnet, Wasser zum ĂśberguĂź herbeischafft. Die andere Seite
dieses kostbaren Gefäßes zeigt uns die fertig gebadete und ge-
salbte Schone im Begriff, zunächst die Brustbinde (Strophion) an-
zulegen und sich dann anzuziehen.
Bei dieser klassischen Badeszene erinnern wir uns, daĂź die ganze
spätere Kunst aus dem Badewesen Anregung über Anregung er-
halten hat. Mit dem Untergang der antiken Weltauttassung ver-
schwand auch aus dem abendländischen Leben zunächst das Wasser-
bad, mehr noch aber das, was wir mit dem modernen Schlagwort
die »Nacktkultur« nennen. Sich nackt zu zeigen und nackte Körper
zu betrachten war sĂĽndhaft und auch kaum im privaten Leben,
sicher aber nicht im öffentlichen Leben möglich. Die Entwicklungs-
kurve des Badelebens hat dann die größten Schwankungen gezeigt,
je nachdem die Anregungen von entgegengesetzter Seite kamen. Ăśber
den Aufschwung und den Niedergang deutschen Badewesens ziehe man
das eingehende groĂź angelegte Standard- Werk von Allred ALtrtin')
zu Rate. Es gab Zeiten, in denen namentlich im Gegensatz zu dem
ausgedehnten orientalischen Badewesen das warme Bad als ver-
boten galt. Es ist historisch belegt, daĂź z. B. die heilige Elisabeth
in ihrem Leben niemals warm gebadet hat. So konnte eine täg-
liche Gewohnheit und ein dem Essen und Trinken gleichkommendes
BedĂĽrfnis zum Gastgeschenk werden und eine kirchliche Kulthand-
lung. Die realistische Szene einer FuĂźwaschung kann doch eigent-
lich in ihrer Darstellung nicht zwischen groĂźen Breiten pendeln.
SchlieĂźlich steckt dieser einfache \'organg Grenzen und doch liegt
zwischen einer solchen antiken FuĂźwaschung und der Darstellung
eines della Robbia eine ganze Welt (s. Fig. 338).
Wir begnügen uns mit diesem gedrängten Hinweis auf plastische
Darstellungen aus dem Gebiete des öffentlichen Badewesens.
') Alfred Martin, Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen, 1906, bei Eugen
Diederichs, Jena.
HEILHANDLUNG. 48 1
HEILHANDLUNG. l^fSKT m ^'g ^59. zunftsiege
Eine »plastische« Therapie in dem Sinne des vorhegenden Buches
muĂź einen durchaus schiefen und falschen Eindruck machen. Der
intime Wirgang der Heilung verträgt nicht eine dekorative monu-
mentale Behandlung.
Trotzdem ist es seltsam, wie das sammelnde Auge doch hie
und da versteckte Blumen sieht, die, zu einem kleinen StrauĂź ge-
sammelt, den Arzt erfreuen werden. Ein Herharium ist es nicht,
und auf Reichhaltigkeit dieses Abschnittes darf man nicht rechnen.
Zunächst die prähistorische Therapie. Die wird uns in einigen
überaus reizvollen Exemplaren geschildert. Da ist zunächst noch
aus den Fabeltagen der Menschheit, wo Halbgötter und Halb-
menschen auf bunten Wiesen sich tummelten, einem Satyr ein
Malheur passiert. Beim Springen muĂźte er es erfahren, daĂź sein
Halbbruder, der Pan, mit seinen BockfĂĽĂźen besser daran war als er.
Er hat sich den Dorn tief in den rechten FuĂź gestoĂźen, als er, durch
den WeingenuĂź etwas angeheitert, herumtummelte. Aus dieser pein-
vollen Situation befreite ihn der Pan, der mit sachverständiger
Miene den FuĂź untersucht und mit spitzen Fingern den Dorn
herauszieht (s. Fig. 360).
Rieh er bildet aus dem Louvre die gleiche Szene ab. Doch ist
die Komposition eine andere. Hier krĂĽmmt sich, auf einem Stein-
fels sitzend, ein Mensch. Seine Gesichtszüge verraten den größten
Schmerz. Ein junger Pan sitzt gemĂĽtlich vor ihm und zieht mit
Vorsicht aus dem ĂĽber das rechte Knie gelegten linken FuĂź den
Holländer, i'laslik und Medizin.
482
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
Dorn. Auch hier muß man wohl bei der Häutigkeit solcher Dar-
stellungen daran denken, daĂź ein bestimmter mythologischer Vor-
gang eine Schilderung erfuhr.
BerĂĽhmter noch als diese Darstellung ist die Antike-Bronze
des Dornausziehers, von der es eine ganze Reihe Repliken gibt.
Die kapitolinische Bronze wird wohl als Original angesprochen.
/''W'f. AĂĽtuiri.
Fig. 360. Pan einem Satyr einen Dorn ausziehend.
Hier sehen wir einen Knaben damit beschäftigt, sich einen Dorn
selbst aus dem l'uße zu ziehen. Die ganze Komposition verrät
bereits eine groĂźe Meisterschaft. Die aufgeworfenen Lippen sind
ein charakteristischer Zug fĂĽr die gespannte Aufmerksamkeit und
die Behutsamkeit des kleinen Operateurs. Ăśber diese an und fĂĽr
sich einfache Darstellung existiert bereits eine größere Literatur.
Die Archäologen haben angenommen, daß das liebenswürdige Motiv
die Genredarstellung allein noch nicht erkläre und daß wohl ein
DER DORNAUSZIEHER.
483
besonderer AnlaĂź vorgelegen haben mĂĽsse fĂĽr die Entstehung
dieser doch immerhin fĂĽr die Antike auffallenden Szene. Friede-
rich-Wolters') wiederholt die Vermutung, es sei ein Knabe, der
sich im Wettlaut einen Dorn in den I'\iĂź getreten und trotzdem
noch siegte; er weist auf den Mythus hin, der z. B. von Lokros
erzählt wird, daß ein Orakelspruch diesem als Gründungsstelle einer
.ipitol.
Fig.
Dornausziehen. Antike Bronze.
Niederlassung den Ort angewiesen habe, wo ihm eine Dornver-
letzung zustoĂźen wĂĽrde. Die Entstehung dieser Bronze aus dem
Konservatorenpalast wird in das 3. Jahrhundert gelegt. Das alte
Motiv aber wird später durch Wiederholung, namentlich in Marmor,
der Form der späteren Kunst angepaßt. Aus der Reihe von Er-
') Die GipsabgĂĽsse antiker Bildwerke Friedericli-Wolters, Berlin 1885.
484 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^
klärungen dieses Falles von natürlicher chirurgischer Selbsthilfe
erwähne ich die von Svoronos, der in diesem Knaben einen Gott
aus dem Kreise der Heilgötter, einen jungen Podalleirios sieht; dieser
geistreiche Autor hat ja auch den Versuch gemacht, das beliebte
Gegenstück, den mit der Gans kämptenden Knaben, für einen anderen
Sohn des Heilgottes Janiskos auszugeben. Für uns wäre die Be-
stätigung dieser Hypothese natürlich eine willkommene Bereicherung
unseres medizinischen Pantheons.
Von den wunderbaren Heilhandlungen des Asklepios dĂĽrfen wir
schon deshalb keine größeren statuarischen Werke und plastischen
Erinnerungen erwarten, weil der Gott ja selbst in den allerwenigsten
Fällen selbsthandelnd auftritt. Die Votivreliefs selbst zeigen meist
nur den Dank. Eine Heilhandlung als solche (welche sogar nach
Svoronos in einer Trepanation besteht) zeigte uns das S. 122,
Fig. 36 abgebildete Relief mit der Kopfoperation eines auf einer
Kline Liegenden durch einen Gehilfen.
Aut demselben Boden einer primitiven Therapie stehen einige
andere mythologische Szenen. Bekannt ist auch durch Richers
Reproduktion der gravierte antike Stein, auf dem wir den ver-
wundeten Philoktet sehen, wie er mit dem FlĂĽgel eines
großen \'ogels seinem wunden Bein Kühlung zufächelt. Es ist
zweifelsohne eine groĂźe Kunstleistung, in den kleinsten Rahmen
einer Gemme so viel Stimmung hineinzulegen. In der Ilias (XI,
313) wird erzählt, daß die Wunde, die sich dieser Heros auf
diese Weise zuzog, einen derartig unerträglichen Fötor verbreitete,
daß ihn seine Genossen auf der öden Insel Lemnos im Stich
lieĂźen; erst nach 9 Jahren wurde er durch Odysseus zurĂĽck-
geholt und durch Machaon geheilt. Auf Vasenbildern und Spie-
geln wird uns gelegentlich der verletzte oder hinkende Philoktet
vorgefĂĽhrt.
Als dritte Stute ärztlicher Therapie kommen wir zu der Dar-
stellung von Heilhandlungen zur historischen Zeit. Da wird das
Material nun ein ganz auffallend dĂĽrftiges. In der Nekropole von
Sakkärah entdeckte Loret Reliefs von chirurgischen Operationen
OPERATIONSSZENEN.
485
Xack dem Orig-.-Xcgat. von Jean Capari.
Fig. 362. Operationsszenen. Nekropole von Sakkärah.
486 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^
am Grabe eines hochstehenden Bediensteten eines Königs aus der
sechsten Dynastie, ungefähr 2500 v. Chr., an den Türpfosten des
Einganges. Von den sieben Gruppen ist die erste, vierte und fĂĽnfte
stärker beschädigt. Diese Szenen wurden von W. Max Müller')
zunächst beschrieben.
Als Kulturdenkmal ersten Ranges imponiert hier die von uns
abgebildete Beschneidung, deren zwei Szenen wiedergegeben werden.
In beiden Fällen sitzt der Operateur und arbeitet mit einem großen
Messer. Bei der ersten Szene werden dabei, wegen der Schmerz-
haftigkeit, dem Jüngling die Hände vor dem Gesicht festgehalten,
damit er den blutigen Vorgang auch nicht sehe. Beim zweiten
Akt stĂĽtzt der JĂĽngling die Linke auf dem Kopfe des Operateurs,
der die Worte sagt: »Ich werde dir gut tun.« Der Jüngling er-
widert: »Arzt, das wird vortrefllich sein.« Die andere von uns
gebrachte Szene zeigt einen Knieenden zwischen zwei anderen in
derselben Stellung, von denen jeder eine der beiden Hände des
Mittleren erfaĂźt hat. Es ist dabei von Interesse, daĂź der auf dem
Relief noch erhaltene Operateur dem Patienten den RĂĽcken zudreht,
während der andere durch den Bruch des Steines verloren ge-
gangene, offenbar den Patienten nur festgehalten hat. Darunter
sehen wir, wie ein Operateur die rechte Hand des Patienten nimmt
und an ihr eine Operation vornimmt. Daneben ist eine Szene ge-
schildert mit einer FuĂźoperation. Oberhalb der Beschneidungsszene
scheint ein auf einem Schemel sitzender Operateur eine Massage
an einem r. Beine auszuĂĽben. Daneben versucht ein Operateur mit
einem Instrument am RĂĽcken eines gleichfalls sitzenden Kranken
vielleicht einen Abszeß zu eröffnen. Die naheliegendste Erklärung,
daß hier ein königlicher Leibarzt seine letzte Ruhestätte mit Szenen
aus seinem Berufsleben hat schmücken lassen, wird von den Archäo-
logen aus GrĂĽnden, die wir hier nicht diskutieren wollen, als un-
wahrscheinlich bezeichnet.
') W. Max MĂĽUer, The earliest representations of surgical Operations. Egyptological
researches, results of a Journey in 1904. Washington, D, C: Published by the Carnegie
Institution of Washington, June 1906, s. auch Jean Capart, Une rue de tombeaux a
Saqqärah, Brüssel 1907.
OPERATIONSSZENEN.
487
F'g- 363. Operationsszenen aus einem Grabe von Sakkärah, 2500 v. Chr.
488 HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
Dann kommt wieder eine groĂźe Pause, bis wir wieder plasti-
sche Darstellungen dieser Art aus historischer Zeit finden. Das
nächste Beispiel ist die Darstellung römischer iVIilitärärzte.
Zusa>n»iengeseizt »ach Cichorius.
Fig. 364. Römischer Militäiverbandplatz. Trajanssäule.
Da finden wir auf Schlachtenbildern die Rettung und Bergung
von Verwundeten und Toten.
Das berühmteste Beispiel ist die Darstellung römischer Militär-
ärzte auf dem Verbandplatze. Diese Stelle von dem Relief der
Trajanssäule ist vielfach reproduziert, leider ist gerade die Szene
RÖMISCHE MILITÄRÄRZTE. _|89
bei Cichorius^), nach dem wir auch die Abbildung zusammen-
setzten, in zwei Teile gerissen.
Hören wir die genaue Schilderung dieses Autors: »Im \"order-
grunde sitzen zwei verwundete Römer aut felsigem Boden, links ein
Legionär mit Panzer, aber ohne Helm, der sich mit der rechten Hand
auf den Felsen stützt, während ihn ein anderer Legionär mit beiden
Orig.-Ait/n. nach dem Gipsahgu/s
I^'g- 365. Vase aus Elektron (4. Jahrh. v. Chr.), Bandagierung.
Armen unter die Schultern gefaĂźt hat, und ein dritter Soldat, der
mit bracae tunica, Zackenkoller, forcale, Helm und balteus bekleidet
ist, seinen linken Arm vorsichtig an der Achsel und an der Hand
hält. Rechts davon sitzt, nach links gewandt, mit vor Schmerzen
verzerrtem Gesicht ein Auxiliar in der ĂĽblichen Uniform, mit der
linken Hand stĂĽtzt er sich auf den Felsen. Das rechte Bein ist
gerade ausgestreckt, und die linke groĂźe Zehe ist nach oben ge-
') Conrad ("ichorius, Die Reliefs der Trajanssäule, Berlin 1S96, Tafelband I, 30/31, 102/103.
490
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
krĂĽmmt; der rechte Arm und die linke Hand ruhen auf der Schulter
des links stehenden Arztes. Dieser beugt sich nach vorne ĂĽber den
Verwundeten und wickelt um dessen Bein eine Rolle, die er mit
der rechten Hand umfaĂźt und nach der er mit der linken Hand
unter dem Bein des \'erwundeten weg greift. Der Arzt trägt caligae
bracae, doppelte tunica, ein ganz kurzes, vielgezacktes Koller, for-
cale, Helm ohne Nackenschild, und der baltcus mit teilweise zer-
Orig.-Atifrt nach dein Gipsabgu/s.
Fig. j66. Mundoperation.
störtem kurzen Schwert, dessen Knaut am rechten Oberarm sicht-
bar ist.«
Cichorius sieht in der Darstellung einen militärischen \'erband-
platz hinter der Schlachtlinie; dorthin werden die Verwundeten
zurĂĽcktransportiert. Diesem Autor ist es schon autgetallen, daĂź
der Arzt die Leinwandrolle ĂĽber den Hosen anlegt, statt auf der
bloßen Haut. Die Erklärung liegt wohl in dem Wunsche, die starke
MILITÄRISCHER VERBANDPLATZ.
491
Blutung möglichst schnell zu stillen. Der verwundete Legionär ist
ein Nationalromer, der seinen Schmerz verbeißt, während der pere-
grine Auxiliar nicht nur ein vor Schmerz verzerrtes Gesicht zeigt,
sondern auch noch durch die KrĂĽmmung der groĂźen Zehe Zeichen
seines Zusammenbruches gibt. Es ist behauptet worden, daĂź die
von Dio berichtete Historie, wonach der Kaiser Trajan seine eigene
Garderobe als Verbandzeug hergegeben habe, hier ein plastisches
Denkmal gefunden habe; das ist aber unwahrscheinlich, weil diese
Fig. 367. Aryballos i.Peytel«.
Szene sich in der ersten Schlacht (bei Tapae) gegen die Dakier
ereignete.
Solche Szenen mit Hilteleistungen während des Kampfes linden
wir namentlich auf Sarkophagen. Eine besonders glückliche Lösung
des Abtragens \'erwundeter aus dem SchlachtgetĂĽmmel finden wir
z. B. aut einem Sarkophag des Stambuler Antikenmuseums. Wenn
wir nun nicht ganz leer ausgehen wollen und einige antike Schil-
derungen der vorzeitig beliebten Heilverfahren vor Augen fĂĽhren
wollen, so mĂĽssen wir uns schon wieder an die Vasenbilder
wenden. Nachdem wir noch einmal einen Blick geworfen haben
492
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
auf das interessante Grabrelief in London (s. S. 461), wo wir
sogar so weit gehen können, von einer Untersuchung durch
einen MagenspeziaHsten zu sprechen, wenden wir uns einigen
Schilderungen zu , welche uns in die Werkstatt der antiken Chir-
urgie fĂĽhren.
Im Jahre 1830 fand man bei der Ă–ffnung eines groĂźen Grab-
hügels, Kul-Oba genannt, in der Krim einen ungewöhnlich reichen
Schatz^), der sich jetzt in der Petersburger Ermitage befindet. Uns
interessiert eine kleine V'ase von WeiĂźgold (Elektron) mit einem
Relief aus getriebener Arbeit. Diese wahrscheinlich aus dem 4. Jahr-
hundert stammende griechische Arbeit zeigt uns Gruppen von Skvthen
im Gespräch oder in kriegerischer Beschäftigung. Das eine Paar
stellt nun ^^'ohl die am besten erhaltene Schilderung eines Ver-
bandes dar; sowohl die technische Seite der Bandabnahme oder
Bandanlage ist eindrucksvoll geschildert, als der Schmerz des \'er-
wundeten vortrefflich charakterisiert. Bei dem anderen Paare sieht
man einen iMann in der Tracht der Skvthen, wie solche jetzt noch
im südlichen Rußland üblich ist, einem anderen in den geöffneten
Mund fassen; auch hier ist der Untersuchte mit seiner Besorgnis
vor Schmerz drastisch geschildert. Ob es sich darum handelt,
daĂź ein Zahn gezogen wird oder ob hier nur eine Untersuchung,
vielleicht einer Verletzung, geschildert werden sollte, steht dahin
(s. Fig. j6) u. 366).
In der Fondation Eugene Piot 1896") hat E. Pottier eine uns
besonders interessierende \'ase der Privatsammlung Pevtel ab-
gebildet und beschrieben und gleichzeitig weitere acht griechische
Vasenbilder zusammengestellt, welche durch ihren Inhalt sich als
Szenen der Antikentherapie kennzeichnen. Weitaus im Vorder-
grunde unseres Interesses steht ein Arvbailos, welcher nach Pot-
tiers Auflassung einen Einblick gewähren soll in eine griechische
') Antiquites du Bosphore Cimmerien Taf. 13 1—3; ferner Jean Heitz, Note sur un
vase grec de rErmitage ou sont figurees des Operations chirurgicales. Nouvelle Iconogr. de
la Salp. 1901.
-) Fondation Piot, Monuments et ML'moires, Paris 1906, une clinic]ue grecque au Ve siecle
von E. Pottier.
KRIEGSCHIRURGIE.
493
494
HYGIENE UND HEILHANDLUNG.
Klinik des 3. Jahrhunderts; Adolf Kronfeld, der sich gleichfalls
mit der Studie Pottiers beschäftigt hat, sagt mit größerem Recht
»Poliklinik«. Wir folgen hei der Betrachtung dieser interessanten
Ă–l- und Parlumflasche dem Monumentalwerke, dem wir auch die
Abbildung entnommen haben. Die beiden Eroten, welche wie
Schwimmer dahinfliegen, gehören wohl nicht zur Sache. Beginnen wir
mit der leider am meisten lädierten Figur des jungen Arztes, welcher
in der Mitte des Rundbildes dasitzt, leicht gekleidet in ein Himation;
ein rotes Band hält seine schwarzen Haare zusammen. Die Füße
hat er unter seinem Lehnsitz gekreuzt. Pottier nimmt nun an,
daß die Handbewegung des Arztes darauf schließen läßt, als wenn
er oberhalb des Handgelenks dem Klienten ein Band umwickeln
wolle. Es sei allerdings die weiĂźe Retusche des \'erhandes ver-
loren gegangen. Aus der vorliegenden Zeichnung aber scheint mir
das ebensowenig ersichtlich, wie aus der Photographie der ganzen
Vase, da die Haltung des linken Armes des Arztes eine solche
Einwicklung unmöglich macht. Dann würde er ja den eigenen
Arm mit einwickeln. Es wäre bei dieser Handstellung nur eine
zirkuläre Entwicklung am Oberarm möglich. Dagegen spricht die
Daumenstellung der linken Hand. Unzweifelhaft ist der Moment
der \"enaesectio geschildert. Vor der Gruppe steht ein groĂźes
Bronzegefäß, welches wir schon von den Bädern her kennen.
Die Stellung des nackten Patienten, welcher sein Himation wie
einen Mantel ĂĽber die linke Schulter geworten hat, drĂĽckt aut
der einen Seite eine gespannte Erwartung, aut der anderen Seite
ein gewisses ängstliches Zurückweichen aus. An seinem linken
Handgelenk hängt ein rotgefärbtes Armband, welches offenbar eine
Art von Amulett vorstellt. Hinter diesem Klienten sitzt nun ein
zweiter mit entblößtem Oberkörper, der sich mit der rechten Hand
auf einen langen Stock stĂĽtzt. Die linke Hand ruht ausgestreckt auf
den Knien. In der Höhe des Biceps ist dieser Arm durch ein weißes
Band kreuzweise verbunden. Dieser Klient trägt sein rotes Amulett-
band am linken Beine. Hinter diesem steht wiederum das ziemlich
zerstörte Bild eines Mannes, welcher an einer roten Blume riecht.
VASENBILDER MIT HEILSZENEX.
495
Aut der anderen Seite stĂĽtzt sich ein Mann mit gekreuzten Beinen
auf einen Stock; er scheint mit dem kleinen difformen Menschen,
der vor ihm steht, im Gespräch zu sein. Der große Mann zeigt
ĂĽber die Brust gekreuzt die Reste einer weiĂźen Bandage. Der
kleine Mann zeichnet sich durch seine groteske Häßlichkeit aus
und erinnert sotort an das Aussehen der von uns charakterisierten
Zwerge. Im Gegensatz zu dem typischen griechischen Protil zeigt
er eine eingefallene Stumplnase und die für diese Köpfe tvpische
fliehende Stirn. Sein massiver Leib ist stark behaart und seine
Genitalien inhbuliert. Aut dem Rücken trägt er, wie Pottier an-
nimmt, einen Hasen, der beinahe so groĂź ist wie er selbst, das
offenbare Geschenk tĂĽr di::n Arzt. Zwischen ihm und dem antiken
Kollegen bewegt sich nun noch eine Gestalt mit einer gewissen
^'orsicht an einem Stock. Um das linke Bein zieht sich kreuzweise
gestellt wieder der weiĂźe \'erband. Seine blonden Haare sind auch
mit einem roten Bändchen verziert. In der Umgebung des Arztes,
oberhalb seines Koptes, befinden sich nun mehrere Gegenstände,
welche wir mit Sicherheit als Schröpfköpfe ansprechen müssen. Zur
Erklärung dieser Szenerie übergehend, stellt zunächst der erste Be-
schreiher mit HĂĽte \on Pozzi fest, daĂź hier natĂĽrlich die ange-
legten Verbände keine A'erstauchungen oder Frakturen signalisieren
sollen, sondern es sind Aderlaßverbände. Es ist ja hinlänglich be-
kannt, daĂź Hippokrates, Galen, Celsus den AderlaĂź kannten und
ausĂĽbten. Das hohe Alter dieses volksmedizinischen Eingriff"es geht
schon aus der Behauptung des Plinius hervor, diese Technik habe
das Nilpferd der Menschheit gezeigt, da es sich gelegentlich an
scharten Pflanzenblättern selbst zu Ader lasse. Man ließ zwar mit
^'orliebe am Arm, doch auch am Fuß in der Knöchelgegend zur
Ader. Auch die Erklärung Pozzis, daß der Klient mit der Brust-
bandage off"enbar blutig geschröpft sei, erscheint plausibel. Das
Alter des jugendlichen Arztes, im Gegensatz zu den BĂĽrgern im
richtigen Mannesalter, ist Pottier aufgefallen. Er erklärt die Jugend
des Operateurs, indem er ihn gewissermaĂźen als Assistenten eines
größeren Arztes hinstellt, der die feste Hand der Jugend benutzt,
496 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ®
um seine Operationen auszufĂĽhren. Denn nach Celsus mĂĽsse der
Chirurg jugendHch sein. Den grotesken Zwerg faĂźt Pottier als
Sldaven und Bedienten des Arztes auf, dessen Körperzustand der
Arzt gewissermaßen zu Studien benutzt haben könnte, und als
Reklame im Sinne des Gegensatzes. Doch weist auch Pt)ttier
ausdrücklich auf die auch von uns erwähnte prophylaktische und
abwendende Wirkung grotesker Zwerge hin. Hin solcher Sklave
mußte natürlich ein famoses Aushängeschild für einen Arzt sein. So
(/'r/^' -P/tot. iiii A'ttts. iin/t. litst., Athen.
Fig. 369. Krug mit Darstellung von Verletzungen.
geistreich auch diese Hypothese ist, so wĂĽrde man schlieĂźlich auch
ohne alle andere Erklärung sich über die Anwesenheit einer derartigen
Figur im Sprechzimmer eines Arztes nicht wundern. Vergleicht man
nun diese eingehende Schilderung des französischen Gelehrten mit
der von ihm abgebildeten Originalphotographie des Aryballos, so
drängt einem sich ordentlich die Frage auf, wieso der Autor die so
naheliegende Auffassung nicht ausgesprochen hat, daĂź der Arzt
gerade im Begriff ist, einen AderlaĂź auszulĂĽhren. Alles spricht
doch in der Haltung des Arztes und der Klienten fĂĽr diese Hand-
VASENBILDER.
497
lung. Die Stellung der Hand und namentlich des linken Daumens
des Arztes zeigt das feste Zugreifen. Eine FĂĽllung der Vene, die
allerdings eine Kompression oberhalb zur Voraussetzung hätte,
scheint sogar auf der Photographie des Originalkruges angedeutet.
Was fĂĽr mich aber am meisten dafĂĽr spricht, das ist die Stellung
des Klienten, der sich etwas tĂĽrchtct und scheinbar von dem Arzt
Ori^.-Phot. des Kais. arch. liist . Athen.
Fig. 370. RĂĽckseite von Figur 369.
abstrebt; dann noch zu seinen FĂĽĂźen der Louter zum Auttangen
des Blutes.
Noch ein zweiter Punkt bedarf der Erklärung. Wie aus der
Photographie ersichtlich ist, hängen an der Wand Schröpfköpte.
Sollen das wirkliche Schröpfköpfe sein oder analog dem Messing-
becken unserer heutigen Barbiere ärztliche Firmenschilder? Für das
erstere spricht die Mehrzahl der Instrumente, tĂĽr das letztere ihre
un verhältnismäßige Größe.
Derselbe Autor bespricht nun noch einen größeren Krater des
Athenischen Nationalmuseums, den er wegen der \"erbände, welche
Holländer, Plastik und Medizin. 3-
498 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^
mehrere der Personen tragen, dieser Gruppe zuzählt. Ich habe
diesen Krug zusammen mit dem Ephoren Stais genau untersucht,
kann aber nicht zu demselben Resultate wie Potticr kommen.
Zunächst ist die Zeichnung und die ganze Aufmachung dieser Ke-
ramik eine recht flĂĽchtige und minderwertige. Die Figuren sind
skizzenhaft behandelt, und alles, was man sagen kann, ist, daĂź
hier zwei Personen Bandagen am Kopfe haben, eine gleichzeitig
noch an der groĂźen Zehe, die der unglĂĽckliche Besitzer derselben
mit schmerzhafter Gebärde hochzieht. Außerdem aber befindet sich
noch eine flĂĽchtig hingeworfene Figur auf der \'ase, die sich mit
der linken Hand unter die rechte Achsel faĂźt und dabei diesen Arm
in einer Stellung hält, als wenn er verstaucht oder luxiert wäre.
Immerhin ist die Vermutung, daĂź es sich um leichtere Verletzungen
handeln möge, wie solche bei athletischen Kämpfen häufig vor-
kommen, nicht von der Hand zu weisen: um eine Heilhandlung
o
handelt es sich aber nicht; die ĂĽbrigen vorkommenden Figuren
scheinen doch darauf hinzuweisen, daĂź hier eine groteske Szene aus
einer Komödie gezeigt werden sollte.
Die anderen \on Pottier erwähnten acht Vasenbilder (s. 1. c.)
haben folgenden Inhalt:
1. Sthenelos verbindet die Hand des Diomedes. Griechische
Vase aus der Kollektion Hope. Schwarze Figuren des 6. Jahr-
hunderts; s. Reinach, Repertoire des Vases I, p. 82. Saglio Dict.
des Antiq. Fig. 1399.
2. Die Schale des Sosias, Achilles verbindet den Arm des Pa-
troklos; Abbildung s. Holländer, Medizin in der kl. Malerei
S. 173.
3. Der verwundete Telephos; s. Smith, Catalogue of the greek
and etrusk. Vases in the British Museum III, p. 247, E 382.
4. Krieger verbinden ihre Wunden, Florentiner \'ase. Nach-
ahmungen des Gegenstandes von der ficoronischen Cista. F. Behn,
Die ficoronische Cista, Leipzig 1907, p. 26, pl. II.
5. Machaon verbindet das Bein des Philoktetes, etruskischer
Spiegel in Bologna. Gerhard, Etrusk. Spiegel pl. 394.
VASENBILDER.
499
6. Verwundeter Krieger wird am Bein verbunden. Gesclinittener
Stein. Saglio Dict. Fig. 1410.
7. Militärärzte verbinden Verwundete. Basrelief von der Trajan-
säule, s. Saglio Dict. Fig. 4891 und Fröhner, Col. Trajane pl. 6-^,
s. uns. Abbildung Fig. 364.
8. Die Brust des toten Patroklos ist verbunden. Die Bandage
unterstĂĽtzt durch zwei Tragriemen. Freske von einem etruskischen
Grabe zu Vulci. Martha l'Art. etrusque p. 393, Fig. 269.
Fig. 371-
PATRONE.
DIE GROSSEN KRANKENHEILER UND DIE HEILPATRONE.
ntcr Berufung auf die Autorschaft von Adolf Harnack')
zeigten wir, daĂź im Beginn die neue Lehre einen wesent-
lichen therapeutischen Einschlag aufwies. Jesus trat
in erster Linie als Heiland auf, in seinem Namen fanden Hei-
lungen statt.
Wir zeigten terner, daĂź im dritten und vierten nachchristlichen
Jahrhundert dem Asklepioskult eine noch ungeschwächte Kraft inne-
wohnte, und daĂź auch die Tempel des Sarapis imd der Isis mit
Heilsuchenden getĂĽllt waren. Diese HeiligtĂĽmer der alexandrini-
schen Gottheiten, z. B. das Serapeum von Kanopus, erfreuten
sich in der Kaiserzeit nicht nur des Besuches von Heiden, sondern
auch von Christgläubigen und Juden (s. Petrus der Iberer und
Sophronius). Der Kaiser Julian gehörte noch zu den überzeug-
testen Verehrern des Aesculapius. Des Kaisers Zeitgenosse und
Freund, der Rhetor Libanius, war derartig von den Traumorakeln
des Gottes ĂĽberzeugt und von seinen Erfolgen befriedigt, daĂź er
sogar seinen Bruder, als er selbst nicht reisefähig war, beauftragte,
fĂĽr ihn im Tempel zu schlafen. Ein anderer Zeitgenosse Kaiser
Julians, der Rhetor Acacius, sah in der Zerstörung des Tempels
des Heilgottes eine der schwersten Schädigungen der religiösen
Interessen der Altgläubigen ; er freut sich , daß wenigstens einige
dieser Tempel von der WTit der Zerstörer verschont blieben. Die
') Adolf Harnaclc, Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte; ferner Dr. RudoK
Pfleiderer, Die Attribute der Heiligen, Ulm 1S9S. Die Anfänge des Heiligenkults in der
christlichen Kirche von Ernst Lucius, 1904, TĂĽbingen. Die Patronate der Heiligen von
Dietrich H, Keller, Ulm 1905. J. E. Wessely, Iconographie Gottes und der Heiligen,
Leipzig 1874.
KOSMAS UND DAMIAN. 50I
neuplatonischen Philosophen waren im 3. Jahrhundert noch die
eifrigsten Verehrer des letzten Olympiers.
Diesem ausgedehnten Kult der Heilgötter gegenüber war es für
die neue Kirche ein aussichtsloses Unternehmen, den Glauben an
das Vorhandensein höherer Mächte, welche Kranken Heilmittel
offenbarten, einfach zu nehmen; in kluger Berechnung begnĂĽgte
man sich damit, die bisherigen Heilgötter durch christliche Märtyrer
zu ersetzen. »Mit der größten Leichtigkeit«, sagt Lucius, »hat sich
daher auf dem Wege des ĂĽbernatĂĽrlichen Heilwesens der Ăśbergang
von der alten zur neuen Religion vollzogen.« In den Heilungs-
geschichten des 6. Jahrhunderts sieht derselbe xA.utor eine lehrreiche
Ăśbereinstimmung mit den Lmiata des klassischen Altertums. Kranke,
die bisher vergeblich bei Ärzten Genesung suchten, schliefen in den
Kirchen, wo ihnen der Heilmärtyrer erscheint und ihnen meist
irgendeine Kur verordnet, gelegentlich aber sich auch veranlaĂźt sieht,
selbst Hand anzulegen. Die Zahl der Märtyrer, auf welche die
Tradition der antiken Heilgötter überging, ist eine bedeutende.
Besonders klar liegt z. B. diese Umwandlung bei der hl. Agatha
(iMartvrium 232 p. Chr.). Sie wurde gemartert und ihre BrĂĽste
abgeschnitten, weil sie sich angeblich der Begehrlichkeit des Gou-
verneurs Quintian widersetzte. Begraben liegt sie nämlich in Catania,
einem Platze, wo schon seit alters der Dea bona groĂźe BrĂĽste ge-
opfert wurden, als der Spenderin des warmen Regens.
KOSMAS UND DAMIAN.
Einen Ruf, der die Grenzen eines Lokalkultus ĂĽberschritt,
machten sich nur wenige Märtyrer, unter ihnen an erster Stelle das
BrĂĽderpaar Kosmas und Damian'). Hs ist fĂĽr uns gleichgĂĽltig,
ob diese Märtyrer den Asklepios beerbten oder ob, wie Deubner
das annimmt, sie die Heiltätigkeit eines anderen klassischen Brüder-
paares der göttlichen Dioskuren fortsetzten'). Der Grund der Vor-
'} Kosmas und Damian von Ludwig Deubner, Leipzig und Berlin 1907.
2) Der Heilige aber, der selbst den Xamen des Asklepios erbte, Saint Asciepe, Bischof
von Limoges (VIU. Jahrh.) wurde frĂĽher noch gegen Blutung angerufen, ist aber ganz vergessen.
302 DIE INKUBATIONSHEILIGEN.
Herrschaft dieser Araber liegt wohl in der Tatsache, daĂź sie ihr
Glück durch einen hohen Klienten machten. Als nämlich der Kaiser
Justinian so schwer erkrankt war, daß er von den Ärzten bereits
aufgegeben war, erschienen ihm die Heiligen und retteten ihn auf
wunderbare Weise. Ein Kaiser aber, dessen Person im Mittelpunkte
der damaligen Welt stand, war schon in der Lage, einem Kulte
eine außergewöhnliche Bedeutung zu geben. Nicht nur in der
Reichshauptstadt erstanden Kirchen, nicht nur hier wuchs ihr Ruf;
sie kurierten nach dem alten Rezepte; unter verschiedenen Gestalten
erschienen sie; in beinahe allen Fällen verordneten sie sonderbare,
selbst widersinnige Kuren, sie heilten auch durch Handauflegung.
Aus Dankbarkeit hat ĂĽbrigens der Kaiser Justinian nicht nur den
beiden Heiligen Kirchen bauen lassen, sondern die Stadt Kyrrhos
in Nordsvrien, in der diese arabischen Ärzte ano-eblich beoraben
waren, befestigt, mit herrlichen Bauten geschmĂĽckt und ihr eine
Wasserleitung gegeben.
Über die Herkunft der Brüder, welche die Patrone der Ärzte
wurden, schwebt ein völliges Dunkel. Doch nicht nur Dunkelheit,
sondern greulicheVervvirrung, da die griechische Kirche drei Heiligen-
paare des gleichen Namens kennt; eines stammt aus Asien, ein
zweites Paar aus Rom, ein drittes aus Arabien. Ihr Fest fällt am
I.November, am i. Juli und am 17. Oktober. Nach Deubner
ist es kein Zweifel , daß die Asiaten das älteste und bedeutendste
Brüderpaar sind. Der »Verfertiger« ihres Lebens weiß ihm indi-
viduelle Schattierungen zu geben ; sie werden nach Anerkennung
des Christentums als Staatsreligion geboren. Ihre Mutter Theodote
ist eine fromme Frau und unterweist die Söhne in der Heiligen
Schrift, aber der Heilige Geist verleiht ihnen die ärztliche Kunst, sie
heilen umsonst Menschen und Tiere. Unter den geheilten Kranken
befand sich eine Frau namens Palladia; diese bestĂĽrmte unter furcht-
baren SchwĂĽren den hl. Damian, daĂź er wenigstens drei Eier als
Lohn für seine ärztliche Tätigkeit annehme. Damian gibt nach,
erregt aber dadurch den heftigsten Unwillen des Bruders, der im
Todesfalle sogar getrennt von Damian bestattet zu werden verlangt.
KOSMAS UND DAMIAN. 503
Gott ändert im Traum den Sinn des Kosmas, aber die Heiligen
sterben, ohne daß Kosmas seine Sinnesänderung kundgibt. Als
nun groĂźe Ratlosigkeit unter dem versammelten Volke herrscht, er-
scheint ein von Kosmas geheiltes Kamel und berichtet mit mensch-
licher Stimme, daĂź der Herr die Heiligen beieinander zu bestatten
befehle. Dies geschieht auch, und ihre Gräber bewähren sich als-
bald durch die Fortsetzung von Wundertaten.
Nach Deubner ist dieses alles reine Erfindung, einzig real
vielleicht der Name des Begräbnisortes Pelusion, denn diese ägyp-
tische Stadt rechnen die Griechen noch zu Asien. »Was sie aber
als lebensfähig hatten, das wurde ihnen als Erbteil der Söhne des
Zeus.« Auf eine volle Anerkennung als anargyroi, d. h. Gratis-
heiler, durften sie jedoch, namentlich in Rom, nur rechnen, wenn
die Märtyrerkrone noch als Nimbus ihr Haupt verherrlichte. Der
ruhige Tod der Asiaten genĂĽgte nicht, und so kam noch das so-
genannte römische Martyrium hinzu. Die Heiligen werden beim
Kaiser Carinus oder auch Maximian verleumdet, vor ihn gefĂĽhrt
und mit Foltern bedroht; sie drehen ihm aber durch ihr Wort den
Kopf nach hinten herum, der Kaiser wird von ihnen sodann gerettet
und bekehrt. Trotzdem aber werden sie auf einen Berg gefĂĽhrt
und durch Stein würfe getötet. Das sogenannte arabische Mar-
tvrium ist ein nach dem ĂĽblichen Schema angefertigtes Elaborat
und soll in Anlehnung an die Legende des h. Zenobius und der
h. Zenobia entstanden sein. Die Heiligen blieben inmitten des Scheiter-
haufens unversehrt, das Feuer wurde vom Winde weggeblasen und
verbrannte einige der Umstehenden. Auch die Tortur ĂĽberstanden
sie ohne irgendwelchen Gliederbruch, dann wurden sie an das Kreuz
senaeelt und gesteinigt, doch die Steine flogen ebenso wie die
Pfeile auf diejenigen zurĂĽck, welche sie geschleudert hatten; schlieĂź-
lich wurden sie geköpft. Ihr Martyrium ist übrigens in einer Bilder-
serie in der Florentiner Galerie von Pesellino gemalt. Von den
vielen Wundertaten, die sie verrichteten, machte sie folgende zu
Patronen der Chirurgen'). Ein Mann, welcher Krebs am Beine
') S. bei Du Broc de Segange, vgl. S. 515.
5^4
PATRONE.
Phot. Alittari. Florenz, ^lediceerK-af>eUt\
Fig. 372. Der h. Kosmas von Montorsoli.
hatte, ging in ihre Kirche zu Rom und betete; er schhef auch bald
ein, und die Heihgen er.schienen ihm. Der eine hiek in der Hand
KOSMAS UND DAMIAN.
505
Fig.
Phot. Alinari. Florenz, Hh-iiuYtil-ctj^t-iir.
Der h. Damian von Raffaello da Montelupo.
eine Salbenbüchsc, der andere ein Messer. »Auf welche Weise ver-
fahren wir,« sagte der h. Kosmas, »um das Bein zu ersetzen,
wenn wir es abgeschnitten haben?« »Man bringt soeben zum Be-
3o6
PATRONE.
gräbnis einen Mauren nach St. Peter,« antwortete Damian, »nehmen
wir sein Bein, es wird dieses hier ersetzen.« Wie gesagt geschah,
und bei seinem Erwachen war der Kranke geheik, nur hatte er ein
schwarzes Bein. Er erzählte seinen gehabten Traum, man hef eihgst
zum Grabe des Mauren, und da dieser ein weiĂźes Bein hatte, so
war die Intervention der HeiHgen zweifelsohne sichergestellt. Diese
Szene ist mehrfach, namentlich von den alten Holländern so rea-
listisch geschildert, als wenn eine moderne chirurgische Trans-
plantation ausgeführt worden wäre.
Ihre berĂĽhmteste Kirche wurde ihnen am Forum Romanum,
angeblich auf den TrĂĽmmern des Tempels von Romulus und
Remus, nach anderen aut dem der Dioskuren, im Anfange des
6. Jahrhunderts vom Papste Felix geweiht. Das BrĂĽderpaar war
schon vor der Wiedereroberung Italiens durch Justinian aus dem
Orient eingefĂĽhrt. Bereits um 400 gab es eine ihnen geweihte
Kapelle bei Aleppo; ein Ritterorden zu Ehren der Heiligen wurde
in Palästina gestiftet. Schon im 6. Jahrhundert wird eine Kirche
ihres Namens in Jerusalem erwähnt, eine solche besaß schon im
3. Jahrhundert Kyrrhos, welche Stadt, wie wir bereits erwähnten,
den Anspruch erhob, die Gebeine der Heiligen zu besitzen.
Betrachten wir die Embleme dieser Ärztepatronc. Als nicht miß-
zuverstehendes Attribut erwähnt Pfleiderer den Schlangenstab des
Kosmas; meist werden sie dargestellt jugendlich, bartlos, in langer
Robe mit Pelzbesatz und Mütze, in der Hand ein Arzneigefäß, Urin-
glas oder Pflasterspatel, seltener andere chirurgische Instrumente. Als
Ortspatronate bezeichnet Kerler: Böhmen, Essen, Florenz, Goslar,
Prag, Salamanca, Zürich. Sie sind die Patrone der Apotheker, Ärzte,
Ammen, Bandagisten, Barbiere, Bruchärzte, Chirurgen, Drogisten,
Friseure, Krämer, Wachszieher, Zuckerbäcker und Schacherer.
Größere monumentale Statuen der Brüder von künstlerischem
Wert sind sehr selten. Als Schutzheilige der Mediceer befinden
sie sich in deren berĂĽhmter Florentiner Kapelle, wie diese ja auch
Florentiner MĂĽnzen mit ihnen schmĂĽckten.
Dort neben den gigantischen Schöpfungen des Michelangelo in
KOSMAS UND DAMIAN.
507
der Sas;restia nuova, neben einer unvollendeten Madonna des Meisters
steht Damianus von Raftaello da Montelupo und Kosmas von der
Phot. Allnari.
tig- 374- Mosaikljilder des Kosmas und Damian in der nach ihnen yen. Kirche zu Rom
(6. Jahrh.).
Hand des Mitarbeiters Michelangelos an der Figur Giulianos Fra
Giov. Angiolo da Montorsoli. Sie waren als Schmuck des Grabmals
Lorenzo il Magnifico ursprĂĽnglich bestimmt (s. Fig. 372 u. 373).
5o8
PATRONE.
Die Statuen in der Alediceergruft geben ein ZwillingsbrĂĽderpaar
von groĂźer WĂĽrde, aber ohne besondere Charakteristik. Sonst
wird noch ihr Martyrium geschildert, oder wie sie Kranke unent-
geltlich kurieren. Ich erinnere an die Gemälde im Städelschen
Fig- 375- Italien. Renaissance. Der h. Kosmas.
Institut von Roger van der Weyden, von Carreno de Aliranda in
der Eremitage zu Petersburg oder an die Florentiner Bilder von
Lorenzo und Pesellino, als Begleiter der Madonna von Robusti
in Venedig, ferner an das Votivbild von 13 12 mit Bezug auf die
Pest von Venedig von der Meisterhand Tizians.
§§ DER H. ANTONIUS VON PADUA. 509
Aus dem \'crglcich dieser verschiedenen \"ersuche, Persönlich-
keiten zu prägen, erkennen wir das künstlerische Fiasko dieser
Nachfolger der Dioskuren. Betrachten wir ihre ersten Darstellungen,
so erkennt man schon die Verlegenheit der KĂĽnstler, aus der Legende
der verschiedenen BrĂĽder etwas Einheitliches zu schaffen. Man
benutzte ihre arabisch-asiatische Herkunft und gab ihnen ein orien-
talisches Gepräge. So finden wir sie dargestellt auf einem musivi-
schen Bilde in ihrer ersten römischen Kirche neben dem Kirchen-
stifter, dem Papst Felix. Von unschöner Gestalt, schwarzbärti^,
großäugig (s. Fig. 374).
Die spätere Malerei aber verläßt diesen Typus und stellt sie
jugendlich dar. Aus den oben genannten Stätten ihres Kultes
stammen die versprengten gotischen Figuren, welche die Heiligen
darstellen. Eine solche verdanke ich der gĂĽtigen Ăśberweisung des
Kollegen Daniels in Amsterdam; der Besitzer ist Professor Dr. Lanz;
wir haben eine italienische Plastik um 1300 vor uns. Ob hier einer
der BrĂĽder zur Vorstellung kommen sollte oder vielmehr nur ein
Arzt überhaupt, läßt sich schon deshalb nicht entscheiden, weil,
ähnlich wie zur römischen Kaiserzeit, bei den Ärzten die Neieune
bestand, sich unter dem Bilde und in der Stellung der Patrone ab-
bilden zu lassen.
DER HEILIGE ANTONIUS VON PADUA.
Der Wundertat der »Transplantation« steht die »Autoplastik«
des Paduaner Stadtheiligen gegenüber; der häufigen Darstellung des
Wiederansetzens eines abgeschnittenen Beines (s. Fig. 376 u. 377)
liegt folgende Legende zugrunde. Ein JĂĽngling hatte sich beim
Heiligen selbst angegeben , seiner Mutter einen FuĂźtritt versetzt
zu haben. Der Heilige bedeutete dem Manne, daĂź ein Kind, das
seine Mutter getreten habe, verdiente, daĂź man ihm den FuĂź ab-
schneide. Der BĂĽĂźer ging nach Hause und schnitt sich in seiner
tiefen Reue den FuĂź ab. Dem benachrichtigten Heiligen aber ge-
lang es, unter Gebeten Bein und FuĂź wieder zusammenzufĂĽgen
510
PATRONE.
und den JĂĽngling zu heilen. Aut dem bekannteren Hochrelief des
Tullio Lombardo in der Basihka di S. Antonio in Padua ist die
leidenschaftliche Erregung der umstehenden Zuschauer und nament-
Orig.- All/n. Berlin, Histor. Sainntluiig hii Kaiserin-Friedyich-Haus,
Fig. 376. Das Wunder des h. Antonius, Tirol. Holzskulptur.
lieh der Mutter kraftvoller zum Ausdruck gekommen , als das
Wunder selbst. Ähnliche asklepiadische Heiltat vollbrachte der
h. Eligius, wie wir sehen werden, beim Pferde.
ANTONIUSVVUNDER.
511
o
c
o
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vi
Q
c
-3
5
5 I 2 PATRONE.
ZENO UND ZENOBIA.
Dieses Geschwisterpaar zeigt in seiner Legende eine auffallende
Ăśbereinstimmung mit unseren Heilpatronen Kosmas und Damian,
aber trotz ihrer Bedeutung konnten sie in der orientalischen Kirche
doch nicht gegen das BrĂĽderpaar aufkommen.
CYRUS UND JOHANNES.
Cilücklicher in diesem Wettstreite war das Märtvrerpaar Cvrus
und Johannes, die Heiligen von Menuthis. Der spätere
Patriarch von Jerusalem Sophronius hat aus der Unzahl der
Wunderheilungen dieser Heiligen angeblich nur die ausgewählt,
die er selbst erlebt oder die er durch Augenzeugen erfuhr; ihn
leitete hei seiner Heiligengeschichte die Dankbarkeit, weil er durch
sie von schwerem Augenleiden befreit wurde. Die Beschreibung,
die wir durch Vermittlung von Ernst Lucius von dem Tempel-
leben in Menuthis zu Beginn des 7. Jahrhunderts erhalten, ent-
spricht im groĂźen und im kleinen dem, was wir von den antiken
Heilstätten des Äskulap erfuhren. \\'ie dies von Lucius historisch
belegt wird, sind wir aber diesmal nicht auf geistvolle Hypothesen
gestellt bezĂĽglich der Herkunft und der Wesensart der Heiligen,
sondern die Sachlage ist durchsichtig; in Menuthis existierte ein
alter Kult der Lsis, welche hier in unmittelbarer Nähe des Sera-
peums von Kanopus eine groĂźe Anziehungskraft als Heilerin aus-
ĂĽbte. Die neue Kirche war sich klar, daĂź es sich hier nur um eine
Personenfrage handeln konnte. Zunächst hatte man zu Ende des
4. Jahrhunderts dem heidnischen Heiligtume eine Kirche gegenĂĽber-
gestellt, doch erst der Bischof Cyrill erkannte, daĂź die alte Wunder-
täterin nur durch einen christlichen Konkurrenten gebrochen werden
könne, und aus diesem Grunde brachte er die angeblichen Reliquien
aus einem Massengrabe bei der Markuskirche nach Menuthis und
präparierte ihre Legende, nach der Cvrus bereits bei Lebzeiten ein
MARTYRERKULT.
513
Arzt gewesen sei. Schnell erwarben die Reliquien sich durch Wunder-
taten das Vertrauen der Christen, später auch der Heiden, und der
Tempel der Isis stand leer.
MARTYRERKULT.
Zum \'erständnis des Alärtyrerkultes und seines Zusammenhanges
mit der Antike erinnern wir an die Opferung von Speise und
Trank an ihren Gräbern, und an die bei denselben veranstalteten
Mahlzeiten. Die heidnische Sitte der Weihgeschenke wurde natĂĽr-
lich auch übernommen, man brachte den Märtyrern Geld und Gut
und legte aut den Gräbern gemünztes Geld und wertvolle Gegen-
stände nieder. Tieropter blieben dieselben, Ochsen und tette
Schweine wurden geopfert. Dabei kamen bedeutsame Wunder vor.
Hin fettes Schwein war vom Besitzer zurĂĽckgelassen, es lief allein
zur Opferstätte ; eine dem Heiligen gelobte Kuh findet von selbst
den Weg und bietet sich den Armen zur Nahrung an. DaĂź auch
die körperlichen Weihgeschenke die Märtyrerbasiliken füllten, haben
wir früher bereits erwähnt; sie zierten oft zu vielen Tausenden die
Wände der Tempel, sie waren aus Gold und Silber, doch auch
Ott aus Ton, denn die Märtvrer nahmen auch geringwertige Gegen-
stände gerne an als Ausdruck der Dankbarkeit; und auch darin
zeigt sich die Gleichheit menschlicher Dankesbetätigung, daß hier
und dort dem Asklepios und den Märtvrern geistige Werke von
dankbaren GemĂĽtern gestiltet wurden. Wie Aristarchus aus Tegea
als Dank tür seine Genesung das Drama »Asklepios« verfaßte, so
haben christliche Dichter Dankeslieder zum Jahresfeste ihres Heiligen
verfaĂźt. Als Gegenleistungen figurieren dann die Wundertaten, die
sie ihren Verehrern erwiesen. Solche \Wmder ereigneten sich zahl-
los, manchmal sofort, manchmal aber erst längere Zeit später,
nachdem die Kranken dem Bereiche und der Machtsphäre einer
Reliquie genähert wurden; besonders schnell ging es mit den Be-
sessenen ; wie eine brennende Flamme dringt die \Winderkraft auf
den Dämon ein, ihm derartige Qualen bereitend, daß er sich nicht
Holländer, Plastik und Medizin. 33
514
PATRONE.
länger beherrschen kann und schreit, beut, knirscht, zischt. Das
Märtyrergrab ist der Ort, an dem die Dämonen brüllen. Lucius
entnimmt den Schilderungen eines Hilarius, eines Augustin, Pau-
linus u. a. das Benehmen der Besessenen in der Kirche. Sie laufen
in der Kirche umher, umklammern den Altar, schlagen sich mit
eigenen Händen, drehen den Kopt im Kreise, beugen sich rücklings
mit dem Scheitel bis zur Erde, manchmal auch scheinen sie in der
Luft zu schweben. Dieser Bewegungstaumel entsteht durch die
Begier des gequälten Dämons, sich vom Kranken zu trennen.
Schließlich aber findet er einen Ausweg aus dem Körper; bald
durch den Mund, bald durch die Augenhöhle verläßt der Teufel
den Kranken, aut diesem Ausweg noch ein letztes Mal den Kranken
schädigend, das Auge blendend oder den Mund mit Blut und Liter
füllend. Die Teufelsgeburt förderte das Verschlucken von Staub
von den heiligen Gräbern oder von Wasser oder Öl aus der Um-
gebung des Grabes (Handel mit solchen Ă–lkrĂĽgen und Ă–lampullen
[chrismaria], die oft heilige Personen darstellten [Menas-KrĂĽge]).
Auch die ĂĽbrigen Riten entstammen heidnischer Praxis; vorher-
gegangenes Fasten, Reinigungen und \or allem der von den
Priestern angeordnete Tempelschlaf gingen dem Exorzismus voraus.
Es gab Kranke, die monatelang die hikubation fortsetzten. Pau-
linus von Nola ist von dem Gedanken an die Märtyrer so
erfĂĽllt, daĂź er vom heiligen Felix auf Schritt und Tritt sich zu
Wasser und zu Lande beschĂĽtzt fĂĽhlt; ein anderer Rhetor
Aristides! Eine neue Note, welche allerdings von klassischer
Lebensauffassung sich weltenweit entfernte, war die kultische Ver-
ehrung von Gegenständen, welche die heiligen Märtyrer besessen,
getragen oder auch nur berĂĽhrt hatten. Die Wunderkraft derselben
hatte sich eingesogen in die TĂĽcher, GewandstĂĽcke und die Knochen,
die heilige Kralt drang in das Öl ein, welches in der Nähe des
Grabes stand. Ahm schleppte die in Reliquienkästchen oder Kapseln
geborgenen Reste der Heiligen am Körper und auf Reisen mit sich
herum; es braucht nicht erst besonders betont zu werden, daĂź
diese die wirksamsten Amulette waren, die die damalige Zeit kannte.
SPEZIALPATRONE. 5 I 5
und daĂź die ReliquienhĂĽllc oft an Kostbarkeit mit der Nichtigkeit
des Inlialtes wetteiferte. FĂĽgen wir noch hinzu, daĂź die Mysterien
der ahen Zeit übergingen in die Märtyrerfeste, so haben wir den
Ring geschlossen, besonders wenn wir noch bedenken, daĂź diese
Veranstahungen namenthch zunächst mehr Volksfeste waren als
rein kirchliche.
Wir haben uns bei unserem kurzen Hinweis auf die Geschichte
der Heilmärtvrer natürlich nur auf einige Beispiele beziehen können.
Die Lehre der Patrone und ihrer Anrufung bei bestimmten Krank-
heiten ist ein Studium fĂĽr sich. Wir verweisen Interessenten auf
das Werk von Louis du Broc de Segange'). Da gibt es Hei-
ligenhilfe gegen HalsabszeĂź, Verbrennungen, AlpdrĂĽcken, Steine,
Koliken, Kinderkoliken, Kinderkrämpfe, Erysipel, gegen gelbes Fieber,
Hämorrhoiden, Hernien, Wassersucht, Lepra, gegen Wunden und
GeschwĂĽlste an den Beinen, gegen Skorbut, Unfruchtbarkeit, gegen
Urinverhaltung (Bischof Benoit), während gegen Inkontinenz des
Urines der hl. Gervais angerufen wird, gegen Typhus und Husten.
Allein 27 Patrone sind wirksam gegen eheliche Sterilität; gegen die
Pest werden mehrere Dutzend Heilige aufgezählt, während man
bei Gicht nur die Auswahl unter 20 Heiligen hat. Schier endlos
ist die Liste der wirksamen Heiligen gegen das Fieber und die
Liste der Patrone bei Schwangeren und solchen in Kindsnöten.
Es gibt auch zwei Heilige gegen ĂĽberschĂĽssigen MilchfluĂź; gegen
böse Frauen aber können sich, wie ich nebenbei noch verraten will,
Ehemänner nur an zwei Patrone wenden.
SANCTUS ELIGIUS (Eloy) VON NOYON.
Dieser Eligius (in Köln nennt man ihn Elogius) gilt als Be-
kehrer der Flanderer (388—639). Er kam als einfacher Goldschmied
nach Paris und erlangte an König Dagoberts Hof großen Einfluß.
Nach dessen Tode wurde er gezwungen, geistlich zu werden und
') Louis du Broc de Segange, Les Saints Patrons des Corporations et Protecteurs
Spec. invoques dans les Maladies. Paris 18S7.
5 I 6 PATRONE.
Bischof von Novon. In diesen Biscliot teilen sich als Patron alle
Eisen-, Gold- und Silberarbeiter, namentlich aber die Goldschmiede,
I'h'yfiiz, Or Stift Michcle.
Fig- 378. Der h. Eligius.
da er als Lehrling schon groĂźe Taten vollbrachte; aber auch die
Schmiede sehen in ihm nach einer deutschen Legende den heiligen
Hufschmied. Line der edelsten Legenden knĂĽpft sich an diese
S. ELIGIUS.
SI7
5i8
PATRONE.
Tätigkeit, welche aucli auf unserem Bilde einen schönen plastischen
Ausdruck gefunden hat. Eligius der Hufschmied hatte im Vertrauen
auf seine Kunst auf sein Aushängeschild geschrieben; »Meister der
Meister«. Da kam eines Abends Christus in seine Schmiede und
verdingte sich bei ihm als Schmiedgeselle, und der konnte es doch
noch besser. Die Methode des göttlichen Gesellen war radikal genug,
er schlug dem Pferde den FuĂź ab, beschlug ihn und setzte ihn
Fig. 380. Das Wunder des h. Eligius. Holzskulptur.
wieder an; da kam eines Tages in Abwesenheit seines Gesellen ein
vornehmer Reiter vor die Schmiede geritten, es war der hl. Georg,
um sein Pferd beschlao;en zu lassen. Eligius wollte nun die Arbeit
seines Gesellen nachahmen, und es glĂĽckte ihm alles bis auf das
Wiederansetzen des abgeschlagenen , aber während der Arbeit
abgestorbenen FuĂźes. Der unglĂĽckliche Meister beschloĂź, seinem
Leben ein Ende zu machen; in diesem dramatischen Momente
HEILPATRONE. 5 i C)
trat Christus hinter ihn und heilte ckn Schaden. Auf seinem
Denkmal in l'lorenz (s. Fig. 37S) sehen wir den Bischot in schöner
Haltung, ĂĽber ihm als Giebelfeld den Goldschmiedmeister oder
Hufschmied, am Sockel die Hufschmiede und seine berĂĽhmte Tat
(s. Fig. 379); in der Miite eine gehörnte Frau mit lächelndem
Gesichte, das Sinnbild des Hochmutes.
Dieselbe Szene, als ganz hervorragende Buchsbaumschnitzerei,
eine xA.rbeit des i(^. Jahrhunderts aus der Sammlung Lanna (siehe
Fig. 3 So). Die Ähnlichkeit dieses Wunders mit den Leistungen des
hl. Antonius von Padua und der Anargyroi liegt aut der Hand,
aber Originalität können alle diese Wunder nicht beanspruchen,
denn auch Asklepios ist in der i\ntike dargestellt, wie er verletzte
Tiere heilt. Unsere MĂĽnze (Fig. 381) zeigt einen Stier, der dem
Asklepios sein rechtes \'orderbein aut den SchoĂź legt.
Fig. 381. JMĂĽnze aus Parium.
SANTA MARGHERITA VON CORTONA.
Was ĂĽber diese Heilige bekannt ist, interessiert eigentlich uns
Mediziner wenig. Es wird berichtet'), daĂź sie trĂĽber ein sĂĽnd-
haftes Leben gefĂĽhrt habe, aber durch den Anblick ihres erschlagenen
Buhlen bekehrt, gebĂĽlk habe. Sie starb 1297. Unser Interesse an
dieser Franziskanerin steht und tällt mit den Reliefs an ihrem Marmor-
sarkophag in Cortona (s. Fig. 382). Dieses A'Ieisterwerk des Xiccolo
Pisano hat schon die Aufmerksamkeit von Charcot und Riebet")
') I. E. Wcssely, Ikonographie Gottes und der Heiligen. Leipzig 1S74.
°) Nouvelle Iconogr. de la Salpctriure 1898.
520
PATRONE.
Fig. 382. NiccolĂĽ Pisano, Basrelief vom Sarkophag der h. Margherita von Cortona.
HiaiRtaMaMaHiM
Fig. 383. Niccolö Pisano, Basrelief mit den Wundertaten.
HEILPATRONE.
521
erweckt. Wir sehen da einen in wilden Zuckungen sich befindĂĽchen
Knaben, den man zum Grabe des Märtyrers geschleppt hat; die
Stellung dieses Kindes ist nun eine vorzĂĽgliche realistische Illustration
realer Beobachtung. Wir lasen schon die Berichte, wie sich der
Teufel unter Krämpfen der Besessenen von seinem Wirte befreie. Hier
sehen wir solche Krampfstellung geschildert. DaĂź dieser Meister die
Erscheinungen hysterischer Konvulsionen studiert hat, entnahmen
wir ja auch schon dem Sarkophage des hl. Dominikus von Bologna.
Auch auf der Gegenseite (s. Fig. 383) sehen wir mehrere Krank-
heitsfälle, zunächst wiederum einen Knaben mit dem typischen
Zeichen einer zur Kontraktur führenden Kinderlähmung. Der bärtige
Mann wird von Charcot als charakteristische hysterische Läh-
mung rekognosziert. Bei der letzten Figur schwankt er zwischen
Gravidität und Hvdropsie.
SANCTUS VEIT (Vitus, französisch Guy).
Der hl. Veit ist der Patron der Schauspieler, Tänzer und Gaukler;
angeruien wird er auĂźerdem gegen Epilepsie, SchlangenbiĂź, Tollwut
und allerlei Viehkrankheiten. Seine Ortspatronate sind Böhmen,
die Abtei Corvey, Höxter, I^rag, Sachsen und Sizilien. Seine Attri-
bute sind Buch, Hahn, Kessel. Die besondere BerĂĽhmtheit dieses
Heiligen in der Medizin entstammt der Chorea sancti Viti. Seit
dem Jahre 141 8 wird der hl. Veit gegen diese Tanzwut angerufen,
nachdem der Magistrat der Stadt StraĂźburg offiziell die von Tanz-
wut Befallenen nach einer Kapelle des Heiligen bringen lieĂź, wo
sie durch Gebete geheilt wurden. Alt') berichtet, daĂź Kranke mit
Anfällen, namentlich junge Mädchen, zu der Kapelle des Heiligen
nach Ulm wallfahrteten und dort so lange tanzten, bis sie vor
Schwäche umfielen, und dann waren sie ein Jahr von neuen An-
fällen verschont. Der Hahn, den der Heilige in der Hand trägt,
hat zu mehreren Auslegungen gefĂĽhrt. In Erinnerung an das antike
Symbol des Heilgottes glaubte man dieses Attribut dem Helfer
') Heinrich Alt, Die Heiligenbilder. Berlin 1845.
522
PATRONE.
gegen den Veitstanz zukommen zu lassen; andere wieder beziehen
diesen frĂĽhen Wecker auf die Tatsache, daĂź der HeiHge auch gegen
zu langes Schlafen angerufen wird.
Heiliger Veit, weck' mich zu rechter Zeit!
Andere wieder nehmen an, daß der \'eit in Böhmen der Nach-
folger des slawischen Gottes Swanbowit gewesen sei, dem man
Hähne geopfert habe. Zur Erleichterung der Aufnahme des Evan-
geliums brachte jedenfalls Otto von Bamberg den heidnischen
Pommern eine Reliquie des hl. Veit in einem silbernen Reliquien-
kasten mit, auf dem ein Hahn abgebildet war. Wessely (1. c.)
berichtet, daß es in Böhmen noch im Jahre 1836 auf dem Eande
gebräuchlich war, am 14. Juni einen geschmückten Hahn in teier-
lichem Aufzuge herumzutragen und auf dem Marktplatze zu ent-
haupten. Die seltenen Darstellungen befassen sich meistens mit
seinem Martvrium (13. Juni 303). Er wird in einem Kessel sitzend
dargestellt, in welchem er in Ol gesotten wird, in der Hand ein
Buch, auf dem ein Hahn sitzt (s. Eig. 133).
PANTALEON VON NICOMEDIEN.
Dieser Märtvrer ist ein Spezialpatron der Arzte, außer diesen
nehmen ihn aber noch die Ammen deshalb fĂĽr sich in Anspruch,
weil bei seiner Enthauptung dem Rumpfe Milch entfloĂź. Dieser
wie auch der \'orangegangene gehören zu den 14 Nothelfern; sein
Ortspatronat ist Oporto, unter seinen Attributen an erster Stelle
das Arzneifläschchen. Uns interessiert, daß dieser Heilige Arzt des
römischen Kaisers Maximian gewesen ist und natürlich große Heil-
erfolge erzielte, namentlich als er zum Christentum bekehrt war.
Dem Kaiser von neidischen Kollegen denunziert, proponierte er
demselben gewissermaĂźen eine Wette; er lieĂź einen unheilbaren
Kranken kommen, einen Paralytischen, der seit langen Jahren an das
Bett gefesselt war; des Kaisers Priester sollten nun Jupiter, Apollon
und Äskulap anrufen oder auch andere Götter, er aber werde Jesum
Christum bitten. Während das erstere natürlich keinen Ertolo-
PANTALEON.
523
hatte, ging der Kranke, nachdem Pantaleon ihn unter Anrufung des
Heihindes berĂĽhrt hatte, geheilt davon. Dieser Anbhck bekehrte die
Zuschauer zum Christentum, die Ahgiäubigen aber veranhißten den
Kaiser Maximian, Pantaleon zu zwingen, den alten Göttern zu
opfern. Als er dies verweigerte, setzte man ihn einer Reihe grau-
samer Foltern aus. Er wurde ins Meer geworfen, ohne zu ertrinken;
wilden Tieren als Speise vorgesetzt, die ihn aber verschonten; eine
Statue zeigt ihn mit einem Löwen, den er streichelt. Schließlich
wurde er enthauptet, wobei aus der Schnittwunde Milch hervor-
strömte. Mit Schwert und Arzneischale zeigt ihn ein Gemälde
von Ittenbach in der Bonner Kirche.
ROCHUS.
Einer der Hauptpatrone der Medizin, der wohl auch weitaus die
meisten bildlichen Darstellungen gefunden hat, ist Rochus, der
am 16. August 1327 starb. Er ist der Patron der Ärzte, Chirurgen
und Apotheker; er wird angerufen gegen die Pest, Epidemien, Toll-
wut, Cholera, Knieleiden, Krätze und ist außerdem noch der Spital-
patron. Seine Ortspatronate sind Montpellier, Parma, Venedig. Seine
Lebensgeschichte gestaltete sich ungefähr folgendermaßen. Er ent-
stammte einer Patrizierfamilie von Montpellier; die Mutter, die zuerst
lange Zeit steril war, gebar ihn endlich nach langem Bitten, wobei
das Kind auf der Brust ein rotes Kreuzeszeichen trug. Mit 20 Jahren
verlor er seinen Witer, \"erschenkte sein Vermögen an die Armen
und unternahm eine Wallfahrt nach Rom. Als er nach Aquapen-
dente kam, wĂĽtete dort eine furchtbare Pest; schnell entschlossen
widmete er sich den Pestkranken und den Pesttoten. Letztere be-
grub er, die noch Lebenden heilte er durch das Zeichen des Kreuzes.
Bald erlosch unter seinen Händen die Pest an den Stätten, wo er
heilend auftrat; in drei Jahren befreite er diese Plätze, die ewige
Stadt eingeschlossen. In dem Hospital von Piacenza ergrifl" ihn
selbst die Pest. Um durch seine Klagen die anderen Kranken nicht
zu stören, entfloh er in einen Wald. Hier wurden seine Pestbeulen
524
PATRONE.
®
von einem ihm bis dahin fremden Hund geleckt, der ihm auĂźerdem
noch Nahrung zutrug. Geheilt wandte er sich seiner Vaterstadt zu;
Fig. 3S4. Der h. Rochus mit der Pestbeule.
in den zwölf Jahren aber hatte das Leben ihn derartig verändert,
daß man den zurückgekehrten Wohltäter als Vagabunden in das
ROCHUS.
525
Gefän2;nis warf. Eints Ta^es fand man ihn in seiner Zelle tot.
Da aber sein Kerker durch himmlisches Licht erleuchtet war, so
lieĂź sich der Gouxerneur der Stadt diese Erscheinung zeigen. Der
Gouverneur, welcher der Onkel von Rochus war, erkannte ihn an
dem roten Kreuz auf seiner Brust und an einem Täfelchen, welches
bei dem toten Heiligen gefunden wurde:
»Alle diejenigen, welche von der Pest er-
griffen, den Namen des hl. Rochus anruten,
werden von ihrem Leiden betreit sein.«
Der Heilige erhielt ein ĂĽberaus feierliches
Begräbnis, und im Jahre 1483 wurden seine
Gebeine in eine ihm zu Ehren errichtete
Kirche ĂĽberfĂĽhrt. Venedig kam aut eigene
Weise zu den heiligen Gebeinen des Rochus;
eine wĂĽtende Pest wurde von der Levante
eingefĂĽhrt. In ihrer Not beauftragten sie,
in Montpellier die Gebeine des Heiligen zu
stehlen, was auch geschah, und man setzte
diese in der neu errichteten Kirche di
S. Rocco bei. Im Jahre 1836 ist dieser
Diebstahl wieder zum Teil gut gemacht,
indem die Venezianer Kirche darein ein-
willigte, die Hälfte der Reliquien wieder
nach Montpellier auszuliefern. Der Heilige
und sein Bildnis hat auch noch nach sei-
nem Tode vielfach Beweise seiner Schutz-
kraft gegen die Pest gegeben.
Die Zahl der Gemälde des hl. Rochus ist
eine enorme. Guido Reni und die Carracci malten ihn, wie er
seine irdischen GĂĽter verteilt. Paris Bordone, Bassano, Robusti
malten ihn, wie er Kranke heilt, dieselben, wie seine Schenkel-
wunde vom Hunde geleckt wird. Peter Paul Rubens zeigt ihn
in der Pest von Alost. Unzählig aber sind seine plastischen Dar-
stellungen, welche in typischer Weise sein Bildnis verewigen. Er
Orig.-Aufn.
t^ig- 385- Unbekannter Heiliger
mit verkrĂĽppeltem Kind.
HĂĽlzskulptUT circa i^cmd.
526 PATRONE.
Steht da als Pilger, mit seinem Pilgerstabe in der Hand (den man
ĂĽbrigens heute noch in Montpellier aufbewahrt), und zeigt auf
seine Pestbeule am Oberschenkel (s. Fig. 384). Sein ganzes Leben
aber hat in der Scuola di S. Rocco zu Venedig in 20 Reliefs eine
Verewigung gefunden.
Orig.-Au/n. Berlin, Altes Museum.
Fig. 386. Antiker IMarmor.
Polyphem (Nase unter dem Auge statt ĂĽber demselben,
daher ohne Anlehnung an menschliche MiĂźgeburt).
GRÄBDENKMÄLER UND MONUMENTE
VON ÄRZTEN.
Fig. 387.
m eigentlichen Sinne gehört an diese Stelle auch das
behauene Steinmaterial, welches den unter die Götter ver-
setzten Ärzten gewidmet war. Dies haben wir eingehend
bereits besprochen. Leider sind von den Bildsäulen, welche nach
literarischem Ausweis dem Hippokrates errichtet waren, keine er-
halten. Wir müssen uns mit einem schönen Porträtkopf abspeisen
lassen, der, bei Albano gefunden, sich jetzt im Britischen Museum
befindet (s. Fig. 388). Die Nase und das linke Ohr des Kopfes
sind neu. Die Deutung auf Hippokrates hat E. Q. Visconti (Ico-
nographie I. S. 273) aufgestellt, obwohl die Ähnlichkeit mit dem
einzig sicheren Porträt des großen Arztes auf Münzen von Kos
aus der Kaiserzeit ziemlich gering ist (s. Fig. 390—392). Außer-
dem spricht der Stil der BĂĽste schon mit ziemlicher Sicherheit gegen
ein Porträt des 3. Jahrhunderts. Sicher ist nur, daß wir einen
Mann porträtiert sehen, der mit einem gewissen sorgenden und
besorgten Blick nach auĂźen und innen dem Leben gegenĂĽbersteht,
einem Manne, dessen nachdenkliches Haupt eine groĂźe Summe
528
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
tiefen Wissens umschließt und dem als Ergebnis täglicher Sorge,
täglichen Sinnens eine gewisse melancholische Entsagung die edlen
Züge verstimmt. Dieser gewaltige Schädel mit der imponieren-
den Stirn, die gedankenschwer gefurcht ist. und dem charak-
teristischen Munde, dessen Oberlippe links leicht herunterhängt,
kann recht gut das Porträt eines bedeutenden gelehrten Arztes
Or;^ -.L'^m nach ^ .ipiav-uU . Brit. Museum,
Fig. 3SS. Angeblicher Hippokrates. Antike BĂĽste.
sein. Wir wollen noch erwähnen, daß auch das Museum von
Madrid eine angebliche Hippokratesbüste besitzt mit ergänzter
Nase, Brust und Inschrift. Der Kopf ist ausdrucksloser, paĂźt eher
in den älteren Stil und zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit der
MĂĽnze von Kos.
Im Athenischen Nationalmuseum findet sich ein uraltes Köpfchen,
welches mit groĂźer Wahrscheinlichkeit einen Arzt darstellt (Fig. 389).
HIPPOKRATES.
329
Es wurde im Jahre 1902 in einem Grabe an der heiligen StraĂźe
zusammen mit einigen chirurgischen Instrumentengefunden. Stais
beschreibt diesen Gegenstand (Nr. 1981 des Kataloges) und nimmt
an, daĂź es vielleicht der Kopf des Hippo-
krates, mit dessen Zügen eine gewisse Ähn-
lichkeit vorhanden sei, sein könne. Der Kopt
war offenbar auf einer Reliefplatte als Schmuck
angebracht. Es wiire im Sinne antiker Le-
bensauffassung, daß ein Arzt seine Grabstätte
mit dem Bildnis des Hippokrates schmĂĽckte.
So mĂĽssen wir uns an die antiken MĂĽnz-
funde halten, wenn wir von unseres Ärzt-
heros' Antlitz eine ungefähre Vorstellung
machen wollen. Das bezeichnete Porträt, von
dem wir eine vergrößerte Wiedergabe ver-
suchten, existiert nur in einem StĂĽck. Noch
eine andere wirkliche oder imaginäre \'er-
bindung aus jener groĂźen Zeit ragt in unsere Tage hinein; ein uraltes
lebendes Denkmal mit einem kolossalen Fundament. Die mit Recht
oder Unrecht so genannte Platane des Hippokrates sah an-
Orig.-Auftt. Athen. Xat -Museum.
Fig. 3S9.
Bildnis des Hippokrates.
Fig. 390.
MĂĽnze mit Hippokrates.
Orig.'Au/n, nach den Originalen des Berliner Alten Mt*sennts.
Fig. 391- Fig. 392-
Münze von Kos mit dem Porträt Revers der Hippo-
des Hippokrates. krates-MĂĽnze.
geblich in ihrem Schatten die SchĂĽler jener antiken hochberĂĽhmten
Medizinschule (s. Fig. 393).
C. Plinius berichtet im 29. Buche seiner Naturgeschichte Kap. I, 9
von dem x^rzte Thessalus, der zu Neros Zeiten durch AnmaĂźung und
Unwissenheit berĂĽhmt und berĂĽchtigt, sich an der Via Appia ein
Holländer, Plastik und Medi/in.
.i4
530
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN
groĂźes Grabmal errichten lieĂź, aut dem er sich den Beinamen
latronices, d. i. Besieger der Ärzte, beilegte. Die Zeitgeschichte
berichtet von diesem Reklamehelden, daĂź er, von gemeiner Herkunft,
bei seinem Ausgange sich von einem Heer von Schlächtern und
Köchen begleiten ließ und alle Maximen seiner Kollegen bis hinauf
zu Hippokrates umstieĂź. Im ĂĽbrigen scheint das Urteil des Plinius
und auch das des Galenus ĂĽber diesen GrĂĽnder der methodischen
Schule (Quum novam sectam condiderim aus einem Brief an Nero)
ein nicht ungetrĂĽbtes gewesen zu sein; da des Thessalus zahlreiche
Schriften verloren sind, fehlt uns ein eigenes Urteil.
Rene Brian') hat auf 24 \'otiv- und Grabsteinen Mitteilungen
über Militärärzte gesammelt. Haberling^) hat diese Zahl auf
57 gebracht und auch eine Anzahl solcher Grabsteine abgebildet.
Wir hatten die Abbildung des Soldaten der legio XI. deshalb wieder-
gegeben, weil dieser Soldat durch das unter dem Stein angebrachte
chirurgische Besteck als Arzt gekennzeichnet ist. Wir erwähnen
ferner aus demselben Werke noch die Abbildung des Grabdenk-
mals eines Medicus Ordinarius der ersten tungrischen Kohorte.
Diesen Grabstein fand man in England in Housesteads, dem alten
Kastell Borcovicium am Hadrianswall, welches ĂĽbrigens durch Aus-
grabung vollständig freigelegt ist. Der Grabstein dieses jungen Mili-
tärarztes, der schon mit 23 Jahren sterben mußte, befindet sich
jetzt im Museum von Newcastle.
Ein Erinnerungsstein an einen römischen Kohortenarzt, wenn
auch kein Grabstein, fand sich in dem Mainstädtchen Obernburg
(jetzt im Museum Aschaffenburg). Dieser aus Ostia stammende
Kollege weihte zum Heile seines Kommandeurs diesen architek-
tonisch interessanten Stein dem Jupiter und Apollo, dem Äskulap,
der Salus, sowie der Fortuna. Solche Votivsteine, die der Arzt
fĂĽr seine Ala, eine Reiterschwadron oder ĂĽberhaupt seine Truppe
weihte, sind uns mehrfach bekannt geworden.
Aus der römischen Zeit stammt ein Grabmonument eines Arztes,
') Rene Brian, Du Service de Santc militaire chez les Romains. Paris 1866.
-) Haberling, Die altrümischen Militärärzte. Berlin lyio.
DIE PLATANE DES HIPPOKRATES.
531
welches bei aller Einfachheit und Strenge einen imposanten Ein-
druck macht. In einem kleinen tempelartigen Vorbau steht die
Marmorbüste eines unbekannten Römers'), der mit leicht lächelndem
') Benndorf-Schöne, Die antiken Bildwerke des lateran. Museums, Leipzig 1S67,
Nr. 343, abgebildet Monumenti V, tav. 7.
532
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
menschenfreundlichen und doch ernst-nachdcnkHchen Gesichte den
Betrachter ansieht. Um seine Taille schläft sich in schonen Win-
Fig. 394. Bildnis eines unbekannten römischen Arztes.
düngen die Schlange des Äskulap; welcher Arzt durch diesen Stein
verewigt werden sollte, das entzieht sich vollkommen unserer Kennt-
ARTEMON.
533
nis. Wir kennen nur die Faniilienzugehörigkeit des Grabmals und
die Diai;nose, daĂź es ein antiker Kollege ist, stĂĽtzt sich ausschlieĂź-
lich auf die Art des Abschlusses der BĂĽste durch die Schlange.
Dieses Band in dieser Fürni kann allerdings kaum als die gewöhn-
liche Gräberschlange gedeutet werden.
Eine andere interessante Grabsäule eines Arztes, und zwar eines
namentlich bekannten, befindet
sich in der kleinen Sammlung
von Antiken in dem Museum der
evangelischen Schule in Smvrna.
Der weiĂźe Marmor ist 1,48 m
hoch und 0,72 m breit. Der Stein
ist intakt bis auf die linke Hand
und die Xase. Der Arzt Artemon
steht da im Hochrelief, prächtig
gearbeitet, im Chiton und kurzen
Ärmeln. Darüber trägt er einen
Mantel ; an den FĂĽĂźen sind San-
dalen, die Hand hält eine Rolle.
Zur Seite stehen zwei Knaben
in kurzen Gewändern, der linke
trägt aut der Schulter eine Kas-
sette mit Tabletten, der rechte
steht da mit dem Ausdruck der
Trauer.
Auf der neben dem Arzte be-
findlichen Stele bemerkt man
zuoberst eine \'ase, darunter einen
Kranz mit dem Hinweis, daĂź das
Ganze eine Stittunu der Stadt-
i hij^' -AuJ)i. Sinyyfia.
Fig. 395-
Statue des Arztes Artemon aus Smvrna.
gemeinde ist. Darunter folgt der Name des Arztes und seiner
Familie. Der Arbeit nach entstammt dieser Stein dem i. Jahr-
hundert V. Chr., Strahü erwähnt (XII, 580) die berühmte Ärzteschule
zu seiner \'äter Zeit unter dem auch aut unserem Stein genannten
534
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
Hikesios. Es ist das der Arzt, der die sogenannte erasystrateische
Schule um loo v. Chr. in Smvrna zur besonderen BlĂĽte brachte.
Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir unter der groĂźen Zahl
der anonvmen antiken Porträthüsten auch einige Bildnisse berühmter
Orig.-Au/n. i olkesiftie .
Fig. 396. Monument des Entdeckers des Blutkreislaufes William Harvey.
Ärzte versteckt vermuten, denn dafür daß die Gründer von
Ärzteschulen sowie auch berühmte kaiserliche Leibeärzte sich selbst
häufig porträtieren ließen, und daß sie von Gemeinden, Schülern
und X'erwandten in Erz und Marmor verewigt wurden , besitzen
wir literarische Belege (s. auch den jugendlichen Äskulap im \'atikan).
® DAS PORTRÄT VON SAMBUCUS. 535
Doch leider trennten sich meistens die antiken Untersätze, welche
die Weilischrift enthiehen, von den Köpfen, so daß wir jetzt aut
ZutälHgkeiten in der Rekognoszierung derselben angewiesen sind.
Immerhin ist es ja möglich, daß sich spätere Darstellungen auf
damals noch erhaltene und erkannte antike Statuen beziehen. So
ist es interessant, sich einmal die Porträts der antiken Ärzte anzu-
sehen, wie sie sich J. Sambucus um die Mitte des 16. Jahrhunderts
vorgestellt hat. Das Werk des Sambucus (d. h. »Hollunder«,
Wiener Arzt und Historiker 13 31 — 1583), führt uns unsere medi-
zinischen Vorfahren porträtähnlich vor; es bringt zunächst die Götter-
familie, dann aber auch das älteste mir bekannt gewordene Porträt
des Hippokrates in graphischer AustĂĽhrung; (in Parenthese be-
merke ich, daß die Neuausgabe der »Erkenntnisse«^) dasselbe als
Titelbild trägt, mit der falschen Bezeichnung aus dem 17. Jahr-
hundert nach Peter von der Borscht). Ob sich nun Sambucus
bei der Darstellung antiker Ärzte an irgendwelche Überlieferungen
gehalten hat, namentlich z.B. bei den Kopten des Galenus, des
Dioskorides, des Xenokrates, Plinius, Apollonius usw. erscheint des-
halb zum mindesten fraglich, weil er auch ein detailliertes Porträt
bringt von Machaon.
So schön es nun auch wäre, wenn wir die Personalgeschichte
der Medizin mit Bildnissen unserer Großen verzieren könnten, welche
von den Grabmonumenten oder Denkmälern herrührten, die eine
dankbare Menschheit ihnen gesetzt hat, so ist dieses Unternehmen
deshalb von Haus aus unmöglich, weil die W^elt den Fürsten der
Heilkunde solche zum größten Teile schuldig geblieben ist. Nun,
wir können troh sein , von dem einen oder dem anderen die un-
gefähre Gestalt, durch Bildnisse überliefert, erhalten zu haben. Die
Liste derjenigen Mediziner, deren Bildsäule tehlt, ist lang; von
anderen wieder steht sie versteckt an einsamer Stelle, wo kaum
jemand sie vermutet. Das ärztliche Pantheon fehlt selbst in Buch-
ausgabe. Das kĂĽhne und groĂźangelegte Unternehmen des Pariser
Prof. R a p h a e 1 B 1 a n c h a r d (Corpus inscriptionum ad medicinam
') Theod. Beck, Hippokrates »Erkenntnisse« bei Diederichs, Jena 1907.
536 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
biologiamque spectantium. Tom. pr. 1909, Paris, Asselin et Houzeau)
wird nach seiner Vollendung diese Zusammenstellung erleichtern.
Des groĂźen Entdeckers des Blutkreislaufes einzige Statue \on
Bologna.
F'g- 397- Caspare Tagliacozzi.
über Lebensgröße steht an der englischen Küste in seinem Geburts-
orte Folkestonc; während er in der einen Hand aufmerksam ein
Herz beobachtet, fĂĽhlt er mit der anderen das Pulsieren des eigenen
BERÜHMTE ÄRZTE.
537
(s. Fig. 396). Der Plastiker, der dieses Mannes Monument formte,
hatte es leicht, die GroĂźtat, die seinen Namen unvergeĂźlich macht,
zum Ausdruck zu bringen. m\u( heinahe gleiche Weise verfuhr man
bei dem Manne, welcher die plastischen Operationen auf eine
wissenschaftliche Basis stellte. In einer Nische steht, mit einem
Hermelinmantel geschmĂĽckt, der berĂĽhmte Caspare Tagliacozzi.
Schon zu Lebzeiten wurden ihm im Archigimnasio zu Bologna
Ehrentafeln aufgestellt, nach seinem Tode aber sein Standbild
(s. Fig. 397), auf dem er als Symbol seiner chirurgischen Haupt-
leistungen eine künstliche Nase in der Hand hält, errichtet. Sein
Leichnam aber wurde, nachdem er im Kloster der Kirche Johannes
des Täuters beigesetzt war, wieder ausgegraben; man hatte eine
überirdische Stimme gehört, daß dieser Meister der Chirurgie ver-
dammt sei; darauf wurde er wie ein \'erbrecher hmter der ALuier
begraben. Jedenfalls ist heutigentags sein Leichenstein nicht mehr
aufzufinden').
Doch so einfach hat es der KĂĽnstler bei den ganz CroĂźen nicht.
Es drängt sich selten die Summe ihrer Bahnbrechertätigkeit in ein
Symbol oder eine Handlung. Diese Schwierigkeit sahen wir in
unseren Tagen, als man dem R u d o I f \'i rc h o w ein wĂĽrdiges
Denkmal setzen wollte. Das X'ielfache seiner Leistungen auf den
verschiedenen Cebieten sollte charakterisiert werden. Seine Statur
eignete sicli nicht zur monumentalen \'erkörperung, das hätte von
seiner schlichten Persönlichkeit ein falsches Bild gegeben. ALin
wählte eine Allegorie, aber eine Allegorie, die eines Kochs Eigen-
art besser charakterisiert hätte als die feine Gelehrtentätigkeit des
die Wahrheit suchenden Naturbeobachters und Denkers.
Vielleicht hat die neue Richtung recht, die statt plastischer Kunst-
leistungen dem Andenken großer Männer gerecht zu werden sucht
durch Errichtung von Gebäuden und ganzen Tempeln, in deren Hallen
die Lebensarbeit des Heroisierten fortgefĂĽhrt wird durch \'ollbrin-
gung wissenschaftlicher Wunder unter Anrufung seines Namens,
seiner Person und seiner \^orarbeit.
') E. Gurlt, Geschichte der Chirurgie. Berhn, Aug. Hirschvvald 1S5S.
538
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
Orig-.'Au/n. Koliegieiihirche, Jeva.
Fig. 398. Epitaphium des Jenenser Professors Johann Arnold Friderici.
Fig- 399
Orig.-An/ti.
Renaissance-
medaille auf
Amlirosius Juni;
Fig. 400. â– ) MĂĽnze von Kos mit dem Kopf des
Xenophon, Leibarzt des Kaisers Claudius.
^) Camelius, Leibarzt des Kaisers Augustus.
Fig. 401. Revers einer Asklepios-
jMĂĽnze aus Alexandria,
der As. Julia Mammaea, vergr.
Fig. 402.
Ăśrig.-Aitfn.
Hieronymus
Fracastorius
1483 — 1553.
Fig. 403. Revers der SchaumĂĽnze des D. Petrus Bonus Avogari von Ferrara.
Fig. 404.
Leonhart Thurneisser zum Thurm
Fig. 405. Hufeland.
Fig. 406.
,.*!•'
Imiifmedaille.
Fig. 407. Medaille des D. Marcus Antonius de la Torre, Professor der Anatomie in Padua.
Fig. 408. Medaille des Marsilius Ficinus aus Florenz, 1499.
Fig. 409. Medaille auf Gerhard van Swietcn.
542
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
Eine verkleinerte Ausgabe der Sepulkralmonumente und der
Standbilder sind die Medaillen und Plaketten. Dankbar mĂĽssen
wir anerkennen, daĂź medizinische Historiker und Sammler es ver-
sucht haben , solche auf Ärzte und Naturforscher geschlagenen
Münzen und Medaillen zu sammeln. \'on der größten') solcher
medizinischer Medaillensammlung (zirka 3000 StĂĽck) wird ein aus-
fĂĽhrlicher Katalog durch Professor Kubitschek in Wien vorbereitet.
Das wäre allerdings ein würdiges Gegenstück zu der »Pestilentia
in nummis«"), wenn ein solcher Porträtkatalog mehr vom Stand-
punkt der Medizinhistorie als vom Standpunkt des Xumismatikers
erreichbar wäre.
Es gibt kaum eine Sammeltätigkeit auf mediko-historischem Ge-
biet, welche in dem MaĂźe zu erfreulichen Studien auffordert, wie
eine solche von MĂĽnzen und Medaillen. Bei der Weite des Gebietes
ist die Beschränkung auf bestimmte Ausschnitte empfehlenswert.
Die Fächer solcher Einzelsammlungen ordnen sich nach den Ge-
sichtspunkten: antike MĂĽnzen mit Darstellungen aus unserem Gebiet;
deutsche, ausländische Ärzte, Medaillen auf Epidemien, Medaillen
auf Versammlungen von Ärzten, Gründungen von Krankenhäuser
und wohltätige Stiftungen usw. Wir bringen in unsern Stich-
proben nur einige schöne Beispiele und benutzen aus Pietät zum
Teil dabei die Kupferstiche aus J. C. W. MoeĂźen's grundlegendem
Werke der Besprechung einer Berlinischen Medaillen-Sammlung,
die aus Gedächtnis-Münzen berühmter Ärzte besteht vom Jahre 1773.
Unter den Beispielen einzelner Monumente von Ärzten, auf die wir
uns hier beschränken müssen, fällt das Epitaphium aus der Kollegien-
kirche in Jena auf durch die vielen Embleme, mit denen der Jenenser
Professor der Philosophie, Medizin, Anatomie, Chirurgie und Botanik
Johann Arnold Friderici sein Andenken ehren lieĂź") (s. Fig. 398).
Da finden wir neben Emblemen des Seziersaales und der Garten-
kunst die Zeichen seines Instrumentariums als Arabesken, ferner
') Dr. Brettaue rs Sammlung, jetzt im Besitz der Wiener Universität.
*) L. Pfeiffer u. C. Rouland, Pestilentia in nummis, TĂĽbingen 1S82.
^) Ich verdanke die Orig.-Photogr. Herrn Prof. Dr. Franz, Beriin.
ALBRECHT VON HALLER. 543
Testobjekte seiner Sezierkunst sowohl wie seiner operativen Tätig-
keit; unter seinem eleganten Porträt steht die brennende Kerze mit
der damals für die ärztliche Tätigkeit so beliebten Devise »aliis
inserviendo consumor«. Sein Lebenslicht war, wie man sieht, noch
nicht zur Hälfte abgebrannt, da verlosch es schon.
Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß bei denjenigen Ärzten,
welche auĂźer in ihrem Metier sich nebenher noch aut anderen Ge-
bieten betätigten und sich namentlich dichterisch einen kleineren oder
größeren Namen gemacht haben, daß bei diesen »Bicephalen«, wie
sich gerne Pariser Gelehrte dieser Art nennen, die Neigung kon-
statiert wird, die bildende Kunst in Nahrung zu setzen. \'on unserem
groĂźen Schiller bis zu Justinus Kerner, von Albrecht von Haller bis
auf Redi ist das der Fall. Bei Schiller ĂĽberwiegt allerdings der
dichterische Anteil an seiner WeltberĂĽhmtheit in dem MaĂźe, daĂź
der Hinweis auf seinen gleichzeitig ärztlichen Charakter beinahe als
Witz betrachtet werden dĂĽrfte. Es ist deshalb ziemlich ĂĽberflĂĽssig,
wenn eine medizinische Münzensammlung Wert daraut legt, sämt-
liche auf den Dichter Schiller geprägte Medaillen zu besitzen. Bei
AI brecht von Haller ist das Verhältnis zwischen Dichter und Arzt,
Naturforscherund Poet mit RĂĽcksicht auf seine internationale BerĂĽhmt-
heit schon ausgeglichener. Der groĂźe Haller hat sein Bildnis in jeg-
licher Form der Nachwelt hinterlassen. In der groĂźen Arbeit von
Arthur Weese^) werden allein aus AnlaĂź der EnthĂĽllung seines
Denkmals in Bern anläßlich seines 200jährigen Geburtstages }6 Me-
daillen und Reliefs und 14 Denkmäler aufgeführt. Die Durchsicht dieser
lehrt ĂĽbrigens, daĂź meines Erachtens fast alle BĂĽsten anders aussehen;
teilweise liegt es daran, daĂź sich der Kopf des Mannes so ganz ver-
schieden gibt, je nachdem der Gelehrte die große Perücke trägt oder
seine natĂĽrliche Kopfbildung zeigt. Keinesfalls wĂĽrden wir, die
wir meist gewohnt sind, sein Bild mit den gekräuselten Locken der
zunächst bis aut die Schulter lallenden, später etwas kürzeren Perücke
vor Augen zu haben, den Imperatorenkopf wieder erkennen, den
er z. B. aut einer Göttinger Terrakotta hat. Im ganzen können
') Arthur Weese, Die Bildnisse Albrechts von Haller, Bern, A. Francke, 1909.
544
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
wir sagen, daß die Originalportrats und Schabekunstblätter ihn zopfig
und altertĂĽmlich darstellen, fast alle Plastiker aber aus dem Anfang
des 19. Jahrhunderts nach dem Vorgange von Caldellari klassi-
zistisch. Eine Ausnahme macht die schöne Büste von Funk, die
wir deshalb auch im Bilde wiedergeben (s. Fig. 410). Die BĂĽste
Fig. 410. Albrecht von Hallcr. BĂĽste v. Funk, 1775.
Stammt aus dem Jahre 1775: sie stellt den .Mann dar als Präsident
einer gelehrten \'ersamm]ung.
Francesco Redi, 1626 — 1694, dessen Bildnis zu Florenz im
Portikus der Uftizien steht (s. Fig. 411), zeigt schon an dem Attribute
die \'erbindung des Schlangenstabes mit der Lyra seine verschiedene
Bedeutun" ; er hat sich um die schönwissenschaftliche Literatur Italiens
REDI. VON GRAEFE.
545
verdient gemacht; poetische Begabung, praktische TĂĽchtigkeit und
wissenschaftliche Gelahrtheit hielten sich bei ihm die Wage. Durch
seine Untersuchungen ĂĽber die Fortpflanzung der niederen Tiere
kam er zu dem Satze: omne vivum ex ovo; er gilt auch als Ent-
decker der parasitären Ursache der Krätze.
Ein würdiges und schönes Monument setzte man AI brecht
Fig. 411. F'iancesco Redi, 1626—1694.
Florenz
von Graefe für seine rühm- und segensreiche Tätigkeit als
Augenarzt. Hier kam alles zusammen, um dem KĂĽnstler die beste
Unterlage zugeben; der imponierend schöne Mann und die leichte
Ausdrucksweise für die Art seiner Tätigkeit. Im Jahre 1882 weihte
man das Denkmal fĂĽr ihn, der am 20. Juli 1870, erst 42 Jahre alt,
starb und, neben Donders und Arlt, als der bedeutendste Augen-
Holländer, Plastik und Medizin.
35
546
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
3
efQ
ANDREA VACCA BERLINGHIERI.
547
arzt des 19. Jahrhunderts gik (s. Fig. 412). Die Stellung der
Figur sowohl wie die Autfassung des Relietschmuckes sind be-
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wunderungswĂĽrdig; namentlich aut dem letzteren faĂźt der KĂĽnstler
frisch in das Leben und zeigt uns Männer und Frauen der verschie-
548 GRABDENKMALER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
denen Stände, denen der Arzt geholfen. Siemering nahm nicht die
Zuflucht zur Antike, wie es der größere Künstler B. Thorwaldsen
aut dem Campe Santo in Pisa bei dem kleineren Augenarzte tat,
denn des Andrea \'acca Berlinghieri Bedeutung, des Genossen
Dupuytrens und des SchĂĽlers von Hunter, liegt in seiner um-
tassenden Tätigkeit auf dem weiten Gebiete der Chirurgie. Zahlreich
Phot. Alinari. Florenz.
Fig. 414- Denkmal von Salvino de Armato degli Armati.
(Des angeblichen Erfinders der Brillen.}
sind seine Arbeiten ĂĽber das Aneur_vsnia, ĂĽber den Steinschnitt und
andere Gebiete der groĂźen Chirurgie. War es nur eine allgemeine
Allegorie aut die heilende Tätigkeit dieses großen Arztes, wenn
Thorwaldsen in wundervoll komponiertem antikisierendem Relief
die Geschichte der Tobiasheilung vorfĂĽhrte, oder wollte er damit
auf eine von \'acca angegebene blutige Lidoperation zur Heilung der
Trichiasis anspielen (s. Fig. 413)? Bei der Gelegenheit werfen wir noch
einen kurzen Blick aut den einfachen Erinnerungsstein (im Florentiner
JOHANN GOERCKE.
549
â– ^-^
'^ss^ \^ \^j^ <^ \^ \i^ >*^ ^^, .„^ i^ ;;^ ;,^_^ Nag*
0?-i^.-Phoi. der Akademie.
F'g- 4>5- Grabmonument fĂĽr Johann Goercke im Garten der Kaiser-Wilhelms-Akadeniie.
{1750— 1822.)
350 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ®
Kloster Santa Maria Maggiore) des angeblichen Erfinders der »Berilli«,
des Salvino de Armato degli Armati, der 1817 starb (s. Fig. 414).
Wir treuen uns, durch das Entgegenkommen Seiner Exzellenz
des Generalstabsarztes der Armee v. Sc h j erning zwei Denkmäler
publizieren zu können, welche, in sich die größten künstlerischen
Orig.'Phot. Berlin.
Fij,'. 416. Grabdenkmal für den Generalstabsarzt Cothenius (1708 — 17S9).
Gegensätze, zwei um die Kriegsmedizin verdiente Männer ehren:
die des Cothenius und Jtihann Goercke; beide zumal noch
Monumente mit Anlehnung an die xAntike stehen in den Gärten des
neuen Heimes der Kaiser-Wilhelms-Akademie. Das ältere zeigt uns
die trauernde Medizin an der Graburne eines ihrer großen Söhne.
MILITÄRÄRZTE.
551
Der Knabe hält den Schlangenstab wie der Tod seine Fackel, und
Hvgieia deckt traurig den Deckel auf die Graburne. Aut dem
anderen aber sehen wir in strenger, reiner Form ein wundervoll
komponiertes Relief, wie es einem
antiken Sarkophag zur Ehre gerei-
chen wĂĽrde. Doch der PreuĂźen-
helm, den der in der Mitte stehende
Krieger und Sieger trägt, verrät die
prophetische Tendenz. Auf der
einen Seite ist hier das GetĂĽmmel
der Schlacht, die \'^erwundung, ge-
schildert; aut der anderen das Ab-
tragen der \'er\vundeten und ihre
Pflege durch Militärärzte. Die Arzte
des preuĂźischen Heeres , die im
Jahre 1823 ihrem FĂĽhrer diesen
Erinnerungsstein setzten, konnten
sich selbst nicht schöner ehren.
GewiĂź, die letzten Jahre haben
manche verspätete Ehrung den Ma-
nen unserer großen Männer gebracht;
ich erinnere nur an das Denkmal
fĂĽr S e m m e 1 w e i li ; eine internatio-
nale Sammlung machte gieichtalls
das imposante Pariser Monument
fĂĽr P a s t e u r zum Gemeinbesitz der
Menschheit; an Finsens Denk-
mal denke ich, an das von Da-
niel s e n in Bergen und manche
anderen, doch auch an das noch
fehlende des rheinischen Johann
Weier, der da als erster Arzt das Schandmal des Hexenglaubens
auswischen wollte.
So dankenswert es wäre, einmal durch eine Rundtrage die Büsten
Orig-Au/n.
Berlin, Kaiserin-Friedrich-Haus, mediko-hist. Abts-
Fig. 417. Kl. vergoldete Statuette von
Johann L. Schoenlein, 1793 — 1864.
532
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
und Porträtstatuen der hervorragenden Mediziner zu sammeln und
zu katalogisieren, welche sich in den Universitäten und den Ver-
sammlungshäusern gelehrter Körperschaften belinden, so sehr be-
dauern wir es, hier auch noch nicht einmal andeutungsweise auf
die uns persönlich bekannt gewordenen Plastiken dieser x^rt hinweisen
zu können. Ich will nur daran erinnern, daß die \'orarbeit tür diese
.liiisterdtnji.
l'ig. 41S. C. E. Daniels.
(Giiinder des medizin histoiischen Museums in Amsterdam.)
Sammelarbeit teilweise vorliegt, indem z. B. die Socictc de Chi-
rurgie de Paris, icSöj — 1908 (durch Lucian Hahn et Hrnest
Wickersheimer), das Roval College of Surgeons in London
(durch Arthur Keith), die Senckenbergsche Stiftung in Frankfurt
(durch Ernst Roediger) ihren Bilder- und BĂĽstenbestand heraus-
gegeben haben.
Diese Arbeit wäre eine würdige Aufgabe tür ein mcdizin-histo-
risches Institut. Wir wollen hier gewissermaĂźen nur als Typus
C. E. DANIELS.
553
solcher Porträtbüsten und als
verspätete Ehrung für sein Ju-
biläum, die Büste des Mannes
abbilden, welcher als erster
ein medizin-historisches Mu-
seum grĂĽndete und in stiller
Gelehrtenarbeit die Beziehun-
oen zwischen Medizin und
Kunsthistorie erforschte, des
holländischen Arztes und
Historikers C. H. Daniels
(Fig. 4i8)-
Zu diesen plastischen Er-
innerungen an berĂĽhmte
Ärzte kommen nun noch
gelegentlich Denkmäler, die
an bestimmte \'orgänge aus
der xMedizingeschichte erin-
nern sollen. Ich denke z. B.
an das kleine humoristi-
sche Bronce-Denkmal') der
ersten Berliner Chlortitorm-
narkose von \V. Wolft. Rie-
sengroĂź ragt ernst die Pest-
säule in Wien aus dem
Häusergewirr aut dem Gra-
ben. Sie erinnert an das fĂĽr
Wien furchtbare Jahr 1697
mit seinen über 70000 zäh-
lenden Opfern der Pest (siehe
Fig. 419).
Das Denkmal lenners
') Original im Kaiserin-Friedrich-
Haus, mediko-hist. .Sammlung.
I-ig. 419. Pestsäule (1697) in Wien.
334
GRABDENKMÄLER UND ÄIONUMENTE VON ÄRZTEM.
(1837) auf dem Tratalgar Square ist nicht nur eine Personal-
ehrung, sondern gewissermaßen auch die öffenthche Anerkennung
der Impfung. Diese lieĂź an vielen Stellen Jenners Standbild er-
stehen ^).
Wo aber steht das Denkmal der Chirurgie, des inter-
nationalen Siegesdenkmals ĂĽber die ĂĽberwundenen Feinde ope-
Phct. Alinari, riitĂĽia.
Fig. 420. Das Wappen der Medici.
rativer ^"erwundung, der Eiterung, Blutung und der schmerzlosen
Operation ?
Der Geschichte der Personalmedizin entsprechend, fand auch
die der großen \'olkskrankheiten ihre numismatische Verkörperung.
Zahlreiche Medaillen wurden geprägt aut die verschiedenen Cholera-
und Pestepidemien in den verschiedenen Städten und Ländern.
Meist dankbare Erinnerungsmünzen an das Erlöschen der Krankheit,
■) Siehe auch Montevcrdes schönes Denkmal in Genua, Abbildung s. Holländer, Karikatur
und Satire, Seite 295.
KAISER-VVILHELMS-AKADEMIE.
555
deren frische Prägung oft noch nicht abgegriffen war, als eine neue
Epidemie hereinbrach.
F
-1
— ^
Fig. 421. Portal der Kaiser-Wilhclms-Akademie. Berlin.
Zum SchlĂĽsse unserer Betrachtuno;en wenden wir uns noch den
allgemeineren plastischen S;^enen aus dem weiten Gebiete der Me-
dizin zu, den Emblemen und dem architektonischen Schmuck von
556
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
Krankenhäusern und ärztlichen Instituten. Zum Teil ergaben sich
solche in höherem Maße und reicherem Flusse, als es die Ebbe
unserer Tage und die NĂĽchternheit unserer heutigen Kranken-
Florenz.
Fig. 422. Das Wappen der Medici.
hausbauten vermuten läßt, aus dem Schatze der antiken plastischen
Vergangenheit. Aus der Antike stammen auch heute noch wirksame
und allgemein verständliche Svmbolc. Das zeigt auch ein Blick
HOSPITALSCHMUCK.
557
auf das Portal der neuen
Kaiser-Wilhelnis-Akade-
miefür das militärärztliche
Bildungswesen. HĂĽtend
und stolz bewachen As-
klepios und Hygieia den
Eingang (s. Fig. 421).
Als Hinweis aut ihre
medizinische Vergangen-
heit finden wir da na-
mentlich in Florenz viel-
fach das Wappen der
Mediceer (Fig.420u.422).
Auf glattem Hintergrunde
springen sechs rundliche
Körper vor, welche I^illen
bedeuten sollen. Dieses
deutliche Zeichen auf die
Herkunft der berĂĽhmten
Familie läßt sich aber
nicht bis in die letzte Kon-
sequenz beweisen. Hier
spielt die mĂĽndliche Ăśber-
lieferung die Hauptrolle.
Eine weitere StĂĽtze aber
fĂĽr diese heraldische fin-
den wir in der Tatsache,
daĂź auch die Heiligen
der Medizin die Heiligen
der Familie sind. Wir
sahen ja die Statuen des
Kosmas und Damian im
Bilde, die tĂĽr das (Grab-
mal eines der berĂĽhm-
358 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ®
testen Söhne der Mediziner-Familie bestimmt waren. Ihr Wappen
nimmt die grandiose Form erst an, nachdem ein Familienmitglied
das Pontitikat erlangte (Fig. 422).
Noch ein anderes Wappen erwähnen wir, welches in seiner Ein-
fachheit harmonisch stilisiert ist: das der Kirche und des Hospitals
Santa Maria Nuova zu Florenz, welches Wappen ĂĽberall ĂĽber
TĂĽren und Fenstern sich wiederholt. Ein Kreuz in der Form
einer KrĂĽcke.
Der fraglos berühmteste und schönste Schmuck eines Hospitals mit
Hinweis aut den Inhalt und Zweck des Hauses bildet der berĂĽhmte
Fries della Robbias in Pistoia am Ostpedale del Ceppo. Er stellt
das Hauptwerk Giovannis della Robbia (1469 — 1329) dar. Hören
wir, was Jakob Burckhardt in seinem Cicerone von dieser Arbeit
sagt. »Der Fries mit den Werken der Barmherzigkeit, hier von
Ordensleuten ausgeübt, zeichnet sich durch gute dramatische Erzäh-
lungen in hgurenreichen Szenen aus. In dieser späten und im Aufbau
und naturalistischer Durchbildung schon weit hinter Luca's Arbeiten
zurückstehenden Kompositionen kann man noch die Mäßigung in
der \'ielfarbigkeit erkennen. Konsequenz der Färbung war ferner das
Verzichten auf allen landschaftlichen und sonstigen perspektivischen
Hintergrund, der ohne große Buntheit nicht wäre anzubringen ge-
wesen. Ăśberhaupt ist diese Arbeit fast ebenso wichtig durch das,
was die KĂĽnstler mit weisem Bedacht weglieĂźen, als durch das
was sie gaben. Das italienische Relief ist rein von sich aus hier
dem griechischen näher gekommen, als irgendwo mit Hilte römischer
\'orbilder.(( Das Detail der Pilgerautnahme vom Fries zeigten wir
bereits; während in den Zwickeln die vier Wappen des Hospitals
der Stadt Pistoia und der Medici sich befinden (s. Fig. 420), zieht
ein rundes Rehetband sich von der linken Schmalseite ĂĽber der
Loggia bis an die rechte Ecke. Zwischen den Pilastern stehen
Einzelfiguren und zerlegen das breite Band in sechs Abschnitte. Gio-
vanni hat die Arbeit nicht vollenden können, die letzte Szene wurde
1383 von Paladini in bemaltem Tone hergestellt, da die Technik
des Glasurbrandes nicht mehr ausgeĂĽbt wurde. Der F'ries umfaĂźt die
HOSPITALSCHMUCK.
559
Bekleidung der Nackenden, die Pilgerautnalime, Krankenheilung, Ge-
fängnisbesiich, Sterbetrost, Speisung und Tränkung der Hungernden.
In mehr oder weniger lebendigen Szenen vollzieht sich diese Schilde-
rung an die hundert Einzelfiguren. Auch Paul Seh ubring, der das
Werk von Luca della Rt)bbia und seiner Familie bearbeitete'), findet,
daĂź von diesen Reliefs die bestgelungenen diejenigen sind, welche uns
gerade am meisten interessieren (s. Fig. 423). Er sagt von ihnen
Orig .-An/n.
Fig. 424. Portal des Elisalicth Krankenhauses in Haarler
folgendes: »Links stehen die Betten Nr. 19 und Nr. 20. Sie sind
doppelt numeriert, um Irrtümer zu vermeiden. Zwei Ärzte sind
um den Kranken tätig, dessen Puls gefühlt, dessen ^\'asser kontrolliert
wird. Ein Assistent schreibt die kiebertemperatur auf, der Kranke
im Bett Nr. 19 wird eben aufgerichtet, weil seine Kopfwunde ge-
waschen werden soll. l:s scheint schlimm zu stehen, das deuten
die Gebärden der Mittelfiguren an. Sicher sind hier viele Porträts
') Paul Schubring, Luca della Robbia und seine Familie. Velhagen &â– Klasing, 1905.
560
GRABDENKaiÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
versteckt. Der Heilige, dessen FĂĽLk gebadet werden, wird der
Pilger Jacobus Major sein.« Hierzu möchten wir noch folgende
Bemerkung machen. Der KĂĽnstler hat hier offenbar die innere und
die äußere Medizin charakterisieren wollen. Die äußere svmbolisierte
er durch die Schilderung einer Kopfverletzung. Der junge Mensch,
der diese erhalten hat, ist dabei lamos dem Leben abgelauscht. Er
Fig. 425. Portal vom Haarlemer Barbara-Krankenhaus.
Ori^.-Aujtu
StĂĽtzt sich auf den linken x\rm, mit der Rechten die untersuchende
Hand des Arztes kontrollierend, um diese im Momente des Schmerz-
empfindens zurĂĽckzustoĂźen. Daneben steht ein Dienender mit einer
WaschschĂĽssel. Die innere Medizin zeigt die zwei groĂźen diagnosti-
schen Waffen der damaligen Zeit, das PulsfĂĽhlen und die Urinschau.
Die Gesichter der beiden untersuchenden Ärzte sind offenbare Porträts;
der den Urin betrachtende Kollege eine damals bekannte Person-
HOSPITALSCHMUCK.
s6i
lichkeit, die man schon an
ihrem HĂĽftleiden wieder-
erkannte. Die Zwischen-
szene wird ausgefĂĽllt durch
SchĂĽler, welche in einem
Buche ĂĽber Lkn Fall nach-
lesen. Das »x-^ufschreiben
der Fieberten! peraturcc \-on
Schubring ist nicht so ganz
wörtlich zu nehmen. Ganz
so vorgeschritten waren
damals die Kollegen in der
Dependence der Santa Maria
Nuova von Florenz noch
nicht, das dauerte noch ein
paar hundert Jahre; da-
gegen disputierte schon
damals, wie es den An-
schein hat, der \'orstand
des Hospitals mit den
Ärzten.
Die ganze Geschichte
unserer heimischen Kran-
kenhäuser erklärt es, daß
wir aul" solch schönen
plastischen Schmuck, wie
er sich jenseits der Alpen
findet, wenig rechnen kön-
nen. Was ich fand, ist
ĂĽberaus dĂĽrftig und ent-
spricht z. B. dem unbe-
deutenden und steifen Gie-
belsteine, den man aus der
alten Charite pietätvoll mit
Holländer, Plaslik'und Medizin.
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j62 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ®
herĂĽbergenommen, um ihn in die Fassade der neuen medizinischen
KHnik in Berlin einzubauen. Ein zumal an einem Krankenhause
ziemlich ĂĽberflĂĽssiger Hinweis auf die Geburt und den Tod.
Konnte man den geängstigten Kranken, welche hoffnungsvoll der
HospitaltĂĽr zustreben, nicht etwas Ermutigenderes bieten? Denn
ĂĽbertriebenen Sinn fĂĽr die Historie werden dieselben in diesem
Momente kaum fĂĽhlen!
Es erinnert dieser Charitc-Schmuck einigermaĂźen an die Supra-
porte des St. Elisabeth-Krankenhauses in Haarlem, aut welcher der
Transport eines Kranken oder gar eines Toten in dieses alte »Gast-
haus« recht realistisch geschildert wird (s. Fig. 424). Im Gegen-
satz hierzu macht die Plastik des Haarlemer Barbara-Krankenhauses,
welche gleichfalls Kollege Daniels so freundlich war fĂĽr mich
photographieren zu lassen (Fig. 423), einen gemĂĽtlicheren und
vertraulicheren Eindruck. Wir sehen da in die Räume des Kranken-
hauses hinein und in die Logen, in denen die l^atienten liegen; vor
ihnen sitzen besuchende Verwandte oder auch behandelnde Ärzte.
Ein solcher Einblick in ein Haus gibt dem Ängstlichen Mut zum
Eintritt. Der interessanteste dieser holländischen Giebelsteine ent-
stammt dem früheren Städtischen Krankenhause in Dordrecht, »des
Gast- und Siechenhauses in der Fischstraße aus dem Jahre 1372«
(Fig. 426). Auf diesem hochinteressanten Relief sehen wir den
Weg ins Krankenhaus geschildert. Um zwei Hauptgruppen herum,
der einer getragenen Frau und der eines Mannes, dessen linker
Arm, wie es scheint, gebrochen ist, gruppieren sich Amputierte,
Gelähmte, welche sich an Krücken und mit eigenartigen \'erband-
vorrichtungen zum Arzte begeben. Der Vergleich mit dem italie-
nischen Relief zeigt die rein malerische Behandlung des plastisch
unvollkommeneren Technikers mit einer gewissen Innigkeit des
GefĂĽhls.
Dieser immerhin interessanten Schilderung der KrankenfĂĽrsorge
und des Krankentransportes aus dem 16. Jahrhundert gegenĂĽber
fällt der Eingang des St. Pieters Gasthuis, einer Arbeit des Jan
van Luchterus, 1736, mit der akademischen Krankenallegorie ab
KRANKENHAUSPORTALE.
563
(Fig. 427). Der Vollständigkeit wegen zeigen wir noch _ den
hĂĽbschen Torgang des alten Dordrechter Pesthauses vom Heiligen
Geist (Fig. 428).
Gelegentlich gilt es und galt es, unter den KĂĽnsten und Wissen-
schatten auch die Heilkunst allegorisch darzustellen. Namentlich die
FrĂĽhrenaissance schmĂĽckte mit solchen meist korrespondierenden Fi-
Fig. 427. Portal des St. Pieters Gasthuis (1736).
guren ihre Gebäude. Auch die sogenannten Kleinmeister liebten es,
Serien zu stechen von symbolischen Figuren, welche aus der Vor-
stellung abstrakter Begriffe genommen waren; so z. B. der acht
theologischen und moralischen Tugenden. In der Mehrzahl dieser
wird unter den Folgen sowohl der Wissenschaften als auch der KĂĽnste
oder der Gewerbebetriebe die Heilkunst vergessen. Es liegt dies
daran, daß eine allgemein verständliche und naheliegende Personi-
564
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
fizierung, wie z. B. bei der Justiz, fehlt; da wo sie aber wirklich
einmal dargestellt wird, wird ihre Deutung oft verkannt und ist
sie in Wirklichkeit auch zweifelhaft. Ein gutes Beispiel fĂĽr diese
Behauptung bietet die Skulptur des Florentiner Domes. Da sind
am berĂĽhmten Campanile aus der Schule des Andrea Pisano
Fig. 42S. Eingang zum alten Pesthaus vom Heiligen Geist in Dordrecht.
allegorische Figuren rings um den Glockenturm angebracht, die
gewissermaßen eine Enzyklopädie menschlicher Betätigungen geben.
Unter diesen Figuren von Frauen sind zwei, welche als Arithmetik
und als Strafrecht angesprochen werden.
Die jus penale genannte Allegorie zeigt eine ernste, geradeaus-
ALLEGORIE.
563
schauende Frauenfigur mit Schleier und Mantel, welche in der
rechten Hand eine riesige Schere hält. Es ist immerhin die Mög-
lichkeit einer Vorstellung, daĂź mit dieser Symbolik das Recht des
Abschneidens des Lebensfadens angedeutet werden sollte. Die Arith-
metik genannte Frauenfigur mit jugendlicherem Habitus liest in einem
großen Buche, welches sie in der linken Hand hält, während sie
Schnlf dfs risanfl.
Fig 429- Allegorie auf die Heilkunst [':) am Florentiner Glockenturm.
in der rechten Hand eine große Zange hält (Fig. 429). Der Aus-
druck ihres Gesichtes ist im Gegensatz zu der vorhergehenden ein
entschieden liebenswürdiger. Man könnte immerhin daran denken,
daĂź der KĂĽnstler mit dieser Frauenfigur die Heilkunde personifizieren
wollte. Am Sockel sind nun aber Szenen plastisch ausgefĂĽhrt,
s66
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
welche die verschiedenen Tätigkeiten ausdrüclien. Unsere Abbil-
dung (s. Fig. 430) zeigt nun eine Szene, welche die Bezeichnung
Florentiner Catitpattile
Fig. 430. Ärztliche Kunst.
»L'Arte ceramica« führt. Diese Auflassung aber ist eine durchaus
irrtümliche, und es sollte ohne jeden Zweifel hier ärztliche Be-
BEHANDLUNG. HEILUNG.
567
handlung dargestellt werden. Da sit/ct auf seinem gotischen Stuhle
der Doktor, dessen Antlitz vielleicht ein Porträt darstellt, in seiner
Arbeitsstube und betrachtet mit einer Geste, die eine der typischsten
geworden ist und die sich jahrhundertelang bis in die holländische
Florenz^ Baptisterinm,
Y'v. 431. Heilung von Andrea Pisano.
Malerei erhalten hat, als Ausdruck ärztlicher Diagnostik den Urin.
Zu dem Arzte kommen mehrere Personen, welche in der Hand
die Tragkorbchen halten, in denen die Urinflaschen aufbewahrt
waren. Wir zeigten, daĂź in dieser Urinschau nicht nur die ganze
5 6S GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ®
diagnostische ärztliche Tätigkeit sich äußerte, sondern daß die Ärzte
auch noch allerlei Keusches und Unkeusches aus der Beschaffenheit
des Sekretes herauslasen. Darauf deutet aber beinahe die im
Vordergrunde stehende jugendliche Person hin, welche mit ängst-
lichem, erwartungsvollem Blick zusieht und den Orakelspruch er-
wartet. Die Geste, mit der sie auf eine im Hintergrunde stehende
Frau weist, will vielleicht ausdrĂĽcken, daĂź der Inhalt des unter-
suchten Glases gar nicht von ihr sei. Als weitere Staffage sehen
wir noch eine Jugendliche und eine Matrone, deren Geheimnis
noch im Körbchen steckt; auf zwei Etageren sind in vielgestaltigen
Flaschen, welche Veranlassung zur falschen xA.uslegung gaben,
allerlei Salben und Medikamente dieses Arztes aus dem 14. Jahr-
hundert aufbewahrt.
Ähnliche Embleme finden wir auf den Kirchentüren. Die Bronze-
tür vom Südportal des Battisterio in Florenz zeigt uns in schöner
gedrängter Form die Fleilhandlungen an Kranken (s. Fig. 431}.
Der der Gruppe von Gelähmten und Gichtbrüchigen in der Pose
des Redenden GegenĂĽberstehende und sie alle etwas ĂĽberragende
Johannes ist ein Meisterwerk des Andrea Pisano. Diese Beispiele
mögen genügen als Ausdruck der in jener Zeit beliebten Relief-
darstellungen, welche gewissermaĂźen das ganze heilige und profane
l'un der Menschen schildern. Der Unterschied dieser plastischen Er-
zählungen zwischen der antiken und christlichen Svmbolik ist von
großem Interesse. Burckhardt^) präzisiert in seiner überzeugenden
Anschauung und Darstellung diesen ungefähr folgendermaßen: »Die
christliche Symbolik ist nicht volkstĂĽmlichen Ursprungs, nicht mit
der Religion und mit der Kunst von selbst entstanden wie die
antike, sondern durch Kombination und Abstraktion Gelehrter und
Wissender aus den verschiedensten Stellen der Bibel gewonnen.
Schon deshalb hat sie nur eine bedingte GĂĽltigkeit in der Kunst
erreicht.« Prüfen wir den Inhalt dieser Behauptungen, so erkennen
wir ihre Richtigkeit und ihre Tiefe an dem von uns selbst bei-
gebrachten Material. Wir sahen, wie die Attribute des Heilgottes
') Jakol) B 11 rcUhard t , Der Cicerone, 1904.
EMBLEME.
569
nicht der Idee eines begabten KĂĽnstlers entsprangen, auch nicht
die Inkrustation einer Erzählung bedeuteten, sondern daß sie all-
mählich mit der Gottheit zugleich geboren wurden und aus sich
heraus plastische Form annahmen. Erdständige, allmählich ge-
wachsene Formen und Begriffe, deren Deutung sogar und richtige
Auffassung zeitweilig verloren ging, deren
innige Verbindung aber als nun einmal be-
stehend hingenommen wurde als offizielles
Beiwerk. So sehen wir auch, daĂź diese nicht
ergrĂĽbclten, sondern gewachsenen Vorstel-
lungen die Zeiten ĂĽberdauerten und heute
noch so populär sind, heute noch im Wilks-
bewuĂźtsein den Begriff versinnbildlichen. So
hat es auch gar keinen Sinn, heute fĂĽr die
Heil Wissenschaft und -kunst neue, geistvoll
komponierte Allegorien zu suchen ; sie wer-
den keinen festen FuĂź fassen und in das
VolksbewuĂźtsein so wenig eindringen, wie
die zahllosen Attribute der Heiligen, zu deren
Enträtselung man ein Codebuch zur Hand
haben müßte. \\\is wir aber verlangen kön-
nen, ist, daĂź die KĂĽnstler und Architekten
bei ihren archäologischen Anleihen sich
keine groben orthographischen Fehler dieser
Kunstsprache zuschulden kommen lassen. Das
Studium unseres Illustrationsmaterials wird
hoffentlich, fĂĽr diesen Zweck verwandt, gelegentlich Anreo-uno- oeben
Eine Fundgrube fĂĽr oft originelle Gedanken auf dem Gebiete
der Emblemkunst sind die Exlibris. Die Zusammenstellung der
Ärzteexlibris durch Henrv Andre') aber zeigt, daß eine medi-
zinische Heraldik versagt, und daĂź es den Wenigsten geglĂĽckt ist,
dem ärztlichen Wesen einen durchsichtigen allegorischen und dabei
kĂĽnstlerischen Ausdruck zu geben.
l'r.-f^.-A,,/,!.
Berlin . Kiiiseriu-FyiedriLh-llaus.
Fig. 432. Prozessionsstange
der Gilde der Gugelmänner.
SĂĽddeutsche Hu]z_-,kiilptur.
') Henry .Andre-, Les Ex-Libris de mcdecins, Paris 190S.
570
GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN.
Schließlich gehörte der Arzt doch zu den Gewerbetreibenden. Ver-
o^eblich suchte ich nach Schildern und plastischen Gildezeichen fĂĽr das
Orlg.-Aufn. I.cndm, Museum des Royal College ef Surgeoiis.
Fig. 433. Aushängeschild eines Chirurgen, 1623.
Heilpersonal; es haben sich solche fĂĽr die Bader und die niederen
Ano-ehöriiren des Heilstandes in Deutschland wohl kaum noch er-
halten. Da"eo;en kennen' wir das Aussehen mancher Bader- und
® AUSHÄNGESCHILD. r n i
Chirurgenwappen und ihrer Fahnen aus Abbildungen und BĂĽchern.
Meist waren die Zeichen ihres Handwerkes auf den Wappen an-
gebracht. Die äkesten Wappen der Londoner Barbierchirurgen-
gilde hatten z. B. drei Rasiermesser im Schilde (The Annais of the
Barber-Surgeons of London by Austin Joung), andere wieder die
AderlaĂźbinde und einen Vogel, im Museum des Royal College of
Surgeons of England fand ich ein altes interessantes Aushängeschild
eines Arztes vom Jahre 1623 (s. Fig. 433). In der Mitte steht in \-oller
Größe vor seiner Apotheke der Medikus mit Radmantel, Pumphosen
und groĂźer MĂĽhlsteinkrause. Um ihn herum zeigt die Schnitzarbeit
die Proben und die Leistungen seiner Kunst, mit auffallenden Farben
dekoriert. Zuoberst links ein Aderlaß; an der Wand hängt ein leder-
nes Instrumententutteral, darunter sieht man einer Amputation zu,
die sehr gemĂĽtlich hergeht und demnach gar nicht so schlimm ist,
wie die Leute glauben. Das Zahnziehen ist eine reine Freude bei des
Arztes Geschicklichkeit, ebenso wie das Einrenken der Schulter und
die Behandlung der bösen Brust. Xur in einem Punkte, auf dem
zuletzt dargestellten Bilde, geht der Doktor scharf vor; er glaubt
nicht ohne weiteres den Beteuerungen über Zahlungsunfähigkeit und
untersucht die Taschen auf metallischen Inhalt persönlich. In der
Mitte ĂĽber ihm ist die innere Medizin zur plastischen Darstellung
gebracht. Diesmal hat der Doktor den langen Rock der Akademiker
angelegt, wozu natĂĽrlich ein Privileg erforderlich war. In einem
Bette mit zurĂĽckgezogenen Gardinen liegt eine Kranke. Der Arzt
ist bei der Ui inschau. Aber er scheint nicht viel von der Krank-
heit zu halten , denn die Bewegung seiner rechten Hand drĂĽckt
eine stumme Resignation aus, und chirurgische Eingriffe werden auch
besser bezahlt. Darunter aber steht gewissermaĂźen als unter-
strichene Empfehlung an die Leser das goldene Wort von Jesus
Sirach :
Aliissimus creavit de terra Medecynam
et vir prudens non abhorrehit illam.
LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS.
Siehe auĂźerdem die FuĂźnoten und die literarischen Textangaben.
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E. von Sacken, Die antiken Bronzen des k. k. MĂĽnz- und Antikenkabinetts.
Wien 1871.
Gräfin Caetano-Lovatelli, Monumenti antichi public, per cura della
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Otto Weinreich, Antike Heilungswunder. Untersuchungen zum Wunder-
glauben der Griechen und Römer. Religionsgeschichtliche Versuche und Vor-
arbeiten. GieĂźen 1909.
von Ö f e 1 e. Die ältesten Darstellungen chirurgischer Operationen. Janus 1907.
Nikolaus Gerzetic, Ăśber aufgefundene chirurgische Instrumente des Alter-
tums in Viminacium (Kostolac in Serbien), nebst Anhang über die ältesten
Behelfe der Medizin im Dienste des Sonnenkultus. Karansebes 1894. Druck
der Diözesan-Buchdruckerei.
Deneff e, Chirurgie antique. Anvers 1893. EtĂĽde sur la trousse d'un Chirurgien
Gallo-Romain du 111. siecle.
R 0 b e r t M ĂĽ 1 1 e r h e i m, Die W o c h e n s t u b e in der Kunst. Kulturhistorische
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H u g 0 M a g n u s. Die Darstellung des Auges in der antiken Plastik. Leipzig 1892.
R. G r e e f f. Ăśber Darstellungen von Blindenheilungen auf altchristlichen Sarko-
phagen. Zentralblatt fĂĽr praktische Augenheilkunde 1908.
Artur Zweiniger, Der lebendige Homer. Eine Wiederherstellung der Ge-
sichtszĂĽge des lebendigen Homer auf Grund der Totenmaske, 1909. E. A. See-
mann.
C 0 n z e, Ăśber die Darstellung des menschlichen Auges in der antiken Skulptur.
Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1892.
L. W a c h h 0 1 z. Ein Zwitter vor Gericht im Jahre 1561. Vierteljahrschrift fĂĽr
gerichtliche Medizin 1911, Band 41. (Verurteilung eines angeblich weiblichen
Hermaphroditen zum Feuertode wegen männlicher Betätigung. Aus den Straf-
akten der Stadt Krakau.)
Henri Meige, L'infantilisme, le feminisme et les hermaphrodites antiques.
L'Anthropologie 1895.
Henri Meige, Le mal de Pott dans l'art antique. Traveau,x de Neurologie
Chirurg. 1897 und die Veröffentlichungen der Nouvelle Icono-
graphie de la Salpetriere.
Jean I c t i s, Les Hermaphrodites. La Presse medicale. Dezember 1910.
S a 1 0 m 0 n R e i n a c h, Un indice chronologique applicable aux figures feminines
de l'art grec. Revue des etudes grecques 1908, Tome XXI. (Stellung der Mammae
zueinander als verläßliches Kriterium der Kunstepochen.)
C h a r c 0 t et R i c h e r, Deux Bas-reliefs de Nicolas de Pisa. 1890, p. 134.
Gilles de la Tou rette, Un buste d'eveque guerissant les ecrouelles 1891.
Henri Meige, Les Nains et les Bossus dans l'art. 1896.
Joseph Kirchner, Die Darstellung des ersten Menschenpaares in der bilden-
den Kunst. Stuttgart, Ferdinand Enke. 1903.
A d 0 1 f H a r n a c k. Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte. J. C. Hinrich-
sche Buchhandlung, Leipzig 1892.
Friedrich Boerner, De Cosma et Damiano Artis Medicae Diis Olim et
Adhuc Hodie Hinc Illincque Tutelaribus. Helmestadi MDCCLl.
M. H ö f 1 e r (Tölz), Heilige Krankenheiler. Janus 1909.
Broc de Segange, Les saints patrons de corporations et protecteurs spec.
invoques dans les maladies. Paris 1888.
376 LITERATUR- UND OUELLENVERZEICHXIS. ^
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der Medizin 1909, Band 3.
A. N. P a c h i n g e r, Ăśber Krankheitspatrone auf Heiligenbildern. Archiv fĂĽr
Geschichte der Medizin 1909, Band 2, Heft 2.
E. Lucius, Die Anfänge des Heiligenkults in der christlichen Kirche. Tübingen
1904.
K 0 s m a s und D a ni i a n, Texte und Einleitung von Ludwig D e u b n e r.
Leipzig und Berlin, Teubner 1907.
M. H ö f 1 e r. Das Herz als G e b i 1 d b r 0 t. Archiv für Anthropologie, Band 5,
Heft 3—4.
Marie A n d r e e - E y s n, K i r c h e n s t a u b heilt Wunden. Zeitschrift
des Vereins fĂĽr Volkskunde 1906.
S. H a u c k. Die Entstehung des Christustypus.
Inca Garcilasso de la Vega, Histoire des Incas. Amsterdam 1757.
Oskar M arten s. Ein sozialistischer GroĂźstaat vor 400 Jahren. Berlin 1895.
Artur Baeßler, Altperuanische Kunst. Beiträge zur Archäologie des Inkareiches.
A. St übel und U h 1 e. Die Ruinenstätte vor Tiahuanaco. Breslau 1892.
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R. A. P h i 1 i p p i, Descripcion de los idolos peruanos de greda cocida. Anales
del Museo National de Chile 1891.
Charles W. M e a d, Peruvian Mummies. New York 1907.
Reinhold B. Brehm, Das Inkareich. Zur Staats- und Sittengeschichte des
Kaisertums. Jena 1885.
Alex. Hrdlicka, Diseases of the Indians more especially of the Southwest
United States and Nord Mexico. Washington med. Annais 1906, Vol. IV, Nr. 6.
(Mitt. Nr. 28.) (Untersuchte viele vorkolumbischen Grabstätten des genannten
Gebietes und fand hier, ebenso wie in Peru, keine Lues, so daĂź ihm der ameri-
kanische Ursprung der Lues unwahrscheinlich ist.)
P a d r e B. d e 1 a s C a s a s. De las antiguas gentes de Peru. .Madrid 1892.
Pedro S a r m i e n t 0, Geschichte des Inkaruhmes. Berlin 1906.
L 0 r t e t, La Syphilis dans la prehistoire. La chronique medicale 1908, Nr. 6,
S. 193 u. L
K a r 1 J ä g e r, Beiträge zur frühzeitlicheii Chirurgie; beobachtet nach dem Material
der Königl. Staatssammlung .München. C. W. Kreideis, Wiesbaden 1907.
Johannes Ranke, Über altperuanische Schädel von Ancon und Pachacamae,
gesch. von I. K. H. Prinzessin Therese von Bayern. Abhandl. der Mathem. -Physik.
Klasse der Königl. Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 20. Mün-
chen 1900.
Zeitschrift fĂĽr Ethnologie 1895, 1897, 1898, 1899, 1900, 1901, 1902.
Verhandlungen und Mitteilungen der ersten Internationalen Lepra-Konferenz. B. 1897.
(Abhandl. Ashmeads S. 171, Abt. 4.)
D e r m a t 0 1. Z e n t r a I b 1 a t t, Jahrgang III, Nr. 2.
A s h m e a d, The Canadian Journal of Medicin and Surgery. .March 1899. ,.No
evidence in America of Pre-Columbian leprosy."
Ashmead, The St. Louis Medical and derm. Journal 1900 und 1901. Pre-
Columbian Lupus as represented on the Huaco pottery of Peru.
Walter Lehmann, Syphilis und Uta in Peru. Globus 1910. (Mit Bezug auf
die präkolumbischen Keramiken.)
C. Z e t z s c h e. Altperuanische Kunst. Die Welt der Technik 1907, Nr. 11.
N. Velez, Les Vases peruviens anthropomorphes. Presse medicale 1909, Nr. 85.
VERLAGS-
WERKE
y erlag von FERDINAM) ENKE in Stuttgart.
Die medizin in der l{la»i$dien fnalecei.
Von Eugen Holländer, Prof. Dr. med. in Berlin.
Mit 165 in den Text gedruckten Abbildungen. Hoch 4".
Geheftet M. 16.— Eleg. geb. M. 18.—
Inhalt:
Vorwort — Einleitung — Die Anatomiegemälde — Medizinische Gruppenbilder — Krank-
heitsdarstellungen — Innere Medizin — Chirurgie — Allegorien, Hospitäler und Wochen-
stuben — Heiligenbeliandlung — Schlußwort.
Urteile der Presse.
Der Verfasser bespricht die in sehr guten Autotypien vorgefĂĽhrten Darstellungeu medizinischen
Inhalts, die er als Kunstfreund in den Galerien der Alten Welt aufgefunden und gesammelt hat. in an-
ziehender Weise, und zwar gruppiert die Anatomiegennilde. Krankheitsdarstellungeu (Aussatz. Syiiliili^,
Pest usw.). Innere Medizin. Chirurgie, Allegorien, Hospitaler und Wochenstuben und Heiligeubehaiidhnm'
j.Ein frohes Werk außerberuflicher Tätigkeit" nennt der Verfasser selbst sein Buch, und die Freude, dii-
ihm die Arbeit bereitet haben mag, teilt sich sofort dem Leser mit. KĂĽnstlerischer und historischer Sinu,
unterstĂĽtzt durch die Hilfsmittel der modernen Technik, haben hier ein Prachtwerk im besten Siune des
Wortes gescharten. Wim-hner me.Uzhnsch, W»che„s,h.-ii; 1S03. Xr. 50.
Wie sehr hat der Autor die an sein Werk geknĂĽpften Hoftnungen und Erwartungen zu ĂĽbertrumpfen
verstanden! Denn ebenso glänzend wie die äußere Ausstattung. Auswahl, photographische Reproduktion
der Gemälde und die sonstige typographische Technik hervortritt, ebenso, ja noch glänzender, ist der die
Bilder begleitende Text. p^^f Xagel-Berlin. De„!srl,c Jer.-Iezei,„„!) i:o4. X,-. 1.
Bevor wir auf den Inhalt dieses hochinteressanten Werkes etwas eingehen, können wir es uns nicht
versagen, auf die geradezu mustergĂĽltige Ausstattung dieses Werkes die Aufmerksamkeit zu lenken
belten wohl hat eine Verlagsbuchhandlung in derartig splendider Weise ein Werk ausgestattet wie das
vorliegende. Die Vervielfältigungen siud teils iu Autotyjpie. teils auch in anderen Reproduktiousmethoden
ausgetĂĽhit und geben die Originale in einer NatĂĽrlichkeit und Klarheit wieder, die selbst dem KĂĽnstler
das Studium der Technik ermöglicht, Hollander ist ein Kunstfreund im besten Sinne des Wortes. Er
treibt zielbewuĂźt seine Studien und hat es, was Beurteilung anlangt, zu einer Vollendung gebracht die
Ihn über den gewöhnlichen Dilettantismus erhebt. Als begeisterter Verehrer der hoUän tischen und flämischen
Schule hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in mĂĽhevollen und an kĂĽnstlerischen GenĂĽssen reichen Studien
aHe die "Werke der klassischen M.alerei aufzusuchen, die in Beziehung zur Medizin stehen. Er bietet uns
111 seinem \\ erk an der Hand klassischer Bilder einen Teil der Geschichte der Medizin. Daß naturgemäß
ein so in das Leben der einzelnen eingreifendes Gebiet wie das der .Medizin seinen EinfluĂź auf die Kunst
ausüben würde und ausgeübt hat, ist ganz selbstverständlich, und wie die Maler aller Zeiten wenigstens
teilweise, in ihien Bildern die Zeit, in der sie lebten, wiederg.aben. so finden wir in diesen Werken der
holländischen Sammlung treue Bilder vom Stand der Medizin, von der Stellung der .Aerzte. von Epidemien
hygienischen Einrichtungen und anderem jener Zeit. In klarer und der Bedeutung der Einzelheiten voll
Rechnung tragender Darstellung hat Holländer den verbindenden Text für seine 165 Tafeln gegeben Es
muĂź eine schwere Aufgabe gewesen sein, diese groĂźe Z.ahl von klassischen Bildwerken der Reproduktion
zugänglich zu machen, und jeder, der das Buch in die H,and nimmt, wird von seinem Inhalt gefesselt
werden und winl es mit dem BewuĂźtsein fortlegen, in der erfreulichsten und angenehmsten Weise ein
Teil der Geschichte derMeilizin durchlaufen zu haben. Wohl dem. welcher in so nĂĽtzlicher und fĂĽr die
Mitmenschen erfreulicher Weise außerberuflich tätig sein kann wie der Verfasser; P. M.
Per Tilg l;;04. .V/-. llö.
Verlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart.
Die Knrihotur und Satire in der Medizin.
MeĂĽiko-kunsthistorische Studien
von
EUGEN HOLLANDER, Prof. Dr. med. in Berlin.
Kartoniert M. 24.— Mit 10 farbigen Tafeln nnd 223 Abbiiclnnoen im Text. Eleg. geb. M. 27.—
-^' ^:-'r
Urteile der Presse.
Ein prächtiges Werk, wie selten eines geeignet, auf dem Weibnachtstiselie der Aerzte zu
prangen. Mit außerordentlichem Fleiße und vor allem mit außerordentlichem Kunstverständnis
hat der Verfasser aus all den Abbildungen, die die Satire und Karikatur seit Jahrhunderten
über den ärztlichen Stand geliefert haben, das künstlerisch Wertvolle ausgesucht und in
vorzĂĽglichen Reproduktionen, wie man sie bei dem Verlage von Ferdinand Enke ge-
wohnt ist, wiedergegeben. .Jllhicliener mediz. Wochenschrift" 1905, Nr. 51.
So wird das Buch dem geplagten Arzte von heute eine spannungenlösende geistige
Erquickung sein, ein frischer Trunk Quellwassers, geschöpft aus der köstlich sprudelnden
Vergangenheit, die ihn einige Jahrzehnte Nichtbeachtung fast gering zu schätzen gewöhnt
haben. UnwillkĂĽrlich wird er in angenehmster Form nicht nur eine ganze Reihe historischer
Daten aus der Medizin frĂĽherer Zeiten in sich aufnehmen, er wird auch von recht historischer
Forschung einen Hauch verspürt haben, der in immer wiederkehrender Beschäftigung mit
dem vom Verfasser und Verleger gleich vollkommen ausgestatteten Buche sich langsam
zum unwiderstehlichen Luftstrom gestalten möge, der ihn der Geschichte seines Standes
und seiner Wissenschaft in die gerne sich öffnenden Arme treiben wird. Darum auch
unseren besonderen Segen dem schönen Buche auf seinen Weg! Doch auch unsere ganz
uuhistorische, kĂĽnstlerische und menschliche Seele von heute freut sich daran.
Mitteilungen zur Geschichte der Medizin. Karl Sudhoff, Geh. Med. Bat, Prof. der
r. Band. A'r. 1. 1906. Geschichte der Medizin, l'niv. Leipzig.
Holländer hat mit diesem seinem neuesten Prachtwerk nicht nur sein erstes in idealer
Weise ergänzt, sondern auch die historische Literatur mit einer weiteren Gabe von monu-
mentaler Bedeutung bereichert. Es unterliegt keinem Zweifel, daĂź dieses neueste Gegen-
stück zu dem älteren Werk im A^erein mit ihm dem Verfasser einen hervorragenden und
dauernden Platz in der Literatur der medizinischen Kulturgeschichte sichert. — Noch mehr
fast als das vor zwei Jahren erschienene Werk wird die „Karikatur und Satire in der Medizin"
das EntzĂĽcken der kunstfreudigen und kunstfreundlicben Kollegen erregen und als ĂĽberaus
geschmackvolle und passende Weihnachtsgabe in ihren Kreisen weite Verbreitung finden.
Deutsche Aerzte-Zeitung 1905, Heft -^i. Paget, Prof. der Geschichte der Medizin. Unir. Berlin.
A erlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart,
Geschichte der Medizin.
Von Prof. Dr. M. NEUBURGER.
Zwei Bände.
I. Band. gr. 8°. 1906. geh. M. 9.— ; in Leinw. geb. .M. lu.40.
II. Band, I. Teil. Mit 3 Tafeln, gr. 8". 1911. geb. M. 13.60; in Leinw. geb. M. 15.—
^ie^ochenstube in der JCunst.
Eine kulturhistorische Studie
Dr. med. ROBERT MULLERHEIM.
Mit 13S Abbildungen. Hoch 4". 1904. Kartoniert M. 16.— ; elegant in Leinw. geb. M. 18.
INHALT: Vorwort. — Eiiifiihniiig. — Die Woclieustulie. — Das Bett. — Gebiirtsstiilil. — Pflege der
Wöchnerin. — Pflege des Kindes — Kleidung des Kindes. — Einiilirung des Kindes. — Bett des Kindes. —
Glaube und Aberglaube in der Woclienstube. — Volkstümliche und gelehrte Anschauungen. — Kultus der
Wöchnerin. — Ende des Wochenbetts. — Anhang. — Quellen und Anmerkungen.
Hnndliuch der prahtischen Chmie.
In Verbindung mit
Prof. Dr. V. Angerei- in Jliinchen, Prof fir. Borchardt in Berlin, Prof. Dr. v. Bramann in Halle. Prof.
Dr. V. Eiseisberg in Wien, Pnif. Dr. Friedrich in Jlavburg, Prof. Dr. Gralf in Bonn, Prof. Dr. Graser
in Erlangen Prof. Dr. v. Hacker in Graz, Piof Dr. Henle in Dortmund, Dr Hoffa, weil. I'rof. in Berlin.
Prof Dr Hofmeister in Stuttgart, Prof. Dr Jordan in Heidelberg, Prof- Dr Kausch in Schöneberg-
Berlin Prof Ur Kehr in Halljerstadt, Prof. Dr. Körte in Berlin, Prof. Dr. F. Krause ni Berhn , Prof.
Pr Krönlein in Zürich, Prof- Dr. Kümmel in Heidelberg, Prof. Dr Kümmell in Hamburg, Prof. Dr.
KĂĽttner in Breslau, Prof. Dr. Lexer in Jena, Primararzt Dr. Lotheissen in Wien, Dr. v. iVlikulicz,
weil Prof. in Breslau, Dr. Nasse, weil. Prof. in Berlin, Dr. Nitze, wril Prof in Berlin, Stabsarzt Dr.
Rammstedt in MĂĽnster i. W., Prof. Ur Reiche! in fhemnitz, Prof. Dr. Riedinger in WĂĽrzburg, Prof
Dr Römer in Straßburg, Prof Dr. Rotter in Berlin, Dr. Schede, weil Prof. in Bonn, Prof. Dr Schlange
in Hannover, Prof. Dr. SchlaMer in ZĂĽrich, Oberarzt Dr Schreiber in Augsburg, Prof Dr. Sonnenburg
in Berlin. Prof. Dr. Steinthal in Stuttgart, Oberarzt Dr. Wiesmann in Herisau, Prof. Dr Wilms in Heidelberg
bearbeitet und berausgegetien von
Prof. Dr. E. von Bergmann und Prof. Dr. P. von Bruns
in Berlin in TĂĽbingen.
Dritie umgearbeitete jfuflage. -x- /Vif«/ Uünde.
Mit 1312 Textabbildungen, gr. S". 1907. geh. M. 103.— , in Leinw. geb. M. 118.-
I. Band: Chirurgie des Kopfes.
II. Band: Chirurgie des Halses, der Brust und der Wirbelsäule.
III. Band: Chirurgie des Bauches.
IV. Band: Chirui'gie des Beckens.
V. Band: Chirurgie der Extremitäten.
Yerlag von FERDINAND ENKE iu Stuttgart.
Handbuch der praktischen Medizin.
Bearbeitet von
Geh. llediziiialrat Prof. Dr. Brieger in Berlin, Geli Mediziiiahat Prof. Dr. Damsch in liöttingen, Prof.
Dr. Dehio in Dor|iat. Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Ebstein in Göttingen, Prof Dr. Edinger in Frank-
furt a. M., Prof Dr Epstein in Prag, Dr. Finlay in Havanna, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. FĂĽrbringer
in Berlin. Prof. Dr. E Grawitz in Charlottenliurg. Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Harnack in Halle a. S.
Prof. Dr. Jadassohn in Dem. (.Uicrarzt Prof. Dr. KĂĽmmell in Hamlnng-Eppendorf, Prof. Dr. Laache iii
Christiania, Prof, Dr. Lenhartz in Hanibiirg-Eiiiiendorf. Prof. Dr. Lorenz in Graz. Stabsarzt Prof. Dr. Marx
in Krankfurt a. JI , Geh. .Medizinalrat Prof. Dr Mendel in Berlin. I^rof. In- Nicolaier in Berlin, Prof. Dr.
Obersteiner in Wien, Hofrat Prof. Dr. PHbram in Prag, Prof. Dr. Redlich in Wien, Oberarzt Prof!
Dr. Reiche in Hamburg-EpiMMidorf, Piof Dr Romberg in TĂĽbingen, Prot. Dr. Rosenstein in Leiden. Prof
Dr. Rumpf in Bonn, Prof Dr. Schwalbe in Berlin, Prof. Dr. Sticker in MĂĽnster i. W., Geh. Medizi'nalrat
Prof. Dr, StrĂĽbing ni <;ieifswald, Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Unverricht in Jlagdeburg, Geh. Medizinalrat
Prof. Dr. Wassermann in Berlin, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ziehen in Berlin.
Unter Redaktion von
Dr. W. Ebstein und Prof. Dr. J. Schwalbe
Geheimer Medizinalrat, o. Professor in Göttingen Herausgeber der Deutschen med. Wochensclirifl
herausgegeben von
W. EBSTEIN.
Z\vcite, vollständig unigearbeitete Auflafit.
Vier Bände.
232 Bogen. Mit 261 Textabbildungen, gr. 8". 1905/06.
Geheftet M. 77.— ; in Leinwand gebunden IVI. 85.—
I. Band. Krankheiten der Atniung's-, der Kreislanfsorgaue, des Blutes und der
Blutdriiscn. 67 Bogen. Mit 75 Textabbildungen, gr. 8". 1905. Geh. M. 22.—, in
Leinw. geb. M. 24. —
II. Band. Kninklieiten der Verdaiiiings-, der Hariioraraue und des männlichen Ge-
schlechtsapparates. Venerische Krankheiten. 61 Bogen. Mit 54 Textabbildungen,
gr. 8". 1905. Geh. M. 20.—, in Leinw. geb. M. 22.—
111. Band. Krankheiten des Nervensystems (mit EinschluĂź der Psychosen). Krank-
heiten der Bewegungsorgane. 59 Bogen. Mit 81 Textabbildungen, gr. 8°. 1905.
Geh. M. 20.—, in Leinw. geb. M. 22.—
IV. Band. Infektionskrankheiten. Zoonosen, Konstitutionskrankheiten, Verg-iftungen
durch Metalle, durch Tier- und Fäuluisgifte. 45 Bogen. Mit 51 Textabbildungen
gr. 8». 1906. Geh. M. 15.—. in Leinw. geb. M. 17.—
Chirurgie des praktischen Arztes.
it EiiiscliluĂź der Auien-, Ohren- und Zaiinhranidieiten.
Bearbeitet von Prof Dr k. Fraeiikel in Wien, Geh. Medizinalrat Prof Dr. K. (iarri- in Bonn, Prof. Dr.
H. Häekel in Stettin, Prof. Dr ('. Hess in Würzburg, Geh. Medizinalrat Prof Dr F. König in Grune-
wald-Berlin. Prof. Dr AV. KĂĽmmel in Heidelberg, I. Oberarzt Prof. Dr. U. KĂĽmmell in Hamlaug-Eppen-
dorf, Prof. Dr. (i. I.edderhose in StralSburg i. E., Prof. Dr. K. Leser in Halle a. S. , Prof. Dr. W. .MĂĽller
in Rostock i. M. , Prof. Dr. J. Scheff in Wien, Prof. Dr. 0. Tilmann in Köln.
Mit 171 Abbildungen, gr. 8°. 1907. Geheftet M. 20.—, in Leinwand geb. M. 22.—
(Zugleich ErgĂĽnziingshand zum Handbuch der praktischen Medizin. 2. Aufl.)
Verlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart.
Allgemeine Pathologie.
Ein Lehrbuch fĂĽr Studierende und Aerzte.
Von Prof. Dr. E. Schwalbe.
Mit 591 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8". 1911. geh. W. •2-2.— ; in Halbfrz. geb. M. 24.—
Orthopädische Operationslehre.
Von Prof. Dr. O. Vulpius und Dr. A. Stoffel.
I. Hälfte.
Mit 202 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8". 1911. geh. M. 12.—
Handbuch der allgemeinen Chirurgie
zum Gebrauche fĂĽr Aerzte und Studierende.
Von Geh. Rat Prof. Dr. E. Lexer.
Zwei ISäiido. ^^^^Z Fünfte umgearbeitete Auflage.
Mit 890 teils farbigen Textabbildungen und einem Vorwort von Prof. K. von Bergmann,
gr. 8°. 1911. geh. M. 2-2M; in Leinw. geb. M. -iS.—
Lehrbuch der Greisenkrankheiten.
Unter Mitwirkung von
Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Damsch in Göttingen, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ebstein
in Göttingen, Geh. Medizinalrat Prof Dr. Ewald in Berlin, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Für-
bringer in Berlin. Prof. Dr. Grawitz in Chailottenburg, Prof Dr. Hirsch in Göttingen,
Prof. Dr. Hoppe-Seyler in Kiel, Prof. Dr. Jadassohii in Bern, Prof. Dr. Baron A. v. Koränyi
in Budapest, Geh. Medizinalrat Prof Dr. Naiinyn in Baden-Baden, Prof. Dr. Ortner in
Innsbruck, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Siemerling in Kiel, Prof. Dr. Sternberg in Wien
herausgegeben von
Prof. Dr. J. Schwalbe, Berlin.
gr. 8°. 1909. geb. M. 26.— ; in Halbfrz. geb. M. 28.—
Handbuch der Unfallerkrankungen
einsclilieĂźlicli der Invalidenbegutachtung.
unter Mitwirkuiis von Sanitätsrat Dr. E. Cr.imer. ('otlljus, lir. AV. küliiip, Cottbus,
Gell. Rat Prof. Dr. \. Passow, Berlin iind Ln\ V. Kr. StliniiUI, Cottbus.
Yen Geh. Rat Prof. Dr. C.Thieni.
Zweite (fiinz/ich iim.f/f arbeitete Aiiflaf/e. — Zirei Bande.
Mit 268 Textabbildungen, «r. 8". 1909-1910. geb. I\I. 66.60; in Halbfrz. geb. M. 72.60
WMrni
Ein Lehr- und Handbuch für Militärärzte
des Friedens- und des Beurlaubtenstandes.
Unter Mitwirkung zahlreicher Fachmänner herausgegeben von den Generalärzten
Dr. A. Villaret und Dr. F. Paalzow.
Mit 10 Abbildungen, gr. 8". 1909. geh. M. 26.— ; in Halbfrz. geb. M. 28.—
Verlag von FERDINAND ENKE iu Stuttgart.
In zwanzigster Auflage erschien:
Die
Schönheit des weiblichen Körpers.
Den Müttern, Ärzten nnd Künstlern gewidmet.
Von Dr. C. M. Stmtz.
Mit 270 teils farbigen Abbildungen im Text, 6 Tafeln in Diiplex-Autotypie und 1 Tafel
in Farbendruck.
gr. 8". 1910.
Geheftet M. 15.60; in Leinwand gebunden M. 17.60.
Inhalt:
Einleitung. —
I. Der moderne
Schönheit.sbegriff.
— II. Darstellung
«eib lieber Schön-
heit durch die bil-
dende Kunst. —
III. Weibliche
Schönheit in der
Literatur. — IV.
Proportionslehre
und Kanon. — V.
lĂĽnfluĂź der Ent-
\vicklung und Ver-
erbung auf den
Körper. — VI. Ein-
1 1 aĂź von Geschlecht
und Lebensalter. —
VII. EinfluĂź von
Ernähi'ung und
Lebensweise. —
\TII. EinfluĂź von
Krankheiten auf
die Körpertorm. —
IX. EinfluĂź der
Kleider auf die
ICörperform. — X.
lieurteilung des
Körpers im allge-
meinen. — XI.
Kopf und Hals. —
XII. Rumpf.
Schulter, Brust. Bauch, Rücken, Hüften und Gesäß. — XIII. Obere Gliedmaßen. —
XIV. Untere Gliedmaßen. — XV. Schönheit der Farbe. — XVI. Schönheit der Bewe.gung.
Stellungen des ruhenden Körpers. Stellungen des bewegten Körpers. — XVII. überblicli der
gegebenen Zeichen normaler Körperbildung. — XVIII. Verwertung in der Kunst und Kunst-
kritik, ilodelle. — XIX. Vorschriften zur Erhalttmg und Förderung weiblicher Schönheit.
— Sachverzeichnis. — Namenverzeichnis.
buddeuisctie. SoliĂĽne Naekeuliuien und Diehiingslalte um Hals.
Das Werk hat in der Presse die wärmste Anerkennung gefunden, wie
die umstehend abgedruckte Besprecliung , ausgewählt aus der großen Zahl
vorliegender Kritiken, genĂĽgend dartut. Das Erscheinen von zwanzig
Yerlag von FERDINAND ENKE in Sfuttgait.
Auflagen in zwölf Jahren (die erste Auflage wurde Mitte Oktober 1898
ausgegeben) beweist, wie sehr das Buch die Gunst des Leserkreises, fĂĽr den
es bestimmt ist, im Fluge zu gewinnen verstanden hat. Es kann dasselbe
in seinem geschmackvollen Gewände auch zu Geschenken für Künstler, Kunst-
freunde, Ärzte und Mütter, für welche Kreise es geschrieben ist, wärmstens
empfohlen werden.
=^=^^===^^=^^^ Urteil der Presse. —
Die Pai'Ole langer Jahre war es, daĂź man sich naiv nnd nicht kritisch der Natur gegenĂĽberzustellen
habe. Aber alle Bewegungen auf dem Gebiete der Kunst sind zu vergleichen mit Pendelschwingungen.
Sie schieĂźen ĂĽber das Ziel, die Mitte hinaus, um dann von neuem einer Reaktion zu verfallen, immer in
dem Bestreben, endlich das richtige Ideal zu erreichen. Vor zehn Jahren hätte man ein Buch wie das obige
ĂĽberflĂĽssiger gefunden, als man es heute tut. In der Tat sind solche Themata fĂĽr den KĂĽnstler wichtiger,
als die jĂĽngst verflossene Zeit es meinte. Nicht um ein klassizistisches Programm handelt es sich, sondern
um eine erhöhte Kritik der Natur gegenüber. So gut es besonders schön ausgebildete Individuen gibt,
gibt es auch das Gegenteil davon, und es ist neben der naiven Nachbildung auch ein Ziel des KĂĽnstlers,
diese Formen voneinander unterscheiden zu lernen. Dies kann der moderne KĂĽnstler jedoch allein mit
Hilfe der Wissenschaft. Er kann nicht, wie einst die Griechen, täglich den Anblick von schönen, nackten
Körpern genießen; viel natürliches Gefühl ist uns dadurch verloren gegangen, was wir durch anatomisches
und physiologisches Studium ersetzen mĂĽssen Da kann denn ein ernstes Buch, welches sich auf dieses
Spezialthema des weiblichen Körpers beschränkt, nur willkoniraen sein. Die Kenntnis der zahllosen
Fehler und VerkrĂĽppelungen leichterer und schwerer Art, wie durch Korsett, Schuliwerk einerseits und
gewisse Krankheiten, wie besonders Rhachitis anderseits, ist leider bei KĂĽnstlern sowohl als bei Laien
eine noch viel zu geringe, um stets zu der richtigen Kritik gegenĂĽber dem jeweiligen Modell gefĂĽhrt zu
haben. Von dem Standpunkte aus ist das Buch als vortrefllich zu bezeichnen.
Kunst fĂĽr Alle. T4. Jahrgang. 1899. Heft 20.
Soeben erschien, gänzlicti umgearbeitet und erweitert, die siebente Auflage von:
Die Rassenschönheit des Weibes.
Von
Dr. C. //. Stratz.
Mit 346 Textabbildungen und 1 Tafel,
gr. 8". 1911. geheftet M. 16.-; in Leinwand geb. M. 18.—
Das Internationale Archiv fĂĽr Ethnographie, Band XV, sagt ĂĽber eine vorhergehende Auflage dieses Buches:
In dem vorliegenden Werk hat der durch eine Reihe ähnlicher Arbeiten bekannte Verfasser infolge
der Dezenz, mit der er alle schwierigen Fragen behandelt, nicht allein ein MeisterstĂĽck der Stilbehandlung,
sondern auch ein Buch geliefert, das nicht allein durch jene, welche sich fĂĽr rassenanatomische Fragen
interessieren, sondern auch durch Augehörige weiterer Kreise, ja selbst durch Frauen gelesen zu werden
verdient . . .
Inhalt:
Einleitung. — I. Rassencharakter nnd Rassenschönheit. — II. Das weibliche Rassenideal. — III. Älteste
protomorphe Rassengruppe. 1. Australierinnen. 2. Papua 3. Melanesierinnen, Salomoninseln, Bismarck-
archipel, Adnüralitätsinseln. — IV. Afrikanische Rassengruppe. 1. Die Koikoius. 2. .\kka und Zwergnegc-
rinuen. 3. Die schwarze Hauptrasse, Bantunegerinnen, Sudannegerinnen. 1. Die äthiopische Mischrasse. —
V. Spätere protomorphe Rassengruppe. 1. Amerik.anerinnen. ä. Ozeauerinnen: Sandwichinsulanerinnen,
Samoanerimien , Fr«uiids£haftsinsulanerinnen, Neuseeländerinnen, Tahitierinneu, Fidschiinsulaneriunen, Ka-
rolinen. 3. Malaiinnen: Die Sundaiuseln. — VI. Gelbe Rassengruppe. 1. Eskimos. 2. Die gelbe Haupt"
rasse: Chinesinnen, Japanerinnen. .3. Tataren und Turanier. 4. Indochinesen: Slam, Anara nnd Cochinchina,
Birma. — VII. Weiße Rassengruppe. 1. Wedda. 2. Ainos. 3. Der asiatische Hauptstamm der weißen Rasse. —
VIII. Die drei weißen Rassenzweige. 1. Die afrikanische Rasse: Ägypten, Berberische Stämme. Maurische
Stämme. 2. Die romanische Rasse: Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich, Belgien. 3. Die nordische Rasse:
Niederland, Österreich-Ungarn, Deutschland, Rußland, Dänemark, Skandinavien, Großbritannien, .\merika.
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
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Elegant in Leinwand gebunden 77/. 30.—, hartoniert m. 28.—
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